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Tag Archiv für Fernsehen

Behinderte Moderatorin als Kinderschreck?

Im Kinderkanal der BBC moderiert seit ein paar Wochen eine Moderatorin, die nur eine Hand und einen Unterarm hat. Bei der BBC sind daraufhin Beschwerden eingegangen, der Anblick der Frau erschrecke die Kinder. Es folgte ein riesen Aufschrei der Empörung über die Leute, die sich beschwert hatten. Die Moderatorin der Sendung, Cerrie Burnell, gibt seitdem Interviews, in der sie sehr besonnen, aber durchaus medienkritisch über das Thema „Behinderte Menschen in den Medien“ spricht. Außerdem hat sie für BBC One einen Film dazu gedreht – über sich und andere behinderte Menschen in den Medien.

Barrierefreie Fernsehbühnen

Eine der ersten Anekdoten, die mir bei BBC erzählt wurden, war die Geschichte von der „Sportlerin des Jahres“, die während einer Fernseh-Livesendung ihren Preis nicht entgegennehmen konnte, weil die BBC „vergessen“ hatte, die Bühne barrierefrei zu machen. Sie war Rollstuhlfahrerin und Paralympics-Siegerin und war per Telefonabstimmung etwas überraschend von den Zuschauern gewählt worden. Seit dem gibt es bei der BBC die Anweisung, dass alle Bühnen barrierefrei sei müssen, was ich selber gesehen habe. Selbst die kleine Bühne in dem Raum, in dem Mitarbeiterschulungen abgehalten werden, ist barrierefrei mit Rampe zugänglich.

Erfreulich ist, dass beim Deutschen Fernsehpreis immerhin drei behinderte Menschen auf der Bühne standen. Während die Paralympicssiegerin Kirsten Bruhn von hinten auf die Bühne kam (sie ist Rollstuhlfahrerin), musste Marcel Reich-Ranicki sich mühevoll die Stufen hinauf und hinunter quälen (er ist altersbedingt gehbehindert) und Denise Marko, die nur ein Bein und keine Arme hat, wurde auf die Bühne getragen. Das Mädchen ist 14 und kann sehr gut auf einem Bein hüpfen, aber eben keine Treppen hoch springen. Ich habe in England schon so viele schlaue Möglichkeiten gesehen, Bühnen zugänglich zu machen. Wenn ich weiß, dass zwei Preisträger eine Gehbehinderung haben, sind fünf Stufen vor der Bühne das Unpassendste, was man als Bühnenbauer machen kann.

BBC untertitelt das gesamte Programm

So, nun ist es soweit: Die BBC untertitelt ihr gesamtes Fernsehprogramm. Rund um die Uhr werden die Sender BBC One, BBC Two, BBC Three, BBC Four, CBeebies, CBBC und BBC News untertitelt. Gehörlose und schwerhörige Menschen können nun genauso viele Sendungen sehen und verstehen, wie hörende Zuschauer. Die Gehörlosenverbände haben der BBC gratuliert, eine Feier wird es auch geben. Wann wohl in Deutschland dieses Ereignis gefeiert wird? In 5 Jahren? In 10? Nie? Die BBC zeigt damit aber, dass es für eine öffentlich-rechtliche Fernsehanstalt möglich ist, dieses Ziel zu erreichen – selbst in Zeiten, in denen eigentlich gespart wird. Ich denke, es wäre ein guter Anlass für die Interessenvertreter bei ARD und ZDF nachzuhaken.

Entenhausen

Auch Journalisten machen Fehler, aber ich glaube, ich würde meinen Job an den Nagel hängen, wenn ich Autor dieser Ente wäre, die derzeit durch die Gazetten geistert. Die EU wolle das Synchronisieren von Filmen und Beiträgen untersagen, vermeldete AFP. Was die EU wirklich will ist, die Untertitelung in öffentlichen-rechtlichen Sendern sicherstellen, damit auch gehörlose und schwerhörige Zuschauer sich umfassend informieren können.

Und dann werden zu der AFP-Meldung Kommentare geschrieben, die FAZ bemüht gleich mal die Pressefreiheit, und niemand macht sich mal die Mühe, das Papier der EU, das wirklich idiotensicher verfasst ist, mal durchzulesen.

Wie diese Ente entstehen konnte, ist mir übrigens völlig klar: Aus purer Ahnungslosigkeit. Ich bin ziemlich sicher, dass es selbst unter den Medienredakteuren Leute gibt, die noch nicht einen Gedanken an das Thema Untertitelung verschwendet haben, dabei hätten sie eigentlich seit Jahren mal darüber schreiben können. Da hat jemand definitiv nicht gewusst, dass es überhaupt noch andere Untertitel gibt als die von fremdsprachigen Filmen, die nicht synchronisiert sind.

