Tag Archiv für Barrierefreiheit

Ungeduld

Wenn ich in der Innenstadt bin, fahre ich oft mit dem Bus 24 nach Westminster. Westminster ist eine der wenigen die einzige Station in Innenstadtnähe, die barrierefrei ist. Der Bus der Linie 24, der dort hin fährt, ist von vielen Touristen frequentiert. Gestern hatte ich einen wirklich sehr lustigen Busfahrer, der seine Fahrgäste gut im Griff hatte.

Als ich einstieg, befahl er den Leuten erstmal den Rollstuhlplatz frei zu machen – durch die Lautsprecheranlage. Beim Aussteigen sagte er, sie sollen die Tür frei machen. Manche Busfahrer lassen die Vordertür zum Einsteigen so lange geschlossen bis ich draußen bin, weil das mit der Rampe manchmal dauert und es wenig hilfreich ist, wenn die Horden in den Bus einfallen, wenn ich noch am Aussteigen bin. So auch gestern. Die Touristen vor dem Bus akzeptierten die Handzeichen des Busfahrers aber nicht, sondern hämmerten gegen die Tür. Ein ausgesprochen unbritisches Verhalten… Und was machte der Busfahrer? Er griff wieder zum Mikrofon und rief ihnen zu: „If you can’t wait, take a taxi.“

Rolle rückwärts

Ich behaupte ja, ganz gut Rollstuhl fahren zu können und ich nehme auch die ein oder andere Stufe mit. Als Jugendliche habe ich auch schon getestet, ob so ein Skateboardpark auch für Rollstühle geeignet ist. Aber auf die Idee, ein Backflip zu versuchen, bin ich nicht gekommen.
(Für alle die das Video unten nicht sehen können: Ein Rollstuhlfahrer springt über alle möglichen Hindernisse und macht am Ende eine Rolle rückwärts).

Diskriminierung im Urlaub und die Berichterstattung

Weil ihr behinderter Sohn Windeln trägt, wurde eine Familie von der Vermieterin einer Ferienwohnung auf Usedom wieder nach Hause geschickt. Das berichten Spiegel Online und andere.

Ich frage mich allerdings, warum ich bei meinen ehemaligen Kollegen bei dpa ohne Einordnung die Aussage der Vermieterin lese, Windeln gehörten nicht in den Hausmüll, sondern in den Sondermüll. Keine Einordnung, kein Widerspruch. Spiegel Online hat diese Aussage überprüft, als falsch dargestellt und nennt übrigens auch den Namen der Vermieterin.

Und dann steht in der Agenturmeldung noch die Regelung, dass Vermieter übermäßige Verschmutzung nicht dulden müssen. Diese Regelung hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Urlaub behinderter Menschen zu tun. Sie in Verbindung mit inkontinenten Urlaubern zu bringen, empfinde ich als diskriminierend. Behinderte Urlauber sind nicht dreckiger als andere, auch nicht solche, die inkontinent sind. Da reicht es nicht, dass man die Verbraucherzentrale NRW darauf hinweisen lässt, dass Windeln alleine kein Kündigungsgrund sind. Stattdessen fehlt in dem Artikel komplett, dass es sich um ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz handeln könnte.

Öfter mal was Neues

Nicht, dass Ihr denkt, ich habe die Lust verloren, über defekte Busrampen zu schreiben. Ich muss aber zur Ehrenrettung von Transport for London sagen, dass sich die Zahl der defekten Rampen stark reduziert hat in den letzten Wochen. Auf meiner Linie (Zufälle gibts!) wurden sogar die alten Rampen ersetzt.

Am Samstag (auf dem Weg zur Tour de France) ist mir aber mal was Neues passiert. Alle Busse in London sind dagegen gesichert, dass der Fahrer vergisst, die Rampe wieder einzufahren. Das Gas ist dann blockiert. Alle Busse? Nein, nicht alle Busse. Nicht der Bus der Linie 283, mit dem ich in die Innenstadt fahren wollte.

Bus mit defekter Rampe

Als der Bus mit viel Lärm am nächsten Bordstein hängen blieb, merkte auch der Fahrer, dass er vergessen hatte, die Rampe wieder einzufahren. Die Rampe war aus der Verankerung gerissen. Sie ließ sich natürlich auch nicht mehr einfahren und so musste der arme Fahrer seiner Zentrale beichten, dass er gerade richtig Mist gebaut hat. Es stand Gott sei Dank niemand sonst an der Haltestelle, dem man die Beine hätte wegsäbeln können. Eigentlich ist das ja ziemlich gefährlich mit so ner Rampe an der Seite durch die Gegend zu fahren.

