Archiv für Christiane

Jahresendfragebogen 2021

Auch in diesem Jahr beteilige ich mich an der guten, alten Bloggertradition, einen Jahresendfragebogen auszufüllen. Also, los gehts!

Vorherrschendes Gefühl für 2021?

Läuft.

2021 zum ersten Mal getan?

An einem der größten Bahnprojekten des Landes „mitgebaut“, um Barrierefreiheit und Inklusion von Anfang an zu etablieren. Zuginterieur diskutiert und beraten. Wie kann ein Zug in Zukunft aussehen, damit er inklusiv ist? Wie kombiniert man Barrierefreiheit, Inklusion und „Active Travel“ praktisch und nicht nur auf Papier? Alles sehr interessante Themen und es war richtig klasse, mal zu sehen, wie Millardenprojekte koordiniert und geplant werden und gleichzeitig meine Expertise einbringen zu können. Ich habe viel gelernt und gleichzeitig sehr viel Einfluss gehabt.

2021 leider gar nicht getan?

Wie 2020 immer noch nicht das Land verlassen. Keine Partys, keine Konzerte und genau zwei Restaurantbesuche. Ein Restaurantbesuch im Freien und einer in einem Restaurant mit hohen Decken und Tisch an der Tür.

Wort des Jahres?

Booster.

Getränk des Jahres?

Baileys Latte.

Bestes Essen des Jahres?

Ich bin ja seit der Pandemie von der Lieferdienst-Queen zur „Ich koche alles selbst“-Frau mutiert. Erst aus Angst vor Ansteckung und jetzt weil es mega gut schmeckt. Ingwer-Hack mit Zuckererbsen und Sesamnudeln gehört definitiv zu meinen Lieblingsgerichten dieses Jahr.

Meistkontaktierte Person?

Ich hatte sehr viele Meetings, aber immer mit anderen Personen, was sehr abwechslungsreich war. Und ich habe zu sehr vielen Freunden Kontakt gehabt, was auch schön war.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Mercer, unserem Blindenführhund im Ruhestand. Seit er kein Blindenführhund mehr ist, weicht er kaum von meiner Seite.

Die meiste Zeit verbracht mit?

Ich habe ganz viele Dinge gemacht, die mir Spaß machen. Zudem habe ich sehr nette neue Kunden gewonnen, und habe ansonsten sehr viel mit Freunden geredet, gechattet und ein bisschen politische Strippen gezogen. Ich habe an meinem Stammbaum rumrecherchiert und habe unterdessen 6000 Menschen hinzugefügt.

Und dann habe ich Juli mich spontan für ein mehrmonatiges Programm der Universität Oxford angemeldet. Holla, so ein „Executive Strategy Programme“ ist dann doch ganz schön zeitintensiv, aber es hat sich wirklich gelohnt. Es war eine ganz tolle Erfahrung.

Song des Jahres?

Skinny Lister – This is war

Beeindruckendstes Buch des Jahres?

Definitiv „Vaxxers“ von Sarah Gilbert und Catherine Green, den beiden Erfinderinnen des AstraZeneca-Impfstoffs.
Vaxxers Buchcover
Nicht nur, weil ich zwei Mal mit Oxford AstraZeneca geimpft wurde und ich diesen Frauen gegenüber eine solche Dankbarkeit empfunden habe, noch bevor ich das Buch gelesen hatte. Dann aber zu lesen, was in deren Leben passierte während sie an dem Impfstoff arbeiteten und wie sie das weggesteckt haben, war einfach wirklich beeindruckend.

Erkenntnis des Jahres?

Nichts ist teurer als schlecht geplante Infrastruktur, auch wenn sie noch so billig sind.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

1. Corona
2. Mein Kochtopfdisaster (siehe unten)
3. Die falschen Menschen in den falschen Positionen

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?

Nach diesem Stressjob 2020 erstmal drei Monate nicht zu arbeiten und mir dann nette Projekte zu suchen, für die ich als Beraterin arbeiten möchte und die wirklich Interesse an Barrierefreiheit und Inklusion haben.

Schlimmstes Ereignis?

Ich habe leider geschafft, mir im Dezember einen Topf mit kochendem Wasser über die gesamte rechte Hand (innen und außen) zu kippen. Es war unerträglich schmerzhaft. Leider war das in der Woche als die Bilder mit Warteschlagen von Dutzenden Krankenwagen mit Corona-Patienten, die vor Notaufnahmen warteten, durch die Nachrichten gingen und es war kein Krankenwagen zu bekommen. Aber der NHS war auf Zack und hat einen auf Brandverletzungen spezialisierten Menschen zu mir nach Hause geschickt – halt eben ohne Krankenwagen – der innerhalb von 20 Minuten nach dem Notruf einging, bei mir war, was für London derzeit wirklich mega schnell ist. Die gute Nachricht ist, es ist alles gut verheilt, die Schmerzen sind weg, aber ich habe jetzt ein bisschen eine Phobie vor kochendem Wasser.

Schönstes Ereignis?

Es gab zwei Dinge, über die ich mich sehr gefreut habe: Über die „100%“ für meine Abschlussarbeit in Oxford zu bekommen, mit einem riesigen Lob des Programmleiters. Zudem habe ich (zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen des Kunden) einen Excellence Award für die Umsetzung einer Inklusionsstrategie bekommen.

2021 war mit einem Wort?

Ereignisreich.

Ohne Barrierefreiheit keine Inklusion

Ich bin wütend. Wütend darüber, was seit wirklich viel zu langer Zeit in Deutschland passiert – oder besser gesagt nicht passiert – und heute in der Verabschiedung des Barrierefreiheitsstärkungsgesetz gegipfelt ist. Schon bei dem Namen des Gesetzes hat man den Eindruck, das BMAS ist zwar gut in Scrabble aber nicht sehr gut darin, mal wirklich für Barrierefreiheit und Inklusion in Deutschland zu sorgen.

Scrabble

Photo von Surendran MP / Unsplash

Das Gesetz ist nicht das Papier wert, auf dem es gedruckt wird. Highlight ist die Barrierefreiheit von Geldautomaten bis 2040, aber natürlich nicht baulich, sondern die Software soll barrierefrei sein. Das ist insofern lustig, weil bis 2040 vermutlich kaum noch jemand Geldautomaten braucht und es diese Software seit Jahrzehnten gibt – ausgerechnet made in Germany. Nur den deutschen Banken sind behinderte Kund*innen so egal, dass sie die Software kaum nutzten.

