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Tag Archiv für ARD

Die Angst vor dem eigenen Scoop

Ich habe seit gestern abend wirklich Schnappatmung. Es tut mir schon fast körperlich weh, mitanzusehen, wie der NDR seinem Scoop, ein „weltexklusives Interview“ mit Edward Snowden zu senden, so dermaßen vergeigt, dass ich mich frage, wer da eigentlich Entscheidungen trifft und mit welchem Einfluss.

Ein Sender, in dem Sendungen wie extra3 und ZAPP laufen, bekommt bei einem exklusiven Snowden-Interview plötzlich kalte Füße oder ist einfach nur zu doof, damit richtig umzugehen? Er sendet es nur in Deutsch, der Livestream in den Tagesthemen wird unterbrochen, wenn Snowden-Ausschnitte laufen, ein Geoblocking verhindert, dass das Interview außerhalb Deutschlands gesehen werden kann. Und das alles, weil der NDR hofft, 3,50 Euro mit Verwertungsrechten im Ausland zu verdienen?

Weiße Fläche statt Snowden

So sieht die NDR-Seite aus dem Ausland aus. Andere Angebote kann ich übrigens anschauen, nur dieses eben nicht. Ja, ich weiß, dass es Proxies gibt, aber darum geht es mir nicht.

NDR-Seite mit leerem Videobereich

Kommunikation der Bürokratie

Und dann die Kommunikation! Erst wird behauptet, man habe die Rechte nicht. Nein, die hat eine 100%-ige Tochter der Tochter des NDR. Dann gibt man endlich die englische Version frei, damit die deutschen Bürger ihre in der Schule hart erworbenen Englischkenntnisse auch mal anwenden können, aber im Ausland darf man den Film auf dem ARD/NDR-Angebot immer noch nicht sehen. Auch auf YouTube ist alles geblockt – bis ein paar wahre Freunde der Informationsfreiheit es einfach ohne Geoblockierung online stellen und eine rechtliche Verfolgung riskieren. Die Bürger als Hüter der Medienfreiheit – während ein öffentlich-rechtlicher Sender sich lieber um seine Verwertungsrechte im Ausland sorgt für ein Interview, das man nach der Erstausstrahlung sowieso nur noch wie Sauerbier los wird, wenn man es nicht zeitgleich verkauft hat.

Also geht es wirklich nur um alberne Lizenzen oder hatte man am Ende doch Angst vor dem eigenen Scoop? Gab es doch politische Gründe für das ziemlich misslungene Prozedere?

Es nutzt nichts, die Presse- und Rundfunkfreiheit im Grundgesetz stehen zu haben. Es bedarf auch Journalisten und Fernsehmachern, die wissen, wie man mit dieser Freiheit umgeht. Ein Snowden-Interview ist keine Derrick-Folge, die man gerne noch ans schwedische Fernsehen verticken möchte, sondern ein solches Interview hat eine politische Dimension, die nicht nur für deutsche Fernsehzuschauer interessant ist, sondern weltweit von Interesse ist.

Warum sollen die Briten nicht erfahren dürfen, wie das mit dem gegenseitigen Abhören der eigenen Bürger funktioniert? Weil Channel4 die Rechte kaufen könnte, was sie dann aber doch nicht machen?

Ja, die Briten haben nicht so eine tolle Verfassung wie die Deutschen, deshalb scheut sich ihr Premierminister in einer Parlamentsdebatte auch nicht, Journalisten, die weiterhin Snowden-Material veröffentlichen, schamlos mit rechtlichen Schritten. Deshalb gibt es hier auch so etwas wie eine DA-Notice, in denen die Regierung, der Presse „nahelegt“, was sie denn bitte nicht zu schreiben hat. Und – Überraschung! – seit 2013 gibt es eine DA-Notice zu PRISM und der britischen Beteiligung daran.

Im Lizenzdschungel oder was?

