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Schönheit, Autismus und Inklusion

Schönheit

Leben mit Behinderung: Meine Prothese nannte ich liebevoll Thees | ZEIT ONLINE
Schönheit hat nichts damit zu tun, wie viele Arme man hat. Sehr schöner Text.

Autismus

Autismus und Massenmord: Der konstruierte Zusammenhang | Carta
Taten, die wir nicht begreifen können, denen drücken wir schnell mal ein Label auf. Bei Massenmord gerne auch mal das Label Autismus. Mela hat das mal bei Carta zerpflückt.

PETA: Milk Linked To Scary Autism And Vegan Is Your Only Hope – Forbes
PETA findet es okay, eine Kampagne zur veganen Ernährung auf dem Rücken von Menschen mit Autismus zu machen. Forbes nicht so.

Inklusion

Inklusion | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin‘ since 2001
Ein Kommentar zur Jauch-Sendung über schulische Inklusion.

BBC News – A Point of View: Happiness and disability
Behinderte Menschen sind nicht unglücklicher als nicht behinderte Menschen. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen das bereits. Dieser Artikel erklärt noch einmal wieso.

Wahlen, Inklusion und die britische Polizei

Wahlen

Behinderte an Wahl gehindert
Während manche Europäer wohl gleich zwei Mal gewählt haben, hat man behinderte Menschen in Brandenburg an der Wahl gehindert.

Gesundheit

UK child death rate among worst in western Europe Nur in Malta sterben in der EU noch mehr Kleinkinder vor dem 5. Lebensjahr als in Großbritannien. Grund: Armut. Unfassbar.

Inklusion

Der lange Weg zur Inklusion
Benedikt Lika ist einer der tollen Menschen, die man einfach so in diesem Internet trifft. Seit 2007 hat sich der Dirigent mit dem Projekt „Roll and Walk“ in seiner Heimatstadt Augsburg einen Namen gemacht. Er bietet einerseits jungen talentierten Musikern eine Plattform in seinem Orchester, anderseits möchte er insbesondere Menschen mit Behinderung den Zugang zur klassischen Musik eröffnen. Außerdem ist er seit kurzem Mitglied des Stadtrats nachdem ihn die Augsburger weit vorne auf die Liste katapultierten. So geht Inklusion.

Down’s Syndrome student held in cell for nine hours after going into school on Bank Holiday Monday to retrieve his favourite baseball cap
Ein Junge mit Down-Syndrom bricht an einem schulfreien Tag in seine Schule ein, weil er seine Kappe dort vergessen hatte, an der er so hängt. Die Londoner Polizei nimmt ihn fest und hält ihn neun Stunden lang fest bis die Schule und ein Anwalt intervenieren können. So geht Inklusion nicht.

Lernen behinderte Kinder an Regelschulen besser? Die Wissenschaftler vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen kommen zu dem Schluss, dass Kinder mit Förderbedarf mehr und besser lernen, wenn sie mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden. Na welch Überraschung!

Wieso Vielfalt im Journalismus auch Qualität bedeutet

Es war eine der ersten Redaktionssitzungen bei BBC, an der ich teilnahm. Jemand schlug vor, in unserer Sendung zu diskutieren, ob das Hakenkreuz in der EU verboten werden soll. Mein erster Gedanke war „Ist das nicht längst verboten?“. Mein zweiter Gedanke war „Und wenn nicht, was gibts da zu diskutieren? Da können doch nur ein paar rechte Spinner dagegen sein“.

Anlass war der Vorstoß der deutschen Bundesregierung während ihrer Ratspräsidentschaft bei der EU, das Hakenkreuz europaweit verbieten zu lassen.

An dieser Redaktionskonferenz nahmen etwa 10 oder 15 Leute teil. Fast jeder hatte eine andere Staatsangehörigkeit, einen anderen kulturellen Hintergrund als der Redakteur oder die Redakteurin neben sich. Dort saßen britische, indischstämmige, südafrikanische, arabische, schwarze, weiße, männliche, weibliche Kollegen. Und eben ich: Deutsch, weiß, Frau.

Ein indischer Kollege merkte an, dass die indische Gemeinde, vor allem Hindus, in Großbritannien stinksauer über die Initiative seien. Das sei ihr Symbol, das die Nazis missbraucht hätten. Es könne nicht sein, dass Deutschland wegen seiner Geschichte ihnen einen Teil ihrer Kultur wegnehme.