Und obwohl AFP die Meldung zurück gezogen hat, haben immer noch nicht alle Onlinemedien die Meldung gelöscht, es finden sich Blogeinträge mit wenig schmeichelhaften Kommentaren etc. . Und was mich am meisten ärgert, ist die Tatsache, dass alle davon ausgehen, dass man „wegen den Behinderten“ Einschnitte in seinem persönlichen Umfeld (sprich beim Fernsehen) hinnehmen müsse. Was das für Ressentiments bei manchen Leuten schürt, kann man sich denken.

Aber ich hätte eine Idee für die Wiedergutmachung: Alle Zeitungen und Onlinemedien, die die Meldung falsch übernommen haben sowie AFP selbst natürlich, recherchieren mal einen schönen Beitrag darüber, wie die Situation von gehörlosen Mediennutzern in Deutschland wirklich ist und wie die Situation im Vergleich in anderen Ländern aussieht.

via Stefan Niggemeier

Danke, EU!

Nicht erst seit ich in Großbritannien lebe, weiß ich die Errungenschaften der Europäischen Union durchaus zu schätzen. Nun lese ich, dass die EU durchsetzen will, dass alle öffentlich-rechtlichen Sender ihr Programm komplett untertiteln müssen. Ja, was soll ich sagen, danke EU! Die BBC wird das völlig kalt lassen, die untertiteln teilweise sogar die Werbung und zeigen, dass es eine vollständige Untertitelung möglich ist. Aber ich fürchte, in Deutschland wird es wieder Heulerei geben. Ich habe auf einen Tipp eines Lesers hier im Blog hin mir mal die Untertitelung von Anne Will angesehen und empfehle das jedem einmal selbst auszuprobieren. Das ist der absolute Hammer. Die Sendung ist teilweise nicht zu verstehen. Aber es ist ja gar nicht selbstverständlich, dass überhaupt untertitelt wird.

Am Anfang als ich in Großbritannien lebte, habe ich mir einige Serien mit Untertitel angesehen, um mich in die Akzente reinzuhören und wirklich alles verstehen zu können. Seit dem weiß ich, was Untertitel für Ausländer für eine Bereicherung sein können. Insofern ist dieser Vorstoß nicht nur für gehörlose Menschen eine gute Sache.

Ich bin mal gespannt, wer als erstes gegen den Vorstoß aufjault…

Anne Will und die Untertitel

Anne Will wird ab Januar mit Untertiteln ausgestrahlt. Als ich das gelesen habe, war ich ein wenig überrascht. Ich dachte nämlich, das sei längst der Fall. Ist immerhin einer der wichtigsten Talk-Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Nur mal zum Vergleich: Die BBC wird bis April 2008 ihr gesamtes Programm untertiteln. Dafür zahlen hier im Gegensatz zu Deutschland auch gehörlose Menschen die TV Licence Fee und sind nicht befreit. 95 Prozent des Programms von BBC One und BBC Two ist bereits untertitelt. 80 Prozent des Programms von BBC Three, BBC Four, CBBC, CBeebies and BBC News 24 wird bereits mit Untertiteln angeboten. Hier ist mal eine Liste, was BBC diese Woche untertitelt.

Das ZDF untertitelt derzeit 25 Prozent seines Programms (Stand: Juni 2007). Über die ARD habe ich sehr unterschiedliche Angaben gefunden, die aber alle weit entfernt davon sind, was BBC anbietet.

Sehr lesenswert ist zu dem Thema ein Dokument des Landtages in Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2006, das sich unter anderem mit dem NDR (3. Programm) befasst. Es wird der NDR zitiert: „Der Anteil des barrierefrei ausgestrahlten Fernsehprogramms werde sich in Zukunft von ca. 5,7 auf ca. 12 % erhöhen.“ Weiter heißt es in dem Bericht: „Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft der Hörgeschädigten (…) hat eine aktuelle zweiwöchige Stichprobe ergeben, dass der NDR 1.330 untertitelte Sendeminuten ausgestrahlt habe, was einem Anteil von etwa 7 % entspreche. Rechne man allerdings Wiederholungen heraus, sinke der Anteil auf 0,3 %. Denn der NDR untertitele als einzige aktuelle Sendung das Wissensmagazin „Plietsch“ (jeden Donnerstag um 18.15 Uhr, Dauer: 30 Minuten).“

