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Jahresendfragebogen 2015

Vorherrschendes Gefühl für 2015?
WTF

2015 zum ersten Mal getan?
Den Eurovision Song Contest gecovert. Und es war toll.
Die Queen live erlebt. Und es war beeindruckend.
Eine Ethikdebatte losgetreten. Und es war überraschend.
Und so viele andere Dinge wie nie zuvor zum ersten Mal gemacht.

2015 leider gar nicht getan?
Wirklich Urlaub gemacht

Wort des Jahres?
Yalla Yalla

Getränk des Jahres?
Pfirsich-Eistee und Wiener Melange

Bestes Essen des Jahres?
Die tollen Reisgerichte von Sikh Help Austria, die sie am Hauptbahnhof ausgegeben haben, und das syrische Dinner in Hamburg.

Meistangerufene Person?
Telefonieren ist so 2014.

Die schönste Zeit verbracht mit?
Mit den lieben Menschen von Train of Hope Wien, vor allem mit dem tollen Infotisch-Team, und zuletzt virtuell viel gelacht mit dem A-Team in Hamburg.

Die meiste Zeit verbracht mit?
Spenden annehmen, Zugverbindungen raussuchen, Fragen beantworten, Probleme lösen. Und zwar alles yalla yalla.

Song des Jahres?
Der Eurovision Song Contest-Beitrag von UK (ja, ich weiß, ich bin die Einzige, die das Lied mochte):
Still in love with you. In der Gebärdensprachversion. Sehr tanzbar. Auch im Pressezentrum. Es soll da Videobeweise geben.

Wobei „Golden Boy“ von Israel war auch super. Also jedenfalls die Stimmung im Pressezentrum während des Auftritts.

CD des Jahres?
Die Toten Hosen – Reich & Sexy II. Und die Toten Hosen auf dem Heldenplatz in Wien live zu erleben war großartig.

Beeindruckendstes Buch des Jahres?
Goodbye, Jehova. Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ.

Erkenntnis des Jahres?
1. Wie 2013: Mein Bauchgefühl hat so gut wie immer recht. 2. Ich habe wirklich tolle Freunde.

Drei Dinge auf die ich gut hätte Verzichten können?
Januar, Februar, März, April, Juni, Juli, August – ups, das waren schon sieben.

Beste Idee/Entscheidung des Jahres
Konsequent zu bleiben.

Schlimmstes Ereignis?
Ich kann mich nicht entscheiden. Das Jahr war ziemlich bescheiden, aber ab September wurde es besser.

Schönstes Ereignis?
Die Helferparty der Stadt Wien und das tolle Wochenende davor.

2015 war mit einem Wort?
Achterbahn.

Danke, Train of Hope!

Ich komme gerade von einer Podiumsdiskussion zum Thema behinderte Flüchtlinge in Europa. Dieser Abend ist eine gute Gelegenheit mal Revue passieren zu lassen, was mir in den vergangenen Wochen so passiert ist und was ich gelernt habe. Ich glaube, ich übertreibe nicht, wenn ich sage, die Erfahrungen mit den Flüchtlingen und dem „Train of Hope“ in Wien werden mich nachhaltig prägen und auch Einfluss darauf haben, wie ich mich künftig engagiere und mit wem und vor allem unter welchen Bedingungen.

Train of Hope Plakat

Vorweg muss ich sagen, ich bin meinen Mithelferinnen und -helfern – viele von ihnen waren selber Flüchtlinge – sehr dankbar für die tollen Erfahrungen und die gegenseitige Unterstützung. Das was am „Train of Hope“ im Team erreicht wurde, war für mich unvorstellbar und es macht mich so stolz, wenn ich auf die letzten Wochen zurückblicke.

Es gibt ein paar Punkte, die ich festhalten möchte, auch weil ich glaube, dass sie anderen engagierten Menschen helfen könnten und auch den NGOs, die mit Freiwilligen arbeiten, auch wenn vieles natürlich subjektiv ist und meine Erfahrungen sich speziell auf den „Train of Hope“ beziehen.

Nicht reden, machen

Ich habe beim „Train of Hope“ erst im Lager, der Spendenannahme und in den vergangenen Wochen am Infotisch gearbeitet. Der Infotisch infomierte Flüchtlinge über Reiserouten, Preise und wir versuchten auch sonst jede Frage zu beantworten, die wir gestellt bekamen. Damit hatte ich wochenlang ständig direkten Kontakt mit geflüchteten Menschen.

