Ein Wissenschaftler sucht einen Assistenten. Das ist normalerweise keine Nachricht, die es bis in die Medien schaffen würde – wenn der Wissenschaftler nicht Stephen Hawking heißen würde und zwischen Weihnachten und Neujahr nicht sowieso schon journalistisch Saure-Gurken-Zeit wäre.
Nun dauerte es nicht lang bis die Meldung kommentiert wurde. Raul Krauthausen zum Beispiel schrieb mit Hinweis auf Spiegel Online, er hasse es, wenn Journalisten über Rollstuhlfahrer schreiben, sie seien “an den Rollstuhl gefesselt” und “leiden an” etwas.
Bei der Meldung handelt es sich in großen Teilen um eine Meldung der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Wer weiß, wie Nachrichtenagenturen arbeiten, den wundert es nicht, dass die Meldung sofort auf Hunderten Nachrichtenseiten zu lesen war – mit der Formulierung, dass Hawking “an den Rollstuhl gefesselt” ist und “leidet”.
Konkurrent dapd hatte eine kürzere Meldung dazu im Dienst. Auch bei dapd “leidet” Stephen Hawking, ist aber nicht gefesselt, sondern nur “fast vollständig gelähmt”.
Ich könnte noch ein paare andere Beispiele aufzählen, die mir in den vergangen Wochen aufgefallen sind, was den Umgang mit behinderten Menschen in den Medien angeht:
- In der Tagesschau wird berichtet, dass ein Mann jetzt ein “Krüppel” sei, nachdem er von einem Rechtsradikalen zusammen geschlagen wurde. Der Mann hat eine halbseitige Lähmung.
- In der Berichterstattung über die Verleihung des Literaturnobelpreises berichtet dpa zwar in epischer Breite über die Behinderung des Nobelpreisträgers Tomas Tranströmer (dieser ist wie Hawking “an den Rollstuhl gefesselt” und “er hob leicht die intakte linke Hand und zeigte ein frohes Lächeln”), seine Werke werden aber in der gesamten Berichterstattung kaum erwähnt.
- Das “Nachtmagazin” zeigt einen Beitrag über die gehörlose Twitterin Julia Probst, lässt sie aber de facto gar nicht zu Wort kommen, sondern aus dem Off wird behauptet, sie könne nicht sprechen. Man macht sie im wahrsten Sinne des Wortes zur Taubstummen. Dabei sieht man wie Julia redet, nur was sie sagt, hören wir nicht. Selbst wenn es unverständlich gewesen wäre, was Julia gesagt hat, hätte man es einfach neu vertonen können oder die ARD hätte einen Gebärdensprachdolmetscher zum Dreh buchen sollen. Ein TV-Porträt, über jemanden, die zwar anwesend ist, aber selbst nicht zu Wort kommt – undenkbar, wenn es um eine hörende Person gegangen wäre.
- Und die Westdeutsche Zeitung weiß immer noch nicht, dass gehörlose Menschen nicht “taubstumm” sind.
Ich will gar nicht so sehr über die Begriffe diskutieren. Wer da Klärungsbedarf hat, kann sich gerne das “Buch der Begriffe” herunterladen, wo vieles erklärt wird.
Ich möchte einen Wunsch für 2012 äußern: Ich wünsche mir, dass Journalisten ihr Bild von Menschen mit Behinderungen mal in Frage stellen, bevor sie über sie schreiben. Die Formulierungen, Texte und Reportagen, über die ich mich ärgere, sind eigentlich nur ein Symptom. Ein Symptom dafür, dass Journalisten ihre eigenen Vorurteile in die Texte und Beiträge übertragen, die sie selber haben, und sie damit zur allgemein gültigen Wahrheit erklären.
Wenn aber behinderte Menschen irgendwann wirklich in der Mitte der Gesellschaft ankommen sollen, dann spielen die Medien eine nicht zu unterschätzende Rolle. So lange den Leuten immer wieder vermittelt wird, das Leben mit Behinderung sei in erster Linie ein tragisches Schicksal eines Einzelnen, das die Lebens- und Leistungsqualität so massiv einschränkt, dass nichts anderes wichtiger wäre, wird es schwierig, behinderte Menschen als Bürger, Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Menschen mit gleichen Rechten anzusehen. Als normaler Teil der Gesellschaft eben. Stattdessen findet eine Herabsetzung statt. Das führt zur Ausgrenzung.