Mir fallen viele Gründe ein, warum die weltweite Verbreitung des Interviews politisch nicht gewollt ist. Ich hoffe für die ARD und den NDR, dass sie sich einfach in ihrer Lizenzbürokratie verfangen haben und es keine politische Einflussnahme gab. Vielleicht sollte man mal anfangen zu überlegen, wie sie aus ihrem Tochterfirmen-Dschungel wieder rauskommen, damit so etwas nicht noch einmal passiert.

Ja, die Bürger in UK, USA, China und sonst wo haben keine deutschen Fernsehgebühren bezahlt, aber ich bin mir sehr sicher, dass die Mehrheit der Bürger, die sie bezahlt haben, in diesem Fall sehr gerne gesehen hätte, dass mit ihrem Geld mehr Menschen erreicht werden als nur die, die zwischen Kiel und München wohnen.

Barrierefreie Kaffeesatzlesereien 2014

Inspiriert durch Thomas Knüwers Glaskugelige Kaffeesatzlesereien 2014 möchte ich mal ein paar Vorhersagen machen, was das Themen Barrierefreiheit und Behinderung 2014 angeht.

  • 1. Behinderung wird cool.

  • Ich beobachte schon seit einer ganzen Weile, dass Behinderung bei weitem nicht mehr das Negativ-Label hat, das es einmal hatte. Das zeigt sich in so nervigen Aussagen wie „Ansich ist ja jeder behindert.“ Manchmal habe ich das Gefühl, Leute fangen an, sich zu rechtfertigen, nicht behindert zu sein. Das ist natürlich völliger Quatsch, aber dennoch besser als dieser schamhafte Umgang aus den 80ern. Angesichts der Tatsache, dass Individualität ja auch gerade ziemlich hip ist, passt auch die Akzeptanz von Behinderung da gut rein. Wer will schon sein wie alle anderen?

  • 2. Die Cyborgs kommen. So what?

  • Dazu passt auch das Thema Cyborgs. Früher waren Prothesen etwas für Kriegsversehrte, jetzt sollen sie für alle da sein und angeblich will sie auch jeder. Ich hab da so meine Zweifel. Behinderte Menschen wird es immer geben, auch wenn sie sich jetzt Cyborgs nennen oder ein paar Nichtbehinderte meinen, ihr Handy mache sie schon zu einem Cyborg. So what? Ja, die Medien lieben das Thema, die Relevanz für behinderte Menschen ist allerdings ziemlich gering. Jedem die Schublade, in die er gerne passen möchte – zumindest so lange es nicht dazu führt, dass die Akzeptanz von behinderten Menschen darunter leidet. Wer glaubt, alle Behinderungen müssen und können mittels Technologie ausgerottet werden, ist alles andere als fortschrittlich, sondern allenfalls naiv.

  • 3. Für manche Airline wird es teuer, behinderte Menschen zu diskriminieren. Die anderen werden daraus lernen.

  • Oh, was freue ich mich auf dieses Urteil! Der Fluggesellschaft Easyjet droht 2014 in Frankreich eine Strafzahlung von 70.000 Euro, weil sie behinderte Kunden diskriminiert haben sollen. Ich prophezeie: Easyjet verliert auch in der letzten Instanz und muss zahlen.
    Es wird ein Ruck durch die Airlineindustrie gehen, die dann endlich merkt, dass auch behinderte Menschen Kunden sind und sie sich ihre Gäste nicht aussuchen können, jedenfalls nicht danach, ob die Kunden behindert sind oder nicht.

  • 4. Der Rollstuhlfahrer-Kinderwagen-Krieg in britischen Nahverkehrsbussen wird zugunsten der Rollstuhlfahrer entschieden.

  • Und auf noch ein Urteil freue ich mich. Ein britisches Gericht wird grundsätzlich entscheiden, ob Busgesellschaften die Rollstuhlplätze in Nahverkehrsbussen für Rollstuhlfahrer vorhalten müssen oder ob Busfahrer Rollstuhlfahrer abweisen können, wenn die Plätze durch nicht behinderte Fahrgäste, zum Beispiel Kinderwagen, genutzt werden. Ich prophezeie: Es wird zugunsten von Rollstuhlfahrern entschieden. Ein Urteil der Vorinstanz gibt es dazu schon. Das wird dazu führen, dass sich die britische Busindustrie endlich mal nach besseren Linienbussen umschaut und zwei Freiflächen einrichtet – eine für Rollstuhlfahrer und eine für Kinderwagen. Bis das passiert, werden Eltern ihren Buggy falten müssen oder aussteigen, wenn ein Rollstuhlfahrer kommt.