Das Erfolgsrezept des „Train of Hope“ kann man definitiv mit „Nicht reden, machen“ zusammenfassen. Diese Devise wirkte auf mich wie ein Magnet. Wer einmal dort mitgearbeitet hat, wirklich praktische Hilfe leisten konnte, kam immer wieder. Die Möglichkeit dort zu helfen, hätte nicht niederschwelliger sein können: Man geht einfach hin, wenn man Zeit hat und bleibt so lange man kann. Später als wir mehr in Teams zusammenarbeiteten, begannen die Teams Dienstpläne zu erstellen, aber auch diese waren sehr flexibel.

Ich hatte von Anfang an keine Angst, Entscheidungen zu treffen. Ich habe viel aus dem Bauch heraus entschieden, gerade weil alles neu war und das fand ich toll. Hierarchien gab es am Anfang so gut wie nicht. Es war teilweise Chaos pur, aber es funktionierte trotzdem. Es funktionierte, weil jeder Verantwortung übernahm. Nicht reden, machen. Eine falsche Entscheidung ist besser als keine.

Eure Bürokratie nervt

Aus dieser Erfahrung heraus kann ich sagen, ich habe eine ziemliche Allergie gegen Bürokratie entwickelt. Gegen österreichische insbesondere. Kein Formular hat jemals einem Flüchtling den Hunger gestillt. Wenn man fragt, was derzeit konkret getan wird, um beispielsweise behinderte Flüchtlinge zu versorgen, dann hört man, man erfasse derzeit den Bedarf. Seit Monaten. Man zählt also. So lange man zählt, muss man sich nicht mit konkreten Problemlösungen befassen. Nicht zählen, machen. Und ich habe zunehmend den Eindruck, die Bürokratie ist derzeit die größte Barriere bei der Hilfe für Flüchtlinge. Ob beabsichtigt oder nicht, es nervt tierisch. Und jede NGO, die erstmal mit Formularen um sich wirft, bevor man helfen kann, werde ich nicht unterstützen.

Behinderte Flüchtlinge sind kein Randthema

Wann immer ich über behinderte Flüchtlinge spreche und von denen erzähle, denen ich am „Train of Hope“ begegnet bin, kommt die Antwort „Gibt es denn welche?“ oder „Das können wir derzeit nicht leisten, die auch noch zu versorgen“. Dabei haben Deutschland und Österreich die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Behinderte Flüchtlinge sind besonders schutzbedürftig. Die Staaten stellen sich nur offensichtlich überhaupt nicht darauf ein. Und dann frage ich mich, was passiert eigentlich im Katastrophenfall? Heißt es dann auch, man könne sich jetzt nicht auch noch um behinderte Bürger kümmern? Mein Verdacht ist: Genauso wird es sein. Oder weiß der Katastrophenschutz dann, wo die nächste barrierefreie Unterkunft ist? Und warum wissen sie es dann jetzt nicht? Und gibt es dann plötzlich genug barrierefreie Unterkünfte? Wohl kaum.

Pausen sind wichtig

Die längste Schicht am Hauptbahnhof, die ich gemacht habe, war 14 Stunden lang. Mit zwei Klo-Pausen. Gegessen wurde als der Burgerladen im Hauptbahnhof Burger für die Helfer vorbeibrachte. Die Pause war 10 Minuten lang. Das kann man ein oder zweimal machen, danach wird man krank. Hab ich für Euch ausprobiert. Nicht nachmachen, jedenfalls nicht, wenn man über 30 ist.

Nachdem ich zum Infotisch gewechselt bin kam zu der körperlichen Belastung die mentale hinzu. Denn die persönlichen Geschichten der Flüchtlinge machen den Krieg plötzlich sehr real. Wenn Menschen ihr Hemd anheben und ihre Schussverletzungen zeigen zum Beispiel. Oder wenn Menschen ihre Angehörigen auf der Flucht verloren haben und hoffen, sie bei uns wiederzufinden. Ich brauchte zwischendurch immer mal wieder eine Verschnaufpause, war nicht mehr jeden Tag am Bahnhof und bin dann wieder aufgeladen dorthin zurück. Ich glaube, das hat mich davor bewahrt, mit den vielen Geschichten nicht mehr umgehen zu können.

Austausch ist noch wichtiger

Oh Facebook, Whatsapp & Co. – ohne Euch wäre es in den letzten Wochen sehr schwer geworden. Nicht nur zur Unterstützung für die Flüchtlinge, sondern auch zum Austausch mit anderen Helfer. Es war einfach immer jemand online, der einem zuhörte, auch wenn gerade im Real Life niemand da war. Dieser Austausch ist immens wichtig. Niemand musste mit den Erlebnissen alleine fertig werden. Unser Infotischteam hat eine eigene Whatsapp-Gruppe und wir reden dort über alles mögliche. Tag und Nacht. Aber natürlich auch über die Dinge, die wir am Hauptbahnhof so erlebten. Und ich kenne die Nachteulen unter meinen Helfer-Freunden (Hallo Gil!) und weiß, wen man auch noch um 2 Uhr nachts ansprechen kann.

