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Im Zweifel allein

In der Süddeutschen ist ein sehr guter Artikel über eine Frau, die im sechsten Monat ihr behindertes Kind abgetrieben hat. Das Kind hatte Spina Bifida und offensichtlich niemanden, der ihr beigestanden oder sie gut beraten hätte. Warum so viele Männer sich dünne machen, wenn es Probleme gibt, werde ich nie verstehen.

Es kommen kaum noch Kinder mit Spina Bifida auf die Welt. Das hat zum einen mit einer besseren Vorsorge zu tun (Schwangere nehmen genug Folsäure zu sich), aber auch weil fast alle Kinder nach der Diagnose „Spina Bifida“ in Deutschland abgetrieben werden. Ich bin ziemlich sicher, dass das nicht sein müsste, wenn die Eltern besser beraten würden und im Entscheidungsprozess mit jemandem mit Spina Bifida reden könnten. Ich kenne viele Menschen, die Spina Bifida haben. Das Wort „Leid“ kommt mir bei keinem der Leute in den Sinn. Dass das Kind nicht leidet war aber der Hauptgrund für die Abtreibung der Frau, unter der sie jetzt selber leidet.

11 Kommentare

  1. Chrizzo sagt:

    Wenn ich mir das vorstelle… Ohne meine Schwester… Mehr kann ich gar nicht dazu schreiben.

  2. Kai sagt:

    Hmm, scheint doch der Zeitgeist zu sein (von wegen, in England ist’s besser): http://www.telegraph.co.uk/news/uknews/2983652/Baroness-Warnock-Dementia-sufferers-may-have-a-duty-to-die.html

  3. Thomas sagt:

    Ich frag mich nur, wenn die Frau total ehrlich zu sich wäre (wenn man das könnte), würde sie dann nicht zu der Einsicht kommen, dass es ihr mehr um ihr eigenes „Leiden“ geht, als um das des Kindes. Und dann stellt sich die Frage, ob es nicht menschlich ist, sich so einer Verantwortung entziehen zu wollen. Wenn einem der Mann abgehauen ist, man vielleicht finanziell nicht gut dasteht, eventuell keine großartigen Freunde hat, die einen unterstützen und man sich dann Gedanken macht, wie das denn ist mit einem behinderten Kind. Wieviel Arbeit wird das machen? Wieviel Geld wird das kosten? Wie halte ich das als Mutter aus, wenn mein Kind auf der Straße angestarrt wird? Wie wird mein Kind Selbständigkeit entwickeln können, wenn es immer auf Hilfe angewisen ist? Und dann kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass es vielleicht das Beste wäre, das Kind nicht zu bekommen. Und dann wird man sich vielleicht immer Gedanken drüber machen, was für ein tolles Kind das gewesen wäre. Und wieviel Freude man an ihm gehabt hätte. Und wie man sich über die Selbständikeit des Kindes gefreut hätte. Und wie Stolz man über den Mut und die Tapferkeit des Kindes gewesen wäre.

    Ich denke, dass sich diese Entscheidung niemand leicht macht. Ich finde Abtreibungen grundsätzlich eine furchtbare Sache, allerdings bin ich dafür, dass eine Frau (und am besten zusammen mit dem Kindsvater) in so einer Situation die beste Beratung erhalten muss und danach eine Entscheidung fällt, die weder durch die Kirch noch durch das soziale Umfeld bestimmt und/oder verurteilt wird.

  4. Möhp sagt:

    Jaja, die Diskussion hat ’nen Bart, und das wird sich auch nicht ändern… aber das hat sicher viel mit der Vorstellung zu tun, wann Leben beginnt, was nach dem Tod passiert und so weiter und so fort.

    Ich musste mich damit – glücklicherweise – noch nie persönlich damit beschäftigen, aber, plump gesagt, „Kind mit Fehler gegen Kind ohne Fehler“, ist … es hört sich in gewisser Weise ok an. Da ist dann eben die Frage, wann ein Kind wirklich geprägt wird, wann sich Persönlichkeit entwickelt etc.

    Momentan orientiere ich mich da aber mehr nach der „Auslese“ durch Untersuchung des Embryos, das Alter des Fetus war hier ja schon beachtlich…

    Aber ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass jemand gerne eine Behinderung hat – und da ist die Frage, ob ein solches „Austauschen“ ok ist…

  5. Christiane sagt:

    @Möhp
    Es ist aber gar kein Austausch, sondern nach der Abtreibung gibt dieses eine Kind nicht mehr – es gibt keinen Ersatz, auch wenn die Frau dann wieder ein anderes Kind bekommt.
    Frag mal jemanden, der behindert ist, ob er lieber abgetrieben worden wäre. Die Vorstellung, dass man besser nicht lebt als mit Behinderung ist mir ziemlich fremd und erschreckt mich sehr.
    Und eine Behinderung ist für mich auch kein „Fehler“. Menschen sind doch keine Geräte mit Geld-zurück-Garantie.