Und wer für diese Argumente nicht empfänglich ist, der wird vielleicht dieses verstehen: Es geht hier auch um journalistische Qualität. Faktentreue zum Beispiel und um eine angemessene Sprache in dem jeweiligen Beitrag. Und es geht um Inhalte: Es ist einfach schlechter Journalismus, Absatz über Absatz mit der Behinderung der Person zu füllen, nur weil man seine Theorie / sein Werk / seine Arbeit nicht verstanden oder gelesen hat. Das fällt mir insbesondere bei Hawking immer wieder auf, aber wenn ich nichts von Physik verstehe (und dafür habe ich größtes Verständnis), dann bin ich vielleicht auch die falsche Person für die Berichterstattung über seine Theorien.
Ich glaube, dass deutsche Redaktionen, so wie es im angelsächsischen Bereich bereits üblich ist, dringend einen Styleguide bräuchten, in dem der Umgang mit dem Thema Behinderung dargelegt wird. Ich halte nichts davon, die Behinderung von jemandem totzuschweigen. Die Frage ist, wie man darüber berichtet und welchen Stellenwert man dem Thema einräumt.
P.S.: dpa hat mir übrigens schon zugesagt, sich zu bemühen, “an den Rollstuhl gefesselt” 2012 nicht mehr zu verwenden. 2011 hatten sie es 14 Mal im Dienst.
Es gab einen Fahrerwechsel auf dem Weg zu meinem Schneider, der mir nur schnell einen Knopf an meinem Mantel wieder annähen wollte. Ich war zuvor problemlos in den Bus eingestiegen und dachte, ich käme auch problemlos wieder raus. Die Rampe funktionierte, der Bus war ein eher neueres Modell und es war kein Doppeldeckerbus. Die Rampen an den kleinen Bussen funktionieren oft besser als bei den Doppeldeckerbussen. Keine Ahnung warum.
Ich drückte den Knopf mit dem Rollstuhlsymbol, aber der Fahrer reagierte nicht. Ich rief nach vorne, dass er mir doch bitte die Rampe ausfahren solle. “Ich kann Sie nicht hören”, antwortete er. Erst dachte ich, er hört mich wirklich nicht, was angesichts der Größe des Busses schon etwas ungewöhnlich war. Ich bat ihn weitere zwei Mal die Rampe auszufahren, aber die Antwort war immer wieder die Gleiche: “Ich kann Sie nicht hören.” Nach dem dritten Mal fügte er hinzu: “Sie müssen bis zur nächsten Haltestelle warten.” Er hatte mich also sehr wohl verstanden.
An der nächsten Haltestelle, die sehr weit von meinem Schneider entfernt war, sagte mir der Busfahrer in sehr barschem Ton, die Rampe sei defekt. Er hatte nicht einmal versucht, sie auszufahren. Das wusste ich, weil es einen Warnton gibt, wenn die Rampe ausfährt. Da wurde mir klar, dass er mich vorher gehört hatte und mich einfach schikanieren wollte.
Ich blieb ganz ruhig und sagte: “Okay, und was schlagen Sie vor, wie ich jetzt den Bus verlassen soll?”. Plötzlich sprang er auf, knallte mit der Tür seiner Fahrerkabine, vielleicht trat er auch gegen sie, und schrie mich an. Schimpfte auf den Bus, auf mich, auf das Leben, fluchte und baute sich vor mir auf und beschimpfte mich. “Sie brauchen mich nicht anzuschreien”, sagte ich. “Ich werde Sie so oder so Ihrem Arbeitgeber melden. Lassen Sie mich bitte aus dem Bus.” Daraufhin zog er mich ohne Rampe aus dem Bus und rauschte davon.
Ich nahm sofort mein Handy und rief die Verkehrsbetriebe an, um ihnen mitzuteilen, dass einer ihrer Fahrer wohl ein kleines Aggressionsproblem hat, das er offensichtlich an Rollstuhlfahrern auslässt. Die Frau der Beschwerdehotline war deutlich hörbar betroffen, entschuldigte sich in aller Form, versprach mir, ein Disziplinarverfahren einzuleiten, aber mein Tag war eigentlich gelaufen.
Situationen wie diese passieren nicht ständig, aber sie kommen leider viel zu oft vor. Ich bejammere das nicht, aber es ist so. Häufig denken Menschen, die mich (und andere Menschen mit einer sichtbaren Behinderung) so behandeln, dass wir uns nicht wehren. Deshalb trauen sie sich überhaupt, sich so aufzuführen. Spätestens wenn ihn sein Manager zum Gespräch bittet, wird er eines Besseren belehrt werden. Das ist das, was mich in solchen Situationen beruhigt. In dem Moment, in dem ich mich beschwere, habe ich wieder ein Stück Kontrolle zurück.
Als ich twitterte und auf Facebook schrieb, dass ich gerade einen Busfahrer gemeldet habe, weil er mich angeschrien hat und mir die Rampe ohne Grund nicht ausfuhr, dauerte es nicht einmal 30 Sekunden bis sich die ersten Freunde bei mir meldeten und mir Mut zusprachen und einfach nett waren. Das sind so Momente, wo mir mal wieder bewusst wird, wie viele unglaublich nette Menschen ich um mich herum habe, die verstehen, was Diskriminierung bedeutet, auch wenn sie selber vielleicht nie wirklich diskriminiert wurden.
