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Tag Archiv für Deutschland

Deutschland im Sommer 2009

In Hessen wird einem Mann, der nach einem Motorradunfall Pflege benötigt und im Rollstuhl sitzt, vom örtlichen Sozialamt die Assistenz verweigert. Man zahle lediglich eine Heimunterbringung. Dass der Mann verheiratet ist und damit von seiner Frau getrennt leben müsste, interessiert den Behördenleiter nicht.

In Berlin wird einem Rollstuhlfahrer der Theaterbesuch zur Hölle gemacht. Er könne unmöglich unangemeldet ins Theater gehen, wird ihm gesagt. Als er sich weigert, wieder zu gehen, und einen nicht barrierefreien Platz einnimmt, droht man, die Polizei zu rufen, obwohl er eine Eintrittskarte hat.

In München weigert sich das Arbeitsamt einem gehörlosen Auszubildenden die Gebärdensprachdolmetscher für die Berufsschule zu stellen. Er verliert daraufhin seinen Ausbildungsplatz. Als er wieder einen neue Stelle findet, bleibt das Amt bei seiner Auffassung und schreibt, er solle am Blockunterricht an einer Gehörlosenschule in Essen teilnehmen. Er habe kein Recht, in München eine Berufsschule zu besuchen.

In Berlin muss eine alleinerziehende Mutter ihren Job aufgeben, weil die Schulbehörde die Schulhelfer für ihren behinderten Sohn nicht mehr im benötigten Umfang stellen möchte.

In Magdeburg wird eine arbeitslose, nicht behinderte Frau als „geistig behindert“ eingestuft, damit man sie in eine Behindertenwerkstatt schicken kann.

Mein Recht auf Kino oder „Isch protestiere“

Seit Wochen habe ich mich darauf gefreut, in Frankfurt ins Kino zu gehen. Ich wollte unbedingt Hape Kerkerlings neuen Film „Horst Schlämmer – Isch kandidiere“ sehen. Ich bin gerade für zwei Tage in Frankfurt und hatte das fest eingeplant.

Ich fuhr also zur Hauptwache mit dem Ziel Kino. In Frankfurt ins Kino zu gehen ist als Rollstuhlfahrerin sowieso eine kleine Mission. Es gibt nicht so viele barrierefreie Kinos, das weiß ich noch aus Jugendzeiten als ich mit Freunden öfter nach Frankfurt gefahren bin.
Jemand empfahl mir das CineStar-Kino am Eschenheimer Turm. Es ist ein relativ modernes Kino in einem alten Gebäude. Ich kam dort an und es war Kinotag. Dementsprechend war der Andrang. Aber die Anzeige sagte mir, es seien noch 107 Karten für Horst Schlämmer verfügbar. Ich war also optimistisch, noch eine zu bekommen.
An der Kasse angekommen, fragte mich die Kinokassenfrau, ob ich alleine ins Kino ginge. Ich sagte „Ja“ und sah an ihrem Gesicht, dass das ein Problem war.

Sie sagte mir, alle Kinos, in denen der Film laufe (an dem Abend gab es vier Vorstellungen) seien nicht barrierefrei – mit einer Ausnahme. Ein Saal sei zugänglich. Dort gebe es nur einen Rollstuhlplatz und der sei vergeben an einen anderen Rollstuhlfahrer. Mit Begleitung sei es aber kein Problem. Ich ahnte schon, dass es weniger ein Platzproblem als irgendeine bescheuerte Vorschrift war und sagte ihr: „Wissen Sie, ich lebe in England. Dort läuft der Film nicht. Ich habe mich seit Wochen darauf gefreut, den Film zu sehen, wenn ich für zwei Tage in Frankfurt bin.“ Ihre Antwort: „Schauen Sie doch einen anderen Film.“ Ich: „Ich glaube, Sie haben mich nicht verstanden. Ich möchte diesen und keinen anderen Film sehen und verstehe nicht, warum ich mit Begleitung plötzlich Platz da wäre. Sie murmelte irgendwas von Sicherheitsvorschriften.