  • 5. Das soziale Modell von Behinderung kommt langsam immer mehr in Deutschland an.

  • Die Fortschritte bei der gleichberechtigten Teilhabe behinderter Menschen in Großbritannien sind vor allem auf das vorherrschende soziale Modell von Behinderung zurückzuführen. Behinderung wird als gesellschaftliche Aufgabe verstanden, nicht mehr als persönliches Schicksal, gegen das man wenig tun kann. Ich glaube, dass daran der Schlüssel liegt, Dinge in Deutschland für behinderte Menschen zu verändern und ich glaube, das soziale Modell von Behinderung wird immer mehr ins Bewusstsein der Menschen, auch der behinderten Menschen selbst, rücken.

  • 6. Auch behinderte Menschen, die Assistenz benötigen, dürfen künftig Geld verdienen.

  • Es gab eine sehr erfolgreiche Petition, es gab einen hervorragenden Beitrag von Panorama. Ich glaube, politisch ist der Status Quo, dass behinderte Menschen, die auf Assistenz angewiesen sind, nur wenig verdienen können und nichts ansparen dürfen, nicht zu halten. Ich glaube, dass 2014 zumindest ein Gesetzentwurf auf den Weg gebracht wird, der das ändert.

  • 7. ARD und ZDF teilen mit, bis wann ihr gesamtes Programm untertitelt wird.

  • Bei einem Überschuss von 500 Millionen Euro an Rundfunkabgaben, ist es nicht zu verstehen, warum ARD und ZDF ihr Programm nicht endlich vollständig untertiteln. Mit dem Geld könnte man nicht nur untertiteln, sondern auch noch die Bildbeschreibungen für blinde Menschen massiv ausbauen. Zumindest sollten die Sender 2014 in der Lage sein mitzuteilen, bis wann sie die 100% Untertitel erreicht haben.

  • 8. Es wird mehr behinderte Menschen in ganz normalen Fernsehrollen geben.

  • Der Münsteraner Tatort macht es seit längerem vor. Der Tatort mit Nora Tschirner und Christian Ulmen hat es auch gezeigt. Die Lindenstraße kann es auch, wenn sie will: Es wird immer mehr sichtbar behinderte Menschen in ganz normalen Rollen geben. Das ist im britischen Fernsehen längst üblich und sollte auch in Deutschland bald normal werden. Der Tatort „Die fette Hoppe“ hat schon gut vorgelegt, aber da geht noch mehr.

  • 9. Sibylle Brandt wird neue Behindertenbeauftragte der Bundesregierung.

  • Keine Jahresvorschau 2014 ohne einen Tipp, wer Behindertenbeauftragte/r wird. Ich tippe auf Sibylle Brandt. In erster Linie weil Rolling Planet schon rumposaunt hat, es würde eine Frau von der SPD, aber sie dürften nicht sagen, wer. Rolling Planet sitzt in Bayern. Sibylle Brandt kommt aus Bayern und ist vom Netzwerk „Selbst Aktiv“ der SPD. Außerdem passt ihr Profil irgendwie zu dieser Regierung, finde ich.
    Sie hat einen Blindenführhund. Ich hoffe sehr, dass es dann endlich mal ein Assistenzhundegesetz in Deutschland geben wird, das zum einen die Ausbildungsqualität der Hunde absichert, aber auch das Abweisen von Assistenz- und Blindenführhunden unter Strafe stellt.

  • 10. SMS-Notruf startet in Deutschland flächendeckend.

