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Minderheit in der Minderheit

Ich habe gerade einen sehr interessanten Aufsatz gelesen und bin darüber auf den Mikrozensus 2003 gestoßen. Dort ist zu lesen: „Im Mai 2003 belief sich die Erwerbsquote bei den behinderten Männern auf 30%, bei den behinderten Frauen auf 21%. Für die Nichtbehinderten ergaben sich hierfür wesentlich höhere Werte (Männer: 71%, Frauen: 53%).“ Damit bin ich definitiv eine Minderheit in der Minderheit und das gefällt mir gar nicht. Nicht wegen mir, sondern wegen der Mehrheit.

Man muss allerdings bedenken, dass viele behinderte Menschen älter sind, das heißt schon aus Altersgründen nicht mehr arbeiten. Dennoch sind die Zahlen nicht alleine auf die Altersstruktur zurückzuführen. Es gibt nämlich noch weitere Angaben: „Verglichen mit den Nichtbehinderten waren die Behinderten häufiger erwerbslos: Während die Erwerbslosenquote – der Anteil der Erwerbslosen an den Erwerbspersonen in Prozent – bei den Nichtbehinderten 10,9% betrug, belief sich diese Quote bei den Behinderten auf 16,5%.“

Man muss dabei zudem berücksichtigen, dass viele behinderte Menschen nicht arbeitslos gemeldet sind, weil sie in Rente sind, nicht nur altersbedingt. Das ist ein heikles Thema. Natürlich gibt es Menschen, die wirklich nicht (mehr) arbeiten können. Ich glaube aber, es sind weit weniger als die, die nicht mehr arbeiten. Viele von ihnen geraten in die Mühlen der Bürokratie, man schickt sie also in Rente statt zu überlegen, wie man den Arbeitsplatz nach einem Unfall oder einer Krankheit anpassen kann – technisch oder organisatorisch.

Andere haben einfach keine Kraft, sich gegen alle Widerstände im Berufsleben durchzusetzen. Das ist gar nicht vorwurfsvoll gemeint, sondern klar ist: Wer behindert ist und arbeiten will, muss einige Barrieren überwinden – bei Vorurteilen angefangen. Es reicht oft nicht, seine Arbeit gut zu machen. Man muss gegen ganz andere Widerstände kämpfen – für eine barrierefreie Umgebung, für Arbeitsassistenz etc. Das ist unterdessen relativ gut gesetzlich geregelt. Aber was nutzt das im Alltag wirklich, wenn man nicht mal barrierefrei zum Bewerbungsgespräch kommt? Klagen vor der Einstellung? Wohl kaum.

Wenn das einem irgendwann zu viel wird, denkt so mancher vielleicht doch darüber nach, in Rente zu gehen. Und mir sind zudem Leute bekannt, die von ihrem Kostenträger als sie über 50 waren massiv unter Druck gesetzt wurden, bitte in Rente zu gehen, weil die Rente bis zur Altersrente günstiger war als die Arbeitsassistenz zu zahlen. Natürlich gut für den Kostenträger, aber meist mit massiven finanziellen Einbußen für die Leute verbunden. Und zudem wollen die ja eigentlich weiter arbeiten!

Nun weiß ich, dass es noch andere Lebensinhalte gibt als Arbeit. Dennoch hat Arbeit ganz klar eine soziale Funktion. Ich habe immer noch den Glauben daran, dass die Mehrheit der Bürger in Deutschland nicht nur wegen des Geldes arbeiten geht, sondern auch, weil sie das, was sie tun zumindest ein bisschen gerne machen. Zudem ist der Arbeitsplatz auch ein soziales Umfeld, eine Möglichkeit Menschen zu treffen, Herausforderungen anzunehmen etc. Und es gibt noch weitere Gedanken, die mir so mache: Es ist erheblich schwerer eine eingetretene Behinderung zu akzeptieren, wenn man die Behinderung für den Verlust des Arbeitsplatzes verantwortlich macht – manchmal zu unrecht, weil nicht die Behinderung, sondern die Umwelt schuld war. Aber viele sehen das so nicht.

Ich bedauere sehr, dass ich eine Minderheit in der Minderheit bin. In den USA sieht es übrigens nicht besser aus.

2 Kommentare

  1. Kyu sagt:

    Ja, da kenne ich auch was von… Sitz mal als Epileptiker in einem Vorstellungsgespräch und mache dem Personaler klar, dass Du nicht schlechter arbeitest als andere und weder geistig behindert bist noch bei jedem PC-Monitor sofort umfällst.

    Es gab da mal eine Plakat-Aktion, ich glaube, es war von der Aktion Mensch. Eines davon trug die Aufschrift: "Behindert ist man nicht, behindert wird man."

    Wie wahr.

  2. Mela sagt:

    Bei vielen Arbeits- oder Ausbildungsangeboten speziell für Behinderte habe ich auch den Eindruck von Almosen-Beschäftigung. Oft wird gar nicht versucht eine Arbeit zu finden, bzw. nicht versucht die Betroffenen dabei zu unterstützen eine ihnen angemessene Tätigkeit oder Ausbildung zu finden.

    Statt dessen wird auf bewährte Konzepte, mit einem Auswahlspektrum von – wenns hochkommt – zehn Berufen, gesetzt und sobald der Betroffene für dieses Angebot nicht geeignet, ist auf Berentung oder Dauer-Sozialhilfe ausgewichen.

    Ich erlebe das bei mir im Umfeld leider vor allem mit hochbegabten Asperger Autisten. Dort werden von vorneherein keine Angebote gemacht die der geistigen Leistungsfähigkeit auch nur im Entferntesten entsprechen, die die Betroffenen von der sozialen Schwierigkeit aber meist weit überfordern. Echte Hilfe, wie sie nötig wäre um höherqualifizierte Ausbildungen durchzustehen und dann in einem Forschungslabor oder ähnlichem die eigenen Schwächen zu Stärken zu machen, gibt es fast nie.

    Einige sind inzwischen so resigniert das sie in Behindertenwerkstätten arbeiten um überhaupt etwas zu haben, deren Angebot aber eigentlich auf eine ganz andere Gruppe von Behinderten ausgelegt ist.