Keine Verbesserungen

Ich bin auch deshalb wütend, weil die EU mir zum x-ten Mal vor Augen führt, dass sie sich eigentlich wenig bis nicht für ihre behinderten Bürger*innen interessieren. Das ist für mich nichts neues, spätestens seit den Brexit-Verhandlungen ist mir klar, dass behinderte EU-Bürger*innen auf hoher See und bei Verhandlungen, bei denen man sich auf die EU-Kommission verlassen muss, in Gottes Hand ist. Die EU möchte also die Barrierefreiheit verbessern, aber mehr so a la „Wasch mich, aber mach mich nicht nass“. Und jedes Land muss nun also das inhaltsschwache Gesetz umsetzen. Und was macht Deutschland? Sie setzen 1:1 um. Es steht nur leider kaum etwas drin, was das Leben behinderter Menschen verbessern würde. Siehe das viel zitierte Beispiel mit den Geldautomaten. Viel konkreter wird man nichts merken von dem Gesetz und genau das ist der Skandal.

Deutschland und die EU hängen im internationalen Vergleich Jahrzehnte hinterher, wenn es um Barrierefreiheit, Teilhabe und Antidiskriminierung behinderter Menschen geht. Die USA haben seit 1990 das ADA, Großbritannien hat den Equality Act, früher den Disability Discrimination Act. Und das auch schon seit 1995. Beide Gesetze verpflichten die Privatwirtschaft umfassend zur Barrierefreiheit. Also ich halte noch einmal fest, die beiden kapitalistischen Länder USA und UK verpflichten die Privatwirtschaft, aber die soziale Marktwirtschaft Deutschland schafft das nicht so, dass sich die Lebenswirklichkeit behinderter Menschen wirklich ändert.

Rollentausch

Aber zurück zur Bundestagsdebatte, die ich mir heute in einem Zustand von Schock, Ungläubigkeit und Amüsiertheit angesehen habe. Da stellen sich die beiden Wirtschaftsamazoninnen der SPD hin und verteidigen ein Gesetz, das angeblich ihr Koalitionspartner CDU so wollte. Aber den Eindruck vermittelten sie gar nicht, dass ihnen das aufgezwungen wurde. Im Gegenteil. Die SPD-Abgeordnete Angelika Glöckner wirkte fast so als hätte sie einen Job in einem Lobbyverband der Bankenwirtschaft schon in der Tasche.

Und dann stellt sich ausgerechnet der Abgeordnete der FDP ans Pult und fordert mehr Barrierefreiheit. Sagt mal SPD, ist Euch das nicht megapeinlich? Das ist fast so als würde die FDP die Grünen an Tempo 100 erinnern und Eure Bankenheldin aus der Pfalz setzt noch einen drauf und versucht die Forderung von behinderten Menschen nach Barrierefreiheit dafür verantwortlich zu machen, dass immer mehr Bankfilialen schließen. Dass das einfach ein überholtes Geschäftsmodell ist, so wie sie überholte Denkweisen hat, wie Inklusion wirklich funktioniert, darauf scheint bei der SPD niemand zu kommen.

Der Abgeordnete der CDU erzählte wieder was von den Barrieren in den Köpfen, die man zuerst abbauen müsse, bevor man Barrierefreiheit in Deutschland verpflichtend macht. Wie lange soll dieser Prozess eigentlich noch dauern und für wie blöd halten die ihre Wähler*innen eigentlich? Selbst die eingefleischtesten CDU-Wähler, die ich kenne (und ich kenne viele, ich bin da genetisch vorbelastet), stellen sich nicht gegen solch eine Gesetzgebung, wenn man ihnen erklärt, zu was das in den USA und in Großbritannien geführt hat.

Keine Inklusion ohne Barrierefreiheit

Ich bin fest davon überzeugt, dass die bessere Beschäftigungsquote behinderter Menschen in Großbritannien im Vergleich zu Deutschland (in UK arbeiten doppelt so viele behinderte Menschen im erwerbsfähigen Alter wie in Deutschland) sehr stark auf das DDA und den Equality Act zurückzuführen ist. Sowohl in den USA als auch in UK war es eine konservative Regierung, die die Gesetze eingeführt haben. Das muss man sich mal klarmachen!

Ich kann nur sagen, mich macht der Zustand Deutschlands – und eigentlich der gesamten EU – wirklich traurig in Bezug auf Barrierefreiheit und Inklusion. Es wird für behinderte Menschen keine Inklusion ohne Barrierefreiheit geben und sie wird ohne Gesetzgebung nicht kommen. Wer Inklusion will, muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Das tut derzeit weder die deutsche Regierung noch die EU.

Jahresendfragebogen 2020

Vorherrschendes Gefühl für 2020?
Das darf doch wohl alles nicht wahr sein.

2020 zum ersten Mal getan?
Für die Bahnindustrie als Managerin gearbeitet, um Barrierefreiheit und die Nicht-Diskriminierung behinderter Kunden durchzusetzen. 60 Stunden in der Woche.

2020 leider gar nicht getan?
Das Land verlassen. Ein Flugzeug betreten. Und das zum ersten Mal in meinem Leben ein ganzes Jahr lang. Aber ich habe eine lange Liste mit Orten und Dingen, die ich machen werde, wenn diese Pandemie vorbei ist.

Wort des Jahres?
Failed Assist – so nennt die britische Bahnindustrie den Umstand, wenn sie behinderte Reisende, vor allem Rollstuhlfahrer, im Zug „vergessen“ und sie dann entweder von anderen Passagieren rausgehoben werden (gefährlich!), sie einfach weiterfahren bis sie an der Endstation jemand findet oder sie am Zielort die Notbremse ziehen, damit sie jemand aus dem Zug holt.

Getränk des Jahres?
Tee – ganz viel davon.

Bestes Essen des Jahres?
Ich kann mit Stolz sagen, wir haben seit März nicht ein einziges Mal den Lieferdienst bemüht. Um ehrlich zu sein, weil es uns nicht Corona-sicher genug war. Und da habe ich eben gekocht, was wirklich nicht zu meinen besonderen Fähigkeiten gehörte. Aber jetzt koche ich wirklich gut.

Meistangerufene Person?
Ich zähle da jetzt mal Anrufe via Microsoft Teams mit und das war mit Abstand ein Accessibility Manager aus meinem Team. Wir arbeiteten seit März von zu Hause aus und so leitete ich das Team eben so.

Die schönste Zeit verbracht mit?
Nix tun. Hörbücher hören. Schlafen.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Teams-Calls, Teams-Calls und Teams-Calls

Song des Jahres?
Guten Tag von „Wir sind Helden“

Beeindruckendstes Buch des Jahres?
Why Women Are Blamed For Everything von Jessica Taylor
Buchcover Why women are blamed for everything

Erkenntnis des Jahres?
Der Mangel an Barrierefreiheit ist keine Frage des Geldes, weder in der Bahnindustrie noch sonst irgendwo. Mit COVID kamen all die Dinge, um die behinderte Menschen seit Jahren oft ohne Erfolg gebeten hatten – von zu Hause arbeiten zu dürfen, an Konferenzen nur virtuell teilnehmen zu können, zu chatten statt immer nur übers Telefon zu kommunizieren etc.