Hierarchien sind überbewertet

Irgendwann zog man beim „Train of Hope“ Hierarchien ein. Es gab plötzlich Teamleiter und einen Vorstand. Es gab einige Helfer, die sich das gewünscht hatten. Die Vereinsgründung war aus finanziellen und rechtlichen Gründen notwendig geworden.

Heute denke ich, damit ging der Charme von „Train of Hope“ etwas verloren und ich kann auch nicht sagen, dass diese Hierarchien wirklich zu einem verbesserten Arbeiten geführt hätten. Beim Infotisch waren immer alle gleich und das haben wir gefühlsmäßig auch so beibehalten, auch mit Teamleitern. Dass diese Hierarchien aber zwingend notwendig sind, kann ich nicht bestätigen. Dafür braucht man allerdings Menschen, die eigenverantwortlich handeln und auch handeln wollen und die Teamplayer sind. Wer allerdings kein Teamplayer ist, wird es in der Flüchtlingshilfe sowieso schwer haben.

Eine Handynummer bedeutet Verantwortung

Ich habe ein paar Flüchtlingen meine Handynummer gegeben. Bereut habe ich es bislang kein einziges Mal. Im Gegenteil. Ich finde es sehr erfüllend zu sehen, was aus den Menschen wird, wenn sie erstmal dort angekommen sind, wo sie hinwollten und wenn man sie auf diesem Weg ein bisschen begleiten kann. Aber es kann eben auch Verantwortung bedeuten, wenn sie Unterstützung brauchen, kann man schlecht sagen, das interessiert einen jetzt nicht mehr. Also ich kann das jedenfalls nicht. Ich fühle mich verantwortlich. Und bevor ich jemandem meine Handynummer gebe, überlege ich mir, ob ich bereit bin, dieser Person weiter zu helfen oder eben nicht.

Vielfalt ist toll

Seit ich für die BBC gearbeitet habe, weiß ich, wie toll es ist, in vielfältigen Teams zu arbeiten. Am Infotisch war die jüngste Helferin 18, die Älteste 55. Wir hatten mehrere arabischstämmige Helferinnen und Helfer, die gedolmetscht und auch beraten haben. Wir haben alle einen ganz anderen beruflichen Hintergrund. Trotzdem sind wir unterdessen ein sehr eingeschworenes Team und wirklich gute Freunde geworden.

Danke „Train of Hope“

Als die Olympischen Spiele und die Paralympics 2012 in London zu Ende waren, waren wir alle traurig, weil wir dachten, ein derartiges Gemeinschaftsgefühl nie mehr erleben zu können. Wie oft hat man schon die Gelegenheit mit Hunderten von Menschen gemeinsam solch ein Projekt stemmen zu können? Der „Train of Hope“ hat mich das noch einmal erleben lassen. Dafür bin ich unendlich dankbar.

Mein Internet von A – Z

Schöne Idee von Daniel Fiene, gesehen bei Kerstin: „Kurzanleitung: Einfach in die Adresszeile des Browsers den Buchstaben eintippen und dann den ersten Vorschlag als Link nehmen — schummeln ist verboten! Der Browser schlägt besonders häufig besuchte Webseiten vor, die zu dem Buchstaben passen.“

Hier ist mein Internet von A bis Z, Stand Januar 2015:

A= http://www.amazon.co.uk
Ja, ich weiß, nicht sehr origineller Einstieg…

B= http://blog.zeit.de/stufenlos
Mein Blog „Stufenlos“ bei Zeit Online, das ich viel häufiger befülle derzeit als dieses hier.

C= http://www.christianelink.com
Eine meiner Webseiten. Müsste mal wieder aktualisiert werden.

D= http://de.wikipedia.org
Wieder nicht sehr originell, aber sehr hilfreich.

E= http://www.epd-archiv.de
Das Archiv der Nachrichtenagentur epd, für die ich schreibe.

F= http://www.facebook.com
Was sonst? Foursquare kommt aber schon gleich auf Platz 2.

G= http://www.goodreads.com
Ich habe mir mal vor zwei Jahren vorgenommen, wieder mehr zu lesen und lese in der Tat sehr viel. Goodreads hilft mir, neue Bücher zu entdecken.

H= http://www.hsbc.co.uk
Meine Bank. Furchtbar.

