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Europameister im Aussortieren

DER SPIEGEL hat jahrzehntelang die deutsche Behindertenpolitik völlig ignoriert. Ich hatte vor ein paar Jahren mal das SPIEGEL-Archiv nach Artikeln zur Behindertenpolitik durchsucht und habe so gut wie nichts gefunden. Jetzt ist Anfang Januar ein Artikel erschienen, wie ich ihn noch nie in irgendeiner Zeitung oder in einem Magazin in Deutschland gelesen habe: Es geht um die systematische Ausgrenzung behinderter Menschen in Deutschland. Und er ist so gut und hintergründig geschrieben, dass ich dem SPIEGEL fast verzeihe, die letzten Jahre nichts dazu geschrieben zu haben. Besonders freue ich mich über einige Beispiele, die mir bekannt vorkamen *hüstel*.
Ulrike Demmer hat den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Nun hoffe ich sehr, dass der Artikel eine breite Debatte auslöst und vor allem die Damen und Herren Sonderpädagogen mal über ihre Zukunft und die Verantwortung ihres Berufsstandes nachdenken.
Der Artikel ist meines Erachtens einer der wichtigsten und ehrlichsten Artikel zur Situation behinderter Menschen in Deutschland, der in den letzten Jahren erschienen ist. Deutschland als „Europameister im Aussortieren“ zu bezeichnen ist mutig, aber ich fürchte, es trifft den Nagel auf den Kopf.

33 Kommentare

  1. Marco Zehe sagt:

    Hallo Christiane!

    Vielen Dank für den Link zu diesem großartigen Artikel! Der Fall aus Flensburg war mir auch bekannt, und ich kenne auch noch einen, der hier nicht erwähnt wurde, wo eine Gruppe der Stiftung Alsterdorf, damals noch Alsterdorfer Anstalten (brrrrrr) aus dem Schach-Café komplementiert wurde, weil sie angeblich die anderen Gäste stören würde.

    Auch die Hamburger Blindenanstalten haben sich ja erst in den 90er Jahren in Hamburger Blindenstiftung umbenannt, und die Wohngruppen in der Minenstraße sind eine der wenigen Orte, wo ich es schon gesehen habe, dass Behinderten, denen ursprünglich mal nur ein Werkstattjob prognostiziert wurde, heute als Telefonisten o. ä. arbeiten, weil sie tatsächlich effektiver gefördert werden. Auch können einige, unter anderem eine Klassenkameradin von mir aus der Grundschule, heute in einer eigenen Wohnung leben, obwohl das noch vor 15 Jahren für undenkbar gehalten wurde. Die MitarbeiterInnen sind aber auch sehr engagiert und kompetent.

    Es gibt also auch Positivbeispiele. Sie sind jedoch rar gesäht und nicht das Ergebnis irgendwelcher Gesetze, sondern in der Regel engagierten Mitarbeitern zu verdanken.

  2. Kathy sagt:

    In einem anderen Blog (Mutter eines Kindes mit Autismus) gehts auch um genau diesen Artikel, aber sie sieht das etwas anders, nämlich das ohne Sonderschule viele Kinder (wie zum Beispiel ihr Sohn) wieder als unbeschulbar erklärt werden und gar keine Chance mehr haben…

    http://gedankentraeger.de/?p=662

  3. Christiane sagt:

    @Kathy
    Ob ein Kind als unbeschulbar erklärt wird oder nicht hängt doch nicht davon ab, ob es Sonderschulen gibt oder nicht, sondern davon, ob es Konzepte gibt, um die Kinder zu beschulen. Die Sonderschulen abzuschaffen, heißt ja nicht, die Kinder nicht mehr speziell zu fördern. Was spricht dagegen, eine Gruppe innerhalb einer Regelschule einzurichten, in der Kinder, die wirklich gar nicht integrativ unterrichtet werden können, hingehen? Dafür braucht man aber kein eigenes Gebäude, eine eigene Schulleitung etc. Mein Büro ist neben einem College. Da sehe ich nachmittags regelmäßig einen Fahrdienst, der mehrfachbehinderte Studenten (mit Lernschwierigkeiten) abholt. Und es stört auch keinen, wenn einer von ihnen durch die Collegekantine schreit. Das College hat spezielle Kurse für Menschen mit Lernschwierigkeiten. Ansonsten kann man da aber auch Automechaniker werden oder Kosmetikerin.
    Ich würde mich wünschen, wenn man sich mal darauf konzentrieren würde, was möglich ist und nicht wieder 10 Beispiele sucht, was alles nicht geht.