Kein Alien mehr

Ich gehe fast jeden Mittag in einem Café auf dem BBC-Gelände Mittagessen. Das Café ist im Erdgeschoss des Television Centre und nur Mitarbeiter (und wenige Gäste) haben Zugang. Also nicht die Besuchergruppen normalerweise. Und dennoch bin ich sehr selten der einzige Gast mit einer sichtbaren Behinderung. Es ist immer mindestens noch ein anderer Rollstuhlfahrer da oder Kollegen, die zwar laufen, aber stark gehbehindert sind. Auch auf den Fluren begegne ich anderen Leuten im Rollstuhl. Auch blinde und gehörlose Kollegen habe ich schon getroffen. Und das sind keineswegs immer nur die gleichen Leute. Ich habe in dem Café bislang nur wenige behinderte Kollegen zwei Mal getroffen. Es waren immer andere. Die meisten von ihnen tragen einen Presseausweis, das heißt sie arbeiten im redaktionellen Bereich und nicht in der Poststelle oder an der Pforte. Ich schreibe das, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass in vielen deutschsprachigen Medienunternehmen behinderte Mitarbeiter – wenn überhaupt – da anzutreffen sind.

Für mich ist das eine völlig neue Erfahrung. Ich bin nicht mehr der Alien. Nicht mehr die einzige Rollstuhlfahrerin und niemand zweifelt an, dass ich meinen Job genauso gut mache wie alle anderen auch. Und ich merke immer noch, was Sozialisierung ausmacht, auch bei mir selbst: Ich habe vor kurzem einen blinden Kollegen kennengelernt, der mir erzählte, dass er Parlamentskorrespondent in Millbank ist. Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass er fürs Radio arbeitet und habe gar nicht mehr nachgefragt. Als ich beim Mittagessen saß und News24 schaute, sah ich den Kollegen, der aus dem Parlament berichtete. Und natürlich hatte das Thema nichts mit Behinderung zu tun. Es ging um innenpolitische Themen wie die Sicherheitslücken bei der Onlineregistrierung von jungen Ärzten. Es war offensichtlich, auch für Zuschauer die ihn nicht kennen, dass er blind ist. Aber bei einer Schalte kommt es ja nicht darauf an, ob der Korrespondent die Kamera sieht, sondern ob die Zuschauer ihn sehen können, was definitiv der Fall war. :-)

Fernsehsender für gehörlose Menschen

In Großbritannien gibt es jetzt den ersten Fernsehsender für gehörlose Menschen. Er heißt VeeSee und ist über das Internet oder eine Set-Top-Box empfangbar. Er gehört zu ViewTV, ein Angebot mit 900 Streamingsendern. Was ich bislang gesehen habe, hat mir gut gefallen: Einen Kurzfilm, Veranstaltungshinweise, eine Reportage. Das meiste wird in Britischer Gebärdensprache gesendet, ich habe aber auch schon Beiträge in Amerikanischer Gebärdensprache gesehen. Vieles ist dank Untertitel auch für hörende Menschen verständlich. Es gibt auch Ton zu manchen Beiträgen.

Es wird sehr interessant sein, wie die Werbeindustrie darauf reagiert. In England läuft bereits jetzt die Werbung im Fernsehen mit Untertiteln. Der Sender hat eine umfangreiche Webseite, auf der es ebenfalls Werbeplätze gibt. Ich habe bislang aber keine Werbung gesehen. Ich hoffe, das kommt noch.

Aktionstag für Alan Johnston

In beiden Nachrichtenprogramme der BBC, BBC World und News24, sowie auf Al Jazeera Englisch und Sky News wird heute teilweise das gleiche Fernsehprogramm zu sehen sein. Die Sender fordern mit dieser Aktion die sofortige Freilassung von BBC-Korrespondent Alan Johnston, der genau vor einem Monat entführt wurde. Auch CNN wird sich an der Aktion beteiligen. Solch eine Aktion ist wohl einmalig in der Geschichte des Fernsehens.

Plakat vor dem BBC Bush House

Deutsches Fernsehen

Da ich ja jetzt endlich Breitbandinternet habe, kann ich auch wieder deutsches Fernsehen schauen. Nachrichten per Webstream, alles andere via Save.tv. Gar nicht auszudenken, was ich heute Abend verpasst hätte, wenn ich die Nachrichten nicht gesehen hätte: Reporter mit Sturmfrisuren auf Sylt, in Düssedorf, Hamburg, in den Alpen und in Hintertupfingen. Und alle mit diesem Wuschelmikrofon in das sie nur eine Botschaft reinschreien: Es stürmt. Ach was!