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Wer den Pfennig nicht ehrt…

Ich hatte beim Ausmisten eine Tupperdose mit Kleingeld gefunden. Viel Kleingeld. Das einzige Problem war, es handelte sich um D-Mark. Ja, ich weiß auch nicht, wie diese Dose diverse Umzüge in den vergangenen 17 Jahren ungesehen überstehen konnte, aber jetzt war sie nun einmal da und man schmeißt ja schließlich kein Geld weg. Wer den Pfennig nicht ehrt und so.

Es handelte sich um rund 100 Mark, 50 Euro also. Eine kurze Recherche bei Google ergab, man kann tatsächlich noch D-Mark in Euro umtauschen. Am einfachsten geht das persönlich, in Deutschland, bei der Bundesbank. Da ich vergangene Woche für 5 Tage in Berlin war, um bei der re:publica zu sein, dachte ich mir, ich könne eine Stunde opfern, um mir bei der Bundesbank schnell meine 50 Euro abzuholen.

Praktischerweise liegt die Bundesbank an der gleichen U-Bahnlinie wie die re:publica, nämlich an der U2. Unpraktischerweise gibt es keine barrierefreie U-Bahnstation dort, also nahm ich die nächstgelegene barrierefreie Station und rollte dann etwa 1km bis zur Bundesbank. Anstatt die U-Bahn zu benutzen, ist es am besten, ein unu über die Stadt zu fahren, weil es wirklich schnell ist und man kann einfach durch Autos fahren.

Münzsammler

Vor dem Gebäude standen lange Schlangen. „Die können unmöglich alle Tupperdosen mit D-Mark gefunden haben“, dachte ich bei mir und ging einfach an der Schlange vorbei. Später verstand ich, es waren Münzsammler. Münzsammler sind ein Volk, mit dem ich den vergangenen 40 Jahren meiner Lebenszeit noch nie etwas zu tun hatte, aber das sollte sich nun ändern. Ich ging zu einem Sicherheitsmenschen und sagte ihm, ich wolle D-Mark tauschen. Er zeigte auf eine Tür, sagte ich solle den Lift nach oben nehmen. Oben angekommen gab es noch mehr Mitglieder des Volkes der Münzsammler, die sich in zwei Reihen aufspalteten. Nur wo ich hin musste, war mir nicht klar. Ich wollte ja keine Münzen kaufen.

Der Sicherheitsmensch von unten kam über die Treppe zu mir und brachte mich durch die beiden Schlangen zu seinem Kollegen. Ob er sich bitte weiter um mich kümmern könne. Er konnte. Welche Münzen ich den kaufen wolle, fragte er. Noch bevor ich überhaupt antworten konnte, mischte sich ein älterer Herr ein. Es ginge nicht, dass ich bevorzugt behandelt werde. Ich solle mich gefälligst hinten anstellen. „Da sind doch Stufen“, verteidigte mich der Sicherheitsmann. „Wie sollen wir das denn sonst machen?“. Ich unterbrach den Streit: „Ich möchte keine Münzen kaufen. Ich möchte D-Mark eintauschen“, sagte ich. „Achso“, sagte der Sicherheitsmann. Da käme ich aber auch nicht hin. Der Teil des Gebäudes sei nicht barrierefrei. Genauso wie die Münzausgabestelle sei hier nichts barrierefrei. Da stand ich nun mit meinen D-Mark. 15 Jahre nach Inkrafttreten des Bundesbehindertengleichstellungsgesetzes, das Bundesgebäude zur Barrierefreiheit verpflichtet, war der Bereich für den Publikumsverkehr der Bundesbank immer noch nicht barrierefrei. Mehr Bundesgebäude als die Bundesbank kann ein Gebäude doch gar nicht sein, dachte ich, aber ich weiß auch, in Deutschland wird im Bestand so gut wie nicht umgebaut. Ich solle warten, sagte man mir. Und so wartete ich zwischen den Münzsammlern darauf, dass jemand mein Geldproblem löste.

D-Mark

Während ich wartete, fiel mir ein, wie absurd das alles ist. Der Finanzminister Deutschlands käme in seinem eigenen Land nicht einmal in der Bundesbank klar. Müsste sich vermutlich noch anpöbeln lassen, dass er sich vordrängeln will. Nach einiger Zeit erschien eine sehr freundliche und hilfsbereite Frau. Sie fragte nach meinen D-Mark und ich sagte ihr, ich habe eine Tupperdose voll mit Geld, die ich gerne tauschen würde. Sie sagte, sie würde das für mich erledigen. Und so übergab ich in diesem Gedränge einer Frau, der ich vertrauen musste, dass sie da arbeitet, in dem Gedränge meine 100 D-Mark. Nach einer ganzen Weile kam sie wieder, überreichte mir meine Tupperdose. Darin 50 Euro. Mission erfüllt. Nur zum Aufzug musste ich mich jetzt noch durchkämpfen. Die Münzsammler sind kein Volk, das sich einfach bewegen lässt, aber die nette Bundesbank-Mitarbeiterin bahnte mir den Weg.

Das sind so Situationen, wo ich merke, dass ich einen „Reversen Kulturschock“ bekäme, sollte ich jemals wieder nach Deutschland ziehen. Natürlich ist die „Bank of England“ barrierefrei. Das Gebäude ist uralt. Das der Bundesbank übrigens nicht. Mir fehlt da unterdessen jegliches Verständnis, wie man solch ein Gebäude, das umzubauen ginge, nicht einfach umbaut. Am Geld kann es bei der Bundesbank ja kaum liegen.

#TeamWallraff – Was sich ändern muss

Wie sie sich jetzt alle zu Wort melden, die ganzen Heilerziehungspfleger, Heimbetreuer und Pfleger, die ihre Reputation gefährdet sehen: Bei ihnen sei ja alles prima bei der Lebenshilfe. Ja ne, ist klar. Nur nichts verändern! War doch so schön kuschelig die ganzen letzten Jahre.