Vergangene Woche war ich auf einem Geburtstag eingeladen. Ich kannte das Geburtstagskind nicht gut. Ich hatte ihn in meinem Leben drei Mal getroffen, davon zwei Mal auf einer sehr lauten Party. Wir haben getanzt, aber nicht sehr viel geredet. Es war einfach zu laut. Ich war, ehrlich gesagt, ein bisschen überrascht, dass er mich überhaupt zu seinem Geburtstag einlädt, aber ich habe mich gefreut. In der Einladung stand auch, dass er extra eine barrierefreie Location ausgesucht habe. Da musste ich an Rauls Blogeintrag denken, in dem er schreibt:
“Zu Geburtstagen werde ich oft nicht eingeladen, bei Partys nicht gefragt und bei Urlaubsplänen außen vor gelassen, weil die peinliche Situation vermieden werden soll, in der gemeinsam erkannt wird, dass die entsprechende Aktivität nicht barrierefrei möglich ist.”
Die Einladung des mir fast fremden Geburtstagskindes war für mich ein schönes Beispiel dafür, dass das nicht so sein muss, wenn die Leute einfach nur ein bisschen mitdenken. Und ich muss sagen, ich habe so gut wie nur noch Leute um mich herum, die genau das tun, mitdenken eben – offensichtlich selbst dann, wenn sie mich kaum kennen: Freunde reservieren in barrierefreien Restaurants Tische, buchen selbstverständlich einen Rollstuhlplatz für Konzerte ohne dass ich darum bitten muss, checken vorher, ob etwas barrierefrei ist und sagen mir, ohne dass ich überhaupt frage, wie die bauliche Situation ist, damit ich entscheiden kann, ob ich mit möchte. All das ohne peinliche Diskussion, sondern es ist einfach normal.
Es ist kein Zufall, dass das so ist. Wer, wie ich, ein Leben mit ein paar mehr Herausforderungen als man normalerweise so hat, führt, der tut sich keinen Gefallen daran, sich mit Menschen aufzuhalten, die die Behinderung nicht akzeptieren. Mit “nicht akzeptieren” meine ich zum Beispiel Menschen, die mich nicht zum Geburtstag einladen, wie Raul es erwähnt, sich keine Gedanken machen und peinlich berührt sind, wenn es nicht klappt. Ich finde das sehr anstrengend. Diese Anstrengung kann und mag ich mir aber nicht leisten, weil ich ja sonst keine Kraft mehr habe, mich mit den Leuten auseinander zu setzen, die ich mir nicht aussuchen kann: Aggressive Busfahrer zum Beispiel. Ich brauche dafür ein Netzwerk, das mich unterstützt und nicht nur bedauert, das mir auf die Schulter klopft und sich mit mir über den Busfahrer empört. Ich brauche ein Umfeld, das mir nicht noch mehr Herausforderungen schafft als ich sowieso schon habe. Und so trennt sich Spreu und Weizen sehr schnell bei mir. Ich merke ziemlich schnell, wer meine Behinderung akzeptiert und wer nicht. Die zweite Gruppe wird es nie leicht haben mit mir. Ich kann mir das nicht leisten, aber das ist auch in Ordnung so. Die erste Gruppe ist mehr als groß genug.
Ich muss gestehen, so viel Sinn für Humor hätte ich den Damen und Herren des Deutschen Bundestages gar nicht zugetraut. Ich habe schallend gelacht als ich die Nachricht las: Der Deutsche Bundestag sagt die Veranstaltung zum Welttag der Menschen mit Behinderungen ab, weil sich zu viele behinderte Menschen angemeldet haben – genauer gesagt zu viele Rollstuhlfahrer.
Ja, wer rechnet denn mit sowas? Da macht man eine Veranstaltung zum Thema Teilhabe von Menschen mit Behinderungen und die Leute, die teilhaben sollen, kommen auch noch? Loriot hätte seine Freude daran gehabt. Ich auch, aber ich habe ja auch leicht lachen. Ich lebe ja nicht mehr in Deutschland, sondern genieße “den deutschen Humor” und seine Blüten nur noch etwa einmal im Monat und in kleinen Dosen, wenn ich geschäftlich in Deutschland bin.