Aha, wieder was gelernt: Ich darf also in Deutschland Alkohol trinken, Auto fahren, an den Wahlen des Deutschen Bundestags teilnehmen und mich wählen lassen. Ich könnte sogar Bundeskanzlerin werden. Aber ich darf in Frankfurt nicht alleine ins Kino. Ja nee, is klar.

Meine Empörung erweichte die Frau und sie sagte, sie würde mir eine Karte verkaufen, aber sie glaube nicht, dass mich die Security in den Saal lassen würde. Sie kenne aber die Regeln nicht so ganz genau.

Ich habe zwar nur ein paar Semester Jura im Nebenfach studiert, aber ich wusste, ich hatte gewonnen. Kam doch mit dem Verkauf der Karte ein Vertrag zustande. Soviel wusste ich. Und selbstverständlich nahm ich mir vor, auf Vertragserfüllung zu bestehen und den Aufstand des Jahrhunderts zu machen, sollte man mich nicht in den Saal lassen.

Als ich bei der Security ankam, interessierten die sich gar nicht für mich. Fragten mich nur, ob sie mir die Tür zum Saal aufmachen sollten.

Als ich reinkam, traute ich meine Augen nicht: Es gab überhaupt keinen Rollstuhlplatz. Nicht einen einzigen. Auch die andere Rollstuhlfahrerin stand mitten im Gang zwischen den zwei Notausgängen. Es war einfach eine leere Reihe, in die 10 Rollstühle gepasst hätten. Hätte ich übrigens eine nicht behinderte Begleitung gehabt, hätte diese weit über- oder unterhalb in einer anderen Reihe Platz nehmen müssen, so wie jetzt der Mann der Rollstuhlfahrerin neben mir.

Aber am Ende zählt ja – frei nach Helmut Kohl – was hinten raus kommt und ich habe ich den Film gesehen. Horst Schlämmer wäre stolz auf mich. Weisse bescheid!

Europameister im Aussortieren

DER SPIEGEL hat jahrzehntelang die deutsche Behindertenpolitik völlig ignoriert. Ich hatte vor ein paar Jahren mal das SPIEGEL-Archiv nach Artikeln zur Behindertenpolitik durchsucht und habe so gut wie nichts gefunden. Jetzt ist Anfang Januar ein Artikel erschienen, wie ich ihn noch nie in irgendeiner Zeitung oder in einem Magazin in Deutschland gelesen habe: Es geht um die systematische Ausgrenzung behinderter Menschen in Deutschland. Und er ist so gut und hintergründig geschrieben, dass ich dem SPIEGEL fast verzeihe, die letzten Jahre nichts dazu geschrieben zu haben. Besonders freue ich mich über einige Beispiele, die mir bekannt vorkamen *hüstel*.
Ulrike Demmer hat den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Nun hoffe ich sehr, dass der Artikel eine breite Debatte auslöst und vor allem die Damen und Herren Sonderpädagogen mal über ihre Zukunft und die Verantwortung ihres Berufsstandes nachdenken.
Der Artikel ist meines Erachtens einer der wichtigsten und ehrlichsten Artikel zur Situation behinderter Menschen in Deutschland, der in den letzten Jahren erschienen ist. Deutschland als „Europameister im Aussortieren“ zu bezeichnen ist mutig, aber ich fürchte, es trifft den Nagel auf den Kopf.

