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Ist wirklich jeder behindert?

An welchem Satz merkt man ganz schnell, dass jemand es sicher ganz nett meint, aber im Grunde null Ahnung hat, wovon er redet? Auf meiner Hitliste weit oben steht der Satz: „Im Grunde ist ja jeder irgendwie behindert.“ Dieser Satz wird so gut wie immer nur von nicht behinderten Menschen benutzt und ich hasse ihn. Ich schreie innerlich, wenn zu mir jemand diesen Satz sagt und gerade ist der Satz irgendwie wieder voll in Mode. Warum ich den Satz hasse? Er ist einfach falsch und er negiert völlig die Diskriminierung, die behinderte Menschen erfahren.

Zum einen steckt dahinter der Wunsch nach Gleichmacherei. Alle sind ja irgendwie gleich, alle machen die gleichen Erfahrungen. Das ist sicher sehr nett gemeint, aber nein, mit Verlaub, das ist nicht so. Nicht behinderte Menschen machen nicht die Erfahrungen, die behinderte Menschen machen. Nicht einmal behinderte Menschen machen die gleichen Erfahrungen die andere behinderte Menschen machen, weil sie andere Bedürfnisse haben.

Nicht behinderte Menschen müssen sich nicht bei der Bahn 24 Stunden vorher anmelden, wenn sie reisen wollen. Die können einfach in den Zug steigen. Die dürfen auch auf den Berliner Fernsehturm und ins Kino wann und wo sie möchten, die können auch jede Sendung im Fernsehen sehen und nicht nur die wenigen, die man untertitelt, um mal nur ein paar Beispiele zu nennen.

Meine Behinderung definiert sich für mich darüber, wie barrierefrei mein Alltag ist. In einer barrierefreien Umwelt fühle ich mich nicht behindert. Leider ist die Umwelt aber so, dass behinderte Menschen an sehr viele Barrieren stoßen. Das schließt sie von vielen Lebensbereichen aus: öffentliche Verkehrsmittel, Bildung, Beruf, Kultur, Medien. Die Liste ist ewig lang. Behinderte Menschen machen also tagtäglich die Erfahrung, dass sie ausgegrenzt werden. Sie werden behindert. Das zu ändern ist eine Frage von Menschenrechten und dem Bekämpfen von Diskriminierung.

Wenn man das ändern möchte (was ich schwer hoffe), muss man als erstes einmal den Umstand anerkennen, dass es Diskriminierung und Ausgrenzung gibt und auch, dass Behinderung kein allein individuelles Problem eines einzelnen ist, sondern ein gesellschaftliches Problem.

Diese oben beschriebene Gleichmacherei macht aber genau das Gegenteil. Es erkennt nicht die Bedürfnisse einer bestimmten Minderheit an, die die Gesellschaft vielfach nicht berücksichtigt, sondern tut so als seien die Erfahrungen im Alltag für alle gleich. Das ist aber nicht so.

Diese Definition von Behinderung übrigens ist auch der Grund, warum es im britischen Englisch „disabled people“ und nicht „people with disabilities“ (oder wie im Deutschen „Menschen mit Behinderungen“) heißt. „Disabled people“ geht davon aus, dass behinderte Menschen behindert werden nicht eine Behinderung haben, es ein gesellschaftliches Problem ist und fokussiert nicht auf eine rein medizinische Diagnose. Die Diagnose nennt man „impairment“ nicht „disability“.

Dahinter stehen zwei verschiedene Denkweisen über Behinderung. Das „medizinische Modell“ und das „soziale Modell“ von Behinderung. In Deutschland definiert man Behinderung danach, was jemand nicht kann und sieht das als alleinige Ursache für die Behinderung. Zum Beispiel: Ich komme in das Gebäude nicht rein, weil ich nicht laufen kann. Das „soziale Modell“ geht davon aus, dass die äußeren Umstände die Behinderung sind. Also: Ich komme in das Gebäude nicht rein, weil da fünf Stufen vor der Tür sind.

Zukunftsweisender ist sicher das „soziale Modell“, denn ein Gebäude kann man ändern, aber es wird immer Menschen geben, denen fünf Stufen Probleme bereiten. Darauf zu hoffen, dass sich das individuell oder medizinisch löst, ist ziemlich unwahrscheinlich und führt zu weiterer, andauernder Ausgrenzung – eben so lange wie das Gebäude nicht geändert ist.

Also nein, im Grunde ist nicht jeder behindert, nur ein Teil der Bevölkerung. Aber jeder kann etwas dafür tun, dass die Barrieren weniger werden. Dazu gehört auch, solche Sprüche zu überdenken.