Langsam dämmerte es mir. Natürlich hatte ich ich irgendwann davon gehört, dass das Swastika in anderen Kulturen eine ganz andere Bedeutung hat, die Nazis dieses Symbol gar nicht erfunden hatten. Ich war sogar zuvor in Indien, wo ich Hakenkreuze gesehen hatte. War mir das in dem Moment präsent? Nein. Meine deutsche Sozialisierung überlagerte alles. Es war mir nicht präsent, weil in meiner deutschen Bubble bislang Inder und Hindus so gut wie keine Rolle spielten und ich im deutschen Schulunterricht zwar das Dritte Reich sieben Mal in 13 Jahren Schulzeit behandelt hatte. Indien allerdings kein einziges Mal.

Und ich ahnte, dass das bei den Abgeordneten, die diesen Vorstoß nach Brüssel getragen hatten, wohl kaum anders war. Ich hatte recht. Genau so war es. Als ich den ersten deutschen Abgeordneten anrief und fragte, ob er denn überhaupt bedacht habe, dass jetzt Hindu-Familien in Großbritannien ihre Dekoration ändern müssen, die indische Botschaft in London sogar ihr Mosaik vor der Tür, vernahm ich ein langes Schweigen am anderen Ende der Leitung.

Die Krautreporter-Debatte

Warum erzähle ich das? Gestern startete das Projekt Krautreporter mit dem Ziel, einen anderen Online-Journalismus zu machen. Und seitdem müssen sich die Macher fragen lassen, warum von 28 Autoren nur 6 Frauen sind. Einige an der Diskussion Beteiligten finden, das Thema sei lächerlich und habe nichts mit der Qualität des Angebots zu tun. Ich sehe das etwas anders. Ich glaube, dass Vielfalt in Redaktionen auch zu einem besseren Journalismus führt und Aspekte in die Berichterstattung einfließen, auf die man auch bei guter Recherche nicht zwangsläufig kommt. Bei mir wäre das Thema Hakenkreuz glatt durchgefallen, für die indischen Kollegen war das aber eine Herzensangelegenheit.

Und so haben auch Frauen manchmal eine andere Sicht auf Themen als Männer. Gerade was die Themenfindung im Journalismus angeht, sind viele Bereiche lange noch nicht ausreichend recherchiert und beschrieben. Warum? Weil es nicht als relevant angesehen wird. Mit Diversität in der Redaktion verschieben sich aber auch Prioritäten und Beurteilungen über Themen. Das heißt nicht, dass ein schwarzer Redakteur immer nur gegen Diskriminierung schreiben soll. Bitte nicht! Aber es fließen gerade in Entscheidungsprozesse ganz andere Aspekte ein, die man mit einem homogenen Redaktionsteam vielleicht nicht unbedingt berücksichtigt hätte. Deshalb halte ich die Debatte um die Krautreporter für wichtig. Und da es ein Projekt ist, bei dem der Leser und die Leserin zahlen soll, gilt umso mehr, die Vielfalt der Leserschaft abzubilden. Mir geht es dabei nicht um eine Frauen-Quote sondern darum, dass es in Deutschland bereits genug homogen besetzte Redaktionen gibt. Krautreporter wollen aber nach eigenem Bekunden anders sein. Diese Andersartigkeit in Form von Vielfalt sehe ich derzeit aber leider noch nicht.

Notting Hill, britische Akzente und Air Canada

Notting Hill

Notting Hill Film Locations – Self-Guided Walking Tour

Sobald das Wetter es erlaubt, mache ich die „Notting Hill“-Tour. Ich liebe den Film und muss schon immer schmunzeln, wenn ich am Hotel „Ritz“ vorbeikomme…

Akzente

A tour of the British Isles in accents – YouTube
Wer dachte, nur in Deutschland würde überall anders gesprochen. Von wegen…

Air Canada

Air Canada apologizes after staff abandoned disabled violinist Itzhak Perlman at Pearson airport | National Post
Air Canada apologizes to Itzhak Perlman | Toronto Star

Dass Airlines behinderte Passagiere nicht immer fürstlich behandeln, ist bekannt. Ist der Fluggast aber behindert und prominent, kann das sehr unangenehm werden, rein pr-technisch.