I= https://icheck.sita.aero/iCheckWebLX/
Online-Checkin von Swiss. Vor kurzem erst genutzt.

J= http://www.just-eat.co.uk
Der Mensch lebt nicht nur von Luft und Liebe.

K= http://www.kobinet-nachrichten.org/
Immer noch lesenswert, wenn man sich für behindertenpolitische Zusammenhänge in Deutschland interessiert.

L= http://www.leo.org
Ja, auch nach acht Jahren in England brauche ich immer noch ein Wörterbuch. Manchmal auch nur, weil ich zwar weiß, was gemeint ist, aber nicht, wie man das auf Deutsch sagt.

M= einaugenschmaus.blogspot.co.at
Schreibt zu selten, aber immer gut.

N= news.google.de
Nachrichtenjunkie halt

O= ocado.com
Da kommen meine Lebensmittel her.

P= http://www.paypal.co.uk
Naja, Paypal halt…

Q= http://www.quora.com
Ich liebe Quora. Schöner Zeitvertreib.

R= http://rollingplanet.net
Noch mehr behindertenpolitische Nachrichten.

S= http://www.spiegel.de
Wieder nicht sehr originell, aber man soll ja nicht schummeln.

T= http://www.twitter.com
Ich liebe Twitter. Hatte unser Leben vor Twitter überhaupt einen Sinn?

U= http://www.updownlondon.com
Idee in Wien geklaut, für London genutzt. Ein selbstgemachtes Projekt, das ich fast täglich nutze, um zu wissen, ob der Lift an meiner U-Bahnstation geht.

V= http://www.vias.at
Dort habe ich den ganzen November verbracht. Ich liebe Wien.

W= http://www.wetter.at
Und weil ich den ganzen November in Österreich war, musste ich natürlich auch wissen, wie das Wetter dort wird.

X= http://www.xing.com
Nutze ich nur noch ganz wenig, weil Linkedin in UK einfach besser ist.

Y= youtube.com
YouTube halt….

Z= http://www.zeit.de
Liebe ich. Schreibe ich für.

Jahresendfragebogen 2014

Jaha, ich schaffe es doch noch in diesem Jahr dieses Blog wenigstens noch einmal zu befüllen. Ich war nicht untätig dieses Jahr, ich habe nur mehr als 40 Mal bei Stufenlos gebloggt. Ich verspreche auch gar nicht, dass das 2015 besser wird und ich hier wieder etwas mehr schreibe, aber ich nehme es mir zumindest vor. Hier kommt also der ultimative Jahresendfragebogen (kopiert bei Don Dahlmann und ein bisschen geändert).

Beste Entscheidung: Einen Vertrag nicht zu kündigen.

Beste Anschaffung: Mein MacBookAir. Eigentlich schon Ende 2013 gekauft, aber erst 2014 richtig eingesetzt. Nie bereut.

Dämlichste Anschaffung: Eine Desigual-Handtasche. Hat genau eine Woche gehalten.

Getränk des Jahres: Almdudler

Bestes Essen: Alles in Wien – Schnitzel, Gulasch, Knödel, Braten, Schnitzel und natürlich Schnitzel.

Lied des Jahres: Viva la vida

Beste Idee: In Wien nicht am Flughafen zu wohnen.

Dämlichste Idee: Ehrlich gesagt war ich 2014 ganz vernünftig. Ich bemühe mich, das 2015 zu ändern.

Kurzsichtiger oder weitsichtiger? Kurzsichtiger. Ich warte schon wieder auf neue Gläser.

Beste Lektüre: Brixton Hill von Zoë Beck.

Langweiligste Lektüre: MindMaps for Business.

Haare länger oder kürzer? Länger.

Mehr ausgegeben oder weniger? Gleich viel.

Die gefährlichste Unternehmung? Bei 10km/h an einem gepimpten E-Rolli hängen und nachts bei Eiseskälte durch Wien rasen.

Die teuerste Anschaffung? Ein neues Auto. Volkswagen. Gute Entscheidung nach dem Desaster mit Ford.

Das leckerste selbst gemachte Essen? Käsefondue.

Die meiste Zeit verbracht mit…? Schreiben, reden, schulen.

Die schönste Zeit verbracht…? In Wien. Fast einen ganzen Monat lang. Super anstrengend aber trotzdem wie Urlaub. Ja, das geht.

Vorherrschendes Gefühl 2014? Es läuft.

2014 zum ersten Mal getan? 1. Bei ZEIT Online einen Blog gestartet. 2. Zwei Wochen lang für die BBC mein Leben gefilmt.

2014 nach langer Zeit wieder getan? Viel gelesen.

