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re:publica 2012

So, jetzt ist sie vorbei, die re:publica. Ich sitze im Flugzeug zurück nach London und versuche, die Eindrücke auf mich einwirken zu lassen. Mein Brainstorming:

  • Es war viel barrierefreier als in den letzten Jahren. Man kam auch als Rollstuhlfahrerin in jede Session – ja, es gab auch einen Lift nach oben (das haben mich ganz viele Leute gefragt). Und eine barrierefreie Toilette gab es auch. Man hätte sie vielleicht ausschildern sollen, aber es gab sie.
  • Dass sich Barrierefreiheit bemerkbar macht, wenn man sie herstellt, zeigte die Anzahl der Leute, die eine Behinderung hatten. Es gab mal Zeiten, da war ich die einzige Teilnehmerin mit einer (sichtbaren) Behinderung. Das ist definitiv nicht mehr so. Und das ist toll. So sieht Inklusion aus, wenn man sie möchte.
  • Während die Barrierefreiheit für Rollstuhlfahrer gut war, hatten die gehörlosen Teilnehmer mehr zu kämpfen. Ich fand gut, dass es Schriftdolmetscher gab. Die Qualität des Outputs lies aber zu Wünschen übrig, was sicher auch daran liegt, dass es diesen Beruf in Deutschland noch gar nicht so lange gibt und Übung natürlich auch dort den Meister macht.
  • Es gab aber nicht immer Schriftdolmetscher und viel zu wenig wurde in Gebärdensprache übersetzt. Eine Induktionsanlage für Schwerhörige und CI-Träger ist nicht nur richtig geekig, sondern sollte eigentlich bei jeder Konferenz Standard sein.
  • Klasse fand ich, dass es draußen am Grill einen Tisch zum Hinsetzen gab und keine Stehtische. Es gab sehr viele Sitzgelegenheiten. Das ist Barrierefreiheit XXL. Ich konnte mich so gut wie immer auf einer Augenhöhe mit Leuten unterhalten.
  • Ich fände toll, wenn das Thema Barrierefreiheit in Zukunft in Sessions behandelt wird, auf denen nicht das Label „Aktion Mensch“ klebt und nicht nur auf der hinterletzten Bühne. Dass ausgerechnet in der Session mit dem Regierungssprecher das Thema so prominent behandelt wurde, fand ich wiederum klasse.
  • Die Sessions selber fand ich mehrheitlich sehr gut. Ich nehme viele Anregungen mit. Zum Beispiel von der Session über die Blogger der EU, die sich mit EU-Politik befassen.
  • Den Vortrag von Sascha Lobo fand ich großes Kino wie immer. Weil der Vortrag sehr schlecht bzw. am Ende gar nicht geschriftdolmetscht wurde, habe ich für gehörlose Freunde auf meinem Laptop mitgeschrieben. Ich habe das noch nie gemacht. Ich kann sehr schnell tippen – Nachrichtenagentur lässt grüßen – und es hat besser geklappt als ich dachte. Ich bin sicher, es gibt noch mehr Leute, die das können. Vielleicht wäre das eine Anregung, um Konferenzen und Barcamps, die nicht so ein großes Budget haben, barrierefreier zu machen: Crowdsourcing zum Schriftdolmetschen.
  • Ich fand es zum Totlachen, dass ein Teilnehmer, der kleinwüchsig ist und im Rollstuhl sitzt, ständig für Raul Krauthausen gehalten wurde. Das war wirklich Realsatire. Ich frage mich, wie viele Rollstuhlfahrer täglich für Wolfgang Schäuble gehalten werden, weil sie den aus dem Fernsehen kennen. Ja, es gibt mehr von uns als man so glaubt.
  • Raul Krauthausen und Martin Habacher

  • Gelacht habe ich auch beim PoetrySpam. Laut. Und geweint vor Lachen habe ich auch. Danke sehr dafür! Das war großartig.
  • Ich möchte mich bei den Fernsehsendern bedanken, die nicht auf dem Gehweg zur re:publica geparkt haben und mich und andere nicht behinderten. Den anderen möchte ich sagen: Ich habe Euch durchschaut. Ihr wolltet testen, ob man auch mit einem Rollstuhl über ein Auto springen kann. Aber darauf falle ich nicht rein. Für solche Experimente habt Ihr ja jetzt Samuel Koch.

Was ich mir für die nächste re:publica sonst noch wünsche:

  • Mehr Internationalität. Ich glaube, dass es der deutschen Internetszene gut tun würde, sich mehr Impulse von außen zu holen.
  • Einen Geldautomat, an den ich auch ran komme. Das war der Geldautomat auf der re:publica:
    Geldautomat mit Treppe

    Sowas ist in Deutschland immer noch ein strukturelles Problem. Denn der nächste Automat am Anhalter Bahnhof war kaum besser zu erreichen:
    Geldautomat von unten, Display nicht erreichbar

    Das Display war vom Rollstuhl aus nicht zu sehen.

  • WLAN (okay, das wäre jetzt doch zu viel verlangt)

19 Kommentare

  1. […] Christiane vom Behindertenparkplatz hat ihre Eindrücke von der republica auch zusammengefasst. Ja, es gibt mehr von uns als ihr denkt. Mai 6th, 2012 in Fundstücke | tags: Barierrefreiheit, pr12, republica […]

  2. Sammelmappe sagt:

    Crowdsourcing zum Schriftdolmetschen – Das ist eigentlich die Idee!