Das amerikanische Visum und die Bundespolizei

Ich war zwecks Wohnungsauflösung in den vergangenen Tagen zwei Mal in Hamburg – jedes Mal per Auto. Bei unserer ersten Tour nahmen wir die Fähre von Harwich nach Hoek van Holland. Es war eine ziemlich nervige Fahrt, denn in den Niederlanden standen wir in nicht weniger als sieben Staus. Ich wusste gar nicht, dass so viele Staus in so ein kleines Land passen. Wir waren gegen 21 Uhr in Deutschland und die Autobahn wurde an der Grenze auf eine Fahrspur verengt. Man durfte nur noch 60 km/h fahren. Kaum hatte ich die Grenze passiert, überholte mich bereits ein Polizeiwagen und zeigte mir an, dass ich folgen solle. Das ist ja genau das, was man gerne erlebt, wenn man bereits stundenlang im Stau stand.
Der Beamte stellte sich als „Bundespolizei“ vor und wollte unsere Pässe, Führerschein und Fahrzeugpapiere sehen, fragte nach Waffen und Drogen. Dann verschwand er mit unseren Papieren wieder ins Auto und die Überprüfung dauerte ewig. Wir dachten, das sei wegen der portugiesischen Papiere meines Freundes. Da irrten wir uns gewaltig!
„Arbeiten Sie für die Presse?“, fragte mich der Polizist als er wieder an mein Fenster trat. Ich muss sagen, da war ich ziemlich überrascht. Aber nicht so überrascht, dass ich nicht gleich antwortete: „Ja, das tue ich. Woher wissen Sie das?“. Ich dachte an die Überprüfung von Verfassungsschutz bei einer Veranstaltung mit Gerhard Schröder, bei der ich für dpa war. Oder die Überprüfung für den Presseausweis des Bundestages. Vielleicht war das irgendwo vermerkt, dass ich überprüft worden bin. Aber dann sagte der Beamte: „Ich habe gesehen, dass Sie ein US-Visum haben, das fünf Jahre gültig ist. Da hat mich mal interessiert, warum Sie das haben.“ Das ist ja auch enorm wichtig, wenn man von den Niederlanden nach Deutschland einreist!
Aber gut, dass er nicht auch noch mein indisches Visum unter die Lupe genommen hat. Der Datenaustausch mit den Indern klappt sicher nicht so gut wie mit den Amerikanern.

Noel Martin will sterben

Ich hoffe sehr, dass diese Geschichte genauso durch die deutschen Medien geht, wie hier in England. Wenn nicht, hinsetzen, liebe Kollegen, schreiben. Denn das ist nicht zuletzt eine deutsche Tragödie, auch wenn es um einen Briten geht.
Noel Martin wurde von deutschen Neo-Nazis 1996 attackiert. Es kam zu einem Unfall, durch den Noel Martin vom Hals abwärts gelähmt ist. Er hat eine Stiftung gegen Rassismus gegründet und ist für viele Menschen eine Inspiration. Nun will dieser Mann sterben, weil er sein Leben für nicht mehr lebenswert hält.
Liz Carr, eine von mir hoch geschätzte Comedian, die selber im Rollstuhl sitzt, hat ihn besucht, und versucht, ihn umzustimmen. Anschließend hat sie einen Brief verfasst, in dem sie ihn bittet, weiterzuleben. Ich könnte jeden Buchstaben davon unterschreiben. Und Noel Martin antwortet: Er will sterben. Fast wirkt es als sei er innerlich schon tot.
„Wenn Noel Martin stirbt, haben die Nazis doch noch Erfolg gehabt“, ist das, was mir durch den Kopf geht. Das darf doch nicht sein. Das ist eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit. Und dann lese ich in Liz‘ Brief, dass er um Assistenz kämpfen musste, dass er seit Januar das Zimmer nicht mehr verlassen hat und er wirkt nicht als sei er in guter gesundheitlicher Verfassung. Ein nett eingerichtetes Zimmer sieht auch anders aus.
Manchmal, wenn ich über Leute lese, die sich unbedingt das Leben nehmen wollen, bin ich genervt und denke „Was soll das?“, aber in dem Fall ist das anders. Ich bin total geschockt, dass jemand seit Januar in einem Zimmer rumliegt, der eigentlich im Licht der Öffentlichkeit stehen müsste. Ist das auch ein Assistenzproblem? Ich reite darauf so rum, weil ich weiß, wie wichtig diese Frage für die Lebensqualität ist. Ich dachte, wenn jemand wie Noel Martin irgendwo einen Antrag stellt – ob in Deutschland oder in England – dann stehen alle Gewehr bei Fuß und bewilligen, bewilligen, bewilligen. Wenn nicht bei ihm, wann dann?
Ich bin absolut ratlos, was man tun könnte. Denn ich wünsche ihm nichts mehr, als dass er sein Leben liebt. Sein Pferd hat in Ascot gewonnen und er hat tolle Projekte angestoßen. Jetzt soll das alles nichts mehr wert sein? Ich kann das nicht glauben und muss an Elke Bartz denken, die haargenau die gleiche Behinderung hatte. Sie hat viele Menschen berührt – das, was Noel Martin sagt, er nicht mehr könne – ganz ohne die Hand zu heben. Und sie hätte gerne weitergelebt und durfte nicht.