Drei Dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen? 1. Meine Zeit im Wartezimmer wegen irgendwelcher Zipperlein. 2. Behindertenfeindliche Kommentare 3. Idiotische Bürokratie

Die wichtigste Sache, von der ich jemanden überzeugen wollte? Geld für den Umbau der Crossrail-Stationen im Haushalt zu finden.

Größter Erfolg: Gemeinsam mit Transport for All den Londoner Bürgermeister, Transport for London und die britische Regierung dazu bewegt zu haben, alle Crossrail-Stationen, die in das Crossrail-Netz integriert werden, barrierefrei umzubauen. Dafür war ich unter anderem bei mehreren Ministern und habe in meiner zuvorkommenden deutschen Art auf den Tisch gehauen unser Anliegen vorgetragen. Wir haben es am Ende durchgesetzt!

Größte Enttäuschung: Das Urteil, das Rollstuhlfahrern keinen Vorrang in britischen Bussen vor Kinderwagen gibt – auf Rollstuhlplätzen. 2015 geht der Fall vor den Supreme Court.

Journalismus

Älteste Interviewte: Stella Rutter (91)

Promis getroffen (und erkannt): Unter anderem Angelina Jolie und Brad Pitt

Am meisten geschrieben über: Die Kirche von England und die Zulassung von Frauen im Bischofsamt

Größte Herausforderung: Ein Artikel über eine musikwissenschaftliche Entdeckung.

2014 war mit 1 Wort … ? Abwechslungsreich.

Buchchallenge

Ich wurde von Benedikt Lika nominiert, zehn Bücher aufzulisten, die mir ganz besonders wichtig sind, die mich auf irgendeine Art beeinflusst haben, oder die mir einfach immer als besondere Bücher in Erinnerung bleiben.

Los geht’s:

PipiPippi Langstrumpf von Astrid Lindgren – „Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt“ finde ich immer noch eine prima Einstellung.

Wir nennen es Arbeit von Holm Friebe und Sascha Lobo – Gelesen, festen Job aufgegeben, nie bereut.

Autobiografie einer Optimistin von Alison Lapper – Tolle Frau, tolles Buch.

Watching the English: The Hidden Rules of English Behaviour von Kate Fox – Das Buch hat mir am Anfang in London das Leben gerettet. Ich habe endlich verstanden, warum der Concierge in unserem Haus immer so komisch reagiert hat, wenn ich in Wetterfragen nicht mit ihm einer Meinung war. Und warum die Briten überhaupt so gerne übers Wetter reden.

Scapegoat: Why We Are Failing Disabled People von Katharine Quarmby – Wer verstehen möchte, was Hasskriminalität gegen behinderte Menschen bedeutet, wie sie sich zeigt und woher sie kommt, dem kann ich das Buch nur empfehlen.

Deutschland Schwarz Weiß von Noah Sow – Sehr lesenswertes Buch zum Thema Alltagsrassismus.

Glückskinder: Warum manche lebenslang Chancen suchen – und andere sie täglich nutzen von Hermann Scherer – Das Buch habe ich am Flughafen gekauft, weil mir die Aufmachung so gut gefiel. Den Inhalt fand ich aber noch viel besser.

Soul Trader von Rasheed Ogunlaru – eines der besten Businessbücher, das ich je gelesen habe. Vor allem für Gründer und Startups sehr zu empfehlen.

Die Kunst des Klüngelns von Anni Hausladen – Ich habe das Buch zu Beginn meines Berufslebens gelesen und kann rückblickend sagen, das war kein schlechter Zeitpunkt.

Momo von Michael Ende – Oh, was habe ich Momo geliebt. Und dank dieses Buches früh viel gelernt.

Stufenlos bei ZEIT Online

Stufenlos

Wer sich wundert, warum es hier gerade so ruhig ist: Ich schreibe für ZEIT Online ein Blog zu Barrierefreiheit und Inklusion mit dem schönen Namen „Stufenlos„.

Dieses Blog ist deshalb dennoch nicht tot. Versprochen.

Bei Gericht und auf hoher See

Heute morgen war ich bei Gericht. Es ging dabei nicht um mich, sondern um den Unfall von Angela, einer Bekannten, die auf einem Fußgängerüberweg mit Ampel von einem Auto umgenietet wurde als sie die Straße bei Grün für die Fußgänger überquerte. Angela ist E-Rollstuhlfahrerin und hat eine Sprachbehinderung. Und als sei der Unfall nicht schon schlimm genug – Angela wurde aus dem Rollstuhl geschleudert, der Rollstuhl fiel um und sie wurde verletzt – stieg die Fahrerin hinterher aus und beleidigte die am Boden liegende, blutende Angela, was wiederum andere Passanten und Zeugen derart aufbrachte, dass die Frau sich in ihr Auto flüchten musste bis die Polizei kam.

