Tag Archiv für Politik

Schubladendenken

Ich bekomme hier in England erheblich weniger von der deutschen Politik mit als zu der Zeit als ich noch in Deutschland war. Allerdings haben sich die Forderungen des deutschen Innenministers Wolfgang Schäuble auch bis zu mir herum gesprochen. Online-Durchsuchungen, Grundgesetzänderung etc. Ein Grund dafür, dass ich es mitbekommen habe ist, dass ich ein Alert auf Blogeinträge abonniert habe, in denen das Wort „Rollstuhl“ vorkommt. Viele Blogger schaffen es nicht, die Ansichten von Schäuble zu kritisieren ohne darauf abzuheben, dass er seit einem Attentat im Rollstuhl sitzt, schreiben sogar, dass so jemand „befangen“ sei und deshalb nicht Innenminstier sein könne.

Willkommen im Bloggerland der Schubladendenker! Weil Schäuble durch ein Attentat querschnittgelähmt ist, würde er solche Forderungen aufstellen. So ein Schwachsinn! Schäuble wurde auch nicht von einem Terroristen niedergestochenschossen (sorry, Verschreiber!), sondern von einem psychisch kranken Mann. Das hat mit Terror nichts zu tun. Und schon gar nichts mit Onlinedurchsuchungen. Die Wahrheit ist: Man kann solche übertriebenen Forderungen auch unterstützen, wenn man kein Attentatsopfer ist und keine Behinderung hat. Ich bin sicher, er würde solche Dinge auch fordern, wenn er nicht im Rollstuhl sitzen würde. Oder welche Behinderungen haben die Herren Bush, Beckstein, Stoiber und Schönbohm?

Arbeitserlaubnis

Heute hat mich jemand gefragt, ob es schwer für mich war, eine Arbeitserlaubnis für England zu bekommen. Ich glaube, die EU müsste dringend mal eine Imagekampagne hier starten. Die Briten wissen teilweise gar nicht, welche Vorteile die EU ihnen bringt. Ich habe dann mal einen Crashkurs gegeben – von Arbeitserlaubnis bis Rentenversicherung. Die Reaktion kam prompt „Dann hat das ja doch einen praktischen Nutzen.“ Ja, hat es. Ich profitiere tagtäglich davon, aus einem Mitgliedsstaat der EU zu kommen – nur einmal bin ich falsch beraten worden. Ein Rechtsratgeber (Buch) und mein Council behaupteten, ich könne die Disability Living Allowance als Ausländerin nicht sofort beantragen. Ich dachte mir noch, dass das so nicht sein kann. EU-Bürger sind Inländern ja grundsätzlich gleich gestellt. Wenn ich aus Indien oder den USA gekommen wäre, hätten die Leute recht gehabt. So hatte ich recht, habe es aber leider ein bisschen spät gemerkt.

Eine Million Unterschriften

Das Europäische Behindertenforum möchte mit einer Million Unterschriften eine umfassende Antidiskriminierungsgesetzgebung in der EU für behinderte Menschen durchzusetzen. Es geht unter anderem um das Recht auf gleichen Zugang zur Bildung, das Recht auf Gleichbehandlung in Beruf und Beschäftigung und das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in der Gemeinschaft. Zum Unterschreiben gehts hier lang.

Medienkritik mal anders

Als ich mir den gestrigen Kommentar von Peter White im Guardian zu David Blunkett und seine Kritik am pseudo-psychologischen Gefasel der Medien zu Blunketts Behinderung durchlesen habe, musste ich sehr schmunzeln. Das ist Medienkritik wie ich sie hier vermisse: Ironisch, humorvoll, kompetent und direkt. Und dann noch von jemandem, der wirklich was von der Materie versteht, über die er schreibt: Peter White ist selbst blind. Ich habe ihn mal in Wien getroffen und dachte, als ich das las, er schreibt wie er redet und das ist echt. Das Gefühl hätte ich gerne öfter beim Zeitung lesen.