Und wenn man dann hinter die Fassade schaut und mal ohne Betriebsblindheit in einer Einrichtung sitzt, wird es einem dann doch oft ganz anders. Und dabei muss es gar nicht um eindeutige Misshandlungen gehen, wie am Montag das Team Wallraff auf RTL aufdeckte, sondern einfach um Machtstrukturen zwischen Betreuern und behinderten Bewohnern und Werkstattarbeitern. Das Problem in solchen Einrichtungen ist das ständige Unterbinden von Selbstbestimmung, auch in Bereichen, in denen die behinderten Bewohner / Werkstattarbeiter eigentlich noch selbst bestimmen könnten, wenn man sie denn ließe.

Das konnte man auch sehr schön in dem Film sehen. Nicht einmal die Anzahl der Brote, die er essen wollte, durfte ein Bewohner selbst festlegen und auch Raul Krauthausen musste sich beim Heimexperiment ganz schön umstellen, als er nicht einmal alleine den Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen durfte.

Ich versuche eigentlich, Vorurteile zu vermeiden, aber ich gebe ehrlich zu, bei Mitarbeitern aus Institutionen, Behindertenwerkstätten und Heimen fällt mir das seit Jahren immer schwerer. Die Frage, die ich mir immer stelle, wenn sich jemand als solcher vorstellt ist, warum arbeitet jemand dort? Warum dort und nicht bei einer Organisation, die Selbstbestimmung fördert? In einer kleinen Wohngruppe zum Beispiel oder im Bereich persönlicher Assistenz, in dem behinderte Menschen selbst bestimmen, was sie wann tun. Warum nicht in einem Integrationsunternehmen? Warum müssen es solche engen Strukturen sein, die nicht erst seit Montag kritisiert werden?

Ihr seid nicht die Opfer

Was mich in den vergangen Tagen am meisten aufgeregt hat, ist die Reaktion der Lebenshilfe. Aber auch das passt prima ins Bild. Die Lebenshilfe tut jetzt so als sei sie selbst das Opfer. Liebe Lebenshilfe, das seid ihr nicht und jeder, der Euch das abnimmt und in diese Kerbe schlägt, verhöhnt die eigentlichen Opfer dieser traurigen Geschichte, nämlich die behinderten Bewohner.

In Wahrheit hat man da jahrzehntelang gut Geld verdient – der Begriff Wohlfahrtsindustrie trifft es schon ganz gut – und jetzt kommt da so ein Nestbeschmutzer, der was von Menschenrechten erzählt, sich Experten ins Boot holt, die Heimaufsichten vorführt und am Soziallack kratzt, weil behinderte Schutzbefohlene rumgeschupst und misshandelt werden und Verträge mit der Arbeitsagentur offensichtlich nicht so genau genommen werden.

Angriff ist die beste Verteidigung

Und was macht die Lebenshilfe? Sie geht zum Gegenangriff über. Angriff ist die beste Verteidigung, nicht wahr? Sie empört sich darüber, dass die Journalisten nicht nach den ersten Misshandlungen ihre Maske fallen ließen und die Lebenshilfe informiert haben. Völlig unterschlagen wird dann auch noch, dass die Journalistin sehr wohl den Vater der misshandelten Frau angerufen hat, es ein Gespräch mit der Familie gab, von dessen Inhalt der Geschäftsführer aber nichts gewusst haben will, berichtet die Rheinische Post.

Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde, dass da Misshandlungen im Raum stehen, aber Inhalte solcher Gespräche nicht einmal bei der Geschäftsführung ankommen – stimmt da etwa was mit den Strukturen nicht? – oder diese jetzt so tut als habe sie nichts gewusst, damit der Gegenangriff glaubwürdiger aussieht. Egal wie man es dreht oder wendet, die Schuldigen sitzen nicht in der Wallraff-Redaktion, sondern im Vorstand und der Geschäftsführung der Lebenshilfe, weil sie offensichtlich völlig die Kontrolle über ihre Institutionen verloren haben.

Der Film wollte Systematiken und Strukturen aufdecken und das ist ihm auch gelungen. Gerade weil man eben nicht nach dem ersten Fall aufgegeben hat, sondern weiterrecherchiert hat, sind diese sichtbar geworden. Genau so funktioniert investigativer Journalismus. Nach dem ersten Fall hätte die Lebenshilfe „Einzelfall“ gerufen und der Aufschrei wäre ausgeblieben. So ist jetzt auch dem letzten Zuschauer klar, das sind gar keine Einzelfälle, da stimmt etwas im System nicht und bei der Einstellungspraxis, der Aufsicht und der Unterhaltung dieser Einrichtungen.

Die Lebenshilfe ist auch kein Opfer ihrer Mitarbeiter. Sie haben die Mitarbeiter, deren Charakter offensichtlich nicht dazu geeignet ist, behinderte Menschen zu betreuen, selbst eingestellt. Sie haben kein Kontrollsystem etabliert, bei dem solche Vorfälle sofort sichtbar werden, sie haben eine Kultur in ihren Einrichtungen geduldet, in denen Mitarbeiter ohne Scheu vor anderen Mitarbeitern mehrfachbehinderte Menschen schikanieren konnten. Die Taten sind von den Tätern begangen worden, dafür gehören sie bestraft, aber die Strukturen sind es, die solch ein Verhalten erst möglich gemacht haben.

Was ich erwartet hätte wäre, dass binnen 24 Stunden eine bundesweite Hotline geschaltet wird, bei der Vorfälle in anderen Lebenshilfe-Einrichtungen anonym gemeldet werden können, bei einer unabhängigen Institution, einem Menschenrechtsanwalt zum Beispiel. Aber dafür müsste man erst einmal einsehen, dass es strukturelle Probleme gibt und nicht zufällig ein halbes Dutzend Mitarbeiter, die aus der Spur sind.