Matthias Schweighöfers Meniskus und meine Lebensqualität

Sticker Walking is overratedMatthias Schweighöfer hat Meniskus-Probleme. Das ist sehr bedauerlich. Und weil er ein Meniskus-Problem hat, glaubt er nun, mein Leben und das anderer Querschnittgelähmter beurteilen zu können. Glaubt Ihr nicht? Dann lest mal das hier:

Ich war selbst leidenschaftlicher Läufer, bis mir mein Meniskus einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Wie muss es erst den Menschen gehen, die querschnittsgelähmt sind? Ich würde alles dafür tun, dass man einen Weg findet Querschnittslähmung zu heilen und all diesen Menschen ihr Leben und ihren Lebensmut zurückgeben zu können.

Mit diesem Geschwurbel ruft Schweighöfer dazu auf, die Forschung zur Heilung von Querschnittlähmung zu unterstützen, indem man bei einem Rennen für ihn startet.

Nun ist es Matthias Schweighöfer unbenommen Geld zu sammeln, für was er will. Für die Erforschung von Querschnittlähmung oder was auch immer. Er könnte auch für die Erforschung der Vanilleduft-Extraktion aus Kuhdung oder das Sprachverständnis von Ratten sammeln, nur – Überraschung! – all das hat mit meiner Lebensqualität rein gar nix zu tun. Glaubt Ihr nicht? Ist aber so. Sogar wissenschaftlich bewiesen:

  • Schon 1973 stellten Forscher keinen Unterschied bei behinderten und nichtbehinderten Menschen fest, wenn sie zu ihrer Zufriedenheit, ihrer Laune oder ihrem Frustationsgrad befragt wurden. (P Cameron et al., Journal of Consulting and Clinical Psychology, 1973, vol. 41, 207-214)
  • 1994 gaben 86 Prozent der befragten, hoch querschnittgelähmten Menschen (Tetraplegie) in einer Studie an, ihr eigenes Leben als „durchschnittlich“ oder „besser als durchschnittlich“ zu bewerten. (KA Gerhart et al., Annals of Emergency Medicine, 1994, vol. 23, 807-812).
  • In einer Studie mit älteren querschnittgelähmten Menschen bewerteten diese ihre Lebensqualität sogar höher als nichtbehinderte Menschen der gleichen Altersgruppe. (MG Eisenberg & CC Saltz, Paraplegia, 1991, vol. 29, 514-520).

Und es gibt noch viele weitere Studien dazu, die mehrheitlich alle das Gleiche sagen: Die Fähigkeit, laufen zu können, hat kaum Einfluss auf die Beurteilung der eigenen Lebensqualität. Wenn Matthias Schweighöfer also meint, querschnittgelähmten Menschen „ihr Leben und ihren Lebensmut“ zurückgeben zu wollen, ist er einfach auf dem falschen Dampfer. Danke, haben wir schon!

Sollte Matthias Schweighöfer aber wirklich etwas zur Verbesserung der Lebenssituation querschnittgelähmter Menschen tun wollen, könnte er bei den Sozialhelden eine Rampe spenden. Über jedes Lokal mehr, in das ich hineinkomme, freue ich mich. Oder er könnte dafür sorgen, dass seine Filme nur noch in barrierefreien Kinos laufen.

Nicht das „nicht Laufen können“ ist das Problem, sondern die Barrieren im Alltag, die nicht weggehen, indem man in die Forschung gegen Querschnittlähmung investiert. Zudem ist es ziemlich illusorisch zu glauben, dass die jetzige Generation an Querschnittgelähmten davon noch etwas hat. Seit ich denken kann, höre ich, dass es bald ein Mittel gegen Querschnittlähmung geben wird. Man sei kurz vor dem Durchbruch. Ich bin jetzt 37 Jahre querschnittgelähmt. Wenn ich meine Lebensfreude von dieser Forschung abhängig gemacht hätte, meine Güte…

Aktion Mensch, Inklusion und KISS

Die Aktion Mensch wird 50

Wie gehts weiter mit der Aktion Mensch? | kobinet-nachrichten

Stellen wir uns einmal vor, fünf Jahre nach In-Kraft-treten der UN-Behindertenrechtskonvention hätten wir noch eine Aktion Sorgenkind. Wie peinlich wäre dies? Genau so peinlich wie der Begriff Anstalt, den noch so manche Behinderteneinrichtung im Namen und damit verbunden wahrscheinlich auch noch im Geiste führt.
Die Dankbarkeit der Aktion Mensch müsste also all denjenigen gegenüber grenzenlos sein, die für die Namensänderung hart gekämpft haben. Doch genau betrachtet haben diejenigen, die auch mit dem Begriff des Sorgenkindes gut leben konnten, nichts von ihrer Macht des großen Geldes abgegeben. Die Wohlfahrtsverbände spielen nach wie vor die erste Geige bei der Aktion Mensch als ob es beispielsweise keinen Deutschen Behindertenrat oder den Slogan gäbe: Nichts über uns ohne uns.