Happy End DLA

Nach dem Besuch des Amtsarztes habe ich gestern den Bescheid bekommen. Ich bekomme Disablity Living Allowance. Ich muss sagen, das gefällt mir alles sehr gut hier, was die Regelungen für behinderte Menschen angeht. Nur dass sie für die Bewilligung mehr als fünf Monate brauchen, verstehe ich nicht. Aber nun gut.

Mit dem Bescheid bekam ich Informationen, was ich mit meinem neuen Status (ungefähr vergleichbar mit dem Schwerbehindertenstatus in Deutschland) weiterhin beantragen kann. Einen Parkausweis zum Beispiel oder ein Persönliches Budget, falls ich Assistenz benötige. Und das alles in einer wirklich einfachen Sprache. Zudem steht in dem Brief, wenn ich den Bescheid aus sprachlichen oder behinderungsbedingten Gründen nicht verstehe, solle ich eine Nummer anrufen, sie würden mir einen Dolmetscher zur Verfügung stellen und Assistenz. Wenn ich gegen den Bescheid Widerspruch einlegen möchte, kann ich mir beim nächsten Jobcentre ein Widerspruchspaket besorgen mit Informationen und einem Standardformular. Ich könne mich auch juristisch beraten lassen. Ich muss sagen, das finde ich alles ziemlich beeindruckend, wie bürgerfreundlich man so etwas gestalten kann.

Das ist kein Vergleich zu dem Prozedere in Deutschland. Das deutsche Formular (Beispiel Bayern, die anderen sehen ähnlich aus) ist schon für viele Menschen nicht zu verstehen. Oder wer hier weiß, welchen Grad der Behinderung er beantragen würde, wenn er, sagen wir, von der Leiter gefallen ist und nun dauerhaft gehbehindert bleibt? Und welches Merkzeichen hätten wir denn gerne? Das ist ein Formular, das aus Sicht der Behörde erstellt wurde, nicht aus Sicht der Bürger. Für das Merkzeichen aG muss man bestimmte Voraussetzungen erfüllen, was die Gehfähigkeit angeht. Warum fragen sie nicht einfach: Wieviele Meter können Sie ohne Hilfe gehen? Wie lange brauchen Sie, um 10 Meter zu gehen? Genau das waren die Fragen, die mir die britische Behörde gestellt hat. Sie hätten natürlich auch fragen können „Beantragen Sie den höchsten oder einen geringeren Satz?“. Higher rate bekommen nämlich nur Leute, die gar nicht gehen können oder nur sehr schlecht. Da gibt es bestimmte Grenzen. Aber muss ich die wirklich kennen?

Ich gehe jetzt mal meinen Parkausweis beantragen. Eines weiß ich aber jetzt schon: Die Regelungen für behinderte Autofahrer sind in Deutschland besser. Die innerstädtischen Distrikte von London haben sich nämlich der EU-weiten Regelung nicht angeschlossen, sondern lassen nur ihre eigenen Bürger profitieren. Das finde ich total bescheuert und ärgert mein europäisches Selbstverständnis. Das als Londonerin sowieso. Oder kann mir bitte mal einer erklären, warum ich in der Ladezone um die Oxford Street zwar parken darf, wenn ich in Camden wohne, aber nicht, wenn ich aus Ealing (mein Stadtteil) komme? Ich glaube, das gibt es sonst nirgendwo in der EU. Hier gibt es neben dem blauen europaweit gültigen Ausweis auch einen grünen, roten und weißen. Das ist für mich bislang die schwachsinnigste Regelung, die ich hier entdeckt habe. Auf Behindertenparkplätzen darf man aber überall parken – es gibt allerdings auch Behindertenparkplätze nur für Einheimische.

Kinder mit Behinderungen nicht unglücklicher als nicht behinderte

Die britische Zeitung „The Independent“ berichtet heute von einer wissenschaftlichen Studie, die ergab, dass Kinder mit Behinderungen nicht weniger glücklich sind als ihre Altersgenossen ohne Behinderung. Befragt wurden 500 Kinder mit Cerebralparese in sieben europäischen Ländern.

