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Unhöflich aber nützlich

Ich sitze ja unterdessen hier in England in dem ein oder anderen Gremium. Manchmal hadere ich sehr mit der britischen Diskussionskultur. Während wir Deutschen ja oft und gerne auch mal ungefragt unsere Meinung kund tun und auch auf die Frage „Wie geht’s?“ in epischer Länge antworten, reden viele Briten tendenziell gerne erst einmal um den heißen Brei herum.

Ich gebe es offen zu: Ich glaube nicht, dass ich mich diesbezüglich jemals assimilieren werde. Mich macht es wahnsinnig, wenn es darum geht, irgendein verpfuschtes Bauprojekt schön zu reden, während der x-te Rollstuhlfahrer nicht ins Gebäude kommt, blinde Menschen sich den Kopf an der falsch geplanten Treppe stoßen oder gehörlose Menschen nicht an Informationen kommen. Ich sag das dann auch genauso und verlange Änderung. Am besten vorgestern. Das Gesetz habe ich sowieso fast immer auf meiner Seite.

Vor kurzem war ich wieder in solch einer Situation und bemerkte aus dem Augenwinkel, dass sich zwei der Anwesenden über mich in Gebärdensprache austauschten während ich sprach. Das ist zwar nicht besonders höflich, aber immerhin konnte ich verstehen, was sie gebärdeten – ich habe gerade meinen Pre-Level 3-Kurs in Britischer Gebärdensprache beendet. Das heißt, ich bin zwar noch nicht perfekt, kann aber einfacher Konversation folgen und teilnehmen.

Als ich fertig war mit Sprechen, mischte ich mich in die Diskussion in Gebärdensprache ein und wir konnten uns super absprechen, während die eigentliche Sitzung weiter lief. Ja, das war wieder nicht besonders höflich, aber irre effizient. Nur eine Person von uns Dreien war übrigens gehörlos.

Vor kurzem gab es am Oxford Circus Demonstrationen gegen die Sozialkürzungen der britischen Regierung. Einige Rollstuhlfahrer hatten sich aneinander gekettet und blockierten so die Zufahrt zur Regent Street – was zu einem ziemlich Chaos am Einkaufssamstag führte. Natürlich kam früher oder später die Polizei und versuchte, mit den Demonstranten zu verhandeln. Ich konnte im Fernsehen sehen, wie sich die (hörenden) Demonstranten in Gebärdensprache verständigten, wie sie weiter verfahren. Die Polizei verstand natürlich kein Wort.

Bei meiner Sitzung, auf der so hart gerungen wurde, waren alle Leute, die Gebärdensprache konnten, auf der Seite der Menschen mit Behinderungen. Es war die klassische Situation, in der behinderte Menschen auf der einen Seite versuchten, nicht behinderte Menschen auf der anderen Seite von ihren Forderungen zu überzeugen und sie zum Umsetzen zu bewegen. Klassische Lobbyarbeit also. Behindertenpolitischer Alltag. Und zumindest einen Teil der „einen Seite“ konnte sich noch während die Beratungen liefen abstimmen, ohne dass „die andere Seite“ es verstehen konnte oder der Ablauf gestört wurde. Das habe ich so noch nie erlebt, wird aber sicher nicht das letzte Mal sein. Es ist zwar irre unhöflich (aber hey, es geht um Politik!), aber es ist auch sehr nützlich und macht vor allem irre Spaß. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis „die andere Seite“ Gebärdensprache lernt.

14 Kommentare

  1. Martin sagt:

    Also ich hoffe, es dauert nicht allzu lange, bis die andere Seite auch Gebärdensprache lernt ;) Vielleicht hilft es ja beim Verständnis für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Es sollte meiner Meinung nach ohnehin selbstverständlich sein auf Forderungen einzugehen, die das Leben ein wenig leichter machen.

  2. Nina92 sagt:

    Könnt ihr Behinderten nicht einfach uns normale Menschen in Ruhe lassen?

  3. Matze sagt:

    Ich denke auch das sie bald einen Schritt machen und die Gebärdensprache lernen, denn wenn ich mir vorstelle das die ganze Zeit mein Verhandlungspartner vor mir in einer anderen „Sprache“ spricht dann würde ich mich bemühen wenigstens etwas zu lernen, um zu verstehen was die da vor mir reden. Aber für euch ist das ja der Vorteil wenn ihr während der Verhandlung miteinander sprechen könnt, ohne das es die andere „Seite“ mitbekommt. Total toll, weiter so!! :-)

  4. Manuel sagt:

    Das Kind eines Bekannten ist behindert, und dadurch werden wir automatisch in die Gebärdensprache eingeführt. Es ist wirklich spannend mitzuerleben wie Worte in Zeichen gefaßt werden. Es wäre wirklich von Vorteil wenn mehr Menschen diese Sprache erlernen würden.
    Gruß Manuel

  5. Es wird viel zu wenig an Menschen mit Behinderungen gedacht… Wir haben bei uns in der Firma auch erst letzten Jahr reagiert und alles umgebaut, aber wir haben es zumindest von uns aus gemacht!