Sechs Länder, elf Bundesländer in sieben Tagen

Ich bin gerade auf einer in Teilen spontanen Europa- und Deutschlandtour. Ich war das erste Mal in meinem Leben in Hollenbach, auf der Beerdigung von Elke Bartz – eine sehr beeindruckende Beerdigung. So viele Rollstuhlfahrer wird Hollenbach in den nächsten 50 Jahren nicht mehr sehen wie bei Elkes Beerdigung. Es war eine sehr schöne Beerdigung, sofern man das über Beerdigungen sagen kann.

Am Samstag ging es weiter nach Marburg zu einer Hochzeit und mir ist die Umstellung von Trauern auf Feiern ziemlich schwer gefallen. Die Feier war sehr interessant, denn etwa 2/3 der Hochzeitsgäste sowie das Brautpaar waren blind. Und ich habe Marburg, den Sitz der Blindenstudienanstalt kennen gelernt. Eine für Rollstuhlfahrer grauenvolle Stadt – steil, Kopfsteinpflaster, überall Stufen. Aber malerisch schön. Ich habe gelernt, dass viele blinde Bürger am Stadtrand wohnen, in Marburg-Richtsberg und gar nicht da, wo Marburg so malerisch ist. Und auch die Blista liegt nicht in der schönen Altstadt. Aber die Kellner in den Lokalen sind blinde Gäste gewohnt. Sagen, wo das Glas steht und was auf dem Teller ist.

Jetzt bin ich nach über einem Jahr mal wieder in Hamburg und morgen fahre ich nach Berlin. Dann geht es weiter nach Dänemark und mit der Fähre von dort nach Hause. Für mich ist das ein bisschen eine Abschiedstour von Deutschland. Es ist ein bisschen stressig, aber macht mir Spaß.

Im Ausland

Ich war mal wieder zwei Tage beruflich in Frankfurt und habe jedesmal mehr das Gefühl, ich fahre ins Ausland. Dabei ist das ja eigentlich meine Heimat. Dieses Mal stand ich bereits am Beginn der Reise vor der Herausforderung, mir eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr ziehen zu müssen. Das habe ich noch nie in meinem Leben in Deutschland gemacht, denn als deutsche Rollstuhlfahrerin hat man ja eine Wertmarke, mit der man kostenlos fahren kann. Ich habe aber keine deutsche Wertmarke mehr und so machte ich Bekanntschaft mit Frankfurter Ticketautomaten und Zonenkarten. Wie das ein Ausländer ohne Deutschkenntnisse verstehen soll, ist mir völlig schleierhaft. Dass Rollstuhlfahrer eine Karte ziehen müssen, ist auch nicht vorgesehen. Fahren ja alle kostenlos und deshalb kommt man kaum an die Schlitze und Knöpfe dran. Gleiches Problem stellte sich dann später beim Busfahren. Wie soll ich vorne eine Fahrkarte ziehen, wenn ich hinten einsteigen muss? Ich habe mir dann gleich eine Tageskarte gekauft.

Das Hotel, in dem ich sonst wohne, wird gerade renoviert und es gab keine barrierefreien Zimmer. Also musste ich mir ein anderes Hotel in der Nähe des Flughafens suchen. Meine Wahl fiel auf das Intercity Hotel am Flughafen. Doch leider war die Dame am Telefon nicht in der Lage, mir eine adäquate Auskunft darüber zu geben, ob der Shuttle zwischen Hotel und Flughafen für mich zugänglich ist. „Das wird schon irgendwie gehen“, sagte sie mir. Ich habe dann zu ihrer großen Überraschung nicht gebucht.

Ich habe mir dann ein Hotel in der Bürostadt Niederrad gebucht, nicht wissend, dass dieser Stadtteil nach 20 Uhr völlig ausgestorben ist. Mein Zimmer war im Souterrain mit Blick auf die Unterböden der Autos auf der A5. Obwohl es ein nagelneues Hotel war und es offiziell ein barrierefreies Zimmer war, konnt man sich weder im Zimmer noch im Bad im Rollstuhl ordentlich bewegen. Im E-Rollstuhl hätte man überhaupt keine Chance gehabt. Ist die hessische Bauordnung wirklich so schlecht oder war die Bauaufsicht bestochen? Keine Ahnung.

