Tag Archiv für Blind

Das Geheimnis britischer Ampelanlagen

Ich habe mich in London schon länger gewundert, warum es nur so wenige akustische Ampeln gibt. Auf der einen Seite, sind überall Noppen auf dem Boden, damit sich blinde Menschen orientieren können. Nur über die Straße kommen sie nicht. Es passte irgendwie nicht ganz zusammen. Nun bin ich dahinter gekommen. Es gibt eine nicht hörbare Möglichkeit für blinde Menschen mitzukriegen, ob die Ampel rot oder grün ist.

Das hier ist ein normales Tableau, wie es an jeder Ampel in London zu finden ist. Fußgänger müssen das Signal so gut wie immer anfordern.

Ampel

Unter dem Tableau gibt es allerdings einen kleinen Kegel. Wenn es grün ist, dreht der sich. Blinde Menschen können also ertasten, ob es rot oder grün ist. Ich habe in den vergangenen Tagen Stichproben gemacht, den Kegel gibt es an jeder Ampel, wenn ihn nicht irgendwer abgerissen hat.

Kegel unter der Ampelschaltung

Religion versus Behinderung

In London, Australien und Norwegen sind Fälle bekannt geworden, in denen sich muslimische Taxifahrer geweigert haben, blinde Kunden mit Führhund zu transportieren. Die Hunde seien in ihren Augen „unrein“ verteidigen sich die Fahrer.

Ich habe dazu eine ziemlich klare Meinung (und die mit einigen Fällen befassten Gerichte offensichtlich auch): Wer als Taxifahrer keine Blindenhunde transportieren will, sollte sich einen anderen Job suchen.

Via Deafbiz.com

Schräger Humor und Mitleid

Ich wünsche mir ja wirklich lustige Werbung, in der Menschen mit Behinderungen vorkommen. Die kann ruhig witzig sein und originell. Schön wäre noch, wenn behinderte Menschen selber darüber lachen können und sie gut finden. Es gibt da auch schon Beispiele für: Ein Autohersteller läßt einen Blinden das Auto an der Fahreigenschaft erkennen (finde ich gerade nicht), die Aktion Mensch wirbt mit einem sehr schönen Spot („Sehen, Hören Verstehen“ – bitte mal online stellen!) für Vielfalt und sich selbst, Levis mit einem Blinden, der gar nicht blind ist, die belgische Organisation SENSOA nutzt Gebärdensprache zur Aidsaufklärung. Weitere Beispiele bitte gerne in den Kommentaren hinterlassen.

Was aber die Agentur Grabarz (geht nur mit dem Internet Explorer) für den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg produziert hat, ist zum einen geschmacklos und zum anderen offensichtlich mal wieder nicht ohne Mitleid ausgekommen. Preise gibts in der Branche aber trotzdem für sowas. Bei dem einem Radiospot geht es um die Besamung einer Kuh, die man besser nicht sieht. Zwar unappetitlich und eher geschmacklos, aber immerhin ein Funken positiver Aspekt der Behinderung. Kriminell wird es aber beim zweiten Spot. Da wird gerätselt, ob der Kamin brennt oder die Gardine. Ob der der bellende Hund angeleint ist oder nicht. Und ob das Wasser in die Badewanne läuft oder aus der Waschmaschine. Hallo Agentur Grabarz, haltet Ihr blinde Menschen für so bescheuert, dass sie nicht wissen, ob Ihr Wohnzimmer brennt oder der Kamin? Und weil das Leben, wenn man blind ist, ja so kompliziert ist, lernen wir dann, soll man doch bitte an den Blinden- und Sehbehindertenverein spenden. Aha. Und was macht der dann? Löscht der das Feuer? Fängt der den Hund ein? Füllt der die Badewanne?