Alles eine Frage der Definition

Es gibt Ärger um die Bundesgartenschau (BUGA) in Thüringen. Der selbst behinderte PDS-Abgeordnete Maik Nothnagel kritisiert, dass die Anlage nicht barrierefrei sei. Auch der Behindertenbeauftragte des Landes kritisiert die Anlage und schlägt ein unabhängiges Gutachten vor.

Das kann die BUGA natürlich nicht auf sich sitzen lassen und lehnt das Gutachten ab. Denn es sei gar nicht nötig. „Der Kletterturm hat zwar keinen Aufzug, ist aber auch von taubstummen oder blinden Menschen zu besteigen», wird der BUGA-Geschäftsführer Ernst-Hermann Kubitz in der Presse zitiert. Es ist halt alles eine Frage der Definition.

Kann es vielleicht sein, dass blinde und gehörlose Menschen gar keine Probleme mit Stufen haben und deshalb den Turm besteigen können? Und dass das gar nicht die einzige Hürde ist, die auf dem Gelände eingebaut wurde. Schon am Eingang soll es Stufen geben und nicht einmal das Informationszentrum soll zugänglich sein.

Ich kann mir das eigentlich auch nicht vorstellen, steht doch auf der BUGA-Webseite: „Die Bundesgartenschau Gera und Ronneburg 2007 wird vom Freistaat Thüringen und der Europäischen Union gefördert und umfassend unterstützt.“ Im Mai habe ich noch gejubelt, dass die EU die Förderung von Projekten und Vorhaben von der Barrierefreiheit abhängig machen will. Und ich nehme doch mal an, dass damit nicht gemeint war, dass blinde und gehörlose Menschen die Treppe hochkommen.

Wahlabend

Plakat an der SPD-Parteizentrale

Es ist sehr interessant für mich, einen Wahlabend im Ausland zu erleben und zu beobachten, dass die FPÖ und die BZÖ offensichtlich salonfähig sind. Die dürfen alles erzählen, kritische Fragen hat sich keiner vorher ausgedacht. Dabei könnte man doch nach x Jahren journalistischer Erfahrung mit diesen Leuten annehmen, dass die österreichischen Journalisten unterdessen gelernt haben, mit ihnen umzugehen. Dass eine Partei mit „Daham statt Islam“ werben kann (Hochdeutsch: Daheim statt Islam), ohne dass das in der Wahlsendung kritisch hinterfragt wird, was so ein platter Spruch soll, finde ich schon interessant.

Dann gab es eine bemerkenswerte Szene mit dem Verlierer Hans-Peter Martin, den ich gestern nacht noch im Hawelka gesehen habe: Martin kritisiert bei der Liveschaltung den ORF, der ihn bei der Berichterstattung benachteiligt habe. Statt ihn ausreden zu lassen, zieht die Reporterin ihm das Mikrofon weg und man fragt sich als Unbeteiligte, warum sie das nötig hat. Ich weiß nicht, ob der Vorwurf stimmt, aber jemandem bei Kritik am eigenen Medium mundtot zu machen, ist wohl die schlechteste Variante, mit der Kritik umzugehen. Ausreden lassen und dann das Gesagte widerlegen und widersprechen wäre wohl glaubwürdiger gewesen.

Bedenklich finde ich, dass gar nicht thematisiert wird, wie viele Österreicher rechts außen gewählt haben. Während bei uns ein Aufschrei durchs Land geht, wenn irgendeine Rechts-außen-Partei knapp in ein Landesparlament einzieht, haben sich die Österreicher offensichtlich daran gewöhnt, dass rund 15 Prozent der Wähler rechts wählen – bei Bundeswahlen!

Österreich hat gewählt

Parlamentsgebäude
Überraschenderweise führt die SPÖ, deren Anhänger im Zelt vor dem Café Landtmann feiern, in dem wir gerade vor einem nicht funktionstüchigen TV-Beamer sitzen. Dafür geht das Radio und meine UMTS-Verbindung.