Inklusion

Wo die Sonderschule nicht existiert – KURIER.at

„Bei uns werden die Kinder in den Mittelpunkt gerückt und gefördert. Bei uns wird nicht in behindert und nicht behindert unterschieden“, erklärt Vizebürgermeister Josef Tutschek den eingeschlagenen Weg.

Behinderte Frau aus dem Rollstuhl gestoßen

Überfall: Behinderte aus Rollstuhl gestoßen – Westdeutsche Zeitung

Phantombilder entlarven Täter – Aktuelle Stunde

Und außerdem…

Behindert sein ist teuer
BBC News – Disabled people ‚pay penalty‘ on everyday costs

Disabled people pay „a financial penalty“ on everyday living costs, spending an average of £550 a month extra, according to a report by Scope.

Der Sänger von KISS ist auch behindert.
KISS lead singer was born with one ear | Fox News

Und wer bei der Telekom den Tarif für gehörlose Kunden buchen möchte, muss ein Captcha in Gebärdensprache lösen.
Telekom Zugangskontrollsystem

Blogstöckchen: Fünf Bücher

Zum Welttag des Buches macht ein Blogstöckchen die Runde. Ich habe es von Frau Gehlhaar gefangen und habe mich daher extra aus dem Bett bewegt (bin krank), um ganz schnell diesen Blogeintrag zu schreiben (jaja, ich geh dann auch ganz schnell wieder weg vom Rechner!).

Die Aufgabe lautet:

“Zähle 5 Bücher auf, die ganz oben auf deiner Wunschliste stehen, die aber KEINE Fortsetzungen von Büchern sind, die du schon gelesen hast – sie sollen also völlig neu für dich sein. Danach tagge 8 weitere Blogger und informiere diese darüber.”

Hier ist meine Liste:

Richard Branson: Screw it, let’s do it.

Auf Deutsch heißt das Buch „Geht nicht gibt’s nicht!: So wurde Richard Branson zum Überflieger. Seine Erfolgstipps für Ihr (Berufs-) Leben.

Richard Branson ist ein sehr erfolgreicher britischer Unternehmer. Wer in Großbritanniens Business-Welt unterwegs ist, stößt irgendwann auf seinen Namen. Er ist das Vorbild für viele Gründer hier im Land. Ich habe mich aber noch nicht sehr intensiv mit ihm beschäftigt, geschweige denn ein Buch von ihm gelesen, aber ich denke, ich sollte das endlich mal tun.

Nilz Bokelberg: Endlich gute Musik: Diese Lieder müssen sein

Nilz Bokelberg erzählt ein Leben anhand von Musik: große Songs, wichtige Platten, aber auch musikalische Enttäuschungen. Nilz ist mein Jahrgang, seine Karriere startete er als VJ beim Musiksender VIVA. Ich bin also irgendwie mit ihm aufgewachsen. Unterdessen folgen wir uns online, wo man sich so folgen kann und ich lese gerne Bücher von Menschen, zu denen ich irgendwie einen Bezug habe. Und Musik ist ja eh ein super Thema…

Sheryl Sandberg: Lean In: Women, Work, and the Will to Lead

Auf Deutsch heißt das Buch Lean In: Frauen und der Wille zum Erfolg. Ich hätte es schon gelesen, wenn es in UK als Hörbuch zum Download erhältlich wäre. Ist es aber nicht und weil ich gerade etwas Schwierigkeiten habe zu Lesen (ja, ich geh auch gleich wieder vom Bildschirm weg!), hätte ich es gerne angehört. Wegen des Rechte-Irrsinns steht es immer noch auf meiner Wunschliste.

Sheryl Sandberg ist Geschäftsführerin von Facebook und gehörte davor zur Führungsmannschaft bei Google. Sie geht in dem Buch der Frage nach, wie mehr Frauen in anspruchsvollen Jobs an die Spitze gelangen können.