  4. Kathy sagt:

    @ christiane:

    Ist auch nicht meine Meinung, um mich dazu zu äußern kenne ich mich mit dem Thema viel zu wenig aus…

    Ich fand es einfach interessant in so kurzer Zeit in zwei Blogs die ich regelmäßig lese zwei so unterschiedliche Ansichten über ein Thema bzw. einen bestimmten Artikel zu lesen und wollte darauf hinweisen.

  5. […] den Blog “Behindertenparkplatz” von Christiane Link bin ich auf einen sehr interessanten Artikel der Spiegel gestoßen. In […]

  6. Sichtschutz sagt:

    Es ist traurig und es macht eine wütend wenn man sieht wie hier mit Menschen die eine Behinderung haben umgeht. Warum kann man in den Schulen nicht auch Intrigative Gruppen einrichten ? In manchen Kindergärten gibt es diese Gruppen und es funktioniert. Die Menschen die eine Behinderung haben, haben es schon schwer genug, warum macht man ihnen das Leben noch schwerer ? Ein Kind von drei Jahren so abzustempeln finde ich unmöglich.

  7. NickelPic sagt:

    Hallo Christiane!

    Vielen Dank für den Artikel! Ohne Dich wäre ich niemals auf den Bericht gekommen. Der einmal wieder die Tatsache zeigt, wie die Behinderung in der deutschen Gesellschaft betrachtet wird. Und musste natürlich auch darüber bloggen.

    Viele Grüße aus good old Germany
    Nickel

  8. Bernd Meyer sagt:

    Das Grosse Barriere-Riff.

    Als ich letzte Woche zur Einweihung des neuen Rezeptionsgebaeudes der hiesige Uni kam, hat mich ja fast der Zorn dahingerafft: da hauen die so´n brachial-bombastischen Glasklotz hin, der vor Treppen nur so strotzt, als neues Entrée der Uni.
    Und als ich mir ober die Ballustrade anschau´n wollte und nach dem Aufzug fragte, hiess es:
    da muessen Sie wieder aus dem Gebaeude raus, ganz um´s Hochhaus aussen rum, hinten dann mit dem Aufzug hoch, ueber die Rampe und dann mit dem Lastenaufzug eins runter, dann kommen Sie da oben hin … (wenn ich es mir richtig gemerkt habe) Man stelle sich das nur einmal mit einem Rollator vor …
    In meiner ersten Wut habe ich dann einen Leserbrief losgetreten, das Ding auch auf meine Webseite gepackt und reibe es seither Allen unter die Nase, ob sie wollen oder nicht. Zitat: Anscheinend will man Rollstuhlfahrer bewusst ausgrenzen, Bauvorschriften, also Gesetze zur Gestaltung oeffentlicher Einrichtungen, werden solange umgedeutet, bis von der urspruenglichen Intention nichts mehr erhalten bleibt.
    Und die Behinderten belieben draussen geblieben gelassen geworden zu sein … http://zyrd.com/index.php?id=330
    Unser Schwerbehindertenvertrauensmann will das ins Ministerium transportieren, damit´s mal ordentlich kracht. An der Hochschule, an der ich arbeite, is auch nicht alles eitel Sonnenschein, aber bei solch einem protzigen Neubau …

    Aber angesichts des Spiegelartikels nur die Spitze des Eisberges, und das habe ich neulich schon einmal gelesen oder gehoert, dass die Behinderten in diesen Einrichtungen weggeschlossen werden, entsorgt, end-sorgt?

  9. Dirk sagt:

    Dazu fällt mir jetzt erstmal ein „Alle Menschen sind gleich“ Wo denn? Ich könnte mich so dermaßen über so was aufregen. Warum sitzen eigentlich keine Rollstuhlfahrer in unseren politischen Reihen? Warum werden diese immer schlechter behandelt als andere? Warum sieht man die teilweise nicht als Menschen an? Ich finde, man muss an der Einstellung der Menschen etwas ändern und das schnell. Ich bin jemand, der sehr dafür kämpft, dass es den Menschen auch genauso gut geht wie uns.

    PS: Der Artikel ist gar nicht so schlecht.

  10. Ausgrenzung ……

    Das ist ein Skandal, via Christine (sehr lesenswertes Blog übrigens, gehört zu meinen Top 10)….