Die Komiker des Deutschen Bundestages haben sich offensichtlich nicht überlegt, welches Signal sie mit der Absage der Veranstaltung aussenden: Wenn Ihr über Eure eigenen Belange mitreden wollt, sagen wir die Veranstaltung eben ab – aus Sicherheitsgründen natürlich. Ist für die Politik vielleicht wirklich sicherer, nicht mit den Betroffenen selbst zu reden. Da kann man dann schön weitermachen wie bisher, was im Falle des Deutschen Bundestages bedeutet, wenig bis nichts zu tun, was das Leben von Menschen mit Behinderungen wirklich ernsthaft verbessern würde.
Und selbst wenn es keine politischen Bezug zur Absage gibt, muss sich der Deutsche Bundestag zumindest den Vorwurf gefallen lassen, zu doof zu sein, solch eine Veranstaltung zu organisieren. Ich weiß nicht, was besser ist.
Und wer jetzt meint, das Ganze betreffe ihn nicht, der sollte auf der Hut sein. Ich bin sicher, den Komikern vom Deutschen Bundestag fallen noch mehr Gelegenheiten ein, uns zum Lachen zu bringen: Man könnte den autofreien Sonntag abschaffen – zu viele Fahrradfahrer. Oder die Familienfeste der Parteien – zu viele Kinder. Oder den Karneval der Kulturen – zu viele Ausländer. Und wenn sie nicht aufpassen, wird bald auch der Deutsche Bundestag zum Sicherheitsrisiko – zu viele Politiker.
Nach und nach trudeln die Stellungsnahmen der behindertenpolitischen Sprecher ein. Man bedauert die Absage, es soll für nächstes Jahr eine Lösung gefunden werden. Aber keiner sagt, was alle denken: Wie peinlich!
Und bevor jetzt wieder alle schreien, wie gefährlich es wäre, 100 Rollstuhlfahrer zur gleichen Veranstaltung zu lassen: Genau das passiert im sicherheitsverrückten London nächste Woche. Der Bürgermeister hat, wie in jedem Jahr, zur Disability Capital Conference geladen. Ich war da schon mehrmals und schätze, da sind auch mindestens 100 Rollstuhlfahrer. Und beim Liberty Festival in London sind es sogar noch mehr. Ich bin sicher, die Briten erzählen Euch gerne, lieber Bundestag, wie man mit 100 Rollstuhlfahrern sicherheitstechnisch fertig wird. Nur Mut, Ihr schafft das!
Leute, die mich kennen, wissen, ich bin ein Geek. Ich liebe alles, was mit Internet, Gadgets, Handys und Apps zu tun hat und kann mich auch stundenlang darüber unterhalten. Ich mag Geeks, ich gehe sogar regelmäßig zum “London Girl Geek Dinner“, einem Treffen von weiblichen Geeks.
Deshalb musste ich auch nicht lange überlegen als mich Thomas Knüwer fragte, ob ich Lust hätte, für die erste deutsche Ausgabe der Zeitschrift “Wired” einen Artikel über einen Geek zu schreiben, um in Deutschland diese Bezeichnung bekannter zu machen. Der Geek, über den ich geschrieben habe, ist Olaf Storbeck, der – im Gegensatz zu mir – Zahlen liebt.
Seit heute liegt die erste Ausgabe der “Wired” in Deutschland, Österreich und Schweiz in den Regalen – sie wird im Bundle mit “GQ” verkauft. Im Oktober gibt es sie auch im Einzelverkauf. Zudem gibt es eine App mit zahlreichen Zusatzinformationen.
Ich lese die amerikanische Ausgabe der “Wired” schon länger auf dem iPad und die britische “Wired” kaufe ich mir manchmal auf Papier. Was gibt es also Schöneres als für eine Zeitschrift zu schreiben, die man selber liest? Meine eigene Zeitung basiert sogar auf dem simplen Prinzip, dass das in die Zeitung kommt, was ich selber lesen würde.
Und so bin ich heute voller Vorfreude in Hamburg in einen Zeitschriftenladen und habe alle “Wired”-Ausgaben gekauft, die sie hatten. Die “Wired” hat mich dann auch darüber hinweg getröstet, dass mein neuer Rollstuhl nicht so ist, wie ich ihn mir vorgestellt und bestellt habe und ich nun ohne ihn zurück nach London fliegen werde. Es ist ja nicht so, dass ich nicht bereits vier Monate darauf warte und mein alter Rollstuhl bereits drei Mal geschweißt wurde, weil die Original-Schweißnähte reißen. Aber als Geek fahre ich natürlich keinen Nokia 6310-Rollstuhl, sondern eher ein iPhone 5 (wann kommt das denn endlich?) unter den Rollstühlen.
Ich habe ein paar Freicodes für die “Wired”-App, die ich gerne an meine Blogleser abgebe. Aber nur, wenn Ihr mir eine Frage in den Kommentaren beantwortet: Wenn Du eine Sache ändern könntest, um das Leben von Menschen mit Behinderungen zu verbessern, was wäre das? Ich suche mir (ganz subjektiv) die besten Antworten aus und schicke Euch den Code zu (bitte korrekte E-Mailadresse angeben).
