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Tag Archiv für Politik

Barrierefreie Kaffeesatzlesereien 2014

Inspiriert durch Thomas Knüwers Glaskugelige Kaffeesatzlesereien 2014 möchte ich mal ein paar Vorhersagen machen, was das Themen Barrierefreiheit und Behinderung 2014 angeht.

  • 1. Behinderung wird cool.

  • Ich beobachte schon seit einer ganzen Weile, dass Behinderung bei weitem nicht mehr das Negativ-Label hat, das es einmal hatte. Das zeigt sich in so nervigen Aussagen wie „Ansich ist ja jeder behindert.“ Manchmal habe ich das Gefühl, Leute fangen an, sich zu rechtfertigen, nicht behindert zu sein. Das ist natürlich völliger Quatsch, aber dennoch besser als dieser schamhafte Umgang aus den 80ern. Angesichts der Tatsache, dass Individualität ja auch gerade ziemlich hip ist, passt auch die Akzeptanz von Behinderung da gut rein. Wer will schon sein wie alle anderen?

  • 2. Die Cyborgs kommen. So what?

  • Dazu passt auch das Thema Cyborgs. Früher waren Prothesen etwas für Kriegsversehrte, jetzt sollen sie für alle da sein und angeblich will sie auch jeder. Ich hab da so meine Zweifel. Behinderte Menschen wird es immer geben, auch wenn sie sich jetzt Cyborgs nennen oder ein paar Nichtbehinderte meinen, ihr Handy mache sie schon zu einem Cyborg. So what? Ja, die Medien lieben das Thema, die Relevanz für behinderte Menschen ist allerdings ziemlich gering. Jedem die Schublade, in die er gerne passen möchte – zumindest so lange es nicht dazu führt, dass die Akzeptanz von behinderten Menschen darunter leidet. Wer glaubt, alle Behinderungen müssen und können mittels Technologie ausgerottet werden, ist alles andere als fortschrittlich, sondern allenfalls naiv.

  • 3. Für manche Airline wird es teuer, behinderte Menschen zu diskriminieren. Die anderen werden daraus lernen.

  • Oh, was freue ich mich auf dieses Urteil! Der Fluggesellschaft Easyjet droht 2014 in Frankreich eine Strafzahlung von 70.000 Euro, weil sie behinderte Kunden diskriminiert haben sollen. Ich prophezeie: Easyjet verliert auch in der letzten Instanz und muss zahlen.
    Es wird ein Ruck durch die Airlineindustrie gehen, die dann endlich merkt, dass auch behinderte Menschen Kunden sind und sie sich ihre Gäste nicht aussuchen können, jedenfalls nicht danach, ob die Kunden behindert sind oder nicht.

  • 4. Der Rollstuhlfahrer-Kinderwagen-Krieg in britischen Nahverkehrsbussen wird zugunsten der Rollstuhlfahrer entschieden.

  • Und auf noch ein Urteil freue ich mich. Ein britisches Gericht wird grundsätzlich entscheiden, ob Busgesellschaften die Rollstuhlplätze in Nahverkehrsbussen für Rollstuhlfahrer vorhalten müssen oder ob Busfahrer Rollstuhlfahrer abweisen können, wenn die Plätze durch nicht behinderte Fahrgäste, zum Beispiel Kinderwagen, genutzt werden. Ich prophezeie: Es wird zugunsten von Rollstuhlfahrern entschieden. Ein Urteil der Vorinstanz gibt es dazu schon. Das wird dazu führen, dass sich die britische Busindustrie endlich mal nach besseren Linienbussen umschaut und zwei Freiflächen einrichtet – eine für Rollstuhlfahrer und eine für Kinderwagen. Bis das passiert, werden Eltern ihren Buggy falten müssen oder aussteigen, wenn ein Rollstuhlfahrer kommt.

  • 5. Das soziale Modell von Behinderung kommt langsam immer mehr in Deutschland an.

