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Das „Mich versteht hier ja eh keiner“-Syndrom

Seit ich in London bin, beobachte ich eine Krankheit, die unter Deutschen, die hier sind, sehr weit verbreitet ist: Das „Mich versteht hier ja eh keiner“-Syndrom. Diese Krankheit tritt vor allem in öffentlichen Verkehrsmitteln zu Tage, ist aber bei Männern und Frauen gleichermaßen verbreitet.

Deutsche erzählen sich Dinge, die sie niemals in einem deutschen Bus erzählen würden – da versteht sie ja jeder. Sie würden auch nicht Handytelefonate führen, in denen sie versuchen, zwei Frauen unter einen Hut zu kriegen. Die eine darf von der anderen natürlich nichts erfahren. Ich habe einen Mitreisenden, den ich abends manchmal im Bus treffe, über den weiß ich bereits wo er herkommt, dass er fremd geht und wieviel er verdient. Ich finde das ist nicht schlecht für eine 10-minütige Busfahrt. Und nein, ich höre nicht extra hin. Er steht vor mir, plärrt in sein Handy und telefoniert jedesmal mit einem Gesichtsausdruck als sei er sicher, dass ihn ja eh keiner versteht.

Dann gibt es aber auch Frauen, die hemmungslos ihrer besten Freundin erzählen, wie gut welcher Mann im Bett ist. Dass sie jetzt aber doch mal langsam heiraten wollen. Sie hat ihn da vor vollendete Tatsachen gestellt: Entweder heiraten oder es ist aus. Kann man ja mal drüber reden. Versteht ja eh keiner.

Und am meisten mag ich die Leute, die über mich reden. Das sind meist Touristen oder Österreicher oder beides. „Hast Du gesehen, die fährt ganz alleine Bus.“ – „Ja, das britische Gesundheitssystem ist ja so schlecht.“ – „Aber schon toll, dass die Busse Rampen haben. Gibt es das bei uns auch?“
Ich lächel dann immer schön freundlich, nur wenn sie zu blöd daherreden, sprech ich sie auf Deutsch an. Das ist dann immer sehr lustig – für mich jedenfalls.

5 Kommentare

  1. Eva sagt:

    Ich finde deine Geschichten immer wieder genial. Besonders da ich mich diesmal so richtig gut reinversetzen kann – dieses „mich versteht ja eh keiner“-Phänomen ist in Australien wohl genauso vertreten wie in London.
    Wahnsinn was die Leute manchmal so ablassen….aber dass sie dann auch noch über dich sprechen ist wirklich ein schlechter Scherz. Finde aber klasse, dass du sie manchmal ansprichst ;)

  2. cabronsito sagt:

    Willst Du damit andeuten, dass Du glaubst, in einem deutschen Bus wuerde jeder deutsch verstehen? ;-)
    Mal wieder eine herrliche Geschichte, Christiane!
    Ich wuerde glatt mehr dazu kommentieren, habe aber gerade nicht die Zeit dazu.

    Schnell noch eine Frage. Ich wuerde Dich gern verlinken. Das macht bei mir aber nur Sinn, wenn es mit einem foto-button getan wird, sonst wuerde man es glatt uebersehen unter all meinen bunten Verlinkungen.
    Hast Du ein Bild dafuer, welches Du mir zur Verfuegung stellen koenntest?
    Oder falls nicht, darf ich mir Deinen Header „klauen“ und zu einem button zusammenschrumpfen?

    Liebe Gruesse aus dem verdammt kalten Mexiko
    Martin

  3. Dorothea sagt:

    Hm … das kannst auch in Deutschland haben.

    Kennst du nicht die ganz reizende Situation, wenn über dich in deiner Anwesenheit geredet wird, als seist du nicht da – weil du als „Behinderte“ ja sowieso zu doof bist, die Hochwohlgesunden zu verstehen?

    Tuschel tuschel – sonst hat die immer ihren Pfleger dabei, guckmal diesmal ist die alleine – tuschel tuschel – ganz schön selbständig, dasse auch bezahlt, hat wahrscheinlich passend Geld bekommen – tuschel tuschel. Jaja, ganz toll, wie die heute gefördert werden, tuschel tuschel tuschel.

    Einkaufende rollstuhlfahrende Akademikerinnen sind offensichtlich des Deutschen nicht mächtig in Deutschland.

    Andere Variante: sie sind des Respektes, das man Erwachsenen gegenüber normalerweise übt, nicht wert. Sind ja eh nur Behinderte.

  4. cabronsito sagt:

    Toll, wie Du das beschrieben hast, Dorothea – tuschel, tuschel.
    Ja, Menschen koennen schon schlimme Leute sein.
    Oder andersrum.

  5. Tokbela sagt:

    Dorothea: Das geht nicht nur Menschen mit Behinderungen so. Auch Uebergewichtige koennen ein Lied davon singen. Und eine Menge anderer Menschen auch.