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Fragebogen-Wahn

In Deutschland treibt der Fragebogen-Wahn immer buntere Blüten. Nachdem wir ja nun verstanden haben, dass man schon wissen muss, was Caspar David Friedrich so gemalt hat, wenn man einen deutschen Pass haben will, lehrt uns jetzt das Land Baden-Württemberg, dass man nur genug Fragen stellen muss, um ein Kind auf die Sonderschule zu schicken.

Der Entwurf eines neuen Fragebogens zur Schuleingangsuntersuchung in Baden-Württemberg treibt den Landeselternbeirat Baden-Württemberg sowie die Initiative Gemeinsam leben – gemeinsam lernen auf die Barrikaden. Um herauszufinden, ob ein Förderbedarf besteht (hat den nicht jedes Kind?), wird zum Beispiel gefragt, ob in der Familie geraucht wird, ob Familienmitglieder gesundheitliche Probleme haben etc. Aber auch nach Schichtarbeit der Eltern oder dem Bildungsstand der Familie wird gefragt. Und das bei einer Schuleingangsuntersuchung, die unter anderem feststellen soll, ob das Kind auf die Sonderschule muss – und dass auch nur, weil wir es immer noch nicht schaffen, alle Kinder individuell zu fördern. Mir war nicht bekannt, dass es schon Sonderschulen für Raucherkinder und für Kinder von Schichtarbeitern gibt. Was ist denn das für eine Selektion! Und warum müssen die Eltern über ihre gesundheitlichen Probleme Auskunft geben? Wer vom Gesundheitszustand der Eltern auf die Leistungsfähigkeit des Nachwuchses schließen will, muss sich mal fragen, ob bei ihm noch alles in Ordnung ist. Der Datenschutzbeauftragte kritisiert in einer Stellungnahme diese Datensammlerei von Kindern und Eltern.

Meine Lieblingsfrage ist die, ob das Kind gerne Süßigkeiten teilt. Welche Antwort ist da nur die richtige? Teilt das Kind die Süßigkeiten gerne, ist es vielleicht desinteressiert oder hat Süßigkeiten im Überfluss. Teilt es nicht, ist egoistisch. Nur was hat das denn mit der Schuleignung zu tun? Ich bin nur froh, dass ich die Schulzeit so unbeschadet überstanden habe. Bei den Fragebögen wäre ich durchgefallen – schon wegen der Süßigkeiten.

8 Kommentare

  1. Flocke sagt:

    Klingt nach "Behörden-ABM"
    Ähnliche Erfahrungen durfte ich schon vor langer Zeit mit den Vorsorgeuntersuchungen der Kleinkinder machen, den sogenannten U1- U8-Untersuchungen. Nichts gegen eine regelmäßige Überwachung der körperlich- geistigen Entwicklung unserer Kleinen. Aber wenn sie in eine Schablone gepresst werden sollen hört das Verständnis bei mir auf.
    Nachdem mein Sohn sich damals in einzelnen Werten (aber nie gehäuft, sondern immer nur in Einzelwerten) in der Grauzone befand und man anfangen wollte ihn zum Untersuchungsobjekt schlechthin abzustempeln, hab ich abgelehnt. Meine Begründung damals: "Mein Kind wurde nicht nach Tabelle gezeugt, es hat also ein Recht auf individuelle Entwicklung!"
    Heute kann ich sagen, daß er sich vowohl geistig (er studiert), als auch körperlich bestens entwickelt hat.
    Ihr seht, das Problem ist leider nicht neu, sondern variabel auf viele Lebensumstände anwendbar…
    Wünsche frohe Ostern!

  2. Wobei du ja nicht weißt, was da die richtige Antwort gewesen wäre ;-)

    Ich stimme dir in der Sache zu, was den Fragebogen angeht. Nicht so sehr, was die vermeintliche Lächerlichkeit der Schlüsse angeht. Meine Privatempirie mit drei Kindern in Schule und Kindergarten lässt mich beispielsweise eine klare Korrelation zwischen individuellem Förderbedarf des Kindes und der Menge der von den Eltern gerauchten Zigaretten vermuten. Obwohl ja auch dabei mein Verdacht ist, dass das gemeinsame Dritte beider Merkmale die soziale Behinderung der Familie ist…

  3. Christiane sagt:

    @ Haltungsturner
    Nach der Menge der Zigaretten fragen sie aber gar nicht. ;-)

    In Deutschland raucht, glaube ich, 1/3 der Bevölkerung. Die haben aber sicher nicht alle Kinder mit Förderbedarf. Ich glaube einfach, dass man das so nicht erfassen kann. Dann kann man auch gleich davon ausgehen, dass jedes Kind Förderbedarf hat.

    Übrigens, wenn Deine These stimmt, haben Kinder von Journalisten einen erhöhten Förderbedarf. Die rauchen nämlich überdurchschnittlich oft und viel, sagt meine subjektive empirische Studie. :-)

  4. Ich werde nie verstehen, warum Kinder in dem Alter schon so unter Druck gesetzt werden. Sie haben noch ganz andere Dinge im Kopf und werden viel zu häufig von den Eltern mit Süßigkeiten, etc.“erpresst“, wenn sie sich bemühen, sich möglichst schlau zu geben. Das kann doch nicht das Ziel sein?

  5. Auf Grund eines Fragebogens zu bewerten ob ein Kinde in die Sonderschule gehört ist ja wohl das allerletzte. WAs kommt dann als nächstes?

  6. Christoph sagt:

    > Meine Lieblingsfrage ist die, ob das Kind gerne
    > Süßigkeiten teilt. Welche Antwort ist da nur die
    > richtige? Teilt das Kind die Süßigkeiten gerne,
    > ist es vielleicht desinteressiert oder hat
    > Süßigkeiten im Überfluss. Teilt es nicht, ist
    > egoistisch.

    Der Hintergrund dieser Frage ist sehr einfach zu
    verstehen, wenn man ein bißchen mit ADHS vertraut
    ist.

    „Normale“ Kinder teilen ihre Süßigkeit nämlich
    eher nicht oder nur ungern, während Kinder
    mit ADHS oft impulsiv (und wegen des oft mit
    ADHS einhergehenden Gerechtigkeitssinns)
    Spielsachen und Süßigkeiten verschenken.

    Ich habe den Fragebogen mal gesehen, und die
    meisten Fragen zum Verhalten des Kindes zielen
    entweder auf ADHS oder auf das Autismusspektrum
    ab. Das geht soweit, daß die Fragestellungen
    praktisch wortwörtlich aus einschlägigen Büchern
    übernommen sind.

  7. Das ist wieder ein unnötiger Fragebogen meiner Meinung. Lieber sollte die Zeit die in den Fragebogen gesteckt wurde und das ganze Geld in einen neuen Kindergarten oder soetwas in der Art investiert werden.

  8. Hängt das vielleicht auch mit dem Datensammelwahn der deutschen zusammen? Mal ehrlich, in anderen Länder wird nicht so ein Zinnober gemacht. Aber in anderen Ländern werden die Kinder ja auch mehr geförder! ;o)