  • Die Fortschritte bei der gleichberechtigten Teilhabe behinderter Menschen in Großbritannien sind vor allem auf das vorherrschende soziale Modell von Behinderung zurückzuführen. Behinderung wird als gesellschaftliche Aufgabe verstanden, nicht mehr als persönliches Schicksal, gegen das man wenig tun kann. Ich glaube, dass daran der Schlüssel liegt, Dinge in Deutschland für behinderte Menschen zu verändern und ich glaube, das soziale Modell von Behinderung wird immer mehr ins Bewusstsein der Menschen, auch der behinderten Menschen selbst, rücken.

  • 6. Auch behinderte Menschen, die Assistenz benötigen, dürfen künftig Geld verdienen.

  • Es gab eine sehr erfolgreiche Petition, es gab einen hervorragenden Beitrag von Panorama. Ich glaube, politisch ist der Status Quo, dass behinderte Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind, nur wenig verdienen können und nichts ansparen dürfen, nicht zu halten. Ich glaube, dass 2014 zumindest ein Gesetzentwurf auf den Weg gebracht wird, der das ändert.

  • 7. ARD und ZDF teilen mit, bis wann ihr gesamtes Programm untertitelt wird.

  • Bei einem Überschuss von 500 Millionen Euro an Rundfunkabgaben, ist es nicht zu verstehen, warum ARD und ZDF ihr Programm nicht endlich vollständig untertiteln. Mit dem Geld könnte man nicht nur untertiteln, sondern auch noch die Bildbeschreibungen für blinde Menschen massiv ausbauen. Zumindest sollten die Sender 2014 in der Lage sein mitzuteilen, bis wann sie die 100% Untertitel erreicht haben.

  • 8. Es wird mehr behinderte Menschen in ganz normalen Fernsehrollen geben.

  • Der Münsteraner Tatort macht es seit längerem vor. Der Tatort mit Nora Tschirner und Christian Ulmen hat es auch gezeigt. Die Lindenstraße kann es auch, wenn sie will: Es wird immer mehr sichtbar behinderte Menschen in ganz normalen Rollen geben. Das ist im britischen Fernsehen längst üblich und sollte auch in Deutschland bald normal werden. Der Tatort „Die fette Hoppe“ hat schon gut vorgelegt, aber da geht noch mehr.

  • 9. Sibylle Brandt wird neue Behindertenbeauftragte der Bundesregierung.

  • Keine Jahresvorschau 2014 ohne einen Tipp, wer Behindertenbeauftragte/r wird. Ich tippe auf Sibylle Brandt. In erster Linie weil Rolling Planet schon rumposaunt hat, es würde eine Frau von der SPD, aber sie dürften nicht sagen, wer. Rolling Planet sitzt in Bayern. Sibylle Brandt kommt aus Bayern und ist vom Netzwerk „Selbst Aktiv“ der SPD. Außerdem passt ihr Profil irgendwie zu dieser Regierung, finde ich.
    Sie hat einen Blindenführhund. Ich hoffe sehr, dass es dann endlich mal ein Assistenzhundegesetz in Deutschland geben wird, das zum einen die Ausbildungsqualität der Hunde absichert, aber auch das Abweisen von Assistenz- und Blindenführhunden unter Strafe stellt.

  • 10. SMS-Notruf startet in Deutschland flächendeckend.

  • Wer in Deutschland gehörlos ist und die Polizei oder Feuerwehr erreichen will, muss ein Fax schicken. Derzeit ist es nur in drei Bundesländern möglich, eine SMS im Notfall zu schicken. Die Bundesregierung hat schon x Mal zugesagt, das zu ändern, passiert ist nix. Das kann doch jetzt nicht noch einmal ein Jahr dauern, oder? Also, 2014 kommt der flächendeckende Notruf per SMS für gehörlose und sprachbehinderte Menschen.