Da ich nur 15 Minuten vom Gerichtsgebäude weg wohne, habe ich Angela versprochen, mir das Verfahren anzuschauen und sie zu begleiten. Sie hat heute morgen als Zeugin ausgesagt. Zeugin deshalb, weil es eine Nebenklage in UK wie in Deutschland in der Form nicht gibt. Das bedeutet leider auch, dass Angela keinen Anwalt hatte, sondern nur der Crown Prosecution Service, den Strafverfolgungsdienst der britischen Krone, etwa so was wie die Staatsanwaltschaft, auf ihrer Seite war.

Kächer-Hochdruckreiniger dringend empfohlen

Schon das Gerichtsgebäude selbst empfand ich als absolut einem Gericht unwürdig. Man hätte dort problemlos einen Werbefilm für Kärcher-Hochdruckreiniger drehen können. Als Vorher-Nachher-Modell wäre das Gebäude durchaus geeignet. In dem Raum, in dem die Zeugen warten müssen (uns ließ man über zwei Stunden warten), waren riesige Flecken auf dem Teppichboden. Eine Teppichreinigung wäre bereits vor 10 Jahren dringend nötig gewesen. Um den Wartenden die Wartezeit zu verkürzen, gab es eine kleine Bücherecke. Jedes Buch kostete 50p – damit werde die Zeugenbetreuung finanziert, stand auf einem Schild.

Nachdem ich mich von dem kleinen Kulturschock erholt hatte, kam die Dame der Zeugenbetreuung und redete mit mir. Ja, genau. Mit mir. Und es war gar nicht so einfach, sie davon abzubringen. Sie wusste, dass ich nicht die Zeugin war, aber sie wollte partout vermeiden, mit Angela zu reden, vermutlich weil sie Angst hatte, sie aufgrund ihrer Sprachbehinderung nicht zu verstehen. Sie drückte mir das Zeugenprotokoll in die Hand, was ich ihr sofort zurückgab und ihr sagte, das sei Angelas Protokoll, nicht meines. Ich kenne das Problem, dass manche Leute lieber mit der nicht-behinderten Begleitperson sprechen. Aber dass man lieber mit der weniger behinderten Person, also in dem Fall mit mir spricht, habe ich so noch nicht erlebt.

Zeugenbefragung

Dann kam der Vertreter des Crown Prosecution Service, in den Angela verständlicherweise alle Hoffnungen setzte, in den Warteraum. Er starrte sie an als käme sie vom Mars als er sah, wie stark Angela behindert ist.

Ob sie denn überhaupt aussagen könne und ob sie sich denn noch an die Straße erinnern könne, in der das passiert sei, fragte er sie und beugte sich zu ihr runter als würde er mit einem Kind sprechen. Ja, konnte sie. Es ist die Hauptstraße in Brixton. Jeder in London kennt diese Straße. Und ob sie die Uhrzeit sagen könne. Da wurde es Angela zu bunt und sie wies ihn darauf hin, dass sie keinerlei kognitiven Einschränkungen habe, sondern einen Hochschulabschluss. Sie habe lediglich eine Sprachbehinderung und sitze im Rollstuhl. Sie könne sich natürlich noch an alles erinnern und auch die Straße benennen. Den zweiten Zeugen, einen Sicherheitsangestellten von Body Shop, der den Unfall vor dem Geschäft beobachtet hatte und Angela sofort zu Hilfe kam, fragte der Mann nichts. Ihm traute er offensichtlich zu, sich zu erinnern und eine gute Aussage vor Gericht machen zu können.

Dann gingen wir in den Gerichtssaal und auch dort war man stellenweise überfordert mit der Situation. Die Richter beim Magistrates Court sind keine professionellen Richter, sondern Freiwillige. Der CPS-Mann befragte Angela eine Weile. Irgendwann fragte er den Verteidiger, ob er sie denn überhaupt verstehen könne, was dieser verneinte. Also fing man wieder von vorne an. Es wurde wiederholt was Angela sagte, Angela bestätigte, was sie gesagt hat und dann ging es weiter. Niemand der Anwesenden hatte jemals jemanden mit einer Sprachbehinderung befragt oder sich vorher Gedanken gemacht, wie man ihr die Aussage erleichtern könnte. Angela hat dennoch eine gute Aussage gemacht, denke ich.