9 Kommentare

  1. Nele Tabler sagt:

    Ich kenne den das Satz aus den Siebzigern. Er wurde uns damals während der Ausbildung (Heilerziehungspflege) eingetrichtert und sollte uns unsere Arroganz (Wir sind die „Nichtbehinderten“, die sich um die „armen Behinderten kümmern“ …) austreiben. In diesem Sinne benutze ich diesen Satz auch noch manchmal, aber nach Deinen Text jetzt werde ich mir in Zukunft was anderes überlegen. Er wird inzwischen in einem anderen Kontext benutzt, darüber habe ich bisher leider noch nicht nachgedacht.

  2. Ich verstehe deinen Einwand, dass die Argumentation, dass jeder Mensch irgendwo ein Behinderter ist, ein Versuch ist, Gleichmacherei zu betreiben. Und aus einer bestimmten Sicht sehe ich das vollkommen auch so. Allerdings halte ich die Frage, was denn nun eben nicht gleich ist (und damit automatisch die Frage aufwirft, was besser oder schlechter sein könnten), für viel komplizierter. Das beste Beispiel sind Autisten, die ja zweifellos Dinge können, die „normale“ Menschen nicht können. Nach gängiger Definition ist ein Mensch „vollkommen“, wenn er so aussieht, wie Menschen eben aussehen. Andererseits: Für was ist der Blinddarm in der jetzigen Evolutionsstufe sinnvoll? Warum sind Herzkranzgefäße derartig empfindlich? Warum sind unsere Linsen in den Augen nicht dauerhaft funktional?

    Die Frage, ob gut oder schlecht, besser oder nicht besser usw. habe ich für mich seit letztem Jahr, seitdem ich einen ICD implantiert bekommen habe, sehr grundlegend beantwortet: Ich bin grundsätzlich nicht dafür schuld, auf die Welt gekommen zu sein, konnte auch meine Entwicklung nur teilweise steuern und wir haben nun eben zu leben (oder auch nicht). Vor allem müssen wir das gemeinsam tun, haben den Luxus, dass wir Schwächere ohne Glaubensfragen unterstützen (können und dürfen) und haben auch alle das Laster, dass wir irgendwann sterben, ausnahmslos alle.

    Da stellt sich für mich die Frage, ob jemand behindert ist oder nicht oder wie behindert jemand ist, gar nicht wirklich. Manche sitzen im Rollstuhl, manche hinken, manche sind geistig behindert aber unglaublich herzliche Menschen. Ich versuche das alles einfach so zu nehmen, wie es kommt und es macht mich nicht unglücklich, nicht unzufrieden und ich denke, dass meine Einstellung so weit bei meinen Gegenübern ankommt, dass sie damit problemlos leben können.

  3. Sammelmappe sagt:

    Ich meine auch, dass das soziale Modell, das umfassenderere und angenehmere Modell ist. Das medizinische Modell stößt nicht nur andauernd auf Stufen und andere Barrieren, es macht es auch stândig notwendig etwas zur Norm und den Rest als außerhalb der Norm einzuordnen. Als wenn sich die ganze Vielfältigkeit der Menschen da einordnen lassen würde. Das gilt für Körper, Geist, Seele, Sexualität – eigentlich für alles was uns ausmacht.

    Mir ist es ein Rätsel, warum sich dieser Zwang nach Normen so ausgebreitet hat.

  4. Dankeschön, der Beitrag spricht mir aus tiefster Seele. Das penetrante Herumreiten auf dem Attribut „Mensch“ setzt dem Ganzen noch die Krone auf. Ich werde gerne auf den Artikel verlinken.

  5. Esther sagt:

    Ich kenne viele Personen, die ihre eignen Bedürfnisse kaum kennen, geschweige denn umsetzen können. Dann wird es natürlich schwierig Bedürfnisse anderer zu erkennen, anzuerkennen und sich damit weder zu sehr zu identifizieren noch diese zu negieren.

    Und das gilt meiner Meinung nach für viele Menschen in Deutschland. Egal ob nun mit oder ohne Behinderung. Das ist schade.

  6. Martin Wolkerstorfer sagt:

    Toller Blog!

    Wieso erfahre ich erst jetzt davon?

  7. R4 3DS sagt:

    Sehr schöner Artikel, den du da geschrieben hast!

  8. Dornröschen sagt:

    Echt so wahr!

    Ich weiß wie sich das anfühlt.

  9. Franziska sagt:

    Toller Beitrag (und toller Blog). Weiter so!