  • Wer in Deutschland gehörlos ist und die Polizei oder Feuerwehr erreichen will, muss ein Fax schicken. Derzeit ist es nur in drei Bundesländern möglich, eine SMS im Notfall zu schicken. Die Bundesregierung hat schon x Mal zugesagt, das zu ändern, passiert ist nix. Das kann doch jetzt nicht noch einmal ein Jahr dauern, oder? Also, 2014 kommt der flächendeckende Notruf per SMS für gehörlose und sprachbehinderte Menschen.

Anne Will und die Untertitel

Anne Will wird ab Januar mit Untertiteln ausgestrahlt. Als ich das gelesen habe, war ich ein wenig überrascht. Ich dachte nämlich, das sei längst der Fall. Ist immerhin einer der wichtigsten Talk-Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Nur mal zum Vergleich: Die BBC wird bis April 2008 ihr gesamtes Programm untertiteln. Dafür zahlen hier im Gegensatz zu Deutschland auch gehörlose Menschen die TV Licence Fee und sind nicht befreit. 95 Prozent des Programms von BBC One und BBC Two ist bereits untertitelt. 80 Prozent des Programms von BBC Three, BBC Four, CBBC, CBeebies and BBC News 24 wird bereits mit Untertiteln angeboten. Hier ist mal eine Liste, was BBC diese Woche untertitelt.

Das ZDF untertitelt derzeit 25 Prozent seines Programms (Stand: Juni 2007). Über die ARD habe ich sehr unterschiedliche Angaben gefunden, die aber alle weit entfernt davon sind, was BBC anbietet.

Sehr lesenswert ist zu dem Thema ein Dokument des Landtages in Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2006, das sich unter anderem mit dem NDR (3. Programm) befasst. Es wird der NDR zitiert: „Der Anteil des barrierefrei ausgestrahlten Fernsehprogramms werde sich in Zukunft von ca. 5,7 auf ca. 12 % erhöhen.“ Weiter heißt es in dem Bericht: „Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten (…) hat eine aktuelle zweiwöchige Stichprobe ergeben, dass der NDR 1.330 untertitelte Sendeminuten ausgestrahlt habe, was einem Anteil von etwa 7 % entspreche. Rechne man allerdings Wiederholungen heraus, sinke der Anteil auf 0,3 %. Denn der NDR untertitele als einzige aktuelle Sendung das Wissensmagazin „Plietsch“ (jeden Donnerstag um 18.15 Uhr, Dauer: 30 Minuten).“

Kampf ums Augenlicht

Ich habe gerade ARD Exclusiv „Kampf ums Augenlicht“ gesehen. Die Reportage zeigt wie Leuten mit Retinitis Pigmentosa erstmalig Chips ins Auge eingesetzt werden, in der Hoffnung, sie wieder sehend zu machen. Surprise, surprise, am Ende des Filmes sieht natürlich keiner der Probanden. Nur einer kann eine Lichtquelle orten. Das ist aber etwas, was viele Leute mit RP noch können: Hell und dunkel von einander unterscheiden und Lichtquellen finden. Eine Information, die in dem Film schlicht und einfach fehlt. War das nun also der Chip oder konnte das der Proband sowieso?

Der Film ist nichts für schwache Nerven. Da wird genau gezeigt, wie ein Kabel zwischen Ohr und Auge verlegt wird und wie das Auge aufgeschnitten wird, um den Chip einzusetzen. Auch dass es den Probanden nach der OP nicht so besonders geht, wird gezeigt. Einer hat ein riesiges blutunterlaufenes Auge wie nach einem Boxkampf. Während des Filmes verlässt einen dann auch noch die Freundin. Überhaupt sind das ziemliche Strapazen, die die Leute da auf sich nehmen. Das Prozedere dauert Wochen und ich frage mich, ob die denn psychologisch betreut wurden während des ganzen Theaters. Auch die Familien? Ich glaube, sogar der Autor des Films hat am Anfang geglaubt, von einer Heilung berichten zu können. Im Film kippt das dann aber. Die Ärzte haben den Leuten Hoffnungen gemacht, die sie nicht erfüllen können – und wenn ich mal eine Prognose abgeben darf, auch nicht werden. Alle zwei Jahre, wenn die Fördergelder wieder auslaufen, wird das Thema Retina Implant in den Medien gehypt. Die EU hat bereits 10 Millionen Euro in das Projekt gesteckt. Davon hätte man ganz Deutschland mit Blindenampeln ausstatten können, an besseren Orientierungssystemen arbeiten können oder was auch immer. Ich bin wirklich nicht technologiefeindlich, aber ich glaube die sind einfach auf dem Holzweg.