Jane Campbell / Mike Oliver: Disability Politics

Das Buch erzählt die Geschichte der Behindertenbewegung in Großbritannien. Co-Autorin ist das heutige Oberhaus-Mitglied Jane Campbell, die Rollstuhlfahrerin ist und sich seit Jahrzehnten für Inklusion und Teilhabe behinderter Menschen einsetzt. Ich finde immer noch sehr faszinierend, wie es behinderte Menschen geschafft haben, sich erfolgreich dafür einzusetzen, dass das Land innerhalb von 20 Jahren komplett auf den Kopf gestellt und massiv in Barrierefreiheit investiert wurde und eine entsprechende Gesetzgebung folgte.

Zoe Beck: Brixton Hill

Zwei Tage nachdem jemand auf Facebook das Buch empfahl, war ich in der Straße Brixton Hill und habe mich total verlaufen. Wenn das kein gutes Omen ist, das Buch zu lesen, dann weiß ich auch nicht…

Ich gebe das Blogstöckchen weiter an jeden, der es gerne möchte…

Aktion Mensch, Theater und tolle Fahrstühle

Ich bin ein großer Fan von Felix‘ Links, die er fast jeden Tag in seinem Blog postet. Nun hat er mir ein Plugin empfohlen, mit dem ich delicious und WordPress verbinden kann (Postalicious) und nun werde auch ich mehr oder weniger regelmässig auch meine Links teilen, auf die ich so unter der Woche stoße und sie kommentieren.

Aktion Mensch

Behinderte Frau soll leiser sein

Ein sehr umstrittenes Urteil und ein Bericht, mit kruden Zitaten des Pressesprechers der Aktion Mensch

gedankenträger [man weiß ja nie] » aktion mensch.

Wie kann es sein, dass der Pressesprecher der “Aktion Mensch” so wenig versteht, dass und wie die Lage bei Menschen mit einer schweren Behinderung eine ganz andere und gänzlich unvergleichbare ist? Genau deswegen werden doch zurecht “noch immer andere Maßstäbe angelegt.” Es gibt diese schöne Karikatur, in der eine Reihe von Tieren vor einem Baum steht, unter ihnen ein Affe und ein Elefant, und ihnen wird die Aufgabe gestellt, auf den Baum zu klettern. Darunter der Rechtfertigungssatz: “Aber wieso? Wir haben allen die gleiche Aufgabe gestellt!” So hört sich das für mich an, das Argument mit den gleichen Maßstäben.

Was ein Theater

Schauspielern mit Behinderung: Ohne Beine auf die Bühne | Kölner Stadt-Anzeiger

Schönes Beispiel dafür, wie behinderte Menschen ausgegrenzt werden, es aufs Geld geschoben wird, aber es de facto nur guten Willen und ein bisschen Organisationstalent braucht.

The Clink Restaurant Brixton Prison

In einem Londoner Gefängnis gibt es jetzt ein Restaurant. Journalisten dürfen da aber nur essen, wenn sie nicht drüber berichten. Manche Organisationen haben schon ein komisches Verständnis von Öffentlichkeitsarbeit.

British Politics and Policy at LSE – The already disadvantaged and little understood BME disabled community will suffer greatly under austerity measures

Was die Sozialkürzungen in Großbritannien für behinderte Menschen im Königreich bedeuten.

12 elevators you need to see to believe – CNN.com

Ganz tolle Fahrstühle. An zwei Orten davon war ich schon.

Wie ein Sprecher der Aktion Mensch Behindertenfeindlichkeit schürt

Ich habe gerade ein sehr interessantes Buch gelesen. Es heißt Scapegoat: Why We Are Failing Disabled People (auf Deutsch sinngemäß: Sündenbock – Warum wir bei behinderten Menschen versagen). Die Autorin ist ein Jahr lang durch Großbritannien gereist und hat Fälle von Hasskriminalität gegen behinderten Menschen untersucht, mit Opfern, Angehörigen und der Polizei gesprochen. Sie hat versucht zu erklären, woher diese Gewalt gegen behinderte Menschen kommt und wer die Täter sind.