Die Qual der Wahl

Am Donnerstag wird in Großbritannien gewählt. Und zum ersten (und hoffentlich letzten) Mal darf ich an einer Parlamentswahl nicht teilnehmen, obwohl ich in dem Land, in dem gewählt wird, Steuern zahlen. Naja, immerhin darf ich das Gemeindeparlament von Greenwich mitbestimmen. Meine Stimme kommt mir hier fast noch wichtiger vor als in Deutschland, weil die Wahlbeteiligung hier insbesondere bei Kommunalwahlen bedenklich schlecht ist. In unserem Wahlbezirk (Eltham South) lag die Wahlbeteiligung beim letzten Mal bei 40%.

Sehr interessant ist zu sehen, welche Rolle die Behindertenpolitik im Wahlkampf spielt. Das Magazin „Disability Now“ hat die Parteien zu ihrer Behindertenpolitik befragt. Alles in allem ist das alles sehr mau, was dort genannt wird.

Das ist ziemlich unverständlich, denn in einer Umfrage im April unter behinderten Wahlberechtigten gaben zwei Drittel der Befragten an, dass die Behindertenpolitik der Parteien ihre Wahlentscheidung maßgeblich beeinflussen würde.

Sehr interessant diesbezüglich war eine Posse, die sich letzte Woche ereignete. Der Spitzenkandidat der Konservativen, David Cameron, war in London auf einem Wahltermin. In der Näher hielt sich ein Vater mit seinem rollstuhlfahrenden Sohn auf, die eigentlich nur einen Krankenhaustermin wahrnehmen wollten. Das Wahlkampfteam von Cameron dachte sich wohl, es mache ein tolles Pressebild, wenn ihr Kandidat den behinderten Jungen trifft und fragte den Vater, ob er gemeinsam mit seinem Sohn mit Cameron sprechen wolle. Der Vater wollte, denn er hatte sich über die Politik der Konservativen zur schulischen Integration geärgert. Der Vater hatte lange darum gekämpft, seinen Sohn in eine Regelschule schicken zu können und ärgerte sich über eine Passage aus dem Wahlprogramm.

Was die konservativen Wahlkämpfer bekamen, war also kein herziges Wahlkampfbild, sondern ein Debatte auf allen Kanälen und in Zeitungen über die schulische Integration behinderter Kinder und die Politik der Torries – gemeinsam mit einem Bild, das alles andere als herzig aussieht.

Der Vater des Kindes ist zudem Chef eines recht bekannten ThinkTanks und ließ sich freudig und wortgewandt in jede Sendung schalten und trat massiv für die schulische Integration behinderter Kinder ein. So schnell kann ein Wahlprogramm ganz schön altmodisch aussehen.

Ich weiß immer noch nicht, was ich am Donnerstag wähle. Gestern rief die Labour-Partei an und fragte mich, wie wahrscheinlich es sei, dass ich am Donnerstag Labour wähle. Abwarten und Tee trinken!

Für mich wird interessant zu sehen, ob sie die Barrierefreiheit meines Wahllokals verbessert haben. Ich habe mich nach der Europawahl beim Wahlleiter der Gemeinde beschwert, weil der barrierefreie Eingang nach 18 Uhr geschlossen war und ich erst an die Scheibe im Hochpaterre klopfen musste, damit mir jemand aufmacht. Das Wahllokal hatte aber bis 22 Uhr geöffnet. Den E-Mails und den überschwänglichen Entschuldigungen nach zu urteilen, müsste es diesmal klappen.