Die Sendung wird am Montag um 18 Uhr auf 3sat wiederholt.

(Nicht behinderte) Kinder sind Zukunft

In der ARD-Themenwoche „Kinder sind Zukunft“ geht es in erster Linie um nicht behinderte Kinder. Behinderte Kinder werden zu unmöglichen Sendezeiten und / oder in Wiederholungen abgefrühstückt. Moni hat dem RBB-Rundfunkrat in einem ausführlichen Brief mitgeteilt, was sie als Mutter eines behinderten Kindes davon hält. Sehr lesenwert!

So lange bei diesen Planungssitzungen nicht mehr behinderte Journalisten sitzen, wird sich daran nichts ändern. Und da nutzt es auch nichts, auf die Schwerbehindertenquote der Öffentlich-Rechtlichen zu verweisen. Die Poststelle, die Verwaltung und die Kantine entscheiden nun mal nicht über den Programminhalt. Die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland müssten dringend mal etwas für die Vielfalt ihrer Belegschaft tun. Und das betrifft nicht nur behinderte Menschen.

Stattdessen haben ARD und ZDF aber im November 2006 eine gemeinsame Medienakademie gegründet – unter anderem finden die Schulungen in nicht barrierefreien Räumlichkeiten in Wiesbaden statt. So wird das nix mit der Vielfalt.

Auswandern

Beim SWR kann man einen super Radiobeitrag zum Thema Auswandern anhören. Ich kann übrigens nur begrüßen, dass ARD und ZDF immer mehr Beiträge online stellen. Ich fühle mich so nämlich gut über Deutschland informiert, seit ich endlich – dank Breitbandinternet – abends Tagesschau und Heute sehen kann. Ich würde sogar dafür bezahlen, liebe Intendanten. Nicht riesiege Summen, aber ne monatliche Abogebühr wäre es mir wert.

Glückwunsch, Nachtmagazin

Eben habe ich im Nachtmagazin der ARD einen Bericht über die Fußball-Weltmeisterschaft der Menschen mit Behinderung gesehen. Hat mir ziemlich gut gefallen: Der Sport stand im Vordergrund, die Spieler wurden interviewt, Guildo Horn sagte, er sei da weil er guten Fußball sehen will, das habe für ihn nichts karitatives, die Stimmung kam rüber und es wurde berichtet, wie man über ein Fußballspiel eben so berichtet. Kommt ja leider nicht so oft vor, dass in Deutschland so über Menschen mit Behinderungen berichtet wird, deshalb finde ich das erwähnenswert. Die ARD hat sogar eine eigene Seite zur WM. Sehr löblich! Beim ZDF finde ich online nur eine Mini-Meldung, in der schlicht und einfach vergessen wurde die Protagonisten, nämlich die Spieler selbst, zu befragen. Schweres journalistisches Foul! Beobachte ich aber auch öfter. Wenn in Hamburg über behinderte Bettler gestritten wird, ist die Bischöfin scheinbar eine bessere Interviewpartnerin als jemand, der selbst behindert und vielleicht Jurist ist. Und wenn man über die WM schreibt, vergessen manche Journalisten offensichtlich auch die Spieler zu befragen. Ich könnte jetzt viel dazu schreiben, was die Ursache dafür ist.