    @Thomas
    Ja, daran habe ich auch schon gedacht. Ich kann Deine Argumente auch viel besser nachvollziehen als das angebliche Leiden des Kindes und kann nachvollziehen, dass Frauen sich dann für eine Abtreibung entscheiden, wenn sie alleine sind und auch ansonsten ihr Leben aus den Fugen ist. Ich würde mir sehr wünschen, dass die Unterstützung von (werdenden) Eltern mit behinderten Kindern besser wäre. Und damit meine ich nicht nur staatliche oder karitative Einrichtungen. Wie viele Leute mir schon erzählt haben, dass sich ihr Freundeskreis in Luft aufgelöst hat, nachdem das Kind auf die Welt kam.

  6. Sylvia sagt:

    Schwieriges Thema….

    Ich habe drei Kinder, diese geplant, mit Ehemann und in relativ geordneten finanziellen Verhältnissen bekommen. Für uns stand immer fest, dass wir nicht wegen einer Behinderung abtreiben würden – theoretisch.

    Praktisch möchte ich mir nicht anmaßen zu behaupten, dass wir im Ernstfall auch so entschieden hätten.

    Was uns aber entsetzt hat, waren die Reaktionen der Umwelt. Besonders in der 2. und in der 3. Schwangerschaft, als wir außer dem Ultraschall alle Tests abgelehnt haben, wurde uns mehr oder weniger offen Verantwortungslosigkeit vorgeworfen, denn wir sollten nicht nur an uns denken, sondern auch an die Geschwister, denen wir ein behindertes Kind „zumuten“ würden. Solche Aussagen kamen auch von guten Freunden, da war nur Unverständnis, ein krankes Kind „muss“ doch heutzutage niemand bekommen.

    Nur – dieses behinderte Kind wäre dann ja schon in meinem Bauch gewesen.

    Die Ironie des Ganzen:

    Meine allerbeste Freundin, die mich mit ihrer Einstellung sehr verletzt hat, hat nun ein Diabetikerkind.

    Man wird als Schwangere nicht gut aufgeklärt. Die Ärzte machen ihre Tests mehr oder weniger routinemäßig, erklären aber nicht offen, dass man im Falle eines „Befundes“ nicht nur generell über eine eventuelle Abtreibung nachdenken soll, sondern dass diese Spätabtreibung alles andere als lässig ist, wirklich nicht. Die Variante, das Kind trotzdem zu bekommen, gibt es wohl kaum noch. Ist ja gesellschaftlich nicht gewollt, man steht alleine da, wenn man ein nicht-genormtes Kind hat.

    Es ist traurig…. Denkt noch jemand daran, dass man auch aufgrund eines Unfalls ganz schnell behindert sein kann ?

  7. Carola sagt:

    Ich habe es mir in den Schwangerschaften auch „einfach“ gemacht und auf unnötige Untersuchungen von vornherein verzichtet. Freunde von uns haben ein Downy bekommen und meinen, das Schlimmste sei die Zeit in der Schwangerschaft gewesen, als sie wußten, dass sie ein behindertes Kind bekämen und versuchten, sich auf die Ankunft eines Monsters vorzubereiten. Sie fühlten sich verpflichtet, das Kind – und sei es noch so ein Freak – aufzuziehen. Was sie bekamen, war ein entzückendes Baby mit Down Syndrom. Natürlich sind die vielen gesundheitlichen Probleme des Knaben – die Ohren … – mit vielen Arztterminen verbunden, aber missen möchte den Jungen wirklich niemand.
    Eine andere Freundin, die in der Schwangerschaft dagegen alle Möglichkeiten der Medizin in Anspruch nahm, hatte das Pech, dass ihr kerngesundes Baby dann während der Geburt erstickte und dank der Intensivmedizin aber nach einigen misslungenen Versuchen wieder ins Leben zurückgeholt werden konnte. Allerdings weit von „kerngesund“ entfernt.
    Wirklich „sicher“ ist es nie, ein gesundes Baby zu bekommen. Und hier habe ich eine Frau kennengelernt, die ein kerngesundes Kind hatte, dass dann leider den Klassiker erlitt: Gartenteich. Das Kind konnte wiederbelebt werden, allerdings blieb der Unfall nicht ohne Folgen.
    Und genau dieser Mutter wurde beim Einkaufen doch tatsächlich der Spruch zugemutet, dass „so etwas“ doch heutzutage wirklich nicht mehr nötig sei.

