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Tag Archiv für Auswandern

Ein Jahr London

Heute vor einem Jahr bin ich nach London gezogen und ich habe nicht damit gerechnet, nach einem Jahr immer noch hier zu sein. In diesem einen Jahr ist so wahnsinnig viel passiert. Ich habe in zwei Wohnungen gewohnt, habe für zwei BBC-Redaktionen gearbeitet, eine Firma gegründet und einen Preis für dieses Blog gewonnen. Ich habe wohl noch nie in meinem Leben so viele Menschen in so kurzer Zeit kennen gelernt und dabei bin ich bei dpa schon viel rumgekommen. Ich stand in den vergangenen 12 Monaten vor so vielen Entscheidungen und habe jetzt rückwirkend den Eindruck, schlussendlich alles richtig gemacht zu haben.

Und mein erster Jahrestag in London hätte schöner nicht sein können. Gestern abend war ich bei der Liveaufzeichnung des BBC-Podcasts Ouch im Radiotheatre der BBC. Ein einmaliges Erlebnis. Ich habe selten so gelacht. BBC Ouch ist eine Community für behinderte Menschen, die ich richtig klasse finde. Die Aufzeichnung gestern war einfach genial. Liz Carr und Mat Fraser sind einfach klasse Comedians. Der Ouch Podcast ist wirklich hörenswert, aber man sollte britischen Humor mögen.

Dann war ich heute bei einem Seminar von Businesslink, in dem Gründer erzählt bekommen, auf was sie rechtlich in Bezug auf Barrierefreiheit zu achten haben und was Gleichstellung behinderter Menschen wirklich bedeutet. Ich war da nicht, weil ich dachte, dass ich viel lerne, sondern weil ich neugierig war, was man in solchen Seminaren beigebracht bekommt und wie sowas hier abläuft. Die Referentin war gehörlos und selbst Geschäftsfrau. Ich habe nette Leute kennen gelernt und Kontakte geknüpft. Abends war ich noch auf einer Party und fühle mich hier wirklich zu Hause. Damit ist auch die Frage beantwortet, wann ich wieder nach Deutschland gehe. Erstmal nicht.

Deutschland hängt an mir

Die Bundesregierung möchte von mir (und von allen anderen Auswanderern) wissen, warum ich ausgewandert bin und unter welchen Bedingungen ich wieder zurück käme. Das Bundeswirtschaftsministerium hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben. Ich habe den Fragebogen sehr gerne ausgefüllt.

Die vorgegeben Antworten lassen auch schon darauf schließen, dass sie wissen, wo die Probleme Deutschlands liegen.

Umfrage
Fragetext: Sie haben angegeben, dass Toleranz und Gestaltungsfreiheit ein ausschlaggebender Grund für Ihre Auswanderung darstellte. Im Umgang mit wem fehlte Ihnen Toleranz und Gestaltungsfreiheit? Frauen, Personen ausländischer Herkunft / Migranten, Behinderten, älteren Menschen, Kindern, Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung, Menschen wegen ihrer religiösen Orientierung, Menschen wegen ihrer politischen Orientierung, Sonstigen.

Interessant fand ich, dass in der Auswahlliste alle Gruppen als „Menschen“ bezeichnet werden. Nur die Menschen mit Behinderungen sind die „Behinderten“.

Nicht meine Schuld

Nur, damit das klar ist: Das ist nicht meine Schuld. Das Statistische Bundesamt weiß noch gar nicht, dass ich ausgewandert bin. Wie meinte meine deutsche Kollegin heute zu mir: „Wir sind die Dunkelziffer.“ Das wollte ich schon immer mal sein.

Gekommen, um zu bleiben

Ich habe mich entschlossen, vorerst in London zu bleiben. Deshalb habe ich am Wochenende bei dpa gekündigt. Ich war ja bei dpa sechs Monate beurlaubt und hätte im Juli zurück auf meine Stelle gehen können. Jetzt habe ich mich entschieden, zu bleiben. Die Gründe hierfür stehen ja bereits ausführlich in diesem Blog. Ab Mitte April bin ich in der Wirtschaftsredaktion bei BBC World TV. Bitte Daumen drücken, dass das alles so gut weitergeht wie bisher.

Auswandern

Beim SWR kann man einen super Radiobeitrag zum Thema Auswandern anhören. Ich kann übrigens nur begrüßen, dass ARD und ZDF immer mehr Beiträge online stellen. Ich fühle mich so nämlich gut über Deutschland informiert, seit ich endlich – dank Breitbandinternet – abends Tagesschau und Heute sehen kann. Ich würde sogar dafür bezahlen, liebe Intendanten. Nicht riesiege Summen, aber ne monatliche Abogebühr wäre es mir wert.