Noel Martin will nicht mehr leben

Was muss das für ein Triumph für die Täter sein: Noel Martin will sterben. Noel Martin überlebte 1996 einen Anschlag von Neonazis und ist seitdem querschnittgelähmt. Ich bin so erschüttert über seinen Wunsch, dass ich mich nicht mal darüber aufregen kann, dass Spiegel Online ihn zu allem Übel auch noch als Krüppel bezeichnet.

Ich kenne viele Menschen mit einer ähnlichen Form der Querschnittlähmung, die ein durchaus erfülltes Leben haben und niemals auf die Idee kämen, sich das Leben zu nehmen. Ich verurteile seinen Wunsch nicht, ich kann es nur nicht verstehen. Ich bin zu tiefst betroffen, dass die Täter, die ihn wahrscheinlich umbringen wollten, doch noch Erfolg haben könnten. Dass es Leute gibt, die sich über seinen Tod freuen würden und dass nicht zumindest das dazu führt, ihm Lebenswillen zu geben. Nur damit diese Verbrecher nicht letztendlich doch noch triumphieren können.

Und ich frage mich, was ihm fehlt, um ein erfülltes Leben zu führen. Was haben die Menschen mit einer ähnlichen Behinderung, die ein zufriedenes Leben führen, was er nicht hat? Seine Frau ist vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Vielleicht ist es das. Ich weiß es nicht. Es tut mir nur unendlich leid, dass jemand wie er einfach aufgeben will. Es gibt so viel zu tun auf der Welt, wofür man keine Hände und Füße braucht.

Nicht barrierefreie Wahllokale

Im Hauptstadtblog werden nicht barrierefreie Wahllokale kritisiert. Schön, auch mal in anderen Blogs etwas zu Barrieren im Alltag zu lesen.

Weniger schön sind allerdings die Kommentare dazu. Von Luxusproblemen ist da die Rede und dass man nicht für jeden Rollstuhlfahrer ein barrierefreies Wahllokal gewährleisten könne. Warum eigentlich nicht? Wahlrecht ist schließlich eines der wichtigesten Bürgerrechte in einer Demokratie. Es fröstelt mich gerade sehr. Es weht teilweise ein ziemlich kalter Wind durch unser Land.

Felix Austria

Dass ich das noch erleben darf: Die Uni Wien hat mich nach fast genau sechs Monaten als Promotionsstudentin zugelassen. Nachdem ich wirklich alle möglichen und unmöglichen Bescheide und Bestätigungen (alle amtlich beglaubigt natürlich) beigebracht hatte (einen großen Dank an das Prüfungsamt der Uni Hamburg, die mir wirklich sehr unbürokratisch geholfen haben, obwohl ich dort seit zwei Jahren mit dem Studium fertig bin), glaube ich jetzt auch wieder an das Gute in der Europäischen Union. Ich hatte schon befürchtet, Österreich tritt eher aus der EU aus bis sie mein Diplom aus Deutschland anerkennen.

Und das Beste: In dem Zulassungsbescheid wurde darauf verzichtet, mich darauf hinzuweisen, dass die Kommunikation mit der Zulassungsstelle ausschließlich auf Deutsch erfolgen kann, wie sie das bislang in jedem Brief taten. Ich habe mich von dieser Kriegsführung aber nicht beirren lassen. :-)

Und bevor jetzt alle fragen „Warum denn Wien?“. Wegen des Profs, des Themas und überhaupt. Ich mache das berufsbegleitend und muss auch nicht ständig anwensend sein. Das Thema: „Die Darstellung behinderter Menschen in der Berichterstattung deutschsprachiger Nachrichtenagenturen“. Input, Literatur, Kontakte, Anfragen etc. sind jederzeit willkommen.