Ich habe mich dann noch weiter in den Werken besagter Werbeagentur umgehört und bin auf Spots für einen Hörgerätehersteller (ein Link pro Wort) gestoßen. Und was lernen wir da? Nicht nur blinde Menschen sind ein bisschen bescheuert, sondern auch die Schwerhörigen. Die kriegen ja nicht so mit, was die Mitmenschen über sie sagen (wenn diese sie nicht laut anschreien natürlich). Nur wenn sie sich ein Hörgerät kaufen, merken sie, dass die anderen Leute sie für dumm verkaufen. Jetzt mal abgesehen davon, dass das natürlich Schwachsinn ist und auch nicht wirklich lustig, wieso soll man ein Hörgerät bei einem Hersteller kaufen, der sich über die potenziellen Kunden lustig macht? Und zwar so, dass der nicht mitlachen kann. Da geh ich doch lieber zu einem Hersteller, der mich ernst nimmt. Man kann nicht Möbel von IKEA genauso bewerben wie Hörgeräte. Und dieses Mitleidsgeseier so mancher Blindenvereine bringt mich auch nicht zum Spenden. Ganz im Gegenteil.

Braille in Boston

Brailleheft und eine Hand, die liest

Im Restaurant „Rock Bottom Brewery“ in Boston gibt es Speisekarten in Braille – und gutes Essen gibts da auch. Nur das angeblich typisch deutsche Bier „Munich Gold“ war nicht ganz mein Geschmack.

Wenn Journalisten über blinde Menschen schreiben

Es ist ein Phänomen: Wenn Journalisten über blinde Menschen und das Thema Blindheit schreiben, schreiben sie anders als sonst. Da geht es meist um Gefühle, man spürt förmlich wie fasziniert der Autor von seinem eigenen Thema ist – das muss nicht schlecht sein, führt aber oft zu Halbwahrheiten, die aus den eigenen, teilweise falschen Vorstellungen über Blindheit, resultieren. Ein schönes Beispiel ist der Artikel „Elektronischer Blindenhund“, den man gerade bei Spiegel Online lesen kann.

„Für viele Blinde und Sehbehinderte gibt es nur zwei Möglichkeiten: Sich einem ausgebildeten Führhund anvertrauen – oder zu Hause bleiben.“

So beginnt der Text nach dem Teaser prompt falsch. Die meisten blinden Menschen nutzen einen Blindenstock und kommen damit gut zurecht. Und selbst die, die gar nichts nutzen, sitzen nicht nur zu Hause.

„Gerade die Navigation in lauten und räumlich komplexen Großstadtumgebungen kann für Menschen, die nicht sehen können, zur gefährlichen und mühseligen Odyssee werden.“

Blinde Menschen orientieren sich nach Gehör. Da wird es schwieriger (aber nicht unmöglich!) sich zu orientieren, wenn alles leise ist, zum Beispiel kein Auto fährt und sie sich nicht am Verkehrsfluß orientieren können.

Gefährlich, mühselig – jaja, schon schlimm so ein Leben als blinder Mensch, denkt Autor offenbar und verbreitet das als Wahrheit.

„Routen müssen auswendig gelernt, die Umgebung mit dem Gehör ergründet werden – das heißt Wind, Regen oder eine schlichte Erkältung können die Orientierung bereits schwierig machen.“

Glückwunsch zum Spannungsbogen! Ich frage mich nur gerade, wie sich sehende Menschen in der Stadt orientieren: Routen müssen auswendig gelernt werden, die Umgebung mit den Augen ergründet werden – das heißt Schnee, Nebel oder einfach nur Dunkelheit können die Orientierung bereits schwierig machen.

Dann folgen Zitate (Krankenkassen zahlen nicht mehr, viel Verantwortung…). Es gibt einen Rechtsanspruch an die gesetzliche Krankenkasse für einen Blindenhund. Es ist richtig, den muss man erstmal durchsetzen. Das trifft aber auf jedes Hilfsmittel zu. Auch auf den Hightech-Blindenhund, der mit dem Artikel beworben wird.