Changing places

Es macht richtig Spaß zwischen Deutschland und England hin- und herzupendeln. Man entdeckt da Dinge, die in einem der Länder normal sind und im anderen nicht einmal angedacht sind – klimatisierte Busse zum Beispiel sind in London Mangelware, in Deutschland zumindest in den Städten, in denen ich in den letzten Monaten war, üblich. Hier fangen sie gerade erst an, sich über heiße Busse aufzuregen und zu überlegen, was man den tun könne und wie man sicherstellen kann, dass die Fahrer nicht aus Versehen auch noch die Heizung anmachen. Heute nachmittag lief dazu eine Talksendung im Radio. Nunja….
Dann wiederum gibt es hier Kampagnen, da denke ich, das wird es in Deutschland in 20 Jahren noch nicht geben. „Changing Places“ ist so ein Beispiel. „Changing Places“ setzt sich dafür ein, dass barrierefreie Toiletten auch für Menschen mit Mehrfachbehinderungen und anderen Bedürfnissen zugänglich sind. Das heißt, dass es einen Lifter gibt, Wickelmöglichkeiten, mehr Platz etc. In Deutschland wird immer noch darüber diskutiert, ob man hier und dort überhaupt eine Behindertentoilette braucht.
Die Kampagne macht darauf aufmerksam, dass Menschen mit Mehrfachbehinderungen derzeit teilweise auf dem Fußboden versorgt werden müssen, weil ansonsten kein Platz ist. Hier erzählen Leute von ihren Erfahrungen, wie sie mit der Situation umgehen und was es für sie bedeutet, wenn mehr Behindertentoiletten nicht nur auf den 08/15-Rollifahrer zugeschnitten wären. Es gibt auch eine Suchmöglichkeit nach Toiletten, die die Anforderungen bereits erfüllen.
Außerdem bin ich jedesmal begeistert, wie professionell solche Kampagnen hier durchgezogen werden. Hinter dieser steckt unter anderem die Organisation Mencap, die größte Organisation für Menschen mit Lernschwierigkeiten in Großbritannien.

Europameister im Aussortieren

DER SPIEGEL hat jahrzehntelang die deutsche Behindertenpolitik völlig ignoriert. Ich hatte vor ein paar Jahren mal das SPIEGEL-Archiv nach Artikeln zur Behindertenpolitik durchsucht und habe so gut wie nichts gefunden. Jetzt ist Anfang Januar ein Artikel erschienen, wie ich ihn noch nie in irgendeiner Zeitung oder in einem Magazin in Deutschland gelesen habe: Es geht um die systematische Ausgrenzung behinderter Menschen in Deutschland. Und er ist so gut und hintergründig geschrieben, dass ich dem SPIEGEL fast verzeihe, die letzten Jahre nichts dazu geschrieben zu haben. Besonders freue ich mich über einige Beispiele, die mir bekannt vorkamen *hüstel*.
Ulrike Demmer hat den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Nun hoffe ich sehr, dass der Artikel eine breite Debatte auslöst und vor allem die Damen und Herren Sonderpädagogen mal über ihre Zukunft und die Verantwortung ihres Berufsstandes nachdenken.
Der Artikel ist meines Erachtens einer der wichtigsten und ehrlichsten Artikel zur Situation behinderter Menschen in Deutschland, der in den letzten Jahren erschienen ist. Deutschland als „Europameister im Aussortieren“ zu bezeichnen ist mutig, aber ich fürchte, es trifft den Nagel auf den Kopf.

Durch die Teeküche zu Gordon Brown

Ich war vor kurzem das erste Mal in Number 10 Downing Street zu Gast. Anlass war der Besuch von Angela Merkel in London. Nach einem Treffen traten Gordon Brown und Angela Merkel vor die Presse in Number 10.

Eingang Downing Street Number 10

Ich hatte mich über die Deutsche Botschaft akkreditiert und man hatte mir versichert, ich käme zur Pressekonferenz. Ich wusste, dass das Gebäude sehr alt ist und viele Ebenen hat und die Pressekonferenz im 1. Stock sein sollte. Ich war also gespannt – nicht nur auf Gordon Brown und Angela Merkel – sondern vor allem, ob ich da überhaupt hinkommen werde.

Schon auf der Straße vor den Sicherheitsabsperrungen sprach mit ein Polizist an, ob ich Ms. Link sei. Er würde mich ins Gebäude geleiten. Ich ging nicht durch die Fußgängerschleuse und die Sicherheitskontrolle in die Downing Street, sondern man öffnete mir die Autozufahrt.

Vor Number 10 angekommen kamen die Sicherheitsleute auch gleich raus und legten zwei Rampen an den Eingang und in Windeseile stand ich also im Gebäude – aber ich war ja noch nicht im Saal.