Update: So, die Codes sind vergeben. Ihr dürft natürlich dennoch weiter kommentieren.
“Unversehrt”, sagte Tom Buhrow in den “Tagesthemen”. Nein, das war keineswegs vor 20 Jahren, sondern heute abend. Er bezeichnete damit die Konkurrenten des behinderten Sportlers Oscar Pistorius. Für alle, die ähnlich sportinteressiert sind wie ich – nämlich gar nicht: Oscar Pistorius ist Sprinter und Weltrekordhalter, der mit zwei Unterschenkelprothesen läuft.
Ich musste mich versichern, nicht eine historische Version der “Tagesthemen” zu sehen, denn ich glaube, die Begriffe “versehrt” / “unversehrt” habe ich zuletzt vor 20 Jahren gehört. Ich habe als Kind mal Leistungssport gemacht und der noch aus Nachkriegszeiten stammende Verein hieß damals “Versehrtensportgemeinschaft”. Da hörte ich das Wort zum letzten Mal.
Ich reite auf den Begriffen so herum, weil ich glaube, dass sie ein Symptom sind, ein Symptom dafür, wie Behinderung in Deutschland gedacht und seit Jahrzehnten kaum neu definiert wird. Da nutzen auch die schönsten Papiere nichts, die von irgendwem herausgegeben werden. Die Gesellschaft hält in großen Teilen an dem Bild eines nicht leistungsfähigen, “versehrten” Behinderten fest. Und da passt es auch ganz gut, dass Tom Buhrow im weiteren Verlauf der Sendung von “gesunden” Sportlern spricht. Oscar Pistorious ist aber nicht krank. Dementsprechend sind seine nicht behinderten Kollegen auch nicht “gesund”, sondern eben “nicht behindert”. Ein behinderter Mensch kann genauso gesund und krank sein wie ein nicht behinderter Mensch. Das will aber irgendwie nicht in die Köpfe der Leute hinein. Behinderung wird immer noch als in erster Linie medizinisches Problem angesehen, nicht als gesellschaftliches.
So lange das so ist, wird man sich auch weiterhin bestenfalls über die Leistungsfähigkeit behinderter Menschen wundern, schlechtestenfalls in Frage stellen, womit wir wieder bei Oscar Pistorius wären. Ich halte es für keinen Zufall, dass die Hauptzweifel an Pistorius’ Leistungsfähigkeit aus Deutschland kommen. Es war die Sporthochschule in Köln, die Pistorius attestierte, er habe Vorteile durch seine Prothesen. Der Internationalen Sportgerichtshof CAS und andere Gutachter sahen das anders. Deshalb darf Pistorius bei den Olympischen Spielen starten, wenn Südafrika ihn nominiert.
Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), wird von Stern.de wie folgt zitiert: “Bei aller Wertschätzung für Pistorius, aber durch seinen Start verliert die Leichtathletik ihre Identität. Leistung ist nicht mehr die Summe aus Talent und Training.”
Weil ein behinderter Mensch mit Prothesen startet, glaubt der Deutsche Leichtathletik-Verband, der Sport verliere seine Identität. Im Großbritannien sieht man das übrigens ganz anders. Da ist Pistorius ein “sportlicher Held”, wie der Telegraph schreibt, den die Leute mögen und der großartige Leistungen zeigt. Die Leute freuen sich auf Pistorius und dass er wahrscheinlich starten wird. Aber in Großbritannien bezeichnet auch kein Nachrichtensprecher nicht behinderte Sportler als “gesund” und Behinderung gilt in erster Linie als gesellschaftliches Problem, nicht als medizinisches.
Ich glaube, es gibt ein Tabuthema in Deutschland. Das heißt “Leistungsfähige Menschen mit Behinderungen”. Das schlägt sich nicht zuletzt in der Beschäftigungsquote behinderter Menschen nieder. Es wird behinderten Menschen oft nichts zugetraut. Und wenn sie dann das Gegenteil beweisen, also zum Beispiel schnell genug laufen wie Pistorius, wird alles getan, die Leistung herabzusetzen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
Solche Beispiele gibt es auch im Alltag. Ich wurde mehr als einmal gefragt, als ich sagte, dass ich für dpa arbeite, wer mich denn eingestellt habe. Oder man sagte mir: “Sie hatten den Job doch sicher schon vor dem Unfall.” Welcher Unfall? Hä? Ich hatte keinen Unfall.
Und die Steigerung dessen sind Menschen, die glauben, man nehme als behinderter Mensch nicht behinderten die Arbeitsplätze weg, da ja für uns “sowieso gesorgt” sei. Auch das habe ich schon erlebt.