Strukturelles Problem

Worum es bei dem Wallraff-Film geht, sind nicht einzelne Mitarbeiter, die sich nicht zu benehmen wissen und ihre sadistische Ader ausleben. Worum es geht sind Strukturen einer Wohlfahrtsindustrie, die mehrere Milliarden Euro im Jahr bekommt, aber in vielen Bereichen ihrer Aufgabe nicht gerecht wird. Da geht es nicht nur um Misshandlungen, aber eben auch.

Und es geht darum, dass die Werkstätten ihren Aufgaben nicht erfüllen. Es ist nicht nur die Werkstatt in dem Film, die eine Wiedereingliederungsrate von 2 Prozent hat, sondern das ist ein bundesweites Problem. Die Arbeitsagenturen finanzieren de facto die Ausgliederung aus dem Arbeitsmarkt, nicht die Wiedereingliederung. Dass es auch anders geht, hat Schweden gezeigt. Dort gibt es seit Jahren keine Werkstätten mehr, sondern der Staat hat eine eigene Personalagentur geschaffen, die Arbeitnehmer an Firmen „ausleiht“. Die Mitarbeiter bekommen einen Tariflohn, nicht durchschnittlich 180 Euro im Monat wie das in Deutschland der Fall ist. Dieser wird weitergezahlt, wenn mal keine Arbeit von einer Firma angefragt wird.

Natürlich muss es auch eine Tagesstruktur geben für Menschen, die nicht arbeiten können. So gibt es in Schweden für Menschen, die „nur“ eine Tagesstruktur brauchen, Kleingruppen, die basteln, Ausflüge machen etc. In solchen Strukturen fällt Missbrauch viel schneller auf als in den teilweise viel zu großen Gruppen und Strukturen der deutschen Wohlfahrtsindustrie.

Wenn der Wallraff-Film eines gezeigt hat, dann dass nicht alles sozial ist, was sich sozial nennt oder von außen sozial aussieht. Die Heim- und Werkstattstrukturen sind eigentlich unsozial und werden den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht. Sie führen zu Missbrauch und verhindern Entfaltungs- und Fördermöglichkeiten. Sie bremsen Selbstbestimmung. Ja, ich weiß, alles andere kostet noch mehr Geld. Kleinere Wohngruppen, gute Beschäftigungsmaßnahmen, Personalagenturen etc. Mir fallen da noch viele Alternativen ein. Aber am Ende muss man sich die Frage stellen, möchten wir weiter eine Wohlfahrtsindustrie fördern oder ist es nicht endlich mal an der Zeit, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und sehr kritisch zu hinterfragen zum Wohle der Menschen, die auf sie angewiesen sind.

Jahresendfragebogen 2016

Vorherrschendes Gefühl für 2016?

Aua.

2016 zum ersten Mal getan?

Die Goldenen Blogger mitdirigiert. Hat viel Spaß gemacht.

In Irland gewesen. Keine Ahnung, warum ich da nicht mal früher hingeflogen bin. Da musste erst die re:publica einen Klassenausflug organisieren.


2016 leider gar nicht getan?
Wirklich das Leben genossen, bis auf die eine Woche Urlaub am Ende des Jahres. Weil ich immer entweder Schmerzen hatte oder nicht richtig essen konnte oder Medikamente nahm oder alles zusammen.

Wort des Jahres?

Dry socket. Auch nach zehn Jahren auf der Insel lernt man immer noch neue Vokabeln. Diese ist allerdings besonders schmerzhaft, kann lange dauern und wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht.

Getränk des Jahres?

Der tolle Apfel-Cocktail im Hotel in Lissabon. Überhaupt habe ich viel in Hotelbars nette Stunden verbracht.

Bestes Essen des Jahres?

Alles Portugiesische in Lissabon, Spargel-Crepes in Brixton und Indisch bei Dishoom.

Meistangerufene Person?

Keine Ahnung. Meistbesuchte Person war definitiv mein Zahnarzt.

Die schönste Zeit verbracht mit?

Artur in Lissabon.

Die meiste Zeit verbracht mit?

Im Bett liegen. Ich glaube, ich war kaum ein Jahr so viel und lange krank wie 2016. Und immer wenn ich dachte, jetzt geht’s wieder, einen Tag also zum Beispiel rausgegangen bin, lag ich wieder vier Tage flach vor Erschöpfung.

Song des Jahres?

Mal wieder ein Eurovision-Song, und zwar der Österreichische. 


Beeindruckendstes Buch des Jahres?

Ich habe 2016 so viel gelesen wie nie. 54 Bücher, um genau zu sein. Wenn man krank ist, hat man ja viel Zeit. Zudem habe ich wirklich in jeder freien Minute und im Auto Hörbücher gehört. Da der Weg zu meinem Zahnarzt 90 Minuten beträgt und ich da wirklich oft war, kam da einiges zusammen. Hier die drei beeindruckendsten Bücher:

1. Meinen Hass bekommt ihr nicht von Antoine Leiris
2. Wer den Wind sät: Was westliche Politik im Orient anrichtet von Michael Lüders
3. The Life-Changing Magic of Not Giving a Fuck von Sarah Knight

Erkenntnis des Jahres?

Man kann auch einfach mal krank sein. Auch für länger. Die Welt dreht sich trotzdem weiter.

Drei Dinge auf die ich gut hätte verzichten können?

Alle verf*ckten Infektionen, die ich dieses Jahr hatte. Allesamt sehr originell und abendfüllend, wenn man davon erzählt, aber sehr schmerzhaft.
Die behindertenfeindlichen Kommentare unter meinen Texten.
Das Brexit-Referendum und seine Auswirkungen.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres?