Nachbarschaftsstreit

Noch als ich das Buch las, postete jemand auf Facebook dieses Video der Sendung „Brisant“, das über ein Urteil gegen die Mutter einer behinderten Tochter berichtet. Ein Gericht in Bonn hat sie verurteilt, ihre Tochter ruhig zu stellen. Nachbarn hatten sich über die Schreie und Klopfen beschwert und sind vor Gericht gezogen. Die Tochter hat eine starke Lernbehinderung – „Geistig behindert“ nannte man das früher. Wenn sie ihre Tochter nicht zur Ruhe bringt, drohen ihr Ordnungsgeld oder Ordnungshaft. Wie genau sie das machen soll, bleibt offen.

Als sei das Urteil nicht schon empörend genug, tritt in dem Film Sascha Decker auf, Pressesprecher der Aktion Mensch. (Um Missverständissen vorzubeugen, die Namenseinblendungen in dem Video sind falsch. Sascha Decker ist nicht der Rollstuhlfahrer, sondern der Herr, der danach spricht.)

Und zwar mit diesem O-Ton:

„Dazu muss gehören, dass ich jemandem, der pöbelt oder der sich nicht an die Regeln hält, sagen kann Stopp. Du überschreitest hier eine Grenze. Ich denke wir tun dem Thema Inklusion keinen Gefallen, wenn wir hier vor den Menschen mit Behinderung Schluss machen und sagen das gilt für die nicht.“

Am Freitag postete die Aktion Mensch dieses Video ebenfalls auf Facebook. Was folgte war eine empörte Diskussion auf der Facebook-Seite der Aktion Mensch. Diese behauptet nun, man habe gar nicht gewusst, dass man in einem Beitrag zu dem Urteil erscheine. Unter welchem Vorwand „Brisant“ bei ihnen angerufen hat, sagen sie aber auch nicht. Zudem ist das Urteil in Bonn gesprochen worden, dem Sitz der „Aktion Mensch“. Da hat man nicht mitbekommen, dass das Urteil ansteht und worum es dem Fernsehteam eigentlich geht? Wirklich?

Es kann nicht sein…

Der „Brisant“-Beitrag ist aber nicht der einzige Beitrag zu dem Urteil, in dem sich die Aktion Mensch äußert. Auf der Seite des WDR heißt es:

„Ganz andere Töne schlägt nun Sascha Decker von „Aktion Mensch“ an. Er möchte sich zum konkreten Fall lieber nicht äußern, sei nicht bei der Verhandlung dabei gewesen. Ihm ist aber besonders wichtig, dass Inklusion von beiden Seiten gelebt werden muss. Früher sei es so gewesen, dass die Behinderten vor den Toren der Stadt wohnen mussten. Nun lebten sie mitten in der Gesellschaft. Und müssen natürlich auch selbst alles dafür tun, dass dieses Miteinander gut funktioniert. Natürlich müssen, bevor Medikamente ins Spiel kommen, alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sein. „Es kann nicht sein, dass eine Gruppe von Menschen immer auf die „armen Behinderten“ Rücksicht nehmen muss. So wird das Modell Inklusion nicht erfolgreich sein, und so wird das Miteinander von Behinderten und Nicht-Behinderten auch niemals selbstverständlich werden,“ so Sascha Decker weiter. Wenn ein Kind zur Welt komme, eine Familie mit drei Teenagern in einer Wohnung lebe oder wenn ein 60ster Geburtstag mal ein bisschen lauter werde, dann finde man doch meist auch eine Lösung. Bei Behinderten – da ist sich Sascha Decker sicher – werden in solchen Zusammenhängen noch immer andere Maßstäbe angelegt. Und auch wenn die Inklusion Behinderter in die Gesellschaft schon auf einem guten Wege sei; die Strecke, die vor uns liegt, ist noch lang.“

(Hervorhebung von mir)

Zu viel Rücksicht?

Der Sprecher der der Aktion Mensch kritisiert tatsächlich, dass auf behinderte Menschen eigentlich zu viel Rücksicht genommen werde. Dabei ist die Wahrheit eine ganz andere: Viele behinderte Menschen versuchen sich so gut wie möglich anzupassen, verzichten auf vieles, um nicht aufzufallen. Und natürlich gelten für behinderte Menschen die gleichen Regeln wie für nicht-behinderte Menschen auch – wenn sie sie denn befolgen können.