Und zusätzlich bekam ich Einblicke in eine Branche, die erstaunlich viel Geld hat und seit COVID täglich Millionen an Finanzspritzen bekommt, was okay ist, die Menschen müssen ja zur Arbeit kommen, aber was eben auch zeigt, dass für den Umbau von Bahnhöfen (und viele andere Projekte) durchaus Geld da gewesen wäre, wenn man es hätte ausgeben wollen.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
Auf viel zu viel Stress
Corona
Die Magen-Darm-Grippe im Dezember (immer noch besser als Corona)

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?
Diesen verrückten Job nach einem Jahr wieder aufzugeben.

Schlimmstes Ereignis?
Der Tod von Belly Mujinga und von innen zu sehen wie ein Konzern damit umgeht.

Schönstes Ereignis?
Ich habe trotz alledem wirklich viel gelacht dieses Jahr, vor allem mit meinem Team, die jeden Tag voll und ganz hinter mir standen und bei dem irren Tempo, das ihre Chefin (ich) an den Tag gelegt hat, um Änderungen durchzudrücken, immer mitgezogen haben.

Wir haben durchgesetzt, dass alle „Failed Assists“ wie Unfälle untersucht und behandelt werden. 41 Stationen bekommen mobile Teams, die Rampen anlegen, wenn die Stationen eigentlich kein Personal haben. Das ist besonders in ländlichen Regionen wichtig, wo es wenige barrierefreie Taxis gibt, auf die Kunden sonst ein Anrecht haben. Aber das Anrecht nutzt wenig, wenn es die Taxis nicht gibt.

3000 Stationsmitarbeiter bekommen Disability Equality Training bis Juli 2021, alle geschult von behinderten Trainerinnen. Ich habe Blindenleitsysteme durchgesetzt, barrierefreie Toiletten einbauen lassen, Informationen zur Barrierefreiheit überprüfen lassen, Hunderte neue Rampen bestellt, eine Sprache-zu-Text-App auf allen Diensthandys verfügbar gemacht, Schulungsvideos mit behinderten Kunden produziert und 1000 andere Dinge gemacht und erstritten.

Und dann haben mein Kollege und ich uns (vor Corona), an einem Nachmittag als wir in Nord-London waren, auf unsere eigenen Stationsinformationen verlassen und fuhren zu einer Station, die als voll barrierefrei gekennzeichnet war.

Da standen der Accessibility Manager und seine rollstuhlfahrende Managerin im strömenden Regen vor einer viel zu steilen Rampe, die auch noch rutschig im Regen wurde und wären beide fast abgestürzt bei dem Versuch, den Bahnsteig zu erreichen – wenn nicht durch die baulichen Begebenheiten, dann wegen des Lachkrampfs, den wir beide hatten – ausgelöst durch diese absolut absurde Situation, in die wir uns beide gebracht hatten. Als wir endlich oben waren, stellten wir fest, dass die Station nicht einmal Zugrampen hatte, wir konnten also nicht einmal in den Zug einsteigen, weil der Bahnsteig zu schmal war, und so mussten wir ein Taxi nehmen. Dieser Nachmittag war filmreif und einfach so typisch für all die Probleme, die die Branche mit Barrierefreiheit hat.

Es war ein extrem intensives Jahr, nix war einfach, diese Branche dreht sich langsamer als jeder Öltanker. Es ging alles nur mit Humor, sonst hätte ich schon im Februar auf der Rampe im Regen das Handtuch geworfen.

2020 war mit einem Wort?
Off-track

Jahresendfragebogen 2018

Vorherrschendes Gefühl für 2018?

WTF

2018 zum ersten Mal getan?

„Airside“ an Flughäfen aufgehalten ohne zu fliegen.

Mit einem ehemaligen IRA-Mitglied gesprochen und mich überhaupt sehr viel mit dem Nordirland-Konflikt auseinandergesetzt.

2018 leider gar nicht getan?

Auf einem Konzert gewesen.

Wort des Jahres?

Brexit. Wie im letzten Jahr auch. Es bestimmt einfach alles derzeit in Großbritannien, beruflich und privat.

Getränk des Jahres?
Iced Latte.

Bestes Essen des Jahres?
Ich habe dieses Jahr angefangen, richtig zu kochen und bin selbst überrascht, wie gut das oft schmeckt und dass ich das kann.

Meistangerufene Person?
Ich bin dieses Jahr wirklich oft angerufen worden oder habe zurückgerufen. Es ging fast immer um Flughäfen.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Artur und Mercer. Außerdem mit vielen netten Menschen in Berlin.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Lesen und Podcasts hören, schreiben, reden und beraten. Sehr viel Zeit auf Flughäfen verbracht ohne zu fliegen.

Ich habe 2018 41 Bücher gelesen. Das sind ein paar weniger als im letzten Jahr, weil ich ein bisschen auf die Bremse treten wollte, was ich auch getan habe.

Song des Jahres?

I’ll tell me Ma (Belle of Belfast City)

Beeindruckendstes Buch des Jahres?

Rise: Life Lessons in Speaking Out, Standing Tall & Leading the Way von Gina Miller, die ich ganz großartig finde und vor der ich einen mega Respekt habe. Ein Vorbild für mich und das sage ich wirklich selten.

Erkenntnis des Jahres?
Es kochen mal wieder alle nur mit Wasser, aber man muss öfter sogar den Wasserkocher selbst anmachen, wenn man Tee haben möchte. Macht sonst manchmal keiner.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?

Ganz weit vorne: Eine Thrombose im linken Bein – aber mal wieder super vom NHS betreut worden.

Ein Autounfall, bei dem ich fast von einem LKW zerquetscht worden wäre, aber mir nichts passiert ist.

Auf das diskriminierende Verhalten der portugiesischen Fluggesellschaft TAP, die mir auf dem Weg zum Eurovision Songcontest ausrichten ließ, dass sie „Menschen wie mich“ nicht mitnehmen. Beschwerde bei zwei nationalen Luftfahrtbehörden und der EU-Kommission läuft noch.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?
Einen gut dotierten Job nicht anzunehmen, weil er mich mundtot gemacht hätte.

Schlimmstes Ereignis?
Ein schwerer Autounfall, der mich das Leben hätte kosten können, aber aus dem ich völlig unverletzt rauskam. Ein großer LKW ist in mein geparktes Auto gefahren – in meine Fahrertür als ich noch drin saß.

Schönstes Ereignis?

Der Irland-Nordirland-Schottland-Urlaub.

2018 war mit einem Wort?

Anstrengend.

Brexitland

Weil ich immer noch nicht genug davon habe, über den Brexit zu reden und zu schreiben, habe ich mit Charlotte Spencer-Smith, die Britin ist und in Österreich lebt, einen Podcast über den Brexit gestartet. Er heißt Brexitland und wir unterhalten uns darüber, wie der Brexit uns persönlich betrifft, kommentieren die Verhandlungen und die politischen Ereignisse um den Brexit. Das Ganze tun wir auf Deutsch. Die erste Episode haben wir gerade veröffentlicht. Es gibt den Podcast bei Soundcloud, Anchor, iTunes, Android und in jeder guten Podcast-App. So alle drei bis vier Wochen werden wir eine neue Folge veröffentlichen.