Mal ein paar Gänge zurückzuschalten.

Schlimmstes Ereignis?

Das Brexit-Referendum. Ich bin eigentlich immer noch geschockt.

Schönstes Ereignis?

Urlaub in Portugal.

2016 war mit einem Wort?

Anstrengend.

Jahresendfragebogen 2015

Vorherrschendes Gefühl für 2015?
WTF

2015 zum ersten Mal getan?
Den Eurovision Song Contest gecovert. Und es war toll.
Die Queen live erlebt. Und es war beeindruckend.
Eine Ethikdebatte losgetreten. Und es war überraschend.
Und so viele andere Dinge wie nie zuvor zum ersten Mal gemacht.

2015 leider gar nicht getan?
Wirklich Urlaub gemacht

Wort des Jahres?
Yalla Yalla

Getränk des Jahres?
Pfirsich-Eistee und Wiener Melange

Bestes Essen des Jahres?
Die tollen Reisgerichte von Sikh Help Austria, die sie am Hauptbahnhof ausgegeben haben, und das syrische Dinner in Hamburg.

Meistangerufene Person?
Telefonieren ist so 2014.

Die schönste Zeit verbracht mit?
Mit den lieben Menschen von Train of Hope Wien, vor allem mit dem tollen Infotisch-Team, und zuletzt virtuell viel gelacht mit dem A-Team in Hamburg.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Spenden annehmen, Zugverbindungen raussuchen, Fragen beantworten, Probleme lösen. Und zwar alles yalla yalla.

Song des Jahres?
Der Eurovision Song Contest-Beitrag von UK (ja, ich weiß, ich bin die Einzige, die das Lied mochte):
Still in love with you. In der Gebärdensprachversion. Sehr tanzbar. Auch im Pressezentrum. Es soll da Videobeweise geben.

Wobei „Golden Boy“ von Israel war auch super. Also jedenfalls die Stimmung im Pressezentrum während des Auftritts.

CD des Jahres?
Die Toten Hosen – Reich & Sexy II. Und die Toten Hosen auf dem Heldenplatz in Wien live zu erleben war großartig.

Beeindruckendstes Buch des Jahres?
Goodbye, Jehova. Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ.

Erkenntnis des Jahres?
1. Wie 2013: Mein Bauchgefühl hat so gut wie immer recht. 2. Ich habe wirklich tolle Freunde.

Drei Dinge auf die ich gut hätte Verzichten können?
Januar, Februar, März, April, Juni, Juli, August – ups, das waren schon sieben.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres
Konsequent zu bleiben.

Schlimmstes Ereignis?
Ich kann mich nicht entscheiden. Das Jahr war ziemlich bescheiden, aber ab September wurde es besser.

Schönstes Ereignis?
Die Helferparty der Stadt Wien und das tolle Wochenende davor.

2015 war mit einem Wort?
Achterbahn.

Danke, Train of Hope!

Ich komme gerade von einer Podiumsdiskussion zum Thema behinderte Flüchtlinge in Europa. Dieser Abend ist eine gute Gelegenheit mal Revue passieren zu lassen, was mir in den vergangenen Wochen so passiert ist und was ich gelernt habe. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, die Erfahrungen mit den Flüchtlingen und dem „Train of Hope“ in Wien werden mich nachhaltig prägen und auch Einfluss darauf haben, wie ich mich künftig engagiere und mit wem und vor allem unter welchen Bedingungen.

Train of Hope Plakat

Vorweg muss ich sagen, ich bin meinen Mithelferinnen und -helfern – viele von ihnen waren selber Flüchtlinge – sehr dankbar für die tollen Erfahrungen und die gegenseitige Unterstützung. Das was am „Train of Hope“ im Team erreicht wurde, war für mich unvorstellbar und es macht mich so stolz, wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke.

Es gibt ein paar Punkte, die ich festhalten möchte, auch weil ich glaube, dass sie anderen engagierten Menschen helfen könnten und auch den NGOs, die mit Freiwilligen arbeiten, auch wenn vieles natürlich subjektiv ist und meine Erfahrungen sich speziell auf den „Train of Hope“ beziehen.

Nicht reden, machen

Ich habe beim „Train of Hope“ erst im Lager, der Spendenannahme und in den vergangenen Wochen am Infotisch gearbeitet. Der Infotisch infomierte Flüchtlinge über Reiserouten, Preise und wir versuchten auch sonst jede Frage zu beantworten, die wir gestellt bekamen. Damit hatte ich wochenlang ständig direkten Kontakt mit geflüchteten Menschen.

Das Erfolgsrezept des „Train of Hope“ kann man definitiv mit „Nicht reden, machen“ zusammenfassen. Diese Devise wirkte auf mich wie ein Magnet. Wer einmal dort mitgearbeitet hat, wirklich praktische Hilfe leisten konnte, kam immer wieder. Die Möglichkeit dort zu helfen, hätte nicht niederschwelliger sein können: Man geht einfach hin, wenn man Zeit hat und bleibt so lange man kann. Später als wir mehr in Teams zusammenarbeiteten, begannen die Teams Dienstpläne zu erstellen, aber auch diese waren sehr flexibel.

Ich hatte von Anfang an keine Angst, Entscheidungen zu treffen. Ich habe viel aus dem Bauch heraus entschieden, gerade weil alles neu war und das fand ich toll. Hierarchien gab es am Anfang so gut wie nicht. Es war teilweise Chaos pur, aber es funktionierte trotzdem. Es funktionierte, weil jeder Verantwortung übernahm. Nicht reden, machen. Eine falsche Entscheidung ist besser als keine.