  8. Miep sagt:

    Ich habe meine Tochter auch im 6ten Monat durch einen Abbruch verloren, ja auch wegen Spina…Dazu muss ich allerdings sagen, dass mir hier einmal mehr zu wenig diffrenziert wird, es gibt die Spina, wo der Betroffene „lediglich“ im Rollstuhl sitzt, sein Hirn nicht weiter in Mitleidenschaft gezogen wurde und es gibt die Spina, wo das Hirn schon wärend der Schwangerschaft durch die Öffnung im Rücken abgesogen wurde, heisst, das Kind, sobald es zur Welt kommt, sowieso sterben wird.(dazwischen -zich Abstufungen)
    Bei uns war zweiteres der Fall und wenn Argumente kommen wie „Stell Dir vor, wie es für euch gewordenwäre“ dann macht es mich, man möge mir glauben oder nicht, wütend, weil diese Frage für uns nie zur Debatte stand.
    Bei unserer Tochter ging es im Endeffekt darum, darüber zu entscheiden, wie sie sterben darf und ich kann es als Mutter nicht zulassen, dass mein Kind alleine wärend einer sinnlosen Op sterben muss; also haben wir uns für den Abbruch entschieden, so dass sie von uns gehalten gehen durfte.
    Was mir hier einmal mehr fehlt ist die Diffrenzierung, eine Spina ist nicht gleich Spina genausowenig, wie Down gleich Down ist. Beim Down-Syndrom gibt es dijenigen, die man auf der Stasse sieht (mit denen ich nebenbei erwähnt arbeite) aber Diese sind verhältnismässig wenig betroffen, die andere Ausprägung kann Herzprobleme, Darmdefekte etcetcetc. mit sich bringen…
    Also meine Bitte, etwas mehr Diffrenzieren…

  9. bounty sagt:

    Ich möchte nur einmal kurz beisteuern, wie sich auch die Sichtweise auf diese Thematik verändern kann:
    Ich habe selbst eine mittlere medizinische Ausbildung absolviert und im Rahmen dieser auch viel über pränatale Diagnostik und angeborene Behinderungen gelernt. Damals (also während der Ausbildung und noch lange danach) war ich absolut fest entschlossen, ein Kind mit Behinderung auf jeden Fall abzutreiben (nicht perfekt? fort damit und neues genacht!), weil ich der Meinung war, dass ein Leben mit Behinderung nicht wirklich lebenswert ist und man das heutzutage niemanden mehr zumuten muss. Ich fand so furchtbar, was bei einer Schwangerschaft alles schiefgehen kann, dass ich aus lauter Unsicherheit während meiner ersten Ehe überhaupt kein Kind bekommen habe.
    Tja und heute?
    Ich bin wieder verheiratet, mein Mann hat Spina bifida mit den genannten Folgen (Querschnittslähmung, Inkontinenz) … und ist der wunderbarste Mann der Welt!!!
    Wenn ich mir nun vorstelle, meine Schwiegermutter hätte dieses Kind damals nicht bekommen – also absolut unvorstellbar!!! Das wäre so schade, der Welt wäre ein großartiger Mensch verloren gegangen – und meine Einstellung zur Abtreibung hat sich natürlich grundlegend verändert – ich würde mich äußerst, äußerst schwertun, ein Kind gehen zu lassen – kann ich denn wissen, was es für ein Mensch geworden wäre und wie es mit seiner Behinderung zurecht gekommen wäre? Nein, ich glaube, ich würde mir diese Entscheidung nicht mehr zutrauen …

  10. Heike sagt:

    Ich denke mir dass sich keiner so eine Entscheidung leicht macht. Und ich denke genau wie Miep dass man differenzieren muss. Behinderung ist nicht gleich Behinderung und auch bei bei einer Spina bifida gibt es so viele verschiedene Arten – man kann nicht alles in einen Topf werfen. Ich wüsste nicht was ich tun würde…

  11. ButcheredAtBirth sagt:

    Ich persönlich finde es gut, wenn eine Frau die Konsequenzen zieht, denn ich denke, dass eine angeborene Behinderung eine besonders grosse Last ist für alle Beteiligten (besonders für die Behinderten selbst). Vor ein paar Jahren habe ich auch in einer Einrichtung für Behinderte gearbeitet und das war zu 90 % eigentlich nur Drama Drama Drama. Es sind Beziehungen auseinander gegangen, die Kinder wurden teilweise vor meinen Augen geschlagen (manche Eltern sind sehr verzweifelt…) oder sie siechten in ihren Exkrementen dahin. Manchen Behinderten wird das wohl relativ egal sein, wenn sie von ihrer Aussenwelt nicht genug mitbekommen. Aber ich denke, dass eine Abtreibung in solchen Fällen die bessere Wahl ist.