Ein Mitarbeiter traegt die Rampen weg

Wir mussten unsere Handys abgeben und dann begleitete mich ein Mitarbeiter zum Fahrstuhl. Dieses altehrwürdige Gebäude hat tatsächlich einen nachgerüsteten Fahrstuhl. Der ist zwar winzig, aber ich passte rein. Im ersten Stock angekommen standen wir in einem schmalen Flur mit dicken Teppichen, wertvollem Dekor in durch und durch britischem Design. Und wir standen vor fünf Stufen. Aber es gab einen Treppenlift. Einen Treppenlift in einem schmalen Flur in diesem altehrwürdigen Haus. „Denkmalschutz“ kam mir in den Sinn, aber der Lift brachte mich auf die Ebene, auf der die Pressekonferenz stattfand und wo Gordon Brown und Angela Merkel gerade ihr Treffen hatten.

Treppenlift

Ein Mitarbeiter entschuldigte sich dafür, dass ich jetzt durch die Küche musste. Denn wir kamen nicht durch den Haupteingang in den Saal, sondern von hinten. In der winzigen Küche waren gerade viele helfende Hände dabei, die Küche aufzuräumen, nachdem sie wahrscheinlich gerade den Tee serviert hatten. Durch die Küche kamen wir in einen anderen Saal und standen dort vor zwei Flügeltüren. Der Mitarbeiter öffnete die Türen und wir fanden uns hinter den Rednerpulten wieder, hinter denen anschließend die beiden zur Presse sprechen würden. Vorbei an den Pulten kam ich in den Saal – ohne eine einzige Stufe und ich hatte auch gleich ein bisschen mehr von Number 10 gesehen.

Die Zugänglichkeit von Number 10 war übrigens bereits Thema einer Petition. Es wurde kritisiert, dass man auf mobile Rampen angewiesen ist, wenn man ins Gebäude möchte. Die Regierung hat mitgeteilt, die Entfernung der Stufe am Eingang und andere Maßnahmen zu prüfen.

Das Bundeskanzleramt in Berlin ist übrigens auch barrierefrei.

Update August 2011: Ich habe die Kommentare jetzt geschlossen, weil der Beitrag ziemlich zugespamt wird.

Behinderte Menschen in der DDR

Die taz hat ein sehr ausführliches Porträt über Matthias Vernaldi geschrieben, der in der DDR eine Kommune zusammen mit anderen behinderten Menschen gründete und von der Stasi überwacht wurde. IM war sein Arzt. Sehr lesenswert!

Fragen zur Bildung

Mir wurde ein Stöckchen zugeworfen. Dabei geht es Fragen zur Bildung, die ich gerne beantworte.

Was war deine schlechteste Zeugnisnote?
5 in Mathe. Immer mal wieder.

Welche Kompetenzen sollte Schule unbedingt vermitteln?
Die Fähigkeit, sich eine Meinung zu bilden, so mit These, Antithese und Fazit. Diese Fähigkeit ist enorm wichtig, um im Leben Situationen einzuschätzen und zu analysieren, nicht nur zur Meinungsbildung selbst. Ich hatte einen ziemlich guten Deutschunterricht diesbezüglich und das weiß ich heute sehr zu schätzen.

Welche Diskussion rund um das Thema Bildung fandest du in letzter Zeit spannend?
Die Diskussion über den Bericht des UN-Inspektors für den Menschenrechtsrat: Behinderte Schüler würden in Deutschland ausgegrenzt, Kinder aus ausländischen oder armen Familien benachteiligt.

Wissen bedeutet:
…sehr viel. Wie oft denkt man „Wenn ich das gewusst hätte…“ oder „Ich muss mich da mal schlau machen“. Und Wissen sichert einem den Zugang zu so vielen Dingen.

Was hat dich früher motiviert, jeden Tag in die Schule zu gehen?
Ich bin, zumindest die letzten Jahre, ziemlich gerne in die Schule gegangen. Es war einfach immer was los und ich hatte einen tollen Oberstufen-Jahrgang. Ich fand Schule immer ganz unterhaltsam. Und wenn es langweilig wurde, haben wir uns was überlegt, dass es lustiger wird.