Eure Bürokratie nervt

Aus dieser Erfahrung heraus kann ich sagen, ich habe eine ziemliche Allergie gegen Bürokratie entwickelt. Gegen österreichische insbesondere. Kein Formular hat jemals einem Flüchtling den Hunger gestillt. Wenn man fragt, was derzeit konkret getan wird, um beispielsweise behinderte Flüchtlinge zu versorgen, dann hört man, man erfasse derzeit den Bedarf. Seit Monaten. Man zählt also. So lange man zählt, muss man sich nicht mit konkreten Problemlösungen befassen. Nicht zählen, machen. Und ich habe zunehmend den Eindruck, die Bürokratie ist derzeit die größte Barriere bei der Hilfe für Flüchtlinge. Ob beabsichtigt oder nicht, es nervt tierisch. Und jede NGO, die erstmal mit Formularen um sich wirft, bevor man helfen kann, werde ich nicht unterstützen.

Behinderte Flüchtlinge sind kein Randthema

Wann immer ich über behinderte Flüchtlinge spreche und von denen erzähle, denen ich am „Train of Hope“ begegnet bin, kommt die Antwort „Gibt es denn welche?“ oder „Das können wir derzeit nicht leisten, die auch noch zu versorgen“. Dabei haben Deutschland und Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Behinderte Flüchtlinge sind besonders schutzbedürftig. Die Staaten stellen sich nur offensichtlich überhaupt nicht darauf ein. Und dann frage ich mich, was passiert eigentlich im Katastrophenfall? Heißt es dann auch, man könne sich jetzt nicht auch noch um behinderte Bürger kümmern? Mein Verdacht ist: Genauso wird es sein. Oder weiß der Katastrophenschutz dann, wo die nächste barrierefreie Unterkunft ist? Und warum wissen sie es dann jetzt nicht? Und gibt es dann plötzlich genug barrierefreie Unterkünfte? Wohl kaum.

Pausen sind wichtig

Die längste Schicht am Hauptbahnhof, die ich gemacht habe, war 14 Stunden lang. Mit zwei Klo-Pausen. Gegessen wurde als der Burgerladen im Hauptbahnhof Burger für die Helfer vorbeibrachte. Die Pause war 10 Minuten lang. Das kann man ein oder zweimal machen, danach wird man krank. Hab ich für Euch ausprobiert. Nicht nachmachen, jedenfalls nicht, wenn man über 30 ist.

Nachdem ich zum Infotisch gewechselt bin kam zu der körperlichen Belastung die mentale hinzu. Denn die persönlichen Geschichten der Flüchtlinge machen den Krieg plötzlich sehr real. Wenn Menschen ihr Hemd anheben und ihre Schussverletzungen zeigen zum Beispiel. Oder wenn Menschen ihre Angehörigen auf der Flucht verloren haben und hoffen, sie bei uns wiederzufinden. Ich brauchte zwischendurch immer mal wieder eine Verschnaufpause, war nicht mehr jeden Tag am Bahnhof und bin dann wieder aufgeladen dorthin zurück. Ich glaube, das hat mich davor bewahrt, mit den vielen Geschichten nicht mehr umgehen zu können.

Austausch ist noch wichtiger

Oh Facebook, Whatsapp & Co. – ohne Euch wäre es in den letzten Wochen sehr schwer geworden. Nicht nur zur Unterstützung für die Flüchtlinge, sondern auch zum Austausch mit anderen Helfer. Es war einfach immer jemand online, der einem zuhörte, auch wenn gerade im Real Life niemand da war. Dieser Austausch ist immens wichtig. Niemand musste mit den Erlebnissen alleine fertig werden. Unser Infotischteam hat eine eigene Whatsapp-Gruppe und wir reden dort über alles mögliche. Tag und Nacht. Aber natürlich auch über die Dinge, die wir am Hauptbahnhof so erlebten. Und ich kenne die Nachteulen unter meinen Helfer-Freunden (Hallo Gil!) und weiß, wen man auch noch um 2 Uhr nachts ansprechen kann.

Hierarchien sind überbewertet

Irgendwann zog man beim „Train of Hope“ Hierarchien ein. Es gab plötzlich Teamleiter und einen Vorstand. Es gab einige Helfer, die sich das gewünscht hatten. Die Vereinsgründung war aus finanziellen und rechtlichen Gründen notwendig geworden.

Heute denke ich, damit ging der Charme von „Train of Hope“ etwas verloren und ich kann auch nicht sagen, dass diese Hierarchien wirklich zu einem verbesserten Arbeiten geführt hätten. Beim Infotisch waren immer alle gleich und das haben wir gefühlsmäßig auch so beibehalten, auch mit Teamleitern. Dass diese Hierarchien aber zwingend notwendig sind, kann ich nicht bestätigen. Dafür braucht man allerdings Menschen, die eigenverantwortlich handeln und auch handeln wollen und die Teamplayer sind. Wer allerdings kein Teamplayer ist, wird es in der Flüchtlingshilfe sowieso schwer haben.

Eine Handynummer bedeutet Verantwortung

Ich habe ein paar Flüchtlingen meine Handynummer gegeben. Bereut habe ich es bislang kein einziges Mal. Im Gegenteil. Ich finde es sehr erfüllend zu sehen, was aus den Menschen wird, wenn sie erstmal dort angekommen sind, wo sie hinwollten und wenn man sie auf diesem Weg ein bisschen begleiten kann. Aber es kann eben auch Verantwortung bedeuten, wenn sie Unterstützung brauchen, kann man schlecht sagen, das interessiert einen jetzt nicht mehr. Also ich kann das jedenfalls nicht. Ich fühle mich verantwortlich. Und bevor ich jemandem meine Handynummer gebe, überlege ich mir, ob ich bereit bin, dieser Person weiter zu helfen oder eben nicht.