Die Studie ergab, dass die Kinder im Vergleich in allen Bereichen – darunter das psychologische Wohlbefinden, die Selbstwahrnehmung und das soziale Umfeld – genauso hohe Werte erzielten wie nicht behinderte Kinder. „The Lancet“ hat die Studie veröffentlicht, also nicht irgendeine Apothekenzeitschrift.

Nun frage ich mich, warum ich diese Meldung online bei deutschsprachigen Medien nirgendwo finde. Wo doch deutsche Wissenschaftsjournalisten normalerweise jedes Heilsversprechen und jede noch so kleine Studie, die mit Behinderung zu tun hat, in epischer Breite in ihren Blättern verkünden – auch wenn die Quelle eine Apothekenzeitschrift ist. Und ausgerechnet so eine Studie aus dem Lancet mit Kindern aus vielen Ländern Europas ist keine Zeile wert? Also die englischsprachigen Medien rund um den Globus, fanden die Studie druckreif.

Deutschland hängt an mir

Die Bundesregierung möchte von mir (und von allen anderen Auswanderern) wissen, warum ich ausgewandert bin und unter welchen Bedingungen ich wieder zurück käme. Das Bundeswirtschaftsministerium hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben. Ich habe den Fragebogen sehr gerne ausgefüllt.

Die vorgegeben Antworten lassen auch schon darauf schließen, dass sie wissen, wo die Probleme Deutschlands liegen.

Umfrage
Fragetext: Sie haben angegeben, dass Toleranz und Gestaltungsfreiheit ein ausschlaggebender Grund für Ihre Auswanderung darstellte. Im Umgang mit wem fehlte Ihnen Toleranz und Gestaltungsfreiheit? Frauen, Personen ausländischer Herkunft / Migranten, Behinderten, älteren Menschen, Kindern, Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung, Menschen wegen ihrer religiösen Orientierung, Menschen wegen ihrer politischen Orientierung, Sonstigen.

Interessant fand ich, dass in der Auswahlliste alle Gruppen als „Menschen“ bezeichnet werden. Nur die Menschen mit Behinderungen sind die „Behinderten“.

Wie Schumi zum Bus

Es war wieder die Haltestelle White City und wieder die gleiche Szene wie am Tag zuvor. Ich stehe gut sichtbar an der Haltestelle, halte meine Hand ausgestreckt in Richtung Straße und signalisiere dem Busfahrer deutlich, dass ich mitfahren will. Und es passiert, was am Tag zuvor auch passiert war: Der Busfahrer lässt mich ohne Kommentar stehen.

Ich bin fast geplatzt vor Wut. Aber Wut ist in solchen Situationen manchmal ganz gut. Ich wollte hinter dem Bus her, um mir die Nummer zu notieren. Ich bin wie eine Irre über den Bürgersteig gerast. Irgendwann hatte ich den Bus eingeholt. Es staute nämlich. An der nächsten Ampel musste er stehenbleiben und bin vorne an die Tür und habe den Fahrer durch die geschlossene Tür angeschrien und gefragt, warum er mich nicht mitnimmt. Warum er die Gesetze dieses Landes nicht befolgt. Ich habe ihm gesagt, ich werde ihn bei seinem Unternehmen melden. Ich werde dafür sorgen, dass er richtig Ärger kriegt. Ich war richtig sauer.

Dann habe ich mir gedacht: „Den Kampf gewinnst Du.“ Ich bin weiter gerast, bin vor dem Bus über die Straße und habe zeitgleich die nächste Bushaltestelle erreicht. In einer Wahnsinnsgeschwindigkeit…

Und siehe da. Der Fahrer hat die Rampe ausgefahren. Sofort. Ohne Diskussion. Ich war fix und fertig nach dem Sprint. Aber ich war im Bus. Ich hatte diesen Wettkampf gewonnen.