Eines stört mich aber auch bei der ARD: Die Sprache auf der dazugehörigen Webseite. Während der Fernsehbeitrag sprachlich und auch sonst völlig in Ordnung war und mir Spaß gemacht hat, ist das online leider nicht durchgehalten worden. Schon in der URL steht Behinderten-WM. Dann im Text wieder Behinderten-WM, Behinderten-Elf, Behinderten-Team, Behinderten-Nationalmannschaft…

Ich freue mich auch schon auf die Nichtbehinderten-EM. ;-) Mit dem Nichtbehinderten-Team, der Nichtbehinderten-Nationalmannschaft, der Nichtbehinderten-Elf. Sorry, Substantive sind einfach hässlich.

Maischberger

Moni hat Maischberger gesehen. Ich jetzt auch – online. Das, was Moni mit Kälte beschreibt, ist mir schon öfter in dieser Sendung aufgefallen. Und die Kälte hat eine Ursache: die Moderation.

Ich bin Peter Radtke sehr dankbar dafür, dass er in der Mitte der Sendung sagte, dass ihm die „Ausrichtung der Sendung Magenschmerzen“ bereite. Es solle die Botschaft rüberkommen, dass in Deutschland alles so schlecht sei (weil die PID verboten ist, es keine Leihmütter gebe etc.). Die ganze Sendung ist ein oberflächliches Gelaber, die am Ende damit getoppt wird, dass irgendein Klonwissenschaftler verkündet, in drei Jahren könne man Querschnittlähmung heilen. Ich bin in solchen Momenten immer sehr froh, dass ich blogge, dann vergisst man solche Aussagen so schnell nicht – ich komme in drei Jahren nochmal darauf zurück. Diese Heilsversprechen höre ich übrigens schon seit ich denken kann. Darüber rege ich mich nicht mehr auf. Wer sowas glaubt, ist selber schuld.

Was mich viel mehr belastet, sind sind die Stimmungen, die auch schon Moni beschrieb. Da verweist Frau Maischberger auf das gesunde Kind, das fröhlich hinter der Bühne ist, spricht von „genetisch gesund“ und gegenüber Peter Radtke „vom gesunden Standpunkt aus“ – sie meinte, wohl aus der Perspektive von nicht behinderten Menschen. Großartig fand ich, dass sich Radtke dagegen wehrt, wie die ARD ihn ihm Videotext (und auch immer noch online) darstellt. Dort steht, dass er an seiner Behinderung leide. Eine Formulierung, die ganz oben auf den Index deutscher Redaktionen gehört. So lange nicht selber jemand sagt, er leide unter seiner Behinderung, ist es einfach anmaßend und falsch so etwas zu behaupten. Die Mehrheit der behinderten Menschen, die ich kenne, leidet nicht unter ihrer Behinderung. Die leiden eher darunter, dass ihnen jemand unterstellt, sie würden leiden.

Und noch etwas ist mir aufgefallen: Bei Maischberger wurde behindert mit „nicht gesund“ gleichgesetzt, Krankheit mit Behinderung. Alles rein in den Topf. Keine Differenzierung. Nix. Und der Gynäkologe verweist dann noch darauf, dass die Ärztekammer ein Papier in der Schublade habe, das vorschlage, die PID in Grenzen zuzulassen. Bedingung: Schwere Krankheiten (was heißt „schwer“ und meinte er nicht doch Behinderungen?), die nicht therapierbar sind. Die Mehrheit der Behinderungen sind nicht therapierbar. Es würde die PID für die meisten Behinderungen zulassen.

Die Befürworter der PID argumentieren immer, mit Menschen mit Behinderungen, die bereits leben, habe die Diskussion nichts zu tun. Das sehe ich ganz anders, obwohl ich nicht mal eine genetisch bedingte Behinderung habe. Es weht uns ein Wind derzeit entgegen, den muss man erstmal aushalten. Frau Maischberger pustet mit so einer Sendung ganz schön mit. Da wird über das Wert des Lebens mit Behinderung diskutiert. Der gesellschaftliche Druck, habe das Leben so schwer gemacht, wie die Mutter der beiden behinderten Kinder und einem nicht behinderten Kind dank PID in der Sendung sagte. Ja, der gesellschaftliche Druck auf Eltern ist groß, bitte kein behindertes Kind auf die Welt zu bringen und schon gar kein zweites. Sendungen wie Maischberger bauen den mit auf. Aber wenn das das Argument sein soll, keine behinderten Kinder mehr zu bekommen… Es gibt noch ganz andere Gruppen, die im „Supermarkt wie Aliens“ behandelt werden (Zitat aus der Sendung). Sollen Leute anderer Hautfarbe auch keine Kinder mehr kriegen, weil sie „im Supermarkt wie Aliens“ behandelt werden? Wie wäre es, wenn sich mal die Behandlung durch die Umwelt ändert? Nur mal so eine Idee.