  11. […] [via] Rivva | Trackback-URL | Kommentarfeed […]

  12. Gerhard sagt:

    „Warum sitzen eigentlich keine Rollstuhlfahrer in unseren politischen Reihen?“ (Dirk)

    Weil eine körperliche Behinderung keine Voraussetzung für ein politisches Amt ist. Unser Innenminister Wolfgang Schäuble sitzt übrigens im Rollstuhl. Und das nicht erst seit gestern.

  13. Dorothea sagt:

    Dirk,

    wie kommst du darauf, dass keine RollstuhlfahrerInnen in „unseren politischen Reihen“ sitzen?

    Nicht nur der unsägliche Schäuble, sondern recht vernünftige PoltitikerInnen der Linksfraktion, der Grünen und der SPD sind in verschiedenen Landes- und Kommunalparlamenten, aber auch dem Bundestag vertreten.

    Über PolitikerInnen der CDU und FDP weiss ich diesbezüglich nix, über die Rechten will ich nix wissen.

    Aber zu behaupten, es gäbe keine rollstuhlfahrenden PolitikerInnen, zeigt mal wieder das Unsichtbarmachen. Andererseits – als Politiker bin ich Politiker, da sollt es wurschtpiepegal sein, ob ich laufe oder rolle.

    IST es aber – leider – nicht.

  14. Amei sagt:

    In dem Zusammenhang der Verweis auf einen spannenden Artikel in der Brand Eins 5/2008 „Soziale Innovation, Folge 19: Sonderschulfreie Zone“ (http://www.brandeins.de/home/inhalt_print.asp?id=2667&MagID=&MenuID=19&SID=su66249715119936&umenuid=1) über einen Vater der im österreichischen Reutte seit 30 Jahren für die Abschaffung der Sonderschule kämpft und ausgerechnet im örtlichen Sonderschulleiter einen Verbündeten findet….

  15. Amei sagt:

    …. und noch ein Verweis auf einen Blogbeitrag von mir über eine Schweizer Studie die der Frage nachgeht, wer behindert ist und was eigentlich behindert. http://blog.faircustomer.ch/?p=165
    In der Studie finden sich viele interessante Zitate, Beispiele und Denkanstösse. So wird die Uno zitiert, die Menschen mit Behinderungen als grösste Minderheit der Welt bezeichnet, Studien der ILO und anderer Organisationen, die feststellen, dass es volkswirtschaftlicher Blödsinn ist eine derart grosse Gruppe der Bevölkerung vom Wirtschaftsleben auszuschliessen und gezeigt, wie kontraproduktiv es sein kann, Menschen nach dem zu beurteilen, was sie nicht können (nämlich nach der Erwerbsunfähigkeitsquote).
    Zumindest international findet ein Umdenken statt, weg von der Aussonderung, hin zu der Integration, ob das auch irgendwann in den Köpfen deutscher Sozialpolitiker und Sozialversicherungsbeamten ankommt?

  16. […] in dem Blog Behindertenparkplatz, zum gleichen Thema auch hier im Blog “Wer ist behindert oder was behindert […]

  17. Ruben sagt:

    „So wird die Uno zitiert, die Menschen mit Behinderungen als grösste Minderheit der Welt bezeichnet,…“ Amei der Satz ist richtig gut. Also nicht, weil ich der Ansicht bin, dass das nicht stimmt, sondern weil das einfach auch mal gesagt werden musste. Ich finde es schon hart zu sehen, dass die Behinderten teilweise so behandelt werden. Ich habe zum Beispiel einen Bekannten, der sitzt im Rollstuhl. Und man glaubt es kaum, wie schlecht ihn die Leute behandeln, wenn er zum Beispiel auf den Christkindlmarkt geht oder sich in der Öffentlichkeit blicken lässt. Ich finde das furchtbar.

  18. Amei sagt:

    @ Ruben
    „Ich finde es schon hart zu sehen, dass die Behinderten teilweise so behandelt werden.“
    Eigentlich glaube ich, dass das Hauptproblem unsere Gedankenlosigkeit ist. Wer denkt schon beim Bau eines Hauses darüber nach, dass die hübschen Stufen am Eingang nicht nur jeden Besuch im Rollstuhl dauerhaft verhindern sondern für ihn selbst mit 80 auch unüberwindbar werden können? Wir richten unsere Welt ein für Menschen zwischen 20 und 65 mit gesunden Beinen und normalen Sinnen, sollen doch kleine Kinder und Gehbehinderte sehen, wie sie mit den kurzen Ampelphasen und hohen Bordsteinen zurecht kommen. Und ich schliesse mich selbst da nicht aus, auch ich habe mir vor 10 Jahren bei der Planung unseres Hauses keine Gedanken um die Rollstuhlgängigkeit gemacht. Es war für mich und eigentlich schlimmer noch, die Architektin einfach kein Thema. Gedankenlosigkeit, nicht böse Absicht!