 

Jahresendfragebogen 2017

Vorherrschendes Gefühl für 2017?

Läuft.

2017 zum ersten Mal getan?

Bei Anhörungen gesprochen. Im Londoner Rathaus. Im EU-Parlament. Im House of Lords. War wichtig und bleibt es auch 2018, wenn behinderte Menschen und pflegende Angehörige nicht zum Brexit-Opfer werden sollen.
Eine Organisation gegründet. Aus dem gleichen Grund.
Eine neue zusätzliche Staatsangehörigkeit beantragt und bekommen.

2017 leider gar nicht getan?
Party. War irgendwie keine Gelegenheit und nicht so die richtige Zeit.

Wort des Jahres?

Brexit. Ich habe mich eigentlich weder beruflich noch privat mit kaum etwas anderem befasst.

Getränk des Jahres?
Baileys Pumpkin Spice.

Bestes Essen des Jahres?
Muscheln in Weißweinsoße in Brüssel und Pizza in Chelsea.

Meistangerufene Person?
Ich telefoniere echt kaum noch. Viel gewhatsapped und gefacebookmessaged mit gefühlt der halben Welt.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Artur und Mercer.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Lesen und Podcasts hören, schreiben und reden.

Song des Jahres?

Liar liar von Captain Ska

Beeindruckendstes Buch des Jahres?

WTF von Robert Peston, der den Brexit korrekt und gut analysiert.

Erkenntnis des Jahres?
Wenn sich die etablierten Organisationen mal wieder nicht kümmern, kümmer Dich selbst. Geht schneller, ist effizienter und läuft.

Drei Dinge auf die ich gut hätte verzichten können?

Eine Magenspiegelung und die Wochen mit Magenschmerzen davor.
Eine mehrere Wochen lange Grippe zum Jahresende, gegen die ich immer noch ankämpfe.
Die Operation unseres Hundes.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?

Von einem normalen Hausarzt zu einem virtuellen Hausarzt zu wechseln. Early adopter eben.

Schlimmstes Ereignis?
Die Terroranschläge in London, fast immer an Orten, an denen ich mich ständig aufhalte. Dennoch finde ich es absolut richtig, dass London jedes Mal wieder sofort zur Tagesordnung übergeht.

Schönstes Ereignis?

Dass mir so viele Menschen zugehört haben. Es wäre jetzt noch schöner, wenn das zum Handeln führen könnte.

2017 war mit einem Wort?

Ereignisreich.

Finally British

Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Nach 11 Jahren in Großbritannien bin ich nun endlich Britin und somit Besitzerin eines britischen Passes. Ob mir die Entscheidung leicht gefallen ist, werde ich gerade recht oft gefragt. Ja total, denn ich darf ja meinen deutschen Pass behalten, bin also weiterhin EU-Bürgerin und bekomme den britischen Pass noch dazu.

Pass

Die Entscheidung, die britische Staatsangehörigkeit zu beantragen war für mich in erster Linie politisch motiviert. Ich bin noch immer empört darüber, dass EU-Bürger beim Brexit-Referendum 2016 nicht mitabstimmen durften. Wir dürfen auch bei Parlamentswahlen nicht wählen, dementsprechend gering ist der Einfluss von EU-Bürgern in Westminster (Ausnahme sind Bürger der Länder Irland, Malta und Zypern), obwohl immerhin 3,5 Millionen EU-Bürger in Großbritannien leben.

Natürlich war ich nach dem Brexit erst einmal sauer. Verletzt. Und ich habe mich bis jetzt nicht an die EU-Bürgerfeindliche Rhetorik der britischen Medien gewöhnt. Allerdings habe ich bis zum heutigen Tag in UK noch nicht ein einziges Mal wirklich Diskriminierung aufgrund meiner Herkunft erfahren. Nicht einmal beim Fußball, wenn England gegen Deutschland spielt. Das heißt aber nicht, dass es anderen Europäern nicht passiert. Gerade viele Osteuropäer sind Diskriminierungen ausgesetzt und die Zahlen an Hasskriminalität sind explodiert nach dem Referendum.

Aktionismus statt beleidigte Leberwurst

Nach etwa vier Monaten nach dem Referendum wich mein Gefühl, einfach nur beleidigt zu sein, dem Aktionismus. Ich wollte nicht tatenlos zusehen, wie eine Gruppe von Bürgern, zu der ich absurderweise gehöre, so zum Sündenbock gemacht wird. Ich fand eine Gruppe auf Facebook, die sich gerade gegründet hatte, in der Anwälte kostenlos Rechtsberatung für EU-Bürger anbieten, die eine Aufenthaltsgenehmigung oder Staatsangehörigkeit beantragen wollen. Die Idee dahinter: Natürlich den Menschen in Zeiten des Brexit Sicherheit zu geben, aber auch sie zu Wählern zu machen. Der Gedanke gefiel mir und ich beschloss, selbst Wählerin zu werden. Dafür brauchte ich einen britischen Pass.

Mir war meine Staatsangehörigkeit nie sonderlich wichtig. Sie ist in erster Linie bequem und ich habe Glück mit meinem deutschen Pass. Aber ich habe nichts dafür getan, diesen zu bekommen. Bei Menschen, die betonen, dass sie stolz auf ihre Staatsangehörigkeit sind, frage ich mich immer, ob sie sonst noch nie etwas im Leben geleistet haben, wenn sie auf etwas stolz sind, für das sie genau nichts getan haben. Insofern habe ich nie den Gedanken gehabt, mit einem britischen Pass meine deutsche Staatsangehörigkeit zu entwerten oder sowas. Ein Pass ist für mich in erster Linie ein Reisedokument.

Wie Asterix in Rom

Mit dem britischen Pass ist das aber ein bisschen anders. Dafür habe ich wirklich viel geleistet. Es hat mich Monate gekostet, Papiere zusammenzutragen für die Aufenthaltsgenehmigung. Ohne Aufenthaltsgenehmigung, keine Staatsangehörigkeit. Ich musste zu einem Englischtest, weit unter meinem Niveau, der 10 Minuten dauerte, aber sage und schreibe umgerechnet rund 180 Euro kostete. Ich musste einen „Life in the UK“-Test bestehen. Mehr als 1000 Antworten auswendig lernen. 90 Prozent der Fragen haben mit dem alltäglichen Leben in Großbritannien nichts zu tun.