Nun war die Angelegenheit „nur“ ein Verkehrsdelikt. Angela war nicht traumatisiert durch den Unfall, sondern ging eigentlich guten Mutes und unaufgeregt da heute morgen hin. Wir kamen völlig gestresst aus der Verhandlung wieder raus. Nicht weil die Befragung so hart war, sondern weil die Überforderung der am Verfahren Beteiligten, auf die man sich in so einem Fall verlassen muss, einfach nicht zu übersehen war.

Wie geht es denn behinderten Menschen, die Opfer einer schweren Straftat werden? Müssen die auch erstmal klar machen, dass sie keine kognitiven Einschränkungen haben? Bitten, dass man direkt mit ihnen spricht? Nicht mit Dritten? Und können die sicher sein, dass ihre Aussage nicht dadurch verwässert wird, dass Ankläger oder Verteidigung sie nicht verstehen können aber erstmal nichts sagen, sondern das Verfahren laufen lassen? Ich bin aus dieser Zeugenbefragung rausgegangen und mich überkam der bittere Verdacht, dass behinderte Menschen, je nach dem welche Behinderung sie haben, eben nicht gleich sind vor Gericht, sondern ganz andere Hürden zu überwinden haben, als die Nervosität vor einer Aussage – vor allem in einem System, in dem die Opfer von Straftaten nicht als Nebenkläger auftreten.

Update: Die Fahrerin wurde verurteilt. Das Strafmaß steht noch nicht fest. Angela hat wegen ihrer Behandlung vor Gericht eine Beschwerde eingereicht.

Schönheit, Autismus und Inklusion

Schönheit

Leben mit Behinderung: Meine Prothese nannte ich liebevoll Thees | ZEIT ONLINE
Schönheit hat nichts damit zu tun, wie viele Arme man hat. Sehr schöner Text.

Autismus

Autismus und Massenmord: Der konstruierte Zusammenhang | Carta
Taten, die wir nicht begreifen können, denen drücken wir schnell mal ein Label auf. Bei Massenmord gerne auch mal das Label Autismus. Mela hat das mal bei Carta zerpflückt.

PETA: Milk Linked To Scary Autism And Vegan Is Your Only Hope – Forbes
PETA findet es okay, eine Kampagne zur veganen Ernährung auf dem Rücken von Menschen mit Autismus zu machen. Forbes nicht so.

Inklusion

Inklusion | just another weblog :: Christian Fischer – fine bloggin‘ since 2001
Ein Kommentar zur Jauch-Sendung über schulische Inklusion.

BBC News – A Point of View: Happiness and disability
Behinderte Menschen sind nicht unglücklicher als nicht behinderte Menschen. Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen das bereits. Dieser Artikel erklärt noch einmal wieso.

Wahlen, Inklusion und die britische Polizei

Wahlen

Behinderte an Wahl gehindert
Während manche Europäer wohl gleich zwei Mal gewählt haben, hat man behinderte Menschen in Brandenburg an der Wahl gehindert.

Gesundheit

UK child death rate among worst in western Europe Nur in Malta sterben in der EU noch mehr Kleinkinder vor dem 5. Lebensjahr als in Großbritannien. Grund: Armut. Unfassbar.

Inklusion

Der lange Weg zur Inklusion
Benedikt Lika ist einer der tollen Menschen, die man einfach so in diesem Internet trifft. Seit 2007 hat sich der Dirigent mit dem Projekt „Roll and Walk“ in seiner Heimatstadt Augsburg einen Namen gemacht. Er bietet einerseits jungen talentierten Musikern eine Plattform in seinem Orchester, anderseits möchte er insbesondere Menschen mit Behinderung den Zugang zur klassischen Musik eröffnen. Außerdem ist er seit kurzem Mitglied des Stadtrats nachdem ihn die Augsburger weit vorne auf die Liste katapultierten. So geht Inklusion.

Down’s Syndrome student held in cell for nine hours after going into school on Bank Holiday Monday to retrieve his favourite baseball cap
Ein Junge mit Down-Syndrom bricht an einem schulfreien Tag in seine Schule ein, weil er seine Kappe dort vergessen hatte, an der er so hängt. Die Londoner Polizei nimmt ihn fest und hält ihn neun Stunden lang fest bis die Schule und ein Anwalt intervenieren können. So geht Inklusion nicht.

Lernen behinderte Kinder an Regelschulen besser? Die Wissenschaftler vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen kommen zu dem Schluss, dass Kinder mit Förderbedarf mehr und besser lernen, wenn sie mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden. Na welch Überraschung!

