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Tag Archiv für Deutsch

Deutsche Sprache, schwere Sprache

Die Vereinten Nationen haben im vergangenen Jahr eine Vereinbarung über die Rechte von Menschen mit Behinderungen verabschiedet. Das 40 Seiten starke Papier ist jetzt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales vom Englischen ins Deutsche übersetzt worden –offensichtlich von Menschen, die das Fachvokabular nicht so richtig drauf hatten. Da wurde „Inclusion“ mit Integration übersetzt, „Living independently“ als „unabhängige Lebensführung“ statt als „Selbstbestimmt Leben“ und „accessibility“ mit „Zugänglichkeit“ statt mit „Barrierefreiheit“.

Jetzt gibt es einen Aufschrei und eine Anfrage im Deutschen Bundestag. Ja gut, man muss sich schon fragen, warum im Bundeministerium keine Leute sitzen, die die Fachbegriffe kennen. Der Begriff Barrierefreiheit hat sogar Einzug in die deutsche Gesetzgebung gefunden und ist eindeutig definiert. Auch Integration und Inklusion sind zwei verschiedene Dinge, aber trotzdem lässt mich das irgendwie kalt, weil ich nicht so richtig sehe, was eine korrekte Übersetzung ändern würde. Dennoch halte ich die Konvention für sehr wichtig, aber dass sie konkrete Veränderungen bringt, daran kann ich noch nicht so richtig glauben.

Krank auf Deutsch

So, morgen werde ich das erste Mal den deutschen Hausarzt in London aufsuchen müssen. Es gibt in London wirklich alles, was das deutsche Herz begehrt: Deutsche Zahnärzte, deutsche Bäcker, deutsche Metzger, einen deutschen Supermarkt, Bratwurststand, Biergarten, eine deutsche Schule und eben auch deutsche Hausärzte.

Ich wäre wirklich bereit, mit meinem Husten, der langsam beängstigende Formen annimmt, zu einem britischen Arzt zu gehen, aber leider hat mir NHS einen Hausarzt zugewiesen, dessen Praxis seit Monaten keine Putzfrau gesehen hat etwas ungepflegt wirkt und auch ansonsten ziemlich überfordert ist. Und man kann sich seinen NHS-Arzt ja nicht aussuchen, aber ich will meinen Husten wegkriegen. Ich hatte schon einmal eine Lungenentzündung. Nun werde ich mich morgen in die deutsche Enklave Richmond im Süden Londons begeben und zum ersten Mal meine private Krankenversicherung in Anspruch nehmen.

Das „Mich versteht hier ja eh keiner“-Syndrom

Seit ich in London bin, beobachte ich eine Krankheit, die unter Deutschen, die hier sind, sehr weit verbreitet ist: Das „Mich versteht hier ja eh keiner“-Syndrom. Diese Krankheit tritt vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln zu Tage, ist aber bei Männern und Frauen gleichermaßen verbreitet.

Deutsche erzählen sich Dinge, die sie niemals in einem deutschen Bus erzählen würden – da versteht sie ja jeder. Sie würden auch nicht Handytelefonate führen, in denen sie versuchen, zwei Frauen unter einen Hut zu kriegen. Die eine darf von der anderen natürlich nichts erfahren. Ich habe einen Mitreisenden, den ich abends manchmal im Bus treffe, über den weiß ich bereits wo er herkommt, dass er fremd geht und wieviel er verdient. Ich finde das ist nicht schlecht für eine 10-minütige Busfahrt. Und nein, ich höre nicht extra hin. Er steht vor mir, plärrt in sein Handy und telefoniert jedesmal mit einem Gesichtsausdruck als sei er sicher, dass ihn ja eh keiner versteht.

Dann gibt es aber auch Frauen, die hemmungslos ihrer besten Freundin erzählen, wie gut welcher Mann im Bett ist. Dass sie jetzt aber doch mal langsam heiraten wollen. Sie hat ihn da vor vollendete Tatsachen gestellt: Entweder heiraten oder es ist aus. Kann man ja mal drüber reden. Versteht ja eh keiner.

Und am meisten mag ich die Leute, die über mich reden. Das sind meist Touristen oder Österreicher oder beides. „Hast Du gesehen, die fährt ganz alleine Bus.“ – „Ja, das britische Gesundheitssystem ist ja so schlecht.“ – „Aber schon toll, dass die Busse Rampen haben. Gibt es das bei uns auch?“
Ich lächel dann immer schön freundlich, nur wenn sie zu blöd daherreden, sprech ich sie auf Deutsch an. Das ist dann immer sehr lustig – für mich jedenfalls.