  19. Gerhard sagt:

    „Ich habe zum Beispiel einen Bekannten, der sitzt im Rollstuhl. Und man glaubt es kaum, wie schlecht ihn die Leute behandeln, wenn er zum Beispiel auf den Christkindlmarkt geht oder sich in der Öffentlichkeit blicken lässt. Ich finde das furchtbar.“ (Ruben)

    Ja? Hier wird sonst eigentlich eher die übertriebene Hilfsbereitschaft vieler Deutschen kritisiert. Dorothea würde das wohl „Behindikindihelfersyndrom“ nennen.

  20. Dorothea sagt:

    „schlecht behandeln“ kann ja durchaus Köppistreicheln, Ganzbesonderslieblächeln und Hilfeaufzwängeln beinhalten. Das ist einfach nur die andere Seite von Anpöbeln, Bespucken oder Verhöhnen. Die Münze ist die selbe – Krüppelverachtung.

  21. Das Aussortieren „klappt“ nicht nur bei körperlich und geistig behinderten Menschen. Aussortiert wird in DE jeder, der nicht den Anforderungen des Arbeitsmarktes entspricht. Das Aussortier-Werkzeug heißt hier SGB, das mit „sozial“ nach meiner Erfahrung nicht mehr viel zu tun hat. Ich sehe es eher als Repressionsgesetz, das Menschen, die aus welchen Gründen auch immer nicht arbeiten können, klar macht, daß sie nur noch gesellschaftlicher Abfall sind. Und die A-Sozialämter sind bei der Durchsetzung äußerst dienstbeflissen. Sowas kommt halt raus, wenn Gesetzgeber und Behördenangestellte die Inhalte der BILD besser verstanden haben als die des Grundgesetzes.

    Gruß, Frosch (100% erwerbsunfähig wegen Depressionen)

  22. Jens sagt:

    Das finde ich echt hart. Interessant, dass der Spiegel sich jetzt darum kümmert. Woran das wohl liegen mag? Aber der Artikel ist wirklich verdammt gut!

  23. Christian sagt:

    Ich finde, dass die Menschen einfach zu wenig wissen über Behinderte. Man versucht ihnen auf der einen Seite sehr zu helfen und auf der anderen Seite wissen die Menschen nicht wie sie mit diesem Leuten umgehen sollen. Ich glaube, dass es hier einfach an der Aufklärung mangelt. Mir ging es ja genauso, bis ich den ersten Menschen im Rollstuhl persönlich kennengelernt habe. Jetzt ist das ganz anders und ich glaube, dass die Menschen genau so eine Begegnung brauchen um zu verstehen.

  24. […] der Gesellschaft nachzugehen, manche lassen uns einen Blick in ihr Herz erhaschen, und wieder andere halten uns immer den Spiegel vor Augen. Sie tun das, in dem sie ihr Blog mit einer Seele füllen. Eine Blogseele, die zu einem lesenwerten […]

  25. Maria sagt:

    Da muss ich mich Dorothea anschließen, es ist traurig, wie man mit Behinderten in Deutschland umgeht und der Artikel, auf den ich selbst wahrscheinlich auch nicht gestoßen werde, schafft es, endlich einmal die Wahrheit auszusprechen, ohne dabei irgendwen in Schutz nehmen zu wollen. So etwas ist besonders wichtig und wird sicher auch für eine breite Aufmerksamkeit sorgen.

  26. Martha sagt:

    Für viele ist eine Behinderung noch immer ein Grund der Ablehnung. In dem Leben der „ Blinden Menschheit “ existiert für diese keine Behinderung, so was gibt es nicht und daher muss man auch nichts unternehmen um Behinderten das Leben zu erleichtern! Eine Schande!