Es nutzt nichts, sich darüber aufzuregen. Es nutzt nur, das Gegenteil zu beweisen und die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Diese Bemühungen würden allerdings schneller voran kommen, wenn gestandene Journalisten, die sonst jedes Wort drei Mal überlegen, wenn sie ihre Moderation schreiben, auch mal ihre Sichtweise überdenken. Die Medien spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Umdenken. Mit der Berichterstattung über Oscar Pistorius könnte man mal zeigen, wie weit man damit schon ist.
Es gibt Dinge im Leben von denen wird man völlig überrumpelt. Wir hatten das Thema ja schon ein paar Mal in diesem Blog. Und ich muss wirklich sagen, das Jahr 2011 lässt wirklich nichts aus. Diese Woche: Krawalle in London und im Rest des Landes mit bislang fünf Toten, Dutzenden Verletzten (vor allem Polizisten), brennenden Straßenzügen und geplünderten Geschäften.
Bis Montagnachmittag dachte ich noch, das alles ist erschreckend, aber findet weit genug von mir statt. Ich hatte mich geirrt. Das alles kam plötzlich sehr nahe. Ich fuhr nachmittags nach Lewisham, um ein paar Briefe auf die Post zu bringen. Da waren schon riesen Schlangen und man sagte mir, man würde die Post gleich schließen. Da war es etwa 16.30 Uhr und noch zu früh eigentlich. Man erklärte mir, man erwarte Ausschreitungen in Lewisham. Man schloss die Post dann, ich wurde noch bedient, aber als ich das Einkaufszentrum verließ, kamen mir schon etwa 30 Jugendliche mit Hoodies und Tüchern vorm Gesicht entgegen. Die vier Polizisten, an denen sie vorbeizogen, schauten nur unbeteiligt zu als sie vom Bahnhof in Richtung Einkaufszentrum zogen.
Ich bin dann einfach nur in die Bahn gehüpft, um schnell aus Lewisham rauszukommen, was sich im Nachhinein auch als gut erwies. Die Tage danach habe ich London in vielen Stadtteilen nicht mehr wieder erkannt: Es waren sehr wenig Leute auf der Straße, viele Geschäftsstraßen waren wie ausgestorben. Entweder die Geschäfte waren geplündert oder sie haben als Vorsichtsmaßnahme zugemacht. Andere haben ihre Schaufenster vernagelt. Das ansonsten völlig überfüllte London wirkt gerade ziemlich leer.
Und jetzt fragen sich alle: Warum machen Leute so etwas und woher kommt diese Aggression? Evangelisch.de hatte mich gebeten, einen Artikel dazu zu schreiben. Die Antworten auf diese Frage sind sicher komplex und nicht mit einfachen Plattitüden zu beantworten. Das gilt auch für die Frage, was denn jetzt zu tun sei.
Ich denke, eine Debatte über gemeinsame Werte in der Gesellschaft ist überfällig. Vielleicht würde es dem Land auch gut tun, wenn es endlich mal eine niedergeschriebene Verfassung hätte – mit Grundrechten und so und für jeden verständlich – verbunden mit einer ausführlichen Debatte über eine eben solche. Da dürfte auch gerne die Meinungsfreiheit (Freedom of Speech), die hier eigentlich ziemlich hochgehalten wird, weit oben stehen. Und auch die Pressefreiheit. Dann könnte man die Debatte, ob man Twitter und Facebook abschalten soll (ja, kein Witz, das wird hier diskutiert!) schon im Keim ersticken. Es wäre einfach verfassungswidrig.
Und die Polizei hat einiges zu tun, um das Vertrauen in der Bevölkerung wieder herzustellen. Die ersten Tage schritten sie kaum ein, waren völlig überfordert, hatten zu wenig Leute auf der Straße, was dazu führte, dass die Randalierer munter weitermachen konnten.
Insgesamt finde ich die ganze Sache sehr bedrückend. Dennoch bin ich Optimistin, dass sich man die Ausschreitungen zum Anlass nimmt, der Ursache auf den Grund zu gehen und dann Änderungen vorzunehmen. Mir fiele da einiges ein.
Ich erwähnte ja bereits, dass bei mir derzeit nichts so funktioniert, wie ich das plane. Heute war schon wieder so ein Tag.
Ich wollte von London aus mit dem Auto nach Hamburg fahren. Eigentlich wollte ich fliegen, aber bekam für heute keinen preiswerten Flug und dachte, ich fahre einfach mit dem Auto. Ich wollte sowieso ein paar größere Einkäufe machen, Leute besuchen und so weiter.
