Schild mit der Aufschrift "Disabled bays"

Jahresendfragebogen 2020

Vorherrschendes Gefühl für 2020?
Das darf doch wohl alles nicht wahr sein.

2020 zum ersten Mal getan?
Für die Bahnindustrie als Managerin gearbeitet, um Barrierefreiheit und die Nicht-Diskriminierung behinderter Kunden durchzusetzen. 60 Stunden in der Woche.

2020 leider gar nicht getan?
Das Land verlassen. Ein Flugzeug betreten. Und das zum ersten Mal in meinem Leben ein ganzes Jahr lang. Aber ich habe eine lange Liste mit Orten und Dingen, die ich machen werde, wenn diese Pandemie vorbei ist.

Wort des Jahres?
Failed Assist – so nennt die britische Bahnindustrie den Umstand, wenn sie behinderte Reisende, vor allem Rollstuhlfahrer, im Zug „vergessen“ und sie dann entweder von anderen Passagieren rausgehoben werden (gefährlich!), sie einfach weiterfahren bis sie an der Endstation jemand findet oder sie am Zielort die Notbremse ziehen, damit sie jemand aus dem Zug holt.

Getränk des Jahres?
Tee – ganz viel davon.

Bestes Essen des Jahres?
Ich kann mit Stolz sagen, wir haben seit März nicht ein einziges Mal den Lieferdienst bemüht. Um ehrlich zu sein, weil es uns nicht Corona-sicher genug war. Und da habe ich eben gekocht, was wirklich nicht zu meinen besonderen Fähigkeiten gehörte. Aber jetzt koche ich wirklich gut.

Meistangerufene Person?
Ich zähle da jetzt mal Anrufe via Microsoft Teams mit und das war mit Abstand ein Accessibility Manager aus meinem Team. Wir arbeiteten seit März von zu Hause aus und so leitete ich das Team eben so.

Die schönste Zeit verbracht mit?
Nix tun. Hörbücher hören. Schlafen.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Teams-Calls, Teams-Calls und Teams-Calls

Song des Jahres?
Guten Tag von „Wir sind Helden“

Beeindruckendstes Buch des Jahres?
Why Women Are Blamed For Everything von Jessica Taylor
Buchcover Why women are blamed for everything

Erkenntnis des Jahres?
Der Mangel an Barrierefreiheit ist keine Frage des Geldes, weder in der Bahnindustrie noch sonst irgendwo. Mit COVID kamen all die Dinge, um die behinderte Menschen seit Jahren oft ohne Erfolg gebeten hatten – von zu Hause arbeiten zu dürfen, an Konferenzen nur virtuell teilnehmen zu können, zu chatten statt immer nur übers Telefon zu kommunizieren etc.

Und zusätzlich bekam ich Einblicke in eine Branche, die erstaunlich viel Geld hat und seit COVID täglich Millionen an Finanzspritzen bekommt, was okay ist, die Menschen müssen ja zur Arbeit kommen, aber was eben auch zeigt, dass für den Umbau von Bahnhöfen (und viele andere Projekte) durchaus Geld da gewesen wäre, wenn man es hätte ausgeben wollen.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten können?
Auf viel zu viel Stress
Corona
Die Magen-Darm-Grippe im Dezember (immer noch besser als Corona)

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?
Diesen verrückten Job nach einem Jahr wieder aufzugeben.

Schlimmstes Ereignis?
Der Tod von Belly Mujinga und von innen zu sehen wie ein Konzern damit umgeht.

Schönstes Ereignis?
Ich habe trotz alledem wirklich viel gelacht dieses Jahr, vor allem mit meinem Team, die jeden Tag voll und ganz hinter mir standen und bei dem irren Tempo, das ihre Chefin (ich) an den Tag gelegt hat, um Änderungen durchzudrücken, immer mitgezogen haben.

Wir haben durchgesetzt, dass alle „Failed Assists“ wie Unfälle untersucht und behandelt werden. 41 Stationen bekommen mobile Teams, die Rampen anlegen, wenn die Stationen eigentlich kein Personal haben. Das ist besonders in ländlichen Regionen wichtig, wo es wenige barrierefreie Taxis gibt, auf die Kunden sonst ein Anrecht haben. Aber das Anrecht nutzt wenig, wenn es die Taxis nicht gibt.

3000 Stationsmitarbeiter bekommen Disability Equality Training bis Juli 2021, alle geschult von behinderten Trainerinnen. Ich habe Blindenleitsysteme durchgesetzt, barrierefreie Toiletten einbauen lassen, Informationen zur Barrierefreiheit überprüfen lassen, Hunderte neue Rampen bestellt, eine Sprache-zu-Text-App auf allen Diensthandys verfügbar gemacht, Schulungsvideos mit behinderten Kunden produziert und 1000 andere Dinge gemacht und erstritten.

Und dann haben mein Kollege und ich uns (vor Corona), an einem Nachmittag als wir in Nord-London waren, auf unsere eigenen Stationsinformationen verlassen und fuhren zu einer Station, die als voll barrierefrei gekennzeichnet war.

Da standen der Accessibility Manager und seine rollstuhlfahrende Managerin im strömenden Regen vor einer viel zu steilen Rampe, die auch noch rutschig im Regen wurde und wären beide fast abgestürzt bei dem Versuch, den Bahnsteig zu erreichen – wenn nicht durch die baulichen Begebenheiten, dann wegen des Lachkrampfs, den wir beide hatten – ausgelöst durch diese absolut absurde Situation, in die wir uns beide gebracht hatten. Als wir endlich oben waren, stellten wir fest, dass die Station nicht einmal Zugrampen hatte, wir konnten also nicht einmal in den Zug einsteigen, weil der Bahnsteig zu schmal war, und so mussten wir ein Taxi nehmen. Dieser Nachmittag war filmreif und einfach so typisch für all die Probleme, die die Branche mit Barrierefreiheit hat.

Es war ein extrem intensives Jahr, nix war einfach, diese Branche dreht sich langsamer als jeder Öltanker. Es ging alles nur mit Humor, sonst hätte ich schon im Februar auf der Rampe im Regen das Handtuch geworfen.

2020 war mit einem Wort?
Off-track

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