Vielfalt ist toll

Seit ich für die BBC gearbeitet habe, weiß ich, wie toll es ist, in vielfältigen Teams zu arbeiten. Am Infotisch war die jüngste Helferin 18, die Älteste 55. Wir hatten mehrere arabischstämmige Helferinnen und Helfer, die gedolmetscht und auch beraten haben. Wir haben alle einen ganz anderen beruflichen Hintergrund. Trotzdem sind wir unterdessen ein sehr eingeschworenes Team und wirklich gute Freunde geworden.

Danke „Train of Hope“

Als die Olympischen Spiele und die Paralympics 2012 in London zu Ende waren, waren wir alle traurig, weil wir dachten, ein derartiges Gemeinschaftsgefühl nie mehr erleben zu können. Wie oft hat man schon die Gelegenheit mit Hunderten von Menschen gemeinsam solch ein Projekt stemmen zu können? Der „Train of Hope“ hat mich das noch einmal erleben lassen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Mein Internet von A – Z

Schöne Idee von Daniel Fiene, gesehen bei Kerstin: „Kurzanleitung: Einfach in die Adresszeile des Browsers den Buchstaben eintippen und dann den ersten Vorschlag als Link nehmen — schummeln ist verboten! Der Browser schlägt besonders häufig besuchte Webseiten vor, die zu dem Buchstaben passen.“

Hier ist mein Internet von A bis Z, Stand Januar 2015:

A= http://www.amazon.co.uk
Ja, ich weiß, nicht sehr origineller Einstieg…

B= http://blog.zeit.de/stufenlos
Mein Blog „Stufenlos“ bei Zeit Online, das ich viel häufiger befülle derzeit als dieses hier.

C= http://www.christianelink.com
Eine meiner Webseiten. Müsste mal wieder aktualisiert werden.

D= http://de.wikipedia.org
Wieder nicht sehr originell, aber sehr hilfreich.

E= http://www.epd-archiv.de
Das Archiv der Nachrichtenagentur epd, für die ich schreibe.

F= http://www.facebook.com
Was sonst? Foursquare kommt aber schon gleich auf Platz 2.

G= http://www.goodreads.com
Ich habe mir mal vor zwei Jahren vorgenommen, wieder mehr zu lesen und lese in der Tat sehr viel. Goodreads hilft mir, neue Bücher zu entdecken.

H= http://www.hsbc.co.uk
Meine Bank. Furchtbar.

I= https://icheck.sita.aero/iCheckWebLX/
Online-Checkin von Swiss. Vor kurzem erst genutzt.

J= http://www.just-eat.co.uk
Der Mensch lebt nicht nur von Luft und Liebe.

K= http://www.kobinet-nachrichten.org/
Immer noch lesenswert, wenn man sich für behindertenpolitische Zusammenhänge in Deutschland interessiert.

L= http://www.leo.org
Ja, auch nach acht Jahren in England brauche ich immer noch ein Wörterbuch. Manchmal auch nur, weil ich zwar weiß, was gemeint ist, aber nicht, wie man das auf Deutsch sagt.

M= einaugenschmaus.blogspot.co.at
Schreibt zu selten, aber immer gut.

N= news.google.de
Nachrichtenjunkie halt

O= ocado.com
Da kommen meine Lebensmittel her.

P= http://www.paypal.co.uk
Naja, Paypal halt…

Q= http://www.quora.com
Ich liebe Quora. Schöner Zeitvertreib.

R= http://rollingplanet.net
Noch mehr behindertenpolitische Nachrichten.

S= http://www.spiegel.de
Wieder nicht sehr originell, aber man soll ja nicht schummeln.

T= http://www.twitter.com
Ich liebe Twitter. Hatte unser Leben vor Twitter überhaupt einen Sinn?

U= http://www.updownlondon.com
Idee in Wien geklaut, für London genutzt. Ein selbstgemachtes Projekt, das ich fast täglich nutze, um zu wissen, ob der Lift an meiner U-Bahnstation geht.

V= http://www.vias.at
Dort habe ich den ganzen November verbracht. Ich liebe Wien.

W= http://www.wetter.at
Und weil ich den ganzen November in Österreich war, musste ich natürlich auch wissen, wie das Wetter dort wird.

X= http://www.xing.com
Nutze ich nur noch ganz wenig, weil Linkedin in UK einfach besser ist.

Y= youtube.com
YouTube halt….

Z= http://www.zeit.de
Liebe ich. Schreibe ich für.

Jahresendfragebogen 2014

Jaha, ich schaffe es doch noch in diesem Jahr dieses Blog wenigstens noch einmal zu befüllen. Ich war nicht untätig dieses Jahr, ich habe nur mehr als 40 Mal bei Stufenlos gebloggt. Ich verspreche auch gar nicht, dass das 2015 besser wird und ich hier wieder etwas mehr schreibe, aber ich nehme es mir zumindest vor. Hier kommt also der ultimative Jahresendfragebogen (kopiert bei Don Dahlmann und ein bisschen geändert).

Beste Entscheidung: Einen Vertrag nicht zu kündigen.

Beste Anschaffung: Mein MacBookAir. Eigentlich schon Ende 2013 gekauft, aber erst 2014 richtig eingesetzt. Nie bereut.

Dämlichste Anschaffung: Eine Desigual-Handtasche. Hat genau eine Woche gehalten.

Getränk des Jahres: Almdudler

Bestes Essen: Alles in Wien – Schnitzel, Gulasch, Knödel, Braten, Schnitzel und natürlich Schnitzel.

Lied des Jahres: Viva la vida

Beste Idee: In Wien nicht am Flughafen zu wohnen.

Dämlichste Idee: Ehrlich gesagt war ich 2014 ganz vernünftig. Ich bemühe mich, das 2015 zu ändern.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Kurzsichtiger. Ich warte schon wieder auf neue Gläser.