Am Ende muss man dann den Antrag auch noch korrekt stellen, muss seine biometrischen Daten abgeben und wenn man akzeptiert wurde, eine Zeremonie besuchen und einen Eid ableisten. Aber ich war so motiviert, endlich wählen zu dürfen, ich bin wirklich über jede Barriere gesprungen, die sich mir in den Weg gestellt hat. Das Englischtestcentre zum Beispiel, die sofort meinen Testtermin stornierten als sie hörten, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Oder die Tatsache, dass es keinerlei Informationen über das „Life in the UK“-Testcentre gab und ich einfach vorher hinfahren musste, um zu überprüfen, dass es barrierefrei ist. Ich kam mir vor als sei ich die erste Rollstuhlfahrerin, die in diesem Land britische Staatsangehörigkeit beantragt.

Text für den Eid

Ausdauer und Geld

Und neben Ausdauer braucht man natürlich auch Geld. Alles in allem hat mich der ganze Vorgang rund 2000 Pfund gekostet. War es das wert? Auf alle Fälle! Ich bin jetzt nicht mehr von launischen Verhandlungsrunden in Brüssel abhängig. Ich bin kein Faustpfand mehr in unsäglichen Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien. Ich kann das Land auch verlassen so oft und so lange ich will und bin nicht mehr an Aufenthaltsregeln gebunden oder an die maximale Dauer von Auslandsaufenthalten bevor man seinen Status wieder verliert. Ich könnte jetzt also auch einfach gehen und in zehn Jahren wiederkommen. Wenn der Brexit kommt, wäre das so einfach nicht mehr möglich.

Außerdem habe ich einen großen Spaß daran, jedem im politischen London aufs Brot zu schmieren, dass ich jetzt wählen darf, sollte es zu einem zweiten Referendum oder gar Neuwahlen kommen und viele Tausende Neueingebürgerte aus der EU ebenfalls.

Ich hoffe, dass noch viele Tausende EU-Bürger sich ebenfalls dazu entschließen, britische Staatsangehörige zu werden. Allein der Gedanke, dass man eine Gruppe an Menschen loswerden will und die stattdessen künftig mitbestimmen dürfen, erfüllt mich mit großer Genugtuung. Die Facebookgruppe, mit der alles anfing und die ich unterdessen mitadministriere, hat seit ihrer Gründung mehr als 1000 Menschen zur Aufenthaltsgenehmigung und / oder zur Staatsangehörigkeit verholfen.

Der Pass wird niemanden vor Diskriminierung auf der Straße schützen, aber er ist ein Pass zu mehr Rechten. Rechte, die ich mir vielleicht nie gesichert hätte, wenn man nicht damit gedroht hätte, bereits vorhandene Rechte zu beschneiden.

Hallo Motel One, wir müssen reden

Ich mag Euch ja eigentlich. Euer Grünblau, Euren Einrichtungsstil und ich gehöre eigentlich voll zu Eurer Zielgruppe. Ich reise viel und in unterschiedliche Städte, ich buche per App und maile Euch ratzfatz vorher an, dass ich ein barrierefreies Zimmer brauche, was Ihr (und da mal ein Lob!) auch immer hingekriegt habt bislang, auch wenn mir eigentlich lieber wäre, wenn ich das barrierefreie Zimmer gleich in der App buchen könnte. Aber ich glaube, unsere Wege trennen sich jetzt in Zukunft. Ich mag nicht mehr, ich fühle mich bei Euch nicht wirklich willkommen.

Es gibt kaum eine Floskel, die ich öfter höre als „Aber bei Neubauten wird ja sowieso auf Barrierefreiheit geachtet“. Möchte man das Gegenteil beweisen, muss man die Menschen einfach in so manche Eurer Hotels schicken. Das ist jetzt das dritte Hotel Eures Unternehmens in dem ich war, für das ich Euch weder eine Baugenehmigung noch eine Betriebsgenehmigung erteilt hätte, wenn ich irgendwas mitzureden hätte, weil es nicht die Mindeststandards an Barrierefreiheit einhält, wie sie eigentlich in Europa unterdessen üblich sind und wie ich sie als Gast erwarte. Nun kann man bauliche Mängel oft mit gutem Personal ausgleichen, aber ich kann Euch ja mal erzählen, wie meine Anreise verlief:

Neubau mit Stufen

Ich kam am Nachmittag in Eurem Hotel in Brüssel an. Das Hotel ist laut diverser Reisewebseiten Baujahr 2014. Das zähle ich noch unter die Kategorie „Neubau“. Zu meinem großen Erstaunen stand ich dann am Haupteingang vor etwa fünf Stufen. Er gab weder ein Schild noch eine Klingel, um Hilfe anzufordern. Eine gastfreundliche Anreise geht anders.

Ich schickte also einen wildfremden Passanten an die Rezeption. Er kam zurück und sagte mir, es gebe einen anderen Eingang. Ja, das muss ja so sein, wenn Ihr barrierefreie Zimmer verkauft, wird es wohl auch irgendwo einen barrierefreien Eingang geben. Nur wo? Der Passant und ich fanden den Eingang trotz einer gewissen Pfadfinderbegabung meinerseits nicht. Also schickte ich ihn wieder hinein und bat ihn, der Rezeption eindringlich zu sagen, sie sollen gefälligst rauskommen und mit mir reden. Ich hatte noch keinen einzigen Mitarbeiter von Euch getroffen, hatte aber schon extrem das Gefühl, nicht gerade freundlich behandelt zu werden. Es kam dann aber tatsächlich jemand.

Der Mitarbeiter sagte mir, der barrierefreie Eingang sei der Zugang zum Parkhaus. Ernsthaft, Motel One? Das findet Ihr okay? Bei einem neugebauten Hotel? Um den Fahrstuhl des Parkhauses nutzen zu können, brauchte ich allerdings eine Schlüsselkarte, die mir ausgehändigt wurde. Ich wäre also sowieso nicht alleine ins Hotel gekommen. Die Rezeption war übrigens zu diesem Zeitpunkt mit vier Mitarbeitern besetzt. Ich war der einzige Gast, der anreiste. Sie waren also keinesfalls zu beschäftigt, um mal nach der Rollstuhlfahrerin draußen zu schauen. Zudem fiel mir auf, dass mich die Mitarbeiter von der Rezeption aus vor der Tür hätten sehen müssen. Klebt Ihr Eure Mitarbeiter hinter dem Tresen fest oder warum kommt niemand, wenn sie sehen, dass da eine Rollstuhlfahrerin vor der Tür steht, die nicht rein kommt?

