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Tag Archiv für Radio

Happy Birthday, Lubna

Bevor ich für BBC gearbeitet habe, war der Irakkrieg eine Sache, die ziemlich weit weg war. Bis ich Lubna kennen lernte. Ich habe oft am Telefon mit ihr gesprochen als ich bei World have your say gearbeitet habe. Sie ist Medizinstudentin aus Bagdad. Sie möchte Kinderärztin werden und ist verzweifelt über die Situation im Irak. Es verging kaum ein Tag, an dem sie sich nicht in der Redaktion gemeldet hat, um ihre Meinung zu sagen und zu schreiben. Wer nicht weiß, was Krieg wirklich bedeutet, muss nur Lubna zuhören.

Heute ist ihr 21. Geburtstag. Aber sie ist nicht sicher, ob sie diesen wirklich feiern soll. Sie hat ihre Geschichte in einem Brief zusammen gefasst, der mich sehr berührt hat. Sie hat kurz vor ihrem Geburtstag zwei Freunde verloren. Meine Kollegen von „World have your say“ haben ihr eine Sendung gewidmet. Sie erzählt über die Situation und ihr Leben im Irak. Die Sendung hat mich tief beeindruckt. Zum Nachhören rechts auf der WHYS-Seite auf Wednesday klicken.

Kein Alien mehr

Ich gehe fast jeden Mittag in einem Café auf dem BBC-Gelände Mittagessen. Das Café ist im Erdgeschoss des Television Centre und nur Mitarbeiter (und wenige Gäste) haben Zugang. Also nicht die Besuchergruppen normalerweise. Und dennoch bin ich sehr selten der einzige Gast mit einer sichtbaren Behinderung. Es ist immer mindestens noch ein anderer Rollstuhlfahrer da oder Kollegen, die zwar laufen, aber stark gehbehindert sind. Auch auf den Fluren begegne ich anderen Leuten im Rollstuhl. Auch blinde und gehörlose Kollegen habe ich schon getroffen. Und das sind keineswegs immer nur die gleichen Leute. Ich habe in dem Café bislang nur wenige behinderte Kollegen zwei Mal getroffen. Es waren immer andere. Die meisten von ihnen tragen einen Presseausweis, das heißt sie arbeiten im redaktionellen Bereich und nicht in der Poststelle oder an der Pforte. Ich schreibe das, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass in vielen deutschsprachigen Medienunternehmen behinderte Mitarbeiter – wenn überhaupt – da anzutreffen sind.

Für mich ist das eine völlig neue Erfahrung. Ich bin nicht mehr der Alien. Nicht mehr die einzige Rollstuhlfahrerin und niemand zweifelt an, dass ich meinen Job genauso gut mache wie alle anderen auch. Und ich merke immer noch, was Sozialisierung ausmacht, auch bei mir selbst: Ich habe vor kurzem einen blinden Kollegen kennengelernt, der mir erzählte, dass er Parlamentskorrespondent in Millbank ist. Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass er fürs Radio arbeitet und habe gar nicht mehr nachgefragt. Als ich beim Mittagessen saß und News24 schaute, sah ich den Kollegen, der aus dem Parlament berichtete. Und natürlich hatte das Thema nichts mit Behinderung zu tun. Es ging um innenpolitische Themen wie die Sicherheitslücken bei der Onlineregistrierung von jungen Ärzten. Es war offensichtlich, auch für Zuschauer die ihn nicht kennen, dass er blind ist. Aber bei einer Schalte kommt es ja nicht darauf an, ob der Korrespondent die Kamera sieht, sondern ob die Zuschauer ihn sehen können, was definitiv der Fall war. :-)

On air

Heute war ich das erste Mal bei BBC on air. Ich habe einer Frau aus Simbabwe meine Stimme geliehen. Der Tontechniker war sehr geduldig und ich weiß jetzt, wie man „clothes“ korrekt ausspricht. Es hat aber ganz gut geklappt. Ich habe zwar schon viel für Radio und Fernsehen vertont, aber noch nie in Englisch. Da hilft einem der Sprechunterricht in Deutsch nur bedingt weiter…

P.S.: Wer es sich anhören will, die Sendung gibt es hier zum Nachhören. Einfach rechts auf Tuesday klicken. Mein Text kommt in der 50. Minute