Was macht für dich einen guten Lehrer aus?
Ein guter Lehrer tritt seinen Schülern erst einmal ohne Vorurteile gegenüber. Manche Lehrer haben schon Vorurteile bevor sie ein einziges Wort mit den Schülern gewechselt haben, weil der Kollege die Klasse nicht mag oder sie sich anders ein Bild gemacht haben, das nicht der Realität entspricht.

Was macht für dich einen schlechten Lehrer aus?
Einfallslosigkeit und mangelnde Kreativität.

Was ist deine liebste Figur aus Comic-, Trick-, Serien-, Literatur- oder Märchenwelt und warum?
Pippi Langstrumpf. Weil sie sich die Welt so macht, wie sie ihr gefällt und auch nicht so gut in Mathe war.

Wenn du Kultusminister wärst – was würdest du sofort ändern?
Ich würde in Deutschland alle Sonderschulen in der jetzigen Form abschaffen und stattdessen Stützpunkte errichten, die behinderte Schüler in Regelschulen unterstützen. Für die Kinder, die eine besondere Betreuung benötigen und auch mit Assistenz nicht in eine Regelschule gehen können, würde ich Gruppen in Regelschulen einrichten, damit sich die behinderten und nicht behinderten Kinder wenigstens in der Pause begegnen. Jede Regelschule müsste ein Konzept zur Integration behinderter Schüler vorlegen und ihre Einrichtungen entsprechend umbauen.

Was ist dein Schlusswort zu diesem Bildungsstöckchen?
Ich habe in letzter Zeit öfter darüber nachgedacht, wie wichtig die Schulbildung ist. Wenn mich die Briten zum Beispiel fragen, wieso so viele Deutschen Englisch können zum Beispiel. Wenn ich dann sage, dass heute jeder eine Fremdsprache in der Schule lernen muss, schauen sie mich erstaunt an. Da weiß ich schon zu schätzen, was ich in der Schule gelernt habe.

Ich gebe das Stöckchen mal an den Haltungsturner weiter.

75 Pfund in zwei Minuten verdient

Es gibt so Situationen im Leben, da weiß ich nicht, ob ich mich ärgern oder freuen soll. Und entscheide mich dann, beides zu tun. Heute habe ich mal wieder solch eine Situation erlebt. Ich hatte vor mehr als einer Woche eine E-Mail bekommen von einem Marktforschungsinstitut, die Jungunternehmer suchten für eine Befragung. Da die Herrschaften weder sagten, wer ihr Auftraggeber ist noch woher sie meine Adresse haben, habe ich die Mail kurzerhand gelöscht.

Ein paar Tage später riefen sie an und fragten, ob ich nicht doch an der Befragung teilnehmen wolle. Ich habe erst einmal gefragt, wer ihr Auftraggeber sei und woher sie meine Daten haben. Auftraggeber sei der britische Staat, sprich Businesslink. Daher haben sie auch meine Daten. Geld gebe es auch: 75 Pfund.

Ich muss sagen, ich lasse mich ja von niemandem so gerne befragen wie vom Staat. Da kann man politische Äußerungen tätigen und das nimmt dann jemand zu Protokoll.

Ich bin da also heute abend hingerast. Um 18 Uhr sollte es losgehen. Meine U-Bahn stand natürlich – wie immer, wenn man irgendwo pünktlich erscheinen will – ewig an einem Bahnhof und so musste ich ziemlich rumhetzen, um pünktlich zu sein. Ich kam auch noch pünktlich, der Eingang war ebenerdig, aber der Rest der Location war völlig vertreppt.

Auf meine Frage, ob sie einen barrierefreien Zugang hätten, erntete ich von dieser Tanja-Anja-Person nur ein Kopfschütteln und den Kommentar „Da wurden wohl die falschen Leute ausgesucht.“ „Nein, die falsche Location“, antwortete ich sichtlich genervt. Ich verlangte, ihren Manager zu sprechen. Der Manager ließ sich aber verleugnen und wollte nicht mit mir sprechen. Es geht doch nichts über souveräne Führungskräfte. Aber Tanja-Anja überreichte mir ein Kuvert und sagte, das Honorar bekäme ich dennoch. Nach zwei Minuten war ich wieder draußen und hatte 75 Pfund für nix bekommen. Und meine Meinung teile ich dem Auftraggeber jetzt auf dem Postwege mit, vor allem meine Meinung zu nicht barrierefreien Bürgerbefragungen.

