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Schubladendenken

Ich bekomme hier in England erheblich weniger von der deutschen Politik mit als zu der Zeit als ich noch in Deutschland war. Allerdings haben sich die Forderungen des deutschen Innenministers Wolfgang Schäuble auch bis zu mir herum gesprochen. Online-Durchsuchungen, Grundgesetzänderung etc. Ein Grund dafür, dass ich es mitbekommen habe ist, dass ich ein Alert auf Blogeinträge abonniert habe, in denen das Wort „Rollstuhl“ vorkommt. Viele Blogger schaffen es nicht, die Ansichten von Schäuble zu kritisieren ohne darauf abzuheben, dass er seit einem Attentat im Rollstuhl sitzt, schreiben sogar, dass so jemand „befangen“ sei und deshalb nicht Innenminstier sein könne.

Willkommen im Bloggerland der Schubladendenker! Weil Schäuble durch ein Attentat querschnittgelähmt ist, würde er solche Forderungen aufstellen. So ein Schwachsinn! Schäuble wurde auch nicht von einem Terroristen niedergestochenschossen (sorry, Verschreiber!), sondern von einem psychisch kranken Mann. Das hat mit Terror nichts zu tun. Und schon gar nichts mit Onlinedurchsuchungen. Die Wahrheit ist: Man kann solche übertriebenen Forderungen auch unterstützen, wenn man kein Attentatsopfer ist und keine Behinderung hat. Ich bin sicher, er würde solche Dinge auch fordern, wenn er nicht im Rollstuhl sitzen würde. Oder welche Behinderungen haben die Herren Bush, Beckstein, Stoiber und Schönbohm?

18 Kommentare

  1. Dorothea sagt:

    Schäuble ist halt kein – meiner Meinung nach extrem danebener – Politiker mehr. DIESE Rolle wird ihm abgesprochen, seitdem er nur noch eines ist: ein Behindi, der Politiker spielt.

    Sein individuelles Denken, seine politische Meinung etc. wird überformt durch das Behindi-Sein.

    Rollstuhl mit Füllung halt.

  2. vivec sagt:

    Ich glaube schon, dass das eine Rolle spielt. Denn Schäuble hat am eigenen Leib erfahren dürfen, dass in Deutschland schlimme Dinge passieren können. Jetzt hat er Angst davor, und will jedes Risiko ausräumen. Von daher denke ich schon, dass das Attentat auf ihn als Teil seiner Biografie seine Handlungen zumindest motiviert, wenn nicht sogar bedingt.

  3. suz sagt:

    Willst du auf die Frage denn ne ehrliche Antwort? :)

  4. Christiane sagt:

    @vivec
    Und hast Du irgendeinen Beleg für Deine Aussage? Das Attentat ist 17 Jahre her und ich bin sicher, dass Schäuble auch vorher schon wusste, dass schlimme Dinge auf der Welt passieren. Ich finde sehr traurig, dass in Deutschland auch nach 17 Jahren nur der Rollstuhl gesehen wird und nicht die Person. Die Kritiker nehmen ihn so auch noch indirekt in Schutz und bringen damit sogar Verständnis für die Forderungen auf. Wie paradox!
    Großbritannien hatte bis vor kurzem einen blinden Innenminister. Die Briten fanden das ganz normal und keiner hat irgendwelche Konstrukte aufgebaut, die es nicht gibt.

  5. inga sagt:

    och, ich habe auch schon mal einen (englischen) artikel über diesen minister gelesen, wo es einzig um seine blindheit ging. aber da ich den nicht wiederfinde, werde ich nicht darauf rumreiten ;)

    aber zu schäuble: wenn seine politik bzw kritik an seiner politik auf seine behinderung beschränkt werden würde oder eine wichtige rolle dabei einnehmen würde, würde ich mich auch aufregen. manche leute scheinen das zu tun, schließlich gibt es nunmal diese blogeinträge, von denen du schreibst. aber das ist meiner meinung nach sicher nicht die mehrheit, nicht mal annähernd. ich bin zu jung um es damals bewusst miterlebt zu haben, und wusste bis vor kurzem nichtmal den grund seiner behinderung. dabei bin ich gar nicht mal politisch uninteressiert. aber schäubles behinderung ist in den medien eben kein wichtiges thema. zumindest nicht in den medien, die ich so mitbekomme, muss ich einschränkend sagen, wenn ich mir den link so anschaue. und das ist auch gut so, schließlich ist es äußerst fragwürdig, so auf seine politik zu reagieren. selbst wenn man der meinung ist, dass schäubles behinderung der grund für seine politik ist, sehe ich nicht, warum man das kundtun sollte. was interessieren mich die gründe für diese forderungen? entweder ich finde sie gut und unterstütze sie mit sachargumenten oder ich lehne sie ab und kritisiere sie mit eben solchen argumenten. auf jeden fall hat es um schäubles politik zu gehen und nicht um schäuble selbst.