Rampe ins Nirgendwo

Der Mitarbeiter sagte mir auch, es gebe einen barrierefreien Hintereingang. Nachdem ich meinen Koffer aufs Zimmer gebracht hatte (zum Zimmer komme ich gleich), wollte ich den barrierefreien Hintereingang nutzen, auf den mich der Mitarbeiter verwiesen hatte. Wenn man allerdings die Rampe des Eingangs als Sammelstelle für Müllcontainer des Hotels nutzt, ist auch der barrierefreie Hintereingang nicht mehr barrierefrei. Also rief ich die Rezeption an, damit jemand die Rampe freiräumt. Es ging nur leider niemand ans Telefon. Also fuhr ich den ganzen Weg zurück zur Rezeption und machte auf mein Problem aufmerksam. Die Müllcontainer wurden dann auch gleich beseitigt. Aber als ich am unteren Ende der Rampe angekommen war, bemerkte ich, wo diese Rampe endete: Auf einer extrem steilen Straße mit Kopfsteinpflaster, die mit dem Rollstuhl de facto unbefahrbar war und auch nicht wirklich irgendwo hinführte, wo man als Hotelgast hin möchte. Euer barrierefreier Eingang landet quasi im Nirgendwo für mich.

Also entschloss ich mich, als ich später wieder ins Hotel zurückkam, doch wieder den Parkhauseingang zu benutzen. Ich hatte extra die Schlüsselkarte dafür mitgenommen. Aber als ich die Schlüsselkarte in den Leser schieben wollte, bemerkte ich, dass der eigentlich viel zu hoch angebracht ist. Ich schätze bei etwa 1,50 Meter und man muss ihn von oben einschieben. Ich habe aber Gott sei Dank lange Arme und kann mich gut aufsetzen (nicht stehen!) und habe es geschafft, die Karte in den Kartenleser zu bekommen. Ernsthaft, Motel One, hat sich überhaupt irgendjemand mal Gedanken gemacht, wie Rollstuhlfahrer in dieses Hotel kommen sollen? De facto habt Ihr keinen einzigen barrierefreien Eingang, der diese Bezeichnung verdient.

Geräumiges Zimmer am Ende des Hotelflurs

Nun zu meinem Zimmer: Das Positive vorweg. Es ist geräumig und ich kann das Bett von beiden Seiten anfahren. Das ist längst nicht in allen Euren Hotels so. Ich war schon in „barrierefreien“ Zimmern von Euch untergebracht, in denen ich fast die Hälfte des Zimmers nicht nutzen konnte, weil ich nicht zwischen das Fußende des Bettes und die Wand passte (bei einem Rollstuhl mit einer Breite von 63cm!). Das immerhin ist in Brüssel besser.

Aber was bitte hat Euch geritten, die barrierefreien Zimmer an den Ende eines richtig langen Flurs zu legen? Es sind die Zimmer, die am weitesten weg vom Fahrstuhl sind. Hat Euer Architekt eine sadistische Ader oder warum müssen gehbehinderte Gäste so weit laufen? Es sind ja nicht nur Rollstuhlfahrer, die die barrierefreien Zimmer buchen. Und auch ich bin dankbar, wenn ich meinen Koffer nicht 50 Meter über einen dicken Teppich zum Zimmer ziehen muss, auf dem der Rollstuhl alleine schon schlecht rollt.

Dann das Bad. Es ist mir schleierhaft, warum die Toilette so niedrig angebracht ist. Auch dafür gibt es Standards bei barrierefreien Bädern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der in Belgien auf dieser Höhe ist. Für Menschen, die sich schwer tun aufzustehen, ist die Toilette die Hölle. Es war mir fast nicht möglich von der Toilette zurück in meinen Rollstuhl zu kommen. Die Toilette ist um einiges niedriger als mein Rollstuhl. Da hätten die Griffe vielleicht geholfen. Aber Gott sei Dank habe ich gleich bemerkt, dass Stabilität nicht die Eigenschaft ist, die ich dem Klappgriff als erstes zusprechen würde, den Ihr da angebracht habt, und ich hielt es für weise, diesen besser nicht zu nutzen. Zudem hängt er zu hoch, nämlich passend für die Höhe, auf der die Toilette vermutlich eigentlich hätte sein sollen.

Und dann hätte ich noch eine Frage zur Dusche: Wie habt Ihr Euch gedacht, dass Rollstuhlfahrer duschen? Stehend? Oder warum gibt es keinen Duschstuhl und die Duschelemente sind auf der Höhe für Stehende angebracht? Wenn ich mit meinem eigenen Rollstuhl unter die Dusche fahre, ist das nicht wirklich gut für den Rollstuhl. Außerdem wird die Sitzbespannung nass und da sitze ich ja den ganzen Tag drauf. Deshalb gehören Duschstühle eigentlich zur Standardausstattung eines barrierefreien Zimmers.

Also ein erholsamer Hotelaufenthalt sieht für mich definitiv anders aus. Ich blieb Gott sei Dank nur eine Nacht. Deshalb hätte ich auch sowieso keine Zeit gehabt, den schön angelegten Innenhofbereich zu nutzen. Ist auch besser so, denn sonst hätte ich mich vielleicht geärgert, dass ich da gar nicht hinkomme. Zum Innenhof führen nämlich nur Stufen.

Das geht auch anders

Versteht Ihr jetzt, warum ich mich in Eurem neugebauten Hotel überhaupt nicht willkommen fühle? Behinderte Menschen sind treue Kunden. Darüber gibt es Studien. Sie gehören zu einer der treusten Kundengruppen, die man als Hotel finden kann, wenn man sie gastfreundlich behandelt und barrierefrei baut. Ich bin da ein super Beispiel. Ich habe gerade alle meine Berlin-Aufenthalte für die nächsten neun Monate, bei denen ich die Daten bereits kenne, durchgebucht. Immer im gleichen Hotel. Immer im gleichen Zimmer. Dabei bin ich eigentlich wirklich jemand, die Abwechslung liebt, aber eben auch problemlose Hotelaufenthalte. Es wird Euch jetzt nicht überraschen, dass es kein Hotel von Euch ist. Es ist ein liebevoll eingerichtetes barrierefreies Zimmer Eurer direkten Konkurrenz, in dem einfach alles passt, ich über den Haupteingang ins Hotel komme, die gesamte Fläche des Zimmers erreichen kann, es einen Duschstuhl gibt und der Weg von Fahrstuhl zum Zimmer nicht länger als 10 Meter ist.

Stillstand bedeutet Rückschritt zitiert Euer CEO im Editorial der aktuellen Ausgabe Eures Hotelmagazins Erich Kästner. In diesem Sinne, Ihr habt noch viel zu tun, um beim Thema Barrierefreiheit in Bewegung zu kommen.

Wer den Pfennig nicht ehrt…

Ich hatte beim Ausmisten eine Tupperdose mit Kleingeld gefunden. Viel Kleingeld. Das einzige Problem war, es handelte sich um D-Mark. Ja, ich weiß auch nicht, wie diese Dose diverse Umzüge in den vergangenen 17 Jahren ungesehen überstehen konnte, aber jetzt war sie nun einmal da und man schmeißt ja schließlich kein Geld weg. Wer den Pfennig nicht ehrt und so.

