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Tag Archiv für Integration

Europameister im Aussortieren

DER SPIEGEL hat jahrzehntelang die deutsche Behindertenpolitik völlig ignoriert. Ich hatte vor ein paar Jahren mal das SPIEGEL-Archiv nach Artikeln zur Behindertenpolitik durchsucht und habe so gut wie nichts gefunden. Jetzt ist Anfang Januar ein Artikel erschienen, wie ich ihn noch nie in irgendeiner Zeitung oder in einem Magazin in Deutschland gelesen habe: Es geht um die systematische Ausgrenzung behinderter Menschen in Deutschland. Und er ist so gut und hintergründig geschrieben, dass ich dem SPIEGEL fast verzeihe, die letzten Jahre nichts dazu geschrieben zu haben. Besonders freue ich mich über einige Beispiele, die mir bekannt vorkamen *hüstel*.
Ulrike Demmer hat den Nagel genau auf den Kopf getroffen. Nun hoffe ich sehr, dass der Artikel eine breite Debatte auslöst und vor allem die Damen und Herren Sonderpädagogen mal über ihre Zukunft und die Verantwortung ihres Berufsstandes nachdenken.
Der Artikel ist meines Erachtens einer der wichtigsten und ehrlichsten Artikel zur Situation behinderter Menschen in Deutschland, der in den letzten Jahren erschienen ist. Deutschland als „Europameister im Aussortieren“ zu bezeichnen ist mutig, aber ich fürchte, es trifft den Nagel auf den Kopf.

Großbritannien schließt Behindertenwerkstätten

An Nachrichten wie dieser kann man sehr schön sehen, dass Großbritannien im Bezug auf behinderte Menschen anders tickt als Deutschland: Remploy, der Betreiber von 83 Behindertenwerkstätten im Land, schließt mehr als die Hälfte seiner Werkstätten. Mehr als 2270 behinderte Menschen und 280 nicht behinderte Menschen sollen künftig auf dem ersten Arbeitsmarkt statt in einer Werkstatt arbeiten. Dafür hat Remploy ein Mamutprogramm aufgelegt. Während sechs große Behindertenverbände die Entscheidung begrüßen, protestiert die Gewerkschaft.

In Deutschland hingegen werden Werkstätten eröffnet statt geschlossen. Es gibt kaum erfolgreiche Programme zur Integration behinderter Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt. Ich bin gespannt, ob die Integration in Großbritannien dann so klappt, wie das jetzt angedacht und versprochen ist. Aber die Grundrichtung gefällt mir schon mal ziemlich gut.

Deutsches Schulsystem ist diskriminierend

Mit Freunde habe ich die Berichterstattung zum Munoz-Bericht verfolgt. Da sagt doch der UN-Sonderberichterstatter, das deutsche Schulsystem schließe Migrantenkinder und Kinder mit Behinderungen aus. Kurzum, ich finde der Mann hat recht: Nur 12 Prozent aller behinderten Kinder in Deutschland besuchen eine Regelschule. Der Rest geht in Sonderschulen. In „Blindenschulen“, „Körperbehindertenschulen“, „Gehörlosenschulen“, „Geistigbehindertenschulen“ und was es sonst noch so gibt. Und wer als Eltern eines behinderten Kindes möchte, dass das Kind in eine Regelschule geht, hat einen langen Kampf vor sich. Und dann hört es ja nicht auf: Als ich in der Orientierungsstufe war (so hieß die 5. und 6. Klasse in meiner Gesamtschule) sollte ich keine Empfehlung fürs Gymnasium bekommen, obwohl ich ein gute Schülerin war. Der Grund: Der Realschulzweig war nicht ausgelastet und der Leiter dieses Zweiges war der Auffassung, dass ich ja eh kein Abitur brauche. Eine couragierte Lehrerin erzählte das meinen Eltern. Der Lehrer hatte das in einer Lehrerkonferenz gesagt. Und ich kenne viele „Kinder“ von Ausländerfamilien, die eine ähnliche Geschichte zu erzählen haben.