Adrenalin

Ich habe bislang lauter Dinge bei BBC gemacht, die ich von der Pieke auf gelernt habe: Themen recherchieren, Leute finden, Sendung vorbereiten. Die Herausforderung ist nachwievor, dass ich das auf Englisch machen muss, aber das wird immer mehr normal. Heute hat mir der diensthabende Redakteur einen 60-minüten Adrenalinstoss verpasst. Ihm fiel 15 Minuten vor der Livesendung ein, dass ich in der Studioregie die Anrufer und Gäste per Telefon zuschalte. Erwähnenswert ist vielleicht noch, dass ich die Software nur rudimentär kenne, das heißt kannte. Jetzt bin ich fit. Denn das ist richtig Stress: Die Software kapieren, die Leute anrufen, auf die Leitungen verteilen, aufpassen, wann sie fertig sind, verabschieden, die nächsten anrufen. Und zwischendurch noch dem Toningenieur Anweisungen zurufen und Anweisungen vom Redakteur entgegennehmen und vor allem verstehen. Und immer aufpassen, dass keiner aus der Leitung fliegt und rechtzeitig angerufen wird. Und das bei Anrufern aus der ganzen Welt mit teilweise bescheidenen Telefonverbindungen. Es war wirklich Adrenalin pur, aber ich habe es ohne Panne geschafft. Ich hatte immer genug Leute in den Leitungen, die der Moderator ansprechen konnte und zudem auch noch die Richtigen. Livesendungen sind wirklich nichts für schwache Nerven.

Auswandern

Beim SWR kann man einen super Radiobeitrag zum Thema Auswandern anhören. Ich kann übrigens nur begrüßen, dass ARD und ZDF immer mehr Beiträge online stellen. Ich fühle mich so nämlich gut über Deutschland informiert, seit ich endlich – dank Breitbandinternet – abends Tagesschau und Heute sehen kann. Ich würde sogar dafür bezahlen, liebe Intendanten. Nicht riesiege Summen, aber ne monatliche Abogebühr wäre es mir wert.

Kulturpflege und Alltag

Ich hätte ja nie gedacht, dass man die deutsche Kultur schon ein wenig vermisst, wenn man länger im Ausland ist. Heute habe ich die Karten für mein erstes Konzert in London bestellt: Es ist das Konzert der Wise Guys in der deutschen Schule. Ich höre die Wise Guys sowieso schon jeden Morgen auf meinem iPod auf dem Weg zur Arbeit.

Heute abend war ich auf dem Stammtisch der Deutschen in London. War sehr nett und ich kann jetzt wirklich nachvollziehen, wieso bei uns jede Ausländergruppe ihr eigenes Kulturzentrum hat. Wenn man die ganze Woche Englisch spricht und sich den britischen Gepflogenheiten anpasst, dann tut es auch mal wieder gut, Deutsch zu sprechen und sich mit Leuten auszutauschen, die ähnlich sozialisiert sind wie ich und hier mit dem gleichen Dingen zu kämpfen haben. Es war jedenfalls sehr nett.

Meine Arbeit macht mir übrigens sehr viel Spaß. Ich recherchiere viele politische Themen, aber auch mit der Sendung Big Brother habe ich mich in den letzten Wochen schon befasst. Da wir viele Hörer in Afrika haben, spielt der Kontinent eine ziemlich wichtige Rolle in unserem Programm und es ist etwas ganz anderes als die Themen, mit denen ich in Deutschland zu tun hatte. Trotzdem überlege ich mir immer, wen man aus Deutschland zu bestimmten Themen befragen könnte. Das ist irgendwie so drin und auch ganz nützlich. Ich finde es jedenfalls großartig, jeden Tag mit Leuten auf der ganzen Welt zu sprechen und zum Beispiel die Meinung zum Irakkrieg von jemandem aus Südafrika zu bekommen. Und andererseits einen Amerikaner zu einem EU-Thema zu finden. Oder jemandem aus Bahrain zu Rassismus zu befragen. Das ist wirklich eine einmalige Erfahrung, die ich gerade mache. Und ich weiß auch morgen noch, mit wem ich heute gesprochen habe. Es ist ein weniger schnellebiges Arbeiten als bei einer Nachrichtenagentur und am Ende steht auch noch ein Ergebnis: Die Sendung samt Feedback der Hörer.

Bevor ich ins Bett falle…

…schnell noch ein Update. Es war ein klasse Tag heute und ich bin ganz froh, dass ich dort gelandet bin, wo ich gelandet bin. Es ist genau das, was ich gerne mache: Nachrichten und Web2.0. Ich habe heute mit der halben Welt gesprochen, war auf der Suche nach Journalisten in Marokko, habe mit Hörern aus Pakistan telefoniert und ich bin selbst überrascht, dass mir das auf Englisch kaum schwerer fällt als auf Deutsch.