Es handelte sich um rund 100 Mark, 50 Euro also. Eine kurze Recherche bei Google ergab, man kann tatsächlich noch D-Mark in Euro umtauschen. Am einfachsten geht das persönlich, in Deutschland, bei der Bundesbank. Da ich vergangene Woche für 5 Tage in Berlin war, um bei der re:publica zu sein, dachte ich mir, ich könne eine Stunde opfern, um mir bei der Bundesbank schnell meine 50 Euro abzuholen.

Praktischerweise liegt die Bundesbank an der gleichen U-Bahnlinie wie die re:publica, nämlich an der U2. Unpraktischerweise gibt es keine barrierefreie U-Bahnstation dort, also nahm ich die nächstgelegene barrierefreie Station und rollte dann etwa 1km bis zur Bundesbank. Anstatt die U-Bahn zu benutzen, ist es am besten, ein unu über die Stadt zu fahren, weil es wirklich schnell ist und man kann einfach durch Autos fahren.

Münzsammler

Vor dem Gebäude standen lange Schlangen. „Die können unmöglich alle Tupperdosen mit D-Mark gefunden haben“, dachte ich bei mir und ging einfach an der Schlange vorbei. Später verstand ich, es waren Münzsammler. Münzsammler sind ein Volk, mit dem ich den vergangenen 40 Jahren meiner Lebenszeit noch nie etwas zu tun hatte, aber das sollte sich nun ändern. Ich ging zu einem Sicherheitsmenschen und sagte ihm, ich wolle D-Mark tauschen. Er zeigte auf eine Tür, sagte ich solle den Lift nach oben nehmen. Oben angekommen gab es noch mehr Mitglieder des Volkes der Münzsammler, die sich in zwei Reihen aufspalteten. Nur wo ich hin musste, war mir nicht klar. Ich wollte ja keine Münzen kaufen.

Der Sicherheitsmensch von unten kam über die Treppe zu mir und brachte mich durch die beiden Schlangen zu seinem Kollegen. Ob er sich bitte weiter um mich kümmern könne. Er konnte. Welche Münzen ich den kaufen wolle, fragte er. Noch bevor ich überhaupt antworten konnte, mischte sich ein älterer Herr ein. Es ginge nicht, dass ich bevorzugt behandelt werde. Ich solle mich gefälligst hinten anstellen. „Da sind doch Stufen“, verteidigte mich der Sicherheitsmann. „Wie sollen wir das denn sonst machen?“. Ich unterbrach den Streit: „Ich möchte keine Münzen kaufen. Ich möchte D-Mark eintauschen“, sagte ich. „Achso“, sagte der Sicherheitsmann. Da käme ich aber auch nicht hin. Der Teil des Gebäudes sei nicht barrierefrei. Genauso wie die Münzausgabestelle sei hier nichts barrierefrei. Da stand ich nun mit meinen D-Mark. 15 Jahre nach Inkrafttreten des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes, das Bundesgebäude zur Barrierefreiheit verpflichtet, war der Bereich für den Publikumsverkehr der Bundesbank immer noch nicht barrierefrei. Mehr Bundesgebäude als die Bundesbank kann ein Gebäude doch gar nicht sein, dachte ich, aber ich weiß auch, in Deutschland wird im Bestand so gut wie nicht umgebaut. Ich solle warten, sagte man mir. Und so wartete ich zwischen den Münzsammlern darauf, dass jemand mein Geldproblem löste.

D-Mark

Während ich wartete, fiel mir ein, wie absurd das alles ist. Der Finanzminister Deutschlands käme in seinem eigenen Land nicht einmal in der Bundesbank klar. Müsste sich vermutlich noch anpöbeln lassen, dass er sich vordrängeln will. Nach einiger Zeit erschien eine sehr freundliche und hilfsbereite Frau. Sie fragte nach meinen D-Mark und ich sagte ihr, ich habe eine Tupperdose voll mit Geld, die ich gerne tauschen würde. Sie sagte, sie würde das für mich erledigen. Und so übergab ich in diesem Gedränge einer Frau, der ich vertrauen musste, dass sie da arbeitet, in dem Gedränge meine 100 D-Mark. Nach einer ganzen Weile kam sie wieder, überreichte mir meine Tupperdose. Darin 50 Euro. Mission erfüllt. Nur zum Aufzug musste ich mich jetzt noch durchkämpfen. Die Münzsammler sind kein Volk, das sich einfach bewegen lässt, aber die nette Bundesbank-Mitarbeiterin bahnte mir den Weg.

Das sind so Situationen, wo ich merke, dass ich einen „Reversen Kulturschock“ bekäme, sollte ich jemals wieder nach Deutschland ziehen. Natürlich ist die „Bank of England“ barrierefrei. Das Gebäude ist uralt. Das der Bundesbank übrigens nicht. Mir fehlt da unterdessen jegliches Verständnis, wie man solch ein Gebäude, das umzubauen ginge, nicht einfach umbaut. Am Geld kann es bei der Bundesbank ja kaum liegen.

#TeamWallraff – Was sich ändern muss

Wie sie sich jetzt alle zu Wort melden, die ganzen Heilerziehungspfleger, Heimbetreuer und Pfleger, die ihre Reputation gefährdet sehen: Bei ihnen sei ja alles prima bei der Lebenshilfe. Ja ne, ist klar. Nur nichts verändern! War doch so schön kuschelig die ganzen letzten Jahre.

Und wenn man dann hinter die Fassade schaut und mal ohne Betriebsblindheit in einer Einrichtung sitzt, wird es einem dann doch oft ganz anders. Und dabei muss es gar nicht um eindeutige Misshandlungen gehen, wie am Montag das Team Wallraff auf RTL aufdeckte, sondern einfach um Machtstrukturen zwischen Betreuern und behinderten Bewohnern und Werkstattarbeitern. Das Problem in solchen Einrichtungen ist das ständige Unterbinden von Selbstbestimmung, auch in Bereichen, in denen die behinderten Bewohner / Werkstattarbeiter eigentlich noch selbst bestimmen könnten, wenn man sie denn ließe.

Das konnte man auch sehr schön in dem Film sehen. Nicht einmal die Anzahl der Brote, die er essen wollte, durfte ein Bewohner selbst festlegen und auch Raul Krauthausen musste sich beim Heimexperiment ganz schön umstellen, als er nicht einmal alleine den Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen durfte.

Ich versuche eigentlich, Vorurteile zu vermeiden, aber ich gebe ehrlich zu, bei Mitarbeitern aus Institutionen, Behindertenwerkstätten und Heimen fällt mir das seit Jahren immer schwerer. Die Frage, die ich mir immer stelle, wenn sich jemand als solcher vorstellt ist, warum arbeitet jemand dort? Warum dort und nicht bei einer Organisation, die Selbstbestimmung fördert? In einer kleinen Wohngruppe zum Beispiel oder im Bereich persönlicher Assistenz, in dem behinderte Menschen selbst bestimmen, was sie wann tun. Warum nicht in einem Integrationsunternehmen? Warum müssen es solche engen Strukturen sein, die nicht erst seit Montag kritisiert werden?