  3. Andreas sagt:

    Schriftdolmetscher? Waren das tatsächlich Menschen? Ich habe das nur aus der Ferne gesehen und für eine Speech2Text-Nummer gehalten. War es nicht? Dann war es eine nette Geste aber im Grunde unbrauchbar, oder?

    Ausserdem: Ich verpasse seit gefühlt 7 Jahren die Gelegenheit, Dich auf einer #rp anzusprechen. Immer wenn ich Dich gesehen habe, warst Du in Gesprächen vertieft. Hab mir für #rp13 jetzt aber vorgenommen, zu warten und dann tatsächlich endlich mal Hallo zu sagen! :)

  4. Andreas, Menschen sind auf jeden Fall involviert gewesen. Es gibt ein paar (gute) Methoden, die aber alle nicht menschenfrei ablaufen. Warum die Qualität auf der #rp12 so wechselhaft und meist sehr schlecht war, werde ich in den nächsten Tagen mal herausfinden. Dann schreibe ich darüber..

  5. WLAN auf der Re:publica – und funktionieren soll’s auch noch? Boah und ich dachte, Du nimmst keine Drogen… *g* Immerhin war’s konsequent, das WLAN offen zu lassen – war ja auch so sicher.
    Aber um nicht nur zu meckern: Ich fand die Veranstaltung sehr gelungen, auch wenn die „alten Hasen“ meinten, das sei ja inzwischen sooo kommerziell geworden.

  6. Jeriko sagt:

    Für die Übersetzung hatten wir Verbavoice als Partner, die aus München raus den Livestream nahezu zeitgleich übersetzten und den Text zu uns zurück schickten, damit er auf der Leinwand erscheinen konnte. Zuschauer außerhalb der Konferenz hatten ein Interface von Verbavoice, über den sie den Text auch kriegen konnten.

    Könnte es vielleicht der Schnelligkeit geschuldet sein, dass die Qualität nicht ganz so gut war?

  7. Und wie bzw. mit was hat dich die re:publica inspiriert?

    Was nimmst du mit nach hause, das dein Leben / Arbeiten ein wenig verändern wird?

    Hast du an irgend einem Punkt MEHR ELAN bekommen, etwas Neues anzugehen – oder etwas Altes anders/besser zu maschen?

  8. … zu „machen“ sollte es natürlich heißen! :-)

  9. […] Behindertenparkplatz: re:publica 2012 […]

  10. […] uns waren weniger da, deswegen gleich schon einmal der Verweis auf die Berichte von Girls Can Blog, Behindertenparkplatz, i heart digital life, Journelle, Ninia LaGrande, Afrika Wissen Schaft, Anke Gröner, Milenskaya, […]

  11. Jeriko, der Schnelligkeit eher nicht. Aber ich melde mich, wenn ich mit den verbavoice-Leuten gesprochen habe.

  12. […] weitaus zugänglicheren Veranstaltungsort lag. Ähnliche Beobachtungen hat auch Christiane Link gemacht. #bbpBox_197749860273889280 a { text-decoration:none; color:#5CE014; […]

  13. Manu sagt:

    Danke für deine Eindrücke! Spannend, solche Veranstaltungen aus einer ganz anderen „Sicht“ zu erleben – definitiv eine Bereicherung!!

  14. […] hatte den Eindruck, dass dieses Mal doch recht viel umgesetzt worden ist (das kann sehr gut bei Christiane und bei Julia nachgelesen werden). Auch gab es im letzten Jahr keinen richtigen zentralen […]

  15. P. Ego sagt:

    Kann ich mich Manu nur anschließen, ist wirklich mal spannend, wenn man das ganze Leben aus einer anderen Sicht erlebt. Vor allem das mit den Geldautomaten, ist mir noch nie so aufgefallen, dass das für manche Leute ein Problem sein könnte. Und das gilt ja nicht nur für Geldautomaten. Daran sollte wirklich was verbessert werden.

  16. enyko sagt:

    Das ist doch der Geldautomat der Berliner Volksbank, die nennen ihn Zaster Laster und werben auch damit. Übrigens haben die eine Facebook Seite http://www.facebook.com/BerlinerVolksbank wo man sich darpber beschweren könnte

  17. Martin sagt:

    Die republica ist ja wirklich mal eine der schönsten Veranstaltungen für Blogger. Mir kommt es so vor ( ist es aber sicherlich auch ), dass Sie immer größer wird. Besonders interessant ist, dass man dort sehr viele Blogger mal persönlich kennenlernt. Ich finde die Atmosphäre sehr angenehm und die meisten sind sehr aufgeschlossen, wenn es um Diskussionen geht. Wohl eine der besten Veranstaltungen für Blogger!

  18. […] Doch auch sonst zeigte sich die re:publica nicht wirklich divers oder offen für unterschiedliche gesellschaftliche Positionen. Wenn ich mich in den Pausen einmal lange umschaute, war eines offensichtlich: Es ist eine unglaublich weiße Veranstaltung.  Wenigstens wurde dieses Jahr vermehrt auf Barriefreiheit geachtet, was aber vor allem an der Beteiligung von Aktion Mensch lag. Und perfekt geht natürlich auch anders. […]

  19. Michael sagt:

    Wow, danke für den tollen Bericht. Da wird einem erst bewusst, welch Hindernisse so vermeintlich normale Wege – wie zum Bsp. zum Geldautomaten – für manche Mitmenschen darstellen können. Ich persönlich find es super, dass du den Blog und damit die Möglichkeit, dich mitzuteilen zu fleißig nutzt. Denn nur durch solche „Aha Erlebnisse“ bleibt die Thematik in den Köpfen der Menschen ohne körperliche Beeinträchtigung hängen!