Beste Lektüre: Brixton Hill von Zoë Beck.

Langweiligste Lektüre: MindMaps for Business.

Haare länger oder kürzer? Länger.

Mehr ausgegeben oder weniger? Gleich viel.

Die gefährlichste Unternehmung? Bei 10km/h an einem gepimpten E-Rolli hängen und nachts bei Eiseskälte durch Wien rasen.

Die teuerste Anschaffung? Ein neues Auto. Volkswagen. Gute Entscheidung nach dem Desaster mit Ford.

Das leckerste selbst gemachte Essen? Käsefondue.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Schreiben, reden, schulen.

Die schönste Zeit verbracht…? In Wien. Fast einen ganzen Monat lang. Super anstrengend aber trotzdem wie Urlaub. Ja, das geht.

Vorherrschendes Gefühl 2014? Es läuft.

2014 zum ersten Mal getan? 1. Bei ZEIT Online einen Blog gestartet. 2. Zwei Wochen lang für die BBC mein Leben gefilmt.

2014 nach langer Zeit wieder getan? Viel gelesen.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 1. Meine Zeit im Wartezimmer wegen irgendwelcher Zipperlein. 2. Behindertenfeindliche Kommentare 3. Idiotische Bürokratie

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Geld für den Umbau der Crossrail-Stationen im Haushalt zu finden.

Größter Erfolg: Gemeinsam mit Transport for All den Londoner Bürgermeister, Transport for London und die britische Regierung dazu bewegt zu haben, alle Crossrail-Stationen, die in das Crossrail-Netz integriert werden, barrierefrei umzubauen. Dafür war ich unter anderem bei mehreren Ministern und habe in meiner zuvorkommenden deutschen Art auf den Tisch gehauen unser Anliegen vorgetragen. Wir haben es am Ende durchgesetzt!

Größte Enttäuschung: Das Urteil, das Rollstuhlfahrern keinen Vorrang in britischen Bussen vor Kinderwagen gibt – auf Rollstuhlplätzen. 2015 geht der Fall vor den Supreme Court.

Journalismus

Älteste Interviewte: Stella Rutter (91)

Promis getroffen (und erkannt): Unter anderem Angelina Jolie und Brad Pitt

Am meisten geschrieben über: Die Kirche von England und die Zulassung von Frauen im Bischofsamt

Größte Herausforderung: Ein Artikel über eine musikwissenschaftliche Entdeckung.

2014 war mit 1 Wort … ? Abwechslungsreich.

Buchchallenge

Ich wurde von Benedikt Lika nominiert, zehn Bücher aufzulisten, die mir ganz besonders wichtig sind, die mich auf irgendeine Art beeinflusst haben, oder die mir einfach immer als besondere Bücher in Erinnerung bleiben.

Los geht’s:

PipiPippi Langstrumpf von Astrid Lindgren – „Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“ finde ich immer noch eine prima Einstellung.

Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo – Gelesen, festen Job aufgegeben, nie bereut.

Autobiografie einer Optimistin von Alison Lapper – Tolle Frau, tolles Buch.

Watching the English: The Hidden Rules of English Behaviour von Kate Fox – Das Buch hat mir am Anfang in London das Leben gerettet. Ich habe endlich verstanden, warum der Concierge in unserem Haus immer so komisch reagiert hat, wenn ich in Wetterfragen nicht mit ihm einer Meinung war. Und warum die Briten überhaupt so gerne übers Wetter reden.

Scapegoat: Why We Are Failing Disabled People von Katharine Quarmby – Wer verstehen möchte, was Hasskriminalität gegen behinderte Menschen bedeutet, wie sie sich zeigt und woher sie kommt, dem kann ich das Buch nur empfehlen.

Deutschland Schwarz Weiß von Noah Sow – Sehr lesenswertes Buch zum Thema Alltagsrassismus.

Glückskinder: Warum manche lebenslang Chancen suchen – und andere sie täglich nutzen von Hermann Scherer – Das Buch habe ich am Flughafen gekauft, weil mir die Aufmachung so gut gefiel. Den Inhalt fand ich aber noch viel besser.

Soul Trader von Rasheed Ogunlaru – eines der besten Businessbücher, das ich je gelesen habe. Vor allem für Gründer und Startups sehr zu empfehlen.

Die Kunst des Klüngelns von Anni Hausladen – Ich habe das Buch zu Beginn meines Berufslebens gelesen und kann rückblickend sagen, das war kein schlechter Zeitpunkt.

Momo von Michael Ende – Oh, was habe ich Momo geliebt. Und dank dieses Buches früh viel gelernt.

Stufenlos bei ZEIT Online

Stufenlos

Wer sich wundert, warum es hier gerade so ruhig ist: Ich schreibe für ZEIT Online ein Blog zu Barrierefreiheit und Inklusion mit dem schönen Namen „Stufenlos„.

Dieses Blog ist deshalb dennoch nicht tot. Versprochen.

Bei Gericht und auf hoher See

Heute morgen war ich bei Gericht. Es ging dabei nicht um mich, sondern um den Unfall von Angela, einer Bekannten, die auf einem Fußgängerüberweg mit Ampel von einem Auto umgenietet wurde als sie die Straße bei Grün für die Fußgänger überquerte. Angela ist E-Rollstuhlfahrerin und hat eine Sprachbehinderung. Und als sei der Unfall nicht schon schlimm genug – Angela wurde aus dem Rollstuhl geschleudert, der Rollstuhl fiel um und sie wurde verletzt – stieg die Fahrerin hinterher aus und beleidigte die am Boden liegende, blutende Angela, was wiederum andere Passanten und Zeugen derart aufbrachte, dass die Frau sich in ihr Auto flüchten musste bis die Polizei kam.