  27. Luisa Breil sagt:

    Ich möchte bloß auf einen Wettbewerb zu Definitionen von Inklusion hinweisen. Man findet ihn unter: http://www.definitiv-inklusiv.org

  28. Helgamaus sagt:

    Dieser Artikel beschreibt genau das, wogegen wir als Familie seit fast 2 Jahrzehnten ankämpfen. Manuela wurde im Oktober 1989 etwa 9 Wochen zu früh geboren. Sie trug eine Tetraspastik davon. Dadurch das wir uns selbst sofort um eine entsprechende Therapie bemüht haben, die natürlich nicht von den Kassen bezahlt wird, konnte das Allerschlimmste verhindert werden.Aber wir mussten um Alles kämpfen. Zuerst um die Integration in einem Regelkindergarten, dann um die Integration in Regelschulen. Das verlief nicht immer reibungslos, so dass Manuela insgesamt 5 Schulen bis zum Realschulabschluss besuchte. Zur Zeit geht sie aufs Wirtschaftsgymnasium.In unserer Nähe befindet sich eine große Einrichtung für behinderte Kinder und Jugendliche. Man hat wirklich alles versucht, Manuela dort in die Schule zu bekommen. Man sie einmal gezwungen einen Probetag dort zu verbringen. Nach diesem Tag hat sie zu mir gesagt, sie würde lieber sterben, als dort zur Schule zu gehen. Die Kinder dort hätten sich alle aufgegeben.Zum Glück hatten wir es immer geschafft, dass sie Regelschulen besuchen konnte. Aber es wurde uns nicht leicht gemacht.
    Deshalb kämpfen wir auch seit Jahren für die Integration Behinderter.

    Helga W.

  29. Fabian sagt:

    Meister beim Aussortieren? Ja, das ist unser Bildungssystem – ob das politisch so gewollt ist kann man dahingestellt lassen. Allerdings werden nicht nur körperliche Kinder „aussortiert“, sondern auch Andere. Lehrer und Verwaltungen die eher gegen Schüler als mit ihnen arbeiten scheinen die Regel zu sein – leider.

  30. Petra sagt:

    Unsere Regelschulen haben schon Probleme mit der
    Unterrichtung der Kinder ohne Händicap. Hat irgendjemand hier ein mehrfach behindertes Kind oder
    habt Ihr nur einmal eine Schule für Körperbehinderte Kinder besucht? Rate dringend : schaut Euch mal an mit welchem speziellen Aufwand an einer solchen Schule unterrichtet wird und dann schreibt Eure Meinung!!!!!
    Mein Sohn besucht die LVR Förderschule in Sankt Augustin.

  31. Christiane sagt:

    @Petra
    Als ich etwa 14 war, war ich mal einen Tag in einer Körperbehindertenschule, weil ich mir das unbedingt ansehen wollte. Ich habe an dem Abend meinen Eltern gedankt, dass mir dieses Ghetto erspart wurde. Ich verstehe nicht, warum man Kinder, weil sie eine Behinderung haben per se aus der Gesellschaft, sprich aus der Schule, herausnimmt. Das ist bei der großen Mehrheit der Kinder nicht in deren Interesse. Aber ich bin mir darüber bewusst, dass Integration nicht für alle Kinder eine Lösung ist und man sehr spezifische Angebote machen muss.
    Ich verstehe aber nicht, warum die Assistenz, die an Körperbehindertenschulen geleistet wird, nicht auch an Regelschulen möglich sein soll, wenn man mal die Mittel umschichten würde. Eine rein körperliche Behinderung ist meines Erachtens kein Grund, ihnen die Regelschule zu verweigern.

  32. Helga sagt:

    Hallo Petra, ich muss Christiane voll zustimmen. Unsere Tochter jetzt 19 Jahre alt, hat von klein an Regelkindergarten und Regelschulen besucht, war nicht leicht durchzusetzen, aber immer machbar. Eine Assistenz ist notwendig und auch machbar. Natürlich ist eine Regelschule nicht für alle die beste Lösung, es kann Probleme geben bei Beatmungskindern oder bei Kindern die liegen müssen. Aber jedem Kind steht ein Schulbesuch seiner Wahl nach seinen geistigen Fähigkeiten zu. Das ist ein Menschenrecht. Auch ein Downsyndromkind kann eine Regelschule besuchen. Wo ist das Problem? Es gibt viele s.g. normale Kinder, die dem Unterricht kaum folgen können aus welchen Gründen auch immer. Es gibt Kinder mit Migrationshintergrund, die kein Wort Deutsch können und eine ´Regelschule besuchen, da fragt kein Mensch danach, ob es Sinn macht.
    Ich hab in meiner langjährigen Arbeit für Behinderte auch festgestellt, dass es oft die Eltern sind, die nicht wollen, dass ihr Kind in eine Regelschule oder einen Regelkindergarten geht, weil es für sie bequemer ist, wenn Morgens der Bus vor der Haustür hält und die Kinder abholt und sie Abends wiederbringt. Da müssen sie sich nicht selbst um die Kinder bemühen, denn ein behindertes Kind zu versorgen ist eine sehr komplexe aber auch wunderbare Aufgabe.

    helga