Ich weiß nicht mehr, was mich geritten hat, die Fähre zu buchen statt den Eurotunnel. Und dann auch noch mit Seafrance. Ich hatte Seafrance schon bei der Anmeldung mitgeteilt, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Das ist insofern wichtig, weil die Fährgesellschaften dann darauf achten, einen Autostellplatz in der Nähe des Fahrstuhls und mit genügend Platz zu geben. Vor der Einfahrt auf die Fähre kam sogar noch ein Mitarbeiter zu mir und fragte mich, auf welcher Seite des Autos ich denn Platz brauche. Ich dachte noch “Klappt ja super”, wurde aber auf der Fähre eines besseren belehrt. Ich bekam einen Stellplatz ohne Platz an der Fahrertür, konnte meinen Rollstuhl nicht ausladen. Und man muss bei der Überfahrt das Auto verlassen.
Also sagte ich dem Einweiser bescheid und diverse Autos mussten wieder rückwärts aus der Fähre rausfahren – so auch ich.
Ich hatte dann einen Platz in der Nähe der Fahrstuhltür, ging nach oben und freute mich auf Hamburg. Dort sollte ich nie ankommen.
In Calais angekommen fuhr ich von der Fähre und guter Dinge etwa zwei Kilometer weiter bis ich plötzlich fast die Kontrolle über mein Auto verlor. Ich wusste sofort, dass mir ein Reifen geplatzt ist und schaffte es gerade noch, das Auto auf den Standstreifen zu befördern – oder besser gesagt, auf das, was die Franzosen dafür halten. Das Hauptproblem war zu bremsen, ohne die Kontrolle über das Auto zu verlieren. Ich fuhr etwa 90 km/h als der Reifen platzte. Zudem endete der Standstreifen an der Stelle und verlief spitz zu. Ein Teil des Autos stand also auf der Fahrbahn, nicht viel, aber die LKW und Autos mussten schon etwas nach links ziehen, um an mir vorbeizukommen. Kurzum: Ich stand da saugefährlich und hatte richtig Angst.
Da ich ja nicht so einfach aus dem Auto komme, sondern meinen Rollstuhl ausladen muss, was auf der Autobahn wenig ratsam ist, rief ich die Polizei an. Ich gebe zu, ich musste erst einmal überlegen, was denn in Frankreich die Notrufnummer ist. Da fiel mir ein, dass ich in meiner eigenen Zeitung mal eine Meldung hatte, dass es jetzt einheitliche europäische Notrufnummer gibt: 112. Da rief ich also an und es lief ein Band mit einer Ansage, die ich nicht verstand. Ich war mir nicht einmal sicher, ob das wirklich der Notruf ist. Es hörte sich eher an wie die Warteschlange eines Telefonanbieters. Aber es meldete sich eine Frau, die mir sagte, ich sei richtig. Ich erklärte ihr halb in Französisch, halb in Englisch meine missliche Lage und dass ich Rollstuhlfahrerin bin und dringend Hilfe brauche, weil ich mich nicht in Sicherheit bringen kann.
Sie schaltete mich in eine Dreierkonferenz mit der Polizei und erklärte der Polizei das Problem, erwähnte auch, dass ich behindert bin und mein Auto nicht verlassen kann, um mich in Sicherheit zu bringen.
Und dann denkt man als deutsch-britisch sozialisierter Mensch, da kommt jetzt gleich die Polizei mit Martinshorn und alles wird gut. Nicht so in Frankreich. Es kam erst einmal niemand. Ich rief in meiner Not den ADAC an, die auch in Frankreich ein Callcentre haben. Der Mann sagte mir, es würde in Frankreich lange dauern bis man auf der Autobahn Hilfe bekommt. Ich solle mich in Sicherheit bringen. Ich erklärte ihm, dass ich das nicht kann und er riet mir, nochmal bei der Polizei Druck zu machen.
Nach 45 Minuten rief ich also wieder an und sagte, ob ihnen klar sei, dass das lebensgefährlich ist, wie ich da stehe. Und siehe da, da kam dann doch mal ein Streifenwagen. Aber die sicherten nicht die Unfallstelle, sondern stellten sich ähnlich doof wie ich auf den Seitenstreifen – ohne Blaulicht, ohne Warndreieck. Keiner der beiden Polizisten sprach ein Wort Englisch. Und ich hatte zwar im Französischunterricht das Lied “Sur le pont d’Avingon” gelernt und konnte beschreiben wie Madame Leroc Kuchen backt, aber leider nicht, wie man sich im Notfall verständigt. Wir verständigten uns mit Zeichensprache und ich verstand, dass ein Abschlepper bestellt wurde.
Der kam auch irgendwann und der durchaus kompetente Mensch machte den Polizisten klar, dass sie doch mal die Unfallstelle absichern sollten. Prima Idee! Da stand ich schon über eine Stunde auf der Autobahn.