Es macht allerdings keinen Sinn, von jemandem zu fordern, sie müsse ihr Verhalten ändern, wenn sie das behinderungsbedingt nicht kann. Wo soll das denn enden? Können Menschen mit Tourette noch auf die Straße gehen oder droht ihnen dann eine Anzeige wegen Beleidigung? Und blinde Menschen, die etwas umlaufen, droht denen dann eine Anzeige wegen Sachbeschädigung? Und gehörlose Menschen müssen sich wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt verantworten, wenn sie die Anweisung der Polizei nicht gehört haben? Das hat mit Inklusion nichts zu tun.

Opfer von Gewalttaten

Der Sprecher der Aktion Mensch vermittelt der Gesellschaft, es würden für behinderte Menschen ständig Extrawürste gebraten, als seien behinderte Menschen ständig im Vorteil und man würde ständig Rücksicht auf sie nehmen. Das ist schon fast paradox, denn wenn dem so wäre, könnte man die Aktion Mensch sofort abschaffen. Aber natürlich ist das nicht so.

Es ist vielmehr so, dass behinderte Menschen überdurchschnittlich oft Opfer von Gewalttaten werden, nicht zuletzt in ihrer eigenen Nachbarschaft. Zu fordern, dass nicht immer nur auf die „armen Behinderten“ (was ist das eigentlich für eine abwertende Sprache, die er benutzt?) Rücksicht genommen wird, macht Opfer zu Tätern und untermauert, dass behinderte Menschen eben doch wieder weggesperrt oder eben ruhig gestellt werden müssen.

Gleichberechtigung nicht verdient

Genauso entsteht Behindertenfeindlichkeit. In dem oben erwähnten Buch schreibt die Autorin:

„Ich glaube nicht, dass die Gesellschaft grundsätzlich behinderte Menschen hasst. Aber ich glaube, es gibt ein grundlegendes Gefühl, dass behinderte Menschen Gleichberechtigung nicht verdient haben. Deshalb werden so viele in ihrer eigenen Gemeinde angegriffen, weil manche Menschen glauben, sie gehören weggeschlossen. (…) Einige Kriminologen denken, dass Hasskriminalität versucht, gesellschaftliche Hierarchien zu erhalten – bestimmte Gruppen sollen auf ihrem Platz bleiben.“

Auch nach dem nun fast 60. Kommentar zu ihrem Beitrag hat die Aktion Mensch es bislang nicht geschafft, sich von den Aussagen zu distanzieren oder sich zu entschuldigen.

Update: Monika, Mutter eines behinderten Sohnes, der auch Lärm macht, hat mal geschrieben, was für sie das Urteil und die Reaktion der Aktion Mensch bedeutet.

Update 2: Kommentare wegen Zeitmangels geschlossen. Ich mache sie vielleicht nach dem Wochenende wieder auf.

Kultur-Apartheid

Ich war noch nie in den Hamburger Kammerspielen. Dabei habe ich nur einen Steinwurf vom Theater entfernt studiert. Der Grund ist so einfach wie ärgerlich: Die Hamburger Kammerspiele sind nicht barrierefrei.
Unterdessen schreiben wir das Jahr 2014 und man könnte schon glauben, dass wichtige Spielstätten des kulturellen Lebens in einer der reichsten Städte Europas irgendwann doch mal auf die Idee kommen, ihr Haus barrierefrei umzubauen. Nicht so die Kammerspiele.

Ziemlich nicht barrierefrei

Vielleicht wäre das auch viele weitere Jahre hingenommen worden, wenn das Haus nicht auf die aberwitzige Idee gekommen wäre, „Ziemlich beste Freunde“ auf den Spielplan zu nehmen.
„Ziemlich beste Freunde“ ist ein sehr erfolgreicher französischer Kinofilm basierend auf der Biographie eines querschnittgelähmten Mannes, der auf der Suche nach einem Assistenten ist und diesen dann auch findet. Was die beiden gemeinsam erleben, ist Inhalt des Films, des Buchs und vermutlich nun auch des Theaterstücks.
Das Problem ist nur: Die Kammerspiele verdienen zwar gerne am Thema Behinderung, aber behinderte Menschen, in diesem Fall Rollstuhlfahrer, also genau die, um die es bei dem Stück geht, können das Stück nicht sehen, denn das Haus ist nicht zugänglich.