Wieso Vielfalt im Journalismus auch Qualität bedeutet

Es war eine der ersten Redaktionssitzungen bei BBC, an der ich teilnahm. Jemand schlug vor, in unserer Sendung zu diskutieren, ob das Hakenkreuz in der EU verboten werden soll. Mein erster Gedanke war „Ist das nicht längst verboten?“. Mein zweiter Gedanke war „Und wenn nicht, was gibts da zu diskutieren? Da können doch nur ein paar rechte Spinner dagegen sein“.

Anlass war der Vorstoß der deutschen Bundesregierung während ihrer Ratspräsidentschaft bei der EU, das Hakenkreuz europaweit verbieten zu lassen.

An dieser Redaktionskonferenz nahmen etwa 10 oder 15 Leute teil. Fast jeder hatte eine andere Staatsangehörigkeit, einen anderen kulturellen Hintergrund als der Redakteur oder die Redakteurin neben sich. Dort saßen britische, indischstämmige, südafrikanische, arabische, schwarze, weiße, männliche, weibliche Kollegen. Und eben ich: Deutsch, weiß, Frau.

Ein indischer Kollege merkte an, dass die indische Gemeinde, vor allem Hindus, in Großbritannien stinksauer über die Initiative seien. Das sei ihr Symbol, das die Nazis missbraucht hätten. Es könne nicht sein, dass Deutschland wegen seiner Geschichte ihnen einen Teil ihrer Kultur wegnehme.

Langsam dämmerte es mir. Natürlich hatte ich ich irgendwann davon gehört, dass das Swastika in anderen Kulturen eine ganz andere Bedeutung hat, die Nazis dieses Symbol gar nicht erfunden hatten. Ich war sogar zuvor in Indien, wo ich Hakenkreuze gesehen hatte. War mir das in dem Moment präsent? Nein. Meine deutsche Sozialisierung überlagerte alles. Es war mir nicht präsent, weil in meiner deutschen Bubble bislang Inder und Hindus so gut wie keine Rolle spielten und ich im deutschen Schulunterricht zwar das Dritte Reich sieben Mal in 13 Jahren Schulzeit behandelt hatte. Indien allerdings kein einziges Mal.

Und ich ahnte, dass das bei den Abgeordneten, die diesen Vorstoß nach Brüssel getragen hatten, wohl kaum anders war. Ich hatte recht. Genau so war es. Als ich den ersten deutschen Abgeordneten anrief und fragte, ob er denn überhaupt bedacht habe, dass jetzt Hindu-Familien in Großbritannien ihre Dekoration ändern müssen, die indische Botschaft in London sogar ihr Mosaik vor der Tür, vernahm ich ein langes Schweigen am anderen Ende der Leitung.

Die Krautreporter-Debatte

Warum erzähle ich das? Gestern startete das Projekt Krautreporter mit dem Ziel, einen anderen Online-Journalismus zu machen. Und seitdem müssen sich die Macher fragen lassen, warum von 28 Autoren nur 6 Frauen sind. Einige an der Diskussion Beteiligten finden, das Thema sei lächerlich und habe nichts mit der Qualität des Angebots zu tun. Ich sehe das etwas anders. Ich glaube, dass Vielfalt in Redaktionen auch zu einem besseren Journalismus führt und Aspekte in die Berichterstattung einfließen, auf die man auch bei guter Recherche nicht zwangsläufig kommt. Bei mir wäre das Thema Hakenkreuz glatt durchgefallen, für die indischen Kollegen war das aber eine Herzensangelegenheit.

Und so haben auch Frauen manchmal eine andere Sicht auf Themen als Männer. Gerade was die Themenfindung im Journalismus angeht, sind viele Bereiche lange noch nicht ausreichend recherchiert und beschrieben. Warum? Weil es nicht als relevant angesehen wird. Mit Diversität in der Redaktion verschieben sich aber auch Prioritäten und Beurteilungen über Themen. Das heißt nicht, dass ein schwarzer Redakteur immer nur gegen Diskriminierung schreiben soll. Bitte nicht! Aber es fließen gerade in Entscheidungsprozesse ganz andere Aspekte ein, die man mit einem homogenen Redaktionsteam vielleicht nicht unbedingt berücksichtigt hätte. Deshalb halte ich die Debatte um die Krautreporter für wichtig. Und da es ein Projekt ist, bei dem der Leser und die Leserin zahlen soll, gilt umso mehr, die Vielfalt der Leserschaft abzubilden. Mir geht es dabei nicht um eine Frauen-Quote sondern darum, dass es in Deutschland bereits genug homogen besetzte Redaktionen gibt. Krautreporter wollen aber nach eigenem Bekunden anders sein. Diese Andersartigkeit in Form von Vielfalt sehe ich derzeit aber leider noch nicht.