  6. Dussel sagt:

    Ich wär noch nicht mal auf die Idee gekommen, dass es den Zusammenhang gibt. Und wenn es ihn gibt: Wie soll’n wir es überprüfen? Können wir nicht, also sollte man die Spekulation lassen.

    Ich wette, Schäuble würde sich auch nicht anders verhalten, säße er nicht im Rollstuhl. Sind halt nicht die besseren Menschen, die Rollstuhlfahrer. (Schade eigentlich.)

  7. Gerhard sagt:

    Schäuble? Ein Politiker, der in letzter Zeit mit verfassungsfeindlichen Äußerungen auffällt. Ob der im Rollstuhl sitzt oder nicht ist mir ansich völlig egal.

  8. Mela sagt:

    Die Behinderung der vier Letztgenannten nennt sich „Realitätsverlust“.

  9. bp sagt:

    Ich denke, ein Hinweis an dieser Stelle ist angebracht:

    Das von mir (bisher sehr geschätzte) Magazin Telepolis hat unter der Überschrift „Schäubles Symptome“ einen Artikel zum Thema veröffentlicht.
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25046/1.html

    Nach meiner Meinung Artikel, der auf einer sehr dünnen Grundlage und zum Teil einfach falschen Fakten beruht.

  10. Christiane sagt:

    Danke fuer den Hinweis, bp. Ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen soll. Ein schoenes Beispiel wie wenig Journalisten Ahnung von Menschen mit Behinderungen haben, aber meinen, darueber schreiben zu muessen. Und das auf einem unterirdischem Niveau. Heise sollte sich schaemen.

  11. Manablog sagt:

    Sniff, sniff, sniff…

    Neues von der Überwachungsfront. Dieses Mal wenig eigener Content, sondern nur eine kommentierte Linksammlung:

    Udo Vetter bezieht Stellung zu den Äußerungen eines Ralf Göbel, wonach die Einschränkung der Grundrechte keine Einschränkung der Grund…

  12. Solon sagt:

    Zum Artikel in Telepolis hab ich auch was geschrieben:
    http://schieflage.blogspot.com/2007/04/leidet-schuble-ptbs.html

    Kurzfassung: Schäubles Gesetzesvorschläge durch eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) erklären zu wollen ist absoluter Quatsch, lenkt von der politischen Diskussion ab und diskriminiert Menschen, die an psychischen Krankheiten leiden.

  13. Marnem sagt:

    Zunächst mal wurde Schäuble angeschossen und nicht niedergestochen. Der Niedergestochene ist der Lafontaine.

    Sicher, wenn der Schäuble nicht im Rollstuhl sitzen würde, würde man ihm keine Posttraumatischen Belastungsstörung unterstellen. Ob er dann aber die gleiche Politik machen würde, steht aber auf einem anderen Blatt.

    Ich gestehe ihm als Attentatsopfer zu, dass er gegenüber Attentaten besonders senibilisiert ist.
    Ich gestehe ihm als Rollstuhlfahrer zu, dass er gegenüber potentiellen Attentaten besonders ängstlich ist, schließlich tut er sich wesentlich schwerer zu flüchten, falls es zu einem käme.

    Was ich ihm aber nicht zugestehe ist die Einschränkung von Bürgerrechten aufgrund einer abstrakten, unbewiesenen und unwahrscheinlichen Gefährdung. Die Chance Opfer eines Anschlages in Deutschland zu werden ist so gering und die Chance die Attentäter noch vor dem Anschlag zu erwischen noch viel geringer. Die Mittel, die er jetzt vorschlägt erhöhen diese Chance nicht im geringsten. Seine Vorschläge und Ideen zeigen aber eindeutig, dass er zusammengekauert da sitzt wie die Maus vor der Schlange und Angst hat. Angst ist zu allen Zeiten ein denkbar schlechter Ratgeber.

    Und zur Frage, welche Behinderungen die Herren Bush, Beckstein, Stoiber und Schönbohm haben, braucht man sich nicht äussern. Diese Herren sind [von Christiane geloescht. Beileidigungen werden hier nicht geduldet].