Gehörloser Sozialarbeiter tötet seinen behinderten Sohn

Heute mittag habe ich einen traurigen Artikel in der Times entdeckt: Ein gehörloser Sozialarbeiter mit deutschem Pass hat in Großbritannien seinen behinderten Sohn umgebracht. Das Kind war mehrfach behindert und hatte eine starke Form der Epilepsie, das so genannte West-Syndom. Der Mann war mit der Behinderung seines Sohnes wohl total überfordert. Nachdem er seinen Sohn umgebracht hatte, versuchte der Mann, sich selbst das Leben zu nehmen. Ihm droht jetzt eine lange Gefängnisstrafe, hat der Richter angekündigt. In Deutschland sind in den vergangenen Jahren bei ähnlichen Fällen sehr milde Urteile gesprochen wurden. Ich bin gespannt, welche Strafe der Mann bekommt, obwohl seine Schuldfähigkeit wohl eingeschränkt war, da er zum Zeitpunkt der Tat depressiv war.

Zwei auf einen Streich

Heute abend nach Feierabend hatte es endlich aufgehört zu regnen und ich beschloss nach Notting Hill zu fahren. Weil ich dem bewölkten Himmel doch nicht ganz traute, wollte ich mit dem Bus von White City nach Shepherds Bush fahren und dort in den Bus nach Notting Hill umsteigen.

Ein Bus der Linie 220 hielt. Es stiegen viele Leute aus, die in die U-Bahn wollten. Ich hatte dem Fahrer deutlich Handzeichen gegeben, dass ich mitfahren wollte, hatte aber von Anfang an das Gefühl, er ignoriert mich. Und tatsächlich, er machte keine Anstalten, die Rampe an der hinteren Tür auszufahren, sondern ließ stattdessen die Horden an Passagieren einsteigen. Dennoch wäre noch genug Platz für mich gewesen.

Ich versuchte also, Kontakt mit dem Fahrer aufzunehmen, stellte mich an die Vordertür und bat um die Rampe. Er murmelte irgendwas, zeigte auf die Hintertür und ich dachte, er fahre jetzt die Rampe aus. Aber dann passierte folgendes: Der Fahrer schloss die Tür und fuhr davon. Ich war stinksauer und wütend, schrieb mir aber geistesgegenwärtig die Busnummer auf.

Der nächste Bus kam. Diesmal die Linie 72, ein kleiner Bus. Der Fahrer versuchte, die Rampe auszufahren. Nichts passierte. Die Rampe war defekt. Ein Mann, der das Theater mit der 220 schon mitbekommen hatte, half mir in den Bus. Der Bürgersteig an der Haltestelle war zum Glück relativ hoch.

Ich ging was essen und schrieb unterdessen einen Beschwerdebrief an Transport for London. Ein Vorteil hat das ständige Beschwerdebriefe schreiben übrigens: Es trainiert mein Schriftenglisch enorm.

Als ich fertig gegessen und geschrieben hatte nahm ich den Bus zurück nach Shepherds Bush. Weil es unterdessen regnete, entschied ich mich, einmal mehr umzusteigen statt den direkten Bus zu nehmen, der erheblich weiter entfernt von meiner Wohnung hält. Auf der Umsteigelinie fahren nagelneue Busse, die Rampen sind super und ich war zuversichtlich, einigermaßen trocken zu Hause anzukommen.

Ich stieg aus dem modernen Gelenkbus aus und sah, dass ein paar hundert Meter hinter uns bereits die andere Linie fuhr. Die Umsteigezeit war also unter einer Minute, aber ich schaffte es. Die 266 kam, der Fahrer versuchte die Rampe auszufahren. Defekt… Und auch der Gelenkbus fuhr nicht von der Haltestelle weg. Stattdessen stiegen immer mehr Leute aus. Auch dort war die Rampe defekt. Sie ließ sich nicht mehr einfahren. Da standen sie nun: Zwei Busse an einer Haltestelle, beide mit defekten Rampen. Beide bewegungsunfähig. Das war neuer Rekord bei meinem Feldzug durch London.

Der Fahrer der 266 schaffte es, die Rampe wieder reinzuschieben. Der Bürgersteig war aber so niedrig, dass ich ohne Rampe nicht einsteigen konnte. Der Gelenkbus blockierte zudem die eigentliche (höhere) Haltestelle. Ich ließ die 266 weiterfahren und wartete auf die nächste. Der Gelenkbus stand dort immer noch als ich dann endlich mit der nächsten 266 nach Hause fuhr. Wie sagte Verkehrspolitiker Peter Hendy noch auf dem Kongress am Wochenende zu den Rollstuhlfahrern: „Be tolerant.“