Ich bin abends noch in die Stadt gefahren, nur eine Station mit der S-Bahn bis Hauptbahnhof und barrierefrei. Auf der Rückfahrt habe ich aber einen entscheidenden Fehler gemacht. Ich bin zwar in die S-Bahn in Richtung Wiesbaden gestiegen, aber nicht in die, die Richtung Niederrad fährt, sondern die, die über Griesheim fährt. Da fühlte ich mich dann wirklich wie im Ausland, denn ich war hoffnungslos verloren. Ich hatte keine Ahnung, welche der folgenden Stationen barrierefrei sind, damit ich wieder zurückfahren konnte. Denn die Frankfurter Verkehrsbetriebe weisen das natürlich nicht auf ihrem S-Bahnplan in den Zügen aus, wie das Hamburg oder London macht. Auf den jeweiligen Bahnsteigen waren auch keine Hinweisschilder für Fahrstühle zu sehen. Ich wusste nur, dass Wiesbaden einen Sackbahnhof hat und ich dort auf alle Fälle rauskomme. Also fuhr ich durch bis Wiesbaden – eine fast einstündige Fahrt. In Wiesbaden wartete ich dann weitere 30 Minuten auf die S-Bahn zurück nach Frankfurt. Gegen 0.30 Uhr kam ich dann in Niederrad an.

Da die Bürostadt Niederrad in der Nacht durchaus als Ökoprojekt durchgehen könnte, was die Beleuchtung angeht, war der Rückweg umso mühseliger. Ich sah meine eigene Hand vor Augen nicht und blieb prompt mit dem Vorderrad in einem Schlagloch hängen. Das Vorderrad war völlig verbogen und fuhr nicht mehr. Also fuhr ich hochgekippt auf den zwei Hinterrädern im Dunkeln ins Hotel. Ich war bedient.

Am nächsten Tag hat mir aber ein Lufthansa-Techniker den Rollstuhl repariert. Und ich habe mir fest vorgenommen, auswendig zu lernen, welche der Stationen im Rhein-Main-Gebiet barrierefrei sind. Viele scheinen das ja nicht zu sein.

Die Wissenslücken des Herrn Glos

Da lese ich gerade die Pressemitteilung des Bundeswirtschaftsministeriums und mir wird ganz anders:

„Anlässlich des gestern von der Europäischen Kommission vorgelegten fünften Richtlinienentwurf zur Antidiskriminierung erklärt der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Michael Glos: „Mit dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz aus dem Jahr 2006 wurden die bisherigen vier EU-Richtlinien zur Allgemeinen Gleichbehandlung umgesetzt und alle zur Diskussion stehenden Diskriminierungssachverhalte in Deutschland aufgegriffen. Der jetzt vorliegende fünfte Richtlinienentwurf geht weit über den bislang schon bestehenden Diskriminierungsschutz in Europa hinaus. Es steht zu befürchten, dass Bürgerinnen und Bürger sowie insbesondere auch die mittelständischen Unternehmen in Deutschland durch die geplanten Regelungen aus Brüssel in unvertretbarem Umfang eingeengt und belastet werden.“

So weit so gut. Diese Meinung teile ich zwar nicht, aber damit könnte ich leben. Aber dann lese ich weiter unten die Begründung.

„Die von der EU-Kommission geplante Richtlinie würde viele Bereiche des täglichen Umganges und der sozialen Kontakte der Menschen überregulieren und Freiräume unnötig einengen. Denkbar wäre zum Beispiel, dass jeder Gastwirt an der Ecke zukünftig seine Speisekarten auch in Blindenschrift und eine behindertengerechte Toilette vorhalten müsste.“

Ich hätte jetzt riesen Lust sarkastisch zu sein, aber ich glaube, dem Herrn Bundeswirtschaftsminister fehlen ein paar Fakten, die ich gerne beitrage: Zum Beispiel was eine Braillekarte so kostet. Im teuren England, erster Treffer bei Google, 10 Pfund pro DIN A4-Seite (500 Wörter). Das kann man keinem Gastwirt an der Ecke zumuten? Mit Verlaub, wenn es der deutschen Gastronomie so schlecht geht, dass sie sich das nicht mehr leisten kann, dann hat Deutschland noch ganz andere Probleme als die Braillekarten. Aber dass mit zwei Abendessen eines blinden Gastes der Preis der Braillekarte schon wieder drin ist, hat man wohl übersehen. Und vielleicht kommt der sogar in Begleitung, dann hat man sogar Gewinn gemacht.