„Zudem seien gerade Berufstätige kaum in der Lage, einem Tier ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken – und ein Führhund muss kontinuierlich weitertrainiert werden, damit er seine anspruchsvolle Aufgabe nicht verlernt.“

Gerade Berufstätige, die mit dem Blindenhund zur Arbeit gehen, trainieren den Hund bereits auf dem Hin- und Rückweg zum Arbeitsplatz. Mir sind eher Probleme bei Blindenführhundhaltern bekannt, die selbst kaum noch raus gehen.

„Außerdem wird ein Hund müde – mehr als zwei Stunden kann er in städtischer Umgebung nicht konzentriert führen, sagt Ritzler.“

Na was jetzt? Zu wenig Training oder zu viel? So pauschal kann man das nicht sagen. Das kommt doch auf den Hund und die Umstände an.

„Ritzler hat sich mit Blinden und Sehbehinderten unterhalten, hat sich ihre Sorgen und Probleme angehört (…)“

Natürlich. Sorgen und Probleme haben die Blinden und Sehbehinderten. Was sonst?

Es folgt eine Lobhudelei auf die tolle Erfindung:
„‚MYGO‘ ist gewissermaßen ein Blindenstock fürs 21. Jahrhundert.“

„Bei der Cebit wurde Ritzler dafür mit dem „Dyson Innovation Award 2006″ belohnt, mit dem der Staubsaugerhersteller alltagstaugliche aber ungewöhnliche Gestaltungsideen fördern will.“

Wieviele blinde / behinderte Menschen saßen in der Jury? Wieviele blinde Menschen haben das Gerät getestet?

Nicht, dass ich die Erfindung verteufele. Ich kenne sie ja nicht. Vielleicht ist sie wirklich ganz interessant. Aber doch bitte nicht so tun als wäre das die Rettung für blinde Menschen. Die leben auch jetzt schon ganz gut und nicht immer sind die Erfindungen, für die sich nicht behinderte Menschen begeistern, wirklich hilfreich für behinderte Menschen. Es reicht halt nicht, den Erfinder zu befragen. Und wer jetzt schon keinen Fuß vor die Tür setzt, wird es auch nicht mit einer Hightech-Apparatur tun.

Die Christoffel-Blindenmission bedauert…

…leider nicht ihre Plakataktion. Dafür aber die Irritationen, die diese ausgelöst habe.

Folgendes steht in der Pressemitteilung dem Schreiben an ausgewählte Personen, das mir gerade, ich nehme an als Reaktion auf meinen Blogeintrag, zugeschickt wurde:

„Die Christoffel-Blindenmission (CBM) bedauert, dass eine von ihr initiierte Plakatkampagne bei blinden Menschen für einige Irritationen gesorgt hat. „Es lag nicht in unserer Absicht, die Gefühle blinder Menschen zu verletzten“, erklärte dazu Martin Georgi, Direktor der Christoffel-Blindenmission (CBM), „unser Ziel war es, durch eine bewusst provokante Darstellung die Wirkungsweise zwischen der Spende hier und der Hilfe vor Ort zu zeigen.“ (…)

Sobald aus dem Schreiben an ausgewählte Personen eine Pressemitteilung wird und sie somit bei der CBM im Internet veröffentlicht wurde oder bei OTS gelaufen ist, verlinke ich sie gerne.

Blinde als Spardose – die Werbekampagne der Christoffel-Blindenmission

Die Christoffel-Blindenmission (CBM) hat offensichtlich mehrere Jahre lang mit einer herabsetzenden Darstellung von blinden Menschen für Spenden geworben – ohne dass sich jemand darüber aufgeregt hätte. Auf den Plakaten der Kampagne ist ein blinder Afrikaner zu sehen, der Geldschlitze statt Augen hat.

Blinder Afrikaner mit Geldschlitzen als Augen

Nach Protesten von blinden Menschen, hat die CBM die Kampagne nach eigenem Bekunden jetzt eingestellt.

Mir war die Werbung 2004 schon aus einem anderen Grund aufgefallen: Der Slogan „Blindheit ist heilbar“ neben einem Artikel über Peter Singer. Allerdings konnte ich online bei der kleinen Werbung nicht erkennen, dass es sich bei den Augen um Geldschlitze handelt (wahrscheinlich auch, weil ich es für völlig abwegig hielt). Ich dachte, es sei eine Brille.