Ihr seid nicht die Opfer

Was mich in den vergangen Tagen am meisten aufgeregt hat, ist die Reaktion der Lebenshilfe. Aber auch das passt prima ins Bild. Die Lebenshilfe tut jetzt so als sei sie selbst das Opfer. Liebe Lebenshilfe, das seid ihr nicht und jeder, der Euch das abnimmt und in diese Kerbe schlägt, verhöhnt die eigentlichen Opfer dieser traurigen Geschichte, nämlich die behinderten Bewohner.

In Wahrheit hat man da jahrzehntelang gut Geld verdient – der Begriff Wohlfahrtsindustrie trifft es schon ganz gut – und jetzt kommt da so ein Nestbeschmutzer, der was von Menschenrechten erzählt, sich Experten ins Boot holt, die Heimaufsichten vorführt und am Soziallack kratzt, weil behinderte Schutzbefohlene rumgeschupst und misshandelt werden und Verträge mit der Arbeitsagentur offensichtlich nicht so genau genommen werden.

Angriff ist die beste Verteidigung

Und was macht die Lebenshilfe? Sie geht zum Gegenangriff über. Angriff ist die beste Verteidigung, nicht wahr? Sie empört sich darüber, dass die Journalisten nicht nach den ersten Misshandlungen ihre Maske fallen ließen und die Lebenshilfe informiert haben. Völlig unterschlagen wird dann auch noch, dass die Journalistin sehr wohl den Vater der misshandelten Frau angerufen hat, es ein Gespräch mit der Familie gab, von dessen Inhalt der Geschäftsführer aber nichts gewusst haben will, berichtet die Rheinische Post.

Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde, dass da Misshandlungen im Raum stehen, aber Inhalte solcher Gespräche nicht einmal bei der Geschäftsführung ankommen – stimmt da etwa was mit den Strukturen nicht? – oder diese jetzt so tut als habe sie nichts gewusst, damit der Gegenangriff glaubwürdiger aussieht. Egal wie man es dreht oder wendet, die Schuldigen sitzen nicht in der Wallraff-Redaktion, sondern im Vorstand und der Geschäftsführung der Lebenshilfe, weil sie offensichtlich völlig die Kontrolle über ihre Institutionen verloren haben.

Der Film wollte Systematiken und Strukturen aufdecken und das ist ihm auch gelungen. Gerade weil man eben nicht nach dem ersten Fall aufgegeben hat, sondern weiterrecherchiert hat, sind diese sichtbar geworden. Genau so funktioniert investigativer Journalismus. Nach dem ersten Fall hätte die Lebenshilfe „Einzelfall“ gerufen und der Aufschrei wäre ausgeblieben. So ist jetzt auch dem letzten Zuschauer klar, das sind gar keine Einzelfälle, da stimmt etwas im System nicht und bei der Einstellungspraxis, der Aufsicht und der Unterhaltung dieser Einrichtungen.

Die Lebenshilfe ist auch kein Opfer ihrer Mitarbeiter. Sie haben die Mitarbeiter, deren Charakter offensichtlich nicht dazu geeignet ist, behinderte Menschen zu betreuen, selbst eingestellt. Sie haben kein Kontrollsystem etabliert, bei dem solche Vorfälle sofort sichtbar werden, sie haben eine Kultur in ihren Einrichtungen geduldet, in denen Mitarbeiter ohne Scheu vor anderen Mitarbeitern mehrfachbehinderte Menschen schikanieren konnten. Die Taten sind von den Tätern begangen worden, dafür gehören sie bestraft, aber die Strukturen sind es, die solch ein Verhalten erst möglich gemacht haben.

Was ich erwartet hätte wäre, dass binnen 24 Stunden eine bundesweite Hotline geschaltet wird, bei der Vorfälle in anderen Lebenshilfe-Einrichtungen anonym gemeldet werden können, bei einer unabhängigen Institution, einem Menschenrechtsanwalt zum Beispiel. Aber dafür müsste man erst einmal einsehen, dass es strukturelle Probleme gibt und nicht zufällig ein halbes Dutzend Mitarbeiter, die aus der Spur sind.

Strukturelles Problem

Worum es bei dem Wallraff-Film geht, sind nicht einzelne Mitarbeiter, die sich nicht zu benehmen wissen und ihre sadistische Ader ausleben. Worum es geht sind Strukturen einer Wohlfahrtsindustrie, die mehrere Milliarden Euro im Jahr bekommt, aber in vielen Bereichen ihrer Aufgabe nicht gerecht wird. Da geht es nicht nur um Misshandlungen, aber eben auch.

Und es geht darum, dass die Werkstätten ihren Aufgaben nicht erfüllen. Es ist nicht nur die Werkstatt in dem Film, die eine Wiedereingliederungsrate von 2 Prozent hat, sondern das ist ein bundesweites Problem. Die Arbeitsagenturen finanzieren de facto die Ausgliederung aus dem Arbeitsmarkt, nicht die Wiedereingliederung. Dass es auch anders geht, hat Schweden gezeigt. Dort gibt es seit Jahren keine Werkstätten mehr, sondern der Staat hat eine eigene Personalagentur geschaffen, die Arbeitnehmer an Firmen „ausleiht“. Die Mitarbeiter bekommen einen Tariflohn, nicht durchschnittlich 180 Euro im Monat wie das in Deutschland der Fall ist. Dieser wird weitergezahlt, wenn mal keine Arbeit von einer Firma angefragt wird.

Natürlich muss es auch eine Tagesstruktur geben für Menschen, die nicht arbeiten können. So gibt es in Schweden für Menschen, die „nur“ eine Tagesstruktur brauchen, Kleingruppen, die basteln, Ausflüge machen etc. In solchen Strukturen fällt Missbrauch viel schneller auf als in den teilweise viel zu großen Gruppen und Strukturen der deutschen Wohlfahrtsindustrie.

Wenn der Wallraff-Film eines gezeigt hat, dann dass nicht alles sozial ist, was sich sozial nennt oder von außen sozial aussieht. Die Heim- und Werkstattstrukturen sind eigentlich unsozial und werden den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht. Sie führen zu Missbrauch und verhindern Entfaltungs- und Fördermöglichkeiten. Sie bremsen Selbstbestimmung. Ja, ich weiß, alles andere kostet noch mehr Geld. Kleinere Wohngruppen, gute Beschäftigungsmaßnahmen, Personalagenturen etc. Mir fallen da noch viele Alternativen ein. Aber am Ende muss man sich die Frage stellen, möchten wir weiter eine Wohlfahrtsindustrie fördern oder ist es nicht endlich mal an der Zeit, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und sehr kritisch zu hinterfragen zum Wohle der Menschen, die auf sie angewiesen sind.