Da ich nur 15 Minuten vom Gerichtsgebäude weg wohne, habe ich Angela versprochen, mir das Verfahren anzuschauen und sie zu begleiten. Sie hat heute morgen als Zeugin ausgesagt. Zeugin deshalb, weil es eine Nebenklage in UK wie in Deutschland in der Form nicht gibt. Das bedeutet leider auch, dass Angela keinen Anwalt hatte, sondern nur der Crown Prosecution Service, den Strafverfolgungsdienst der britischen Krone, etwa so was wie die Staatsanwaltschaft, auf ihrer Seite war.

Kächer-Hochdruckreiniger dringend empfohlen

Schon das Gerichtsgebäude selbst empfand ich als absolut einem Gericht unwürdig. Man hätte dort problemlos einen Werbefilm für Kärcher-Hochdruckreiniger drehen können. Als Vorher-Nachher-Modell wäre das Gebäude durchaus geeignet. In dem Raum, in dem die Zeugen warten müssen (uns ließ man über zwei Stunden warten), waren riesige Flecken auf dem Teppichboden. Eine Teppichreinigung wäre bereits vor 10 Jahren dringend nötig gewesen. Um den Wartenden die Wartezeit zu verkürzen, gab es eine kleine Bücherecke. Jedes Buch kostete 50p – damit werde die Zeugenbetreuung finanziert, stand auf einem Schild.

Nachdem ich mich von dem kleinen Kulturschock erholt hatte, kam die Dame der Zeugenbetreuung und redete mit mir. Ja, genau. Mit mir. Und es war gar nicht so einfach, sie davon abzubringen. Sie wusste, dass ich nicht die Zeugin war, aber sie wollte partout vermeiden, mit Angela zu reden, vermutlich weil sie Angst hatte, sie aufgrund ihrer Sprachbehinderung nicht zu verstehen. Sie drückte mir das Zeugenprotokoll in die Hand, was ich ihr sofort zurückgab und ihr sagte, das sei Angelas Protokoll, nicht meines. Ich kenne das Problem, dass manche Leute lieber mit der nicht-behinderten Begleitperson sprechen. Aber dass man lieber mit der weniger behinderten Person, also in dem Fall mit mir spricht, habe ich so noch nicht erlebt.

Zeugenbefragung

Dann kam der Vertreter des Crown Prosecution Service, in den Angela verständlicherweise alle Hoffnungen setzte, in den Warteraum. Er starrte sie an als käme sie vom Mars als er sah, wie stark Angela behindert ist.

Ob sie denn überhaupt aussagen könne und ob sie sich denn noch an die Straße erinnern könne, in der das passiert sei, fragte er sie und beugte sich zu ihr runter als würde er mit einem Kind sprechen. Ja, konnte sie. Es ist die Hauptstraße in Brixton. Jeder in London kennt diese Straße. Und ob sie die Uhrzeit sagen könne. Da wurde es Angela zu bunt und sie wies ihn darauf hin, dass sie keinerlei kognitiven Einschränkungen habe, sondern einen Hochschulabschluss. Sie habe lediglich eine Sprachbehinderung und sitze im Rollstuhl. Sie könne sich natürlich noch an alles erinnern und auch die Straße benennen. Den zweiten Zeugen, einen Sicherheitsangestellten von Body Shop, der den Unfall vor dem Geschäft beobachtet hatte und Angela sofort zu Hilfe kam, fragte der Mann nichts. Ihm traute er offensichtlich zu, sich zu erinnern und eine gute Aussage vor Gericht machen zu können.

Dann gingen wir in den Gerichtssaal und auch dort war man stellenweise überfordert mit der Situation. Die Richter beim Magistrates Court sind keine professionellen Richter, sondern Freiwillige. Der CPS-Mann befragte Angela eine Weile. Irgendwann fragte er den Verteidiger, ob er sie denn überhaupt verstehen könne, was dieser verneinte. Also fing man wieder von vorne an. Es wurde wiederholt was Angela sagte, Angela bestätigte, was sie gesagt hat und dann ging es weiter. Niemand der Anwesenden hatte jemals jemanden mit einer Sprachbehinderung befragt oder sich vorher Gedanken gemacht, wie man ihr die Aussage erleichtern könnte. Angela hat dennoch eine gute Aussage gemacht, denke ich.

Nun war die Angelegenheit „nur“ ein Verkehrsdelikt. Angela war nicht traumatisiert durch den Unfall, sondern ging eigentlich guten Mutes und unaufgeregt da heute morgen hin. Wir kamen völlig gestresst aus der Verhandlung wieder raus. Nicht weil die Befragung so hart war, sondern weil die Überforderung der am Verfahren Beteiligten, auf die man sich in so einem Fall verlassen muss, einfach nicht zu übersehen war.

Wie geht es denn behinderten Menschen, die Opfer einer schweren Straftat werden? Müssen die auch erstmal klar machen, dass sie keine kognitiven Einschränkungen haben? Bitten, dass man direkt mit ihnen spricht? Nicht mit Dritten? Und können die sicher sein, dass ihre Aussage nicht dadurch verwässert wird, dass Ankläger oder Verteidigung sie nicht verstehen können aber erstmal nichts sagen, sondern das Verfahren laufen lassen? Ich bin aus dieser Zeugenbefragung rausgegangen und mich überkam der bittere Verdacht, dass behinderte Menschen, je nach dem welche Behinderung sie haben, eben nicht gleich sind vor Gericht, sondern ganz andere Hürden zu überwinden haben, als die Nervosität vor einer Aussage – vor allem in einem System, in dem die Opfer von Straftaten nicht als Nebenkläger auftreten.

Update: Die Fahrerin wurde verurteilt. Das Strafmaß steht noch nicht fest. Angela hat wegen ihrer Behandlung vor Gericht eine Beschwerde eingereicht.