ARD Themenwoche Krebs

Die ARD hat eine Themenwoche Krebs ausgerufen. Tag 2 ist fast vorüber und ich glaube, ich werde das Erste in dieser Woche meiden. Nein, nicht weil ich mich mit dem Thema nicht auseinandersetzen will, ganz im Gegenteil. Ich finde das Thema sehr wichtig, aber wie die ARD das anpackt, gefällt mir ganz und gar nicht.

Muss es wirklich sein, dass Beckmann mit Heide Simonis über Brustkrebs spricht? Wieso sitzen bei Maischberger irgendwelche „Experten“, die auf mich keinen sehr vertrauenserweckenden Eindruck machen. Und warum wird die ganze Zeit vermittelt, man müsse nur zur Früherkennung gehen, dann wird alles gut? Und wer nicht raucht, joggt und sich immer gesund ernährt, den trifft es nicht. Der Rest ist selber schuld. Das kann doch nicht der Tenor einer solchen Aufklärungswoche sein! Aber so kommt mir das die ganze Zeit vor. Ich kenne aber auch Menschen, die nicht geraucht haben, sportlich sind und die es trotzdem erwischt hat. Und was ist mit den ganzen Kindern? Rauchen die? Sind die nicht aktiv? So einfach ist das Leben eben nicht. Die Sache ist meist viel komplexer.

Die ARD hat bislang versäumt mal darüber zu diskutieren, wie wir mit krebskranken Menschen umgehen. Stattdessen werden durchweg Leute präsentiert, insbesondere Frauen, die den Krebs erfolgreich bekämpft haben. Ja, verstehe ich alles, soll Mut machen. Das ist ja auch wichtig. Aber zur wirklichen Auseinandersetzung mit Krebs gehört auch, dass es auch Menschen gibt, die daran sterben. Wie gehen wir damit um? Wie mit den Familien, die einen Angehörigen verlieren? Es gibt auch Menschen, die durch eine Krebserkrankung eine Behinderung bekommen. Was ist mit denen? Stattdessen höre ich bei der ARD viel über wieder genesene Promis, die im Zweifelsfall ganz andere Netzwerke zur Verfügung haben als das bei 08/15-Kassenpatient der Fall ist.

Also so richtig tiefgründig hat die ARD das Thema bislang nicht angepackt: Welche Therapie ist besser? Alternative oder Schulmedizin? Um viel mehr ging es bislang nicht.

Achja, und dann die Schuldfrage natürlich. Es ist vielleicht auch typisch für unsere Zeit, dass es immer einen Schuldigen geben muss, eben auch für eine Krankheit. Es fällt immer schwerer, Dinge einfach anzunehmen. Ich weiß, dass ist von den betroffenen Menschen in der jeweiligen Situation vielleicht zu viel verlangt. Ich meine das eher in Bezug auf die allgemeine Akzeptanz der Krankheit Krebs. Für die meisten Krankheiten, und da zählt teilweise auch Krebs dazu, gibt es keine oder ganz komplexe Ursachen.

Ich hätte mir gewünscht, dass durch so eine Woche insbesondere signalisiert wird, dass Krankheit und Tod zum Leben dazu gehören, wir aber die verdammte Pflicht haben, den kranken Menschen dennoch die bestmögliche Versorgung und Unterstützung zukommen zu lassen. Aber was heißt das? Dazu hätte ich mir mal abseits von Pharmalobby und Heilertum eine Diskussion gewünscht. Ganzheitlich und auf breiter Ebene.