Und zu den Toiletten sage ich nur eines: Meine Lebensqualität in England ist unter anderem deshalb so viel besser als in Deutschland, weil ich wie jeder andere Mensch auch dann zur Toilette gehen kann, wann ich möchte und muss. Ich dachte eigentlich, das sei ein Menschenrecht. Deutschland hat kein Problem den Gastwirten nach Männlein/Weiblein getrennte Toiletten aufzubrummen, selbst in der kleinsten Location, aber sobald es um behinderte Menschen geht, ist das alles ne Zumutung.

Dann zur Toilette gehen zu können, wann man möchte, ist ein Menschenrecht. Es ist mir ein Rätsel, warum das so schwer zu verstehen ist. Dass die Wirtschaft dennoch nicht stirbt trotz vieler Antidiskriminierungsrichtlinien zeigt Großbritannien wunderbar. Hier herrscht eigentlich Kapitalismus pur, aber wenn es um Diskriminierung geht, gibt es auch hier Grenzen und ich habe nicht den Eindruck, dass das Land darunter leidet, dass ich dann auf die Toilette gehen kann, wenn ich es möchte. Selbst das 250 Jahre alte Pub bei uns um die Ecke hat eine barrierefreie Toilette. Es ist mir unbegreiflich, warum sich Deutschland so schwer damit tut, wenigstens dort wo es möglich ist, was zu machen. Und letztendlich muss man auch mal sehen, dass es um die Gäste geht. Lokale, die barrierefrei sind, bekommen behinderte Gäste als Kunden. Es geht ja nicht nur um Almosen, sondern es geht auch darum, einen Kundenkreis zu bedienen. Der Bundeswirtschaftsminister müsste das aber eigentlich wissen.

I really admire you und andere Phrasen

Es gibt ja so Phrasen, die dienen ziemlich gut dazu „Bullshit Bingo“ zu spielen, wenn man als behinderter Mensch unterwegs ist. Sätze und Ausdrücke, die immer wieder vorkommen und meist umso dämlicher sind. Im Englischen musste ich die erst lernen, aber mittlerweile steigt meine Sammlung kontinuierlich. Die erste Bingo-Phrase, die ich als solche wahrnahm und die zu mir jemand sagte, war „You’re very brave.“ Ich kannte den Satz aus diesem Film und musste deswegen unvermittelt laut lachen, was mein Gegenüber natürlich nicht verstand.

Seit gestern ziert auch die Formulierung „I really admire you“ meine Sammlung. Das war leicht, denn die kannte ich schon aus dem Deutschen. Meist wird die Bewunderung aber eben nicht für Dinge zum Ausdruck gebracht, die wirklich bewundernswert wären, sondern für normale alltägliche Dinge wie alleine einkaufen gehen, ins Kino gehen oder wie gestern den Rollstuhl ins Auto heben.

Nachdem mich immer öfter Leute fragen, ob ich „wheelchair bound“ bin, weiß ich, dass die unsägliche Formulierung „an den Rollstuhl gefesselt“ auch die englische Sprache heimgesucht hat.

Aber die meisten Bingospieler sind ältere Menschen, denen ich das nicht so richtig übel nehmen kann und beim Rest mache ich Witze.

Interessanter Wandschmuck

Ich war ja heute bei dem Kurs, den ich ja trotz einiger Unwegsamkeiten gebucht habe. Im Weiterbildungszentrum habe ich folgendes Dekorationsstück an der Wand entdeckt:

Plakat aus dem 2. Weltkrieg
Plakatkopie aus dem 2. Weltkrieg mit dem Schriftzug „Hitler will send no warning – always carry your gas mask

Don’t mention the war, habe ich nur gedacht…