So lange wir es nicht schaffen, behinderte Kinder in die Gesellschaft zu integrieren, das heißt mit allen anderen Kindern in die Schule zu schicken und ihnen eine optimale Förderung zu geben, werden wir es auch nie schaffen, Erwachsene mit einer Behinderung wirklich teilhaben zu lassen. Was Hänschen nicht lernt… Und wer wissen will, wer an der Misere schuld ist, muss sich nur mal die Reaktionen durchlesen. Getretene Hunde jaulen, habe ich beim Lesen der Artikel oft gedacht. Es gibt kaum eine Berufsgruppe in Deutschland, die in den vergangenen Jahrzehnten mehr zur Aussonderung behinderter Menschen beigetragen hat als die der Lehrer (ich weiß natürlich, dass es auch sehr engagierte Lehrer gibt).

Ich erwarte von den Lehrergewerkschaften mal ein vernünftiges Papier zur Integration behinderter Schüler. Und zwar in dem nicht nur darüber gejammert wird, welch Belastung behinderte Schüler in einer Klasse für den Lehrer doch sind und wie viel Zusatzarbeit das erfordert. Sondern in dem vielleicht mal was von „Bereicherung“ steht. Es ist nie zu spät, vergangene Fehler zu reflektieren und umzusteuern. Dazu gehört dann auch, dass Sonderpädagogen ihren Fuß über die Schwelle einer Regelschule heben müssen und es wirklich um individuellen Förderbedarf geht und nicht um das „Was für A gut ist, muss auch für B richtig sein“-Prinzip.

Harald Schmidt erklärt…

…den integrativen Kindergarten:

„Man unterscheidet nicht mehr zwischen so genannten behinderten und normalen Kindern. Bevor ich sage ‚Toll wie hier integriert wird‘, sage ich lieber, ‚ich habe Gammelfleisch an die Waffen-SS geliefert‘.“

Ich gebe zu, ich habe gelacht.

Behinderte Menschen im Berufsleben

Mir sind schon viele lustige Dinge erzählt worden, seit ich zur arbeitenden Bevölkerung gehöre. Einige Zeitgenossen glauben, behinderte Menschen können gar nicht arbeiten, andere denken, sie arbeiten nicht auf dem 1. Arbeitsmarkt und wenn, dann nicht in meinem Beruf.

Eine Legende habe ich allerdings noch nie gehört: Behinderte Arbeitnehmer müssen mit anderen behinderten Kollegen mit der gleichen Behinderung in einem Raum sitzen. Da muss man erst einmal drauf kommen! Bei Siemens in Amberg scheint das aber so zu sein. Die Mittelbayerische Zeitung zitiert die Betriebsärztin:

„Außerdem ist wichtig, dass Menschen mit gleicher Behinderung im gleichen Raum sitzen und miteinander sprechen können – so können auch Probleme bei der Arbeitsorganisation viel schneller und besser bewältigt werden.“

Dann heißt es demnächst im Bewerbungsgespräch: „Sie haben MS? Nein, dann können wir Sie leider nicht einstellen. Aber im Zimmer von den Blinden wäre noch ein Schreibtisch frei. Falls Sie da jemanden kennen, der in Frage käme…“. Und muss dann der blinde Buchhalter seinen Schreibtisch in der Fertigungshalle aufstellen, nur weil da ein blinder Kollege Teile fertigt? Und was ist, wenn ein Rollstuhlfahrer in die Geschäftsführung aufsteigt? Muss der dann dennoch in der Poststelle sitzen, weil da jemand mit der gleichen Behinderung Briefe sortiert? Und nach welchen Gesichtspunkten werden eigentlich die Schreibtische der nicht behinderten Angestellten vergeben? Ich tippe auf Haarfarbe und Schuhgröße.

Und noch eine Anmerkung: Wie kann man einen Bericht über behinderte Arbeitnehmer in einem Unternehmen schreiben, ohne diese ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen? Stattdessen sprechen der Personalleiter, die Schwerbehindertenbeauftragte und die Betriebsärztin über die Mitarbeiter.