Ich arbeite von 11 bis 19 Uhr. Das sind für mich traumhafte Arbeitszeiten – ich bin ja sowieso eher ein Mensch der zweiten Tageshälfte. Es gibt nur einen Wehmutstropfen: Ich sitze nicht in dem BBC-Gebäude in Shepherds Bush (10 Minuten von meiner Wohnung entfernt), wie ich eigentlich dachte, sondern im legendären Bush House in Aldwych, was mit dem Bus ungefähr eine Stunde entfernt ist. Allerdings gibt es einen BBC-Shuttlebus, den ich zumindest bis Oxford Circus nutzen kann, sobald mein Mitarbeiterausweis fertig ist. Ich glaube, das wird eine richtig klasse Zeit hier.

Mein erster Tag bei BBC

Seit heute arbeite ich für sechs Monate bei BBC. Meine Redaktion heisst BBC World have your say. Es ist eine interaktive Radiosendung, die weltweit ausgestrahlt wird. Um 19 Uhr deutscher Zeit kann man sie auf BBC World Service hören.

Die Sendung lebt von den Zuhörern, Bloggern und anderen Leuten, die zu aktuellen Themen ihre Meinung sagen und ist eine Verquickung von aktuellen Nachrichten und User Generated Content.

Schräger Humor und Mitleid

Ich wünsche mir ja wirklich lustige Werbung, in der Menschen mit Behinderungen vorkommen. Die kann ruhig witzig sein und originell. Schön wäre noch, wenn behinderte Menschen selber darüber lachen können und sie gut finden. Es gibt da auch schon Beispiele für: Ein Autohersteller läßt einen Blinden das Auto an der Fahreigenschaft erkennen (finde ich gerade nicht), die Aktion Mensch wirbt mit einem sehr schönen Spot („Sehen, Hören Verstehen“ – bitte mal online stellen!) für Vielfalt und sich selbst, Levis mit einem Blinden, der gar nicht blind ist, die belgische Organisation SENSOA nutzt Gebärdensprache zur Aidsaufklärung. Weitere Beispiele bitte gerne in den Kommentaren hinterlassen.

Was aber die Agentur Grabarz (geht nur mit dem Internet Explorer) für den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg produziert hat, ist zum einen geschmacklos und zum anderen offensichtlich mal wieder nicht ohne Mitleid ausgekommen. Preise gibts in der Branche aber trotzdem für sowas. Bei dem einem Radiospot geht es um die Besamung einer Kuh, die man besser nicht sieht. Zwar unappetitlich und eher geschmacklos, aber immerhin ein Funken positiver Aspekt der Behinderung. Kriminell wird es aber beim zweiten Spot. Da wird gerätselt, ob der Kamin brennt oder die Gardine. Ob der der bellende Hund angeleint ist oder nicht. Und ob das Wasser in die Badewanne läuft oder aus der Waschmaschine. Hallo Agentur Grabarz, haltet Ihr blinde Menschen für so bescheuert, dass sie nicht wissen, ob Ihr Wohnzimmer brennt oder der Kamin? Und weil das Leben, wenn man blind ist, ja so kompliziert ist, lernen wir dann, soll man doch bitte an den Blinden- und Sehbehindertenverein spenden. Aha. Und was macht der dann? Löscht der das Feuer? Fängt der den Hund ein? Füllt der die Badewanne?

Ich habe mich dann noch weiter in den Werken besagter Werbeagentur umgehört und bin auf Spots für einen Hörgerätehersteller (ein Link pro Wort) gestoßen. Und was lernen wir da? Nicht nur blinde Menschen sind ein bisschen bescheuert, sondern auch die Schwerhörigen. Die kriegen ja nicht so mit, was die Mitmenschen über sie sagen (wenn diese sie nicht laut anschreien natürlich). Nur wenn sie sich ein Hörgerät kaufen, merken sie, dass die anderen Leute sie für dumm verkaufen. Jetzt mal abgesehen davon, dass das natürlich Schwachsinn ist und auch nicht wirklich lustig, wieso soll man ein Hörgerät bei einem Hersteller kaufen, der sich über die potenziellen Kunden lustig macht? Und zwar so, dass der nicht mitlachen kann. Da geh ich doch lieber zu einem Hersteller, der mich ernst nimmt. Man kann nicht Möbel von IKEA genauso bewerben wie Hörgeräte. Und dieses Mitleidsgeseier so mancher Blindenvereine bringt mich auch nicht zum Spenden. Ganz im Gegenteil.