  6. Andy sagt:

    Ich kann diese Sprache nicht muss aber immer andere Menschen bewundern, wie sie sich damit unterhalten. Für einen aussenstehenden ein echtes Highlight.

  7. KatjaM sagt:

    Also das find ich einfach toll, ich mein das du die Gebärdensprache lernst und dich dann auch wirklich traust sie anzuwenden obwohl du sie noch nicht „perfekt kannst“ ganz großen Respekt von mir. Sowas bewunder ich absolut !

  8. frankie sagt:

    Nice one!

    Ich lebe hier schon seit einiger Zeit, und ja, auch ich hasse die indirekte Art, um Probleme herumzulabern.

    Fuer meetings empfehle ich folgenden Satz: „You know, guys, I am a German….“ …..

    Darf man nicht zu oft sagen, wirkt aber, um einen ganzen Raum fuer 5 Minuten zu paralysieren.

  9. Tom sagt:

    Hallo Christiane,

    schreib doch mal etwas über Deine Erfahrungen und Beobachtungen was Menschen mit Handicap in der britischen Arbeitswelt angeht.

    Großbritannien wird gemeinhin als das neoliberalste Land unter allen Nationen Europas betrachtet in dem das Prinzip Hire and Fire gilt. Ich glaube aber, dass die britische Arbeitswelt keineswegs so knallhart ist wie oft gedacht wird.
    Wie siehts Du das?
    Tom

  10. Esther sagt:

    Unhöflichkeiten gibt es wohl auf beiden Seiten. :) Also was soll’s.

    Was ich unheimlich mag ist die Mimik, die oft mit Gebärdensprache einhergeht. Da fällt mir auf, wie wenig wir in Deutschland doch unsere Gesichtsmuskeln nutzen. Und wie wenig wir immer noch an sog. Schwächen denken. Das nur auf unser Erbe zu schieben ist manchmal wohl zu einfach – ist aber dadurch nicht (nur) falsch.

    Ich mag es, wie Du Dich einmischt.

    @Martin: Verständnis für Andere geht meiner Erfahrung nach immer mit Verständnis für sich selbst einher. Wir sind in diesem Lande wahrlich keine Meister des Mitgefühls. Weder für sich selbst und daher nicht für andere. Wer will da schon an solches „Gedöns“ erinnert werden?

  11. Marre sagt:

    Ich finde, die Gebärdensprache sollten generell viel mehr Menschen lernen. Denn auch,wenn man niemanden im Bekanntenkreis hat, der die Gebärdensprache nutzt, erweitert es doch sehr den Horizont, dnek ich.

  12. Hartmut sagt:

    Interessant dass hoerende britische Rollis Gebaerden benutzen, um mit Polizisten bei den Demonstrationen incommunicado zu machen. Ein alter Trick wenn eine taube Person von der Polizei wegen eines Vergehens gehalten wird. Taube Menschen denken manchmal, die Polizisten sind nur Vollstrecker der hoerenden, unterdrueckenden Macht, und muessen sich dagegen mit Waffen der Machtlosen wehren.

    In unseren Kreisen geht ein Witz umher: der taube Fahrer wird wegen Geschwindigkeitsvergehen gehalten. Er zeigt sich taub dem Polizisten in Gebaerden und er darf straflos weiter fahren, weil der Polizist hilflos gegenueber ihn ist. Der hoerende Mitfahrer staunt und nimmt sich vor, die gleiche „Ich kann nicht horen“-Geste zu benutzen, wenn er erwischt wird. Er wird erwischt und macht die gleiche Geste. Der Polizist aber ist ein CODA und gebaerdet daraufhin. Oh, Herrje, er ist doppelt erwischt.

  13. Hartmut sagt:

    Noch eines: ich habe nie erlebt, dass das oeffentliche Gebaerden als unhoeflich angesehen wird. Auch in U.K. als ich dreimal dort war. Nur in einem fuer taube Personen gerichteten Gottesdienste wird das als unhoeflich angesehen. Ich erlebte 1963 in einem katholischen Gottesdienst fuer taube Personen an der Victoria Station in London, wie jemand von den Sitz-Nachbarn geruegt wurde, beim Dienst zu gebarden, weil damit die Aufmerksamkeit auf den Stoerer weg von dem Priester gelenkt zu haben.

    Hatten nicht die tauben Teilnehmer der Anhoerung versucht, dir ihre Gedanken zuzugebaerden, die du dann in deiner Testimonie gebrauchen konntest? Das geschieht oft in meinen Auftreten in oefentlichen Gremien. Ich mit meinen tauben Augen erkenne ich den Unterschied zwischen einem Zuruf und privatem Gelaber. Das ist ein „Deaf Gain“: lautlose Zurufe werden von gebaerdenden Redner verwertet und in den Weiterfuehrungen eingebaut.

  14. War Machine sagt:

    Es muss doch bei der Polizei auch Beamte gehen, die Gebärdensprache verstehen? Wenn nicht, wird es höchste Zeit, dafür entsprechende Einheiten einzuführen. So ein Leck darf es nicht geben!