  14. Einfach nur: 100%ige Zustimmung zu Deiner ansicht. Es ist mir aber sowas von egal, ob Herr Schüble im Rollstuhl sitzt, Herr Schröder die vierte Frau hat, Herr Seehofer eine Geliebte oder Herr Scharping mit Vollbart im Pool planscht. Warum? Weil das alles PRIVATLEBEN heißt und das geht niemanden etwas an. Das sind Politiker, die uns regieren sollen und ich erwarte schlicht anständige, vernünftige, solide, meinetwegen auch gerne mir völlig zuwider laufende Vorschläge, Gesetze, Initiativen. Darüber kann und soll und muss man diskutieren. Ja, logisch. Aber nicht über Rollstühle. Was ist bloß aus diesem Land geworden, verd…. nochmal? Dass Herr Schäuble auch in meinen Augen völlig verkehrt liegt mit seinen Gefahreneinschätzungen und den daraus resultierenden Schritten, steht außer Frage. Darüber streite ich gerne mit ihm und anderen. Muss ich auch. ist schließlich auch meine Welt, die der Herr mitbestimmen will. Aber immer schön auf Augenhöhe und sachlich, bitte. Auch Herr Schäuble und alle anderen genannten, nein falsch, alle, die etwas tun, haben ein Recht darauf!

  15. Kalle sagt:

    Ich denke durchaus, dass die Behinderung sein Denken verändert hat, denn das tut sie bei allen, die vorher Fussgänger waren. Ob zum Guten oder Schlechten ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Meines Erachtens schadet uns diese Diskussion mehr, doch weniger den Rollifahrern, als allen Behinderten, für die er sich nie besonders eingesetzt hat; deswegen erhält er von mir keine Solidarität, auch wenn manche Artikel sehr einseitig und unkritisch ihm die Denkfähigkeit absprechen wollen. Hier sollte mehr der satirische Aspekt in den Beiträgen über ihn zum Tragen kommen, dann kann man – selbst als Rollstuhlfahrer – darüber schmunzeln.

  16. Andreas Holm sagt:

    Schäuble wurde nicht von einem psychisch Kranken angeschossen. Gegen diesen Täter wurde seinerzeit bereits polizeilich ermittelt. Zum Zeitpunkt des Anschlags auf Herrn Schäuble, war der Täter dann in anderer Sache verurteilt. Es gab jedoch seinerzeit im Vorfeld eine Vielzahl von Eingaben des Täters, aus seiner Familie und Personen aus seinem Umkreis, mit Bitten um Überprüfung seines für ihn nicht gerechtfertigten Urteils. Diese Eingaben wurden direkt an Herr Schäuble gerichtet. Herr Schäuble aber hatte sämtliche Eingaben des Täters ignoriert,abgewiesen. Nur als RACHEAKT gab der Täter auch unmittelbar nach seiner Tat, dem gezielten Anschlag auf Herrn Schäuble, dies stets als Grund gegenüber den Ermittlungsbehörden an. – Es ist nicht nur bei uns generell so, dass Täter durch Anschläge auf hochrangige Beamte, dann stets als psychisch krank dargestellt werden, ist auch nicht neu ! – Kein Mensch ist ohne Hass- oder Rachegefühl, wenn auf der Suche nach Gerechtigkeit ! – Aufgrund der Schwere des erlittenen Polytraumas, was sich nachhaltig, ja fast stündlich durch Beschwerden oder aber durch ständige Versorgungsmaßnahmen, Katheterisierung etc. auswirkt, meine ich, dass zwar nicht die Behinderung selbst, aber sich der Grund seiner Behinderung, auf seine poltischen Aufgaben und somit auf die Gesellschaftsentwicklung, negativ auswirkt. So wird er künftig leider weiterhin in und mit der ständigen Angst leben müssen, wenn nicht effektive Medikamente eingesetzt werden.

  17. Christiane sagt:

    @Andreas Holm
    Ich bin in meinem Leben schon x Mal ungerecht behandelt worden, von Mitmenschen und auch von Behörden. Ich bin niemals im Leben auf die Idee gekommen, diesen Menschen irgendwas anzutun.

    Dass es immer noch so weit verbreitet ist, dass Behinderung (und die Folgen davon) mit Beschwerden und einer dadurch bedingten psychischen Belastung gleichgesetzt werden. Warum tut man sich in Deutschland so schwer, den Menschen zu beurteilen und nicht nur die Behinderung zu sehen?

  18. Ines sagt:

    Schäuble hat schon immer bewiesen das er die meiste Zeit nicht weiß, was er redet.
    Ich weiß noch wie er vor Jahren gefragt wurde, ob er jetzt, nachdem er selber im Rollstuhl sitzt, sich auch für die Belange von Rollstuhlfahrern stark machen würde.
    Seine Antwort war eine verbale Ohrfeige für alle Behinderten. Seiner Ansicht nach jammern die grundlos rum.
    Das kann man durchaus sagen, wenn man Umbau von Villa und Auto vom Bund bezahlt bekommt, Ergotherapeut, etc. ins Haus kommt, ohne das man einen Cent dafür berappen oder lange Gefechte mit Krankenkassen, Behörden etc.führen muss.
    Mag sein, das er nach dem Attentat überall Attentäter sieht, aber er war auch vorher schon „merkwürdig“. Auf jeden Fall ist seine Einschätzung der Sachlage (egal bei welchem Thema)nicht besser geworden.