Grundsätzlich stehe ich Spendenorganisationen, die mit Mitleid werben sehr kritisch gegenüber. Wie soll da Hilfe auf gleicher Augenhöhe möglich sein, wenn man die Hilfsempfänger als arme bemitleidenswerte Geschöpfe darstellt? Was die CBM allerdings gemacht hat, geht noch darüber hinaus. Sie setzt nicht nur auf Mitleid, sondern stellt blinde Menschen als Spardosen dar. Wer so ein Bild von blinden Menschen verbreitet, kann nicht erwarten, dass behinderte Menschen diese Organisation noch in irgendeiner Weise unterstützen – weder finanziell noch ideell.

Update: Bei BIZEPS-INFO gibt es noch weitere Hintergrundinformationen zu der Geschichte, samt Links zu Interviews von Jens Bertrams, unter anderem mit einem blinden Entwicklungshelfer. Die Pressemitteilung zum Start der Kampagne findet sich noch beim Presseportal. Dort ist zu lesen, dass die Kampagne aus dem Hause BBDO stammt. Und beim Gesamtverband Kommunikationsagenturen kann man nachlesen, dass BBDO für diese Kampagne einen Preis bekommen hat: Den Social Effie in Bronze. Die „Fallbeschreibung“ ist auch sehr lesenswert. Und auch, wer Mitglied der Jury 2005 war.

Playboy für Blinde

Playboy in Braille

Aus der Playboy-FAQ: „The only people who can rightfully claim to read it solely for the articles are the thousands of blind readers who peruse our Braille edition, which has been distributed by the Library of Congress since 1970.

(via Banterist)

Taubblinder Diakon bei Kerner

Für alle, die die Sendung (wie ich) nicht gesehen haben: Der taubblinde Diakon Peter Hepp war Mitte Oktober zu Gast bei Kerner. Das ZDF hat jetzt das Interview mit Untertitel und Gebärdensprachdolmetscherin als Stream veröffentlicht. Das ist eine der wenigen Gelegenheiten mal Lormen – das Kommunikationsmittel taubblinder Menschen – zu sehen. Das Interview ist zudem wirklich interessant.

Eines muss Kerner aber noch lernen: Gebärdensprachdolmetscher dolmetschen entweder oder sie beantworten Fragen. Beides auf einmal ist unschön, wie man bei der Frage nach den Politikergebärden sehen kann. Zwischendurch sagt er auch mal „Das müssen wir ja jetzt nicht übersetzen…“, weil er meint, das sei eine Information, die der Gast schon kennt. Aber wie soll dieser wissen, dass das Thema angeschnitten wurde, wenn es nicht übersetzt wird? Daher hat sich der Lormen-Dolmetscher auch nicht irritieren lassen und hat weiter übersetzt. :-)

Arbeitet Google an der Barrierefreiheit?

„Die Seite hat 20 Überschriften“, sagte JAWS, die Sprachausgabe, die die meisten Blinden weltweit nutzen, heute nachmittag als man bei Google eine Seite mit Suchergebnissen bekam. Das war das erste Mal, dass wir das beim Besuch der Google-Seite hörten. Und tatsächlich, im Quelltext befanden sich H3-Tags.

Bislang war die Seite nämlich recht unstrukturiert, wenn man mit Sprachausgabe darauf navigierte. Viermal „TAB“ musste man drücken, um zum nächsten Suchergebnis zu kommen. Mit der neuen Strukturierung war die Werbung problemlos zu überspringen und die Überschriften der Suchtreffer konnte man gezielt anspringen und vorlesen lassen, in dem man einfach „H“ drückte.

Die Freude hielt aber nicht lange an. Seit heute abend sind die Überschriften wieder verschwunden. Aber scheinbar macht sich jemand bei Google ernsthaft Gedanken über die Barrierefreiheit. Also bitte liebe Googler, baut die H-Tags wieder ein! Ist ne gute Idee.