Behinderte Menschen in den Medien

Ich beobachte, seit ich hier bin, wie die britischen Medien mit dem Thema Behinderung umgehen und bin beeindruckt. Ich gebe allerdings zu, ich ignoriere die Boulevardpresse völlig, was angesichts des umfangreichen Angebots guter Tageszeitungen nicht wirklich schwer ist.

Was mir dabei besonders auffällt ist, dass behinderte Menschen hier weit öfter selbst zu Wort kommen als ich das in Deutschland wahrgenommen habe. Und offensichtlich scheint es auch eine ausreichende Anzahl an Leuten zu geben, die man als Journalist befragen kann und die auch noch schlaue Sachen sagen. Die Verbände, so mein Eindruck, machen hier professionelle Pressearbeit, was in Deutschland ganz und gar nicht der Fall ist. Viele haben nicht einmal einen Presseverteiler.

Und behinderte Menschen beteiligen sich hier viel stärker an Diskussionen, so scheint mir. Artikel wie dieser erwecken bei mir diesen Eindruck. Und die Journalisten gehen anders mit den Leuten um. Zu dem Programm der Regierung zur Gleichstellung behinderter Menschen druckte der Guardian die Meinungen verschiedener Verbände und Lobbygruppen. Ich habe mir mal den Spaß erlaubt und nachgesehen, wie oft die taz in den letzten sechs Monaten über das Behindertengleichstellungsgesetz berichtet hat. Das Wort, seine Varianten und Abkürzung ergab keinen Treffer im Online-Archiv. Das Wort DDA findet sich im Guardian Online-Archiv fünf Mal seit Oktober. Insgesamt liefert die Suche sogar 86 Treffer.

Ich habe dennoch nicht den Eindruck, dass behinderte Menschen zu wenig in den deutschen Medien vorkommen. Die Frage ist, wie sie dargestellt werden und welche Themen behandelt werden. Wie schwer es ist in Deutschland mit einem behindertenpolitischen Thema in die Medien zu kommen, kann man gerade hier nachlesen.

Ein Traum

Man wacht morgens auf, geht an den Rechner und liest folgenden Meldung:

„Die Regierung wird heute einen Handlungsplan veröffentlichen, der das Leben von behinderten Menschen verändert wird. Das betrifft auch die Verbände, die von behinderten Menschen geleitet werden. Die ‚Strategie für ein Selbstbestimmtes Leben‘ soll die Verpflichtung der Regierung unterstreichen, behinderte Menschen darin zu unterstützen, Dinge zu tun, die für nicht behinderte Menschen selbstverständlich sind. Das Strategiepapier wurde gemeinsam mit behinderten Menschen erarbeitet und hat zum Ziel, ihnen mehr Wahlmöglichkeiten und Kontrolle über die Assistenz, die sie benötigen, zu geben und ihnen einen besseren Zugang zu Beschäftigung, Verkehr, Gesundheit und Wohnangeboten zu ermöglichen.“

Die Bundeskanzlerin, die diese Initiative unterstützt, sagte:

„Wir verpflichten uns, die Idee der gleichberechtigten Teilhabe behinderter Menschen bis 2025 umzusetzen. Es ist die Vorstellung eines Landes, in dem alle Bürger als gleichberechtigte Mitbürger respektiert werden und wo jeder die Möglichkeit hat, sein Potenzial frei zu entfalten.“

In Deutschland wäre das wahrscheinlich nur ein Traum. Hier ist mir das so passiert. Und wie der Plan der britischen Regierung aussieht und was Gordon Brown wirklich gesagt hat (ohne meine freie Übersetzung), kann man hier nachlesen.