Dass die Rolle des Rollstuhlfahrers nicht von einem Rollstuhlfahrer gespielt wird, muss man wohl auch kaum erwähnen. Der käme natürlich ebenfalls gar nicht ins Haus. Und so macht das natürlich ein nicht behinderter Schauspieler. Einen tollen Artikel, warum das inakzeptabel ist, hat Scott Jordan Harris vor kurzem verfasst.

Das Hamburger Abendblatt schrieb zwar eine Kultur-Jubel-Meldung zur Premiere, vergaß aber zu erwähnen, dass es vor dem Theater zur Premiere eine Demonstration von Rollstuhlfahrern gab, die gegen ihre Ausgrenzung protestierten. Immerhin bis zum Mittag schob man auf dem Online-Angebot der Zeitung eine Meldung zur Demonstration nach. Darin heißt es: „Axel Schneider, Intendant der Kammerspiele, suchte unmittelbar vor der Aufführung nicht das Gespräch mit den Demonstranten, sondern ließ eine schriftliche Erklärung verteilen, in der es heißt „Die Hamburger Kammerspiele sind ein denkmalgeschütztes Gebäude, in das bisher kein Einbau eines Behindertenaufzugs möglich war und das daher nur eingeschränkt über Rollstuhlplätze verfügt.“

Und weiter heißt es: „Die Forderung, so Schneider, das Stück nur ein einem barrierefreien Theater spielen zu können, komme „einem Spielverbot für die Kammerspiele gleich – womit sicher niemandem gedient ist.“

Behinderte Menschen sind also niemand? Dann kann man ja den Kammerspielen auch problemlos 10% der Kulturförderung abziehen. Das entspricht dem Anteil an behinderten Menschen in der Bevölkerung. Man legt ja auf diese Gruppe offensichtlich keinen wert, dann brauchen sie auch das Geld nicht.

Wenn das Stück beispielsweise am Schauspielhaus aufgeführt worden wäre, das barrierefrei ist, wäre allen gedient gewesen. Noch mehr wäre allerdings allen gedient, wenn die Kammerspiele ihr Haus endlich mal umbauen. Man kann auch denkmalgeschützte Häuser so umbauen, dass der Charakter des Hauses erhalten bleibt. Man muss es nur wollen. Beispiele gefällig:
Downing Street No. 10, St. Pauls Cathedral, Buckingham Palace, um mal nur ein paar Gebäude meiner Nachbarschaft zu nennen. Zudem gibt es etliche barrierefreie Theater in London, die unter Denkmalschutz stehen aber barrierefrei sind.

Spielverbot nein? Aber Ausgrenzung ok?

Allerdings frage ich mich schon, wieso ausgerechnet ein Theater seit Jahren einen Teil seines Publikums ausschließt.
Wenn Euch keiner mehr zuschaut, dann könnt Ihr das mit den Aufführungen auch bald ganz sein lassen. Mit dem wachsenden Anteil an älteren Menschen, also auch Nicht-Rollstuhlfahrern, die Probleme mit Treppen haben, schickt Ihr bald die Mehrheit des Publikums nach Hause.

Die Kammerspiele bekommen hohe Zuwendungen von der Stadt Hamburg ohne dass Auflagen zur Barrierefreiheit gemacht werden. Details findet man im Haushaltsplan der Stadt. Damit finanzieren behinderte Steuerzahler ihre eigene Ausgrenzung. Nichts anderes ist es, wenn man aufgrund des Merkmals Behinderung nicht am kulturellen Leben einer Stadt teilhaben kann.

Für den Intendanten ist ein Spielverbot undenkbar. Für seine behinderten Zuschauer ist die kulturelle Apartheid aber seit Jahrzehnten Realität. Das ändert sich nur, wenn irgendwann auch die nicht-behinderten Zuschauer wegbleiben.

P.S.: Als sei die Angelegenheit nicht schon grotesk genug, habe ich mir mal angesehen, wer bei den Kammerspielen als Sponsor an der Produktion beteiligt ist. Es ist niemand geringer als der Rollstuhl- und Hilfsmittelhersteller Otto Bock. Ein Rollstuhlhersteller finanziert die Ausgrenzung von Rollstuhlfahrern. Das hätte sich nicht einmal Loriot, um mal beim Theater zu bleiben, ausdenken können. Wenn das Schule macht, rechne ich fest damit, dass Kinderwagenhersteller künftig Klagen gegen Kindergärten finanzieren und Automobilhersteller für Fußgängerzonen werben.