Das Absichern der Unfallstelle sah dann so aus, dass die Polizistin sich ohne Warnweste, Kelle oder sonst was auf die Fahrbahn stellte und den Fahrern in ihrer weißen Bluse zuwinkte, die Spur zu wechseln. Vive la France! Allerdings stand unterdessen der Abschlepper hinter mir und so war ich etwas abgesichert.
Obwohl der ADAC noch sagte, dass man in Frankreich keine Reifen auf der Autobahn wechseln dürfe, begann der Mann den Reifen zu wechseln. So musste ich wenigstens nicht in irgendeine Werkstatt. Ich wär auch gar nicht in den LKW reingekommen und da die Polizei in einem Kleinwagen rumfuhr, wäre ich auch da eher schlecht reingekommen.
Nach der Aktion hielt ich es für keine gute Idee, weiter nach Hamburg zu fahren, zumal ich nicht wusste, in welchem Zustand das Ersatzrad ist, auch wenn mir der Techniker versicherte, ich solle ruhig damit fahren – nur mit dem Luftdruck wisse er nicht genau bescheid.
Ich fuhr also zurück – diesmal durch den Eurotunnel, nicht mit der doofen Fähre. Ich vermute, dass ich mir das Rad bei der Rückwärtsfahraktion auf der Fähre aufgeschnitten habe. Ist auch egal. Ich bin heilfroh, dass nichts passiert ist und ich noch lebe.
John Lennon hat mal gesagt: “Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu schmieden.” Wie recht er hatte! Egal, was ich gerade mache, plane oder mir vornehme, es kommt alles immer ganz anders, wie ich mir das vorher überlegt habe. Ich nehme mir Sachen vor, die schon nach 24 Stunden nicht mehr relevant sind, ich führe die besten Interviews mit Menschen, mit denen ich eigentlich gar nicht reden wollte, über Themen, von denen ich keine Ahnung habe. Ich gehe auf Partys, auf die ich gar nicht gehen wollte, und habe den größten Spaß.
Gerade sitze ich in einem Frankfurter Hotel in meinem alten Sopur-Rollstuhl (Insider erinnern sich vielleicht an die Zeit als Sopur noch cool war, ja, es ist lange her und der Rollstuhl dementsprechend alt). Mein Proactiv-Rollstuhl, der mir sieben Jahre treue Dienste geleistet hat und so gut wie nie Reparaturen hatte, ist mir gestern buchstäblich unterm Hintern zusammen gebrochen. Eine Achse ist gebrochen und die Stange am Rückenteil.
Nun muss ich zugeben, dass diese Entwicklung durchaus voraussehbar war. Sieben Jahre ist für meine Rollstühle ein geradezu biblisches Alter. Keiner meiner Rollstühle hat bislang länger als fünf Jahre in meinen Diensten gestanden. Schon im März ist mir beim Tanzen eine wichtige Schraube gebrochen und eine USA-Reise, die ich am nächsten Tag antreten wollte, stand auf Messers Schneide. Aber ich bin damals doch in San Diego angekommen und ein netter Fahrradladenbesitzer hat ihn repariert.
Am Tag vor der USA-Reise fragte mich eine Freundin, ob ich mit ihr in die Kensington Roof Gardens auf eine Party gehe. Auch wenn das defintiv der x zu vielste Event war, auf dem ich dieses Jahr war und ich mir vorgenommen hatte, an dem Abend früh ins Bett zu gehen, habe ich zugesagt, war aber zu faul, anzurufen und zu fragen, ob es barrierefrei ist. Ich dachte mir, 6. Stock, da stehen die Chancen gut, dass es einen Aufzug gibt. Es gab nicht nur einen Aufzug, es gab diverse und einen Hublift am Eingang.
Es gab Türsteher, die super nett und zuvorkommend waren, den Hublift bedient haben etc. Dann kam ich oben an und ein Mitarbeiter passte mich ab und sagte mir, ohne dass ich darum gebeten hatte, das Wichtigste über die Barrierefreiheit der Location: Wo die barrierefreie Toilette ist, wie ich in den Garten komme und dass ich jederzeit einen Mitarbeiter um Hilfe bitten kann. Da war ich ja schonmal baff über so viel Gastfreundlichkeit. Dann nahm er mir meine Jacke ab, damit ich nichts ins Gedränge an der Garderobe musste. Super nett!
Kensington Roof Gardens ist wahrscheinlich einer der besten Orte, um in London eine Party zu feiern. Es ist nicht nur sehr nett (eine Gartenlandschaft über den Dächern Londons), sondern auch noch barrierefrei, obwohl es viele Ebenen gibt. Aber es gibt Rampen, auch ins Partyzelt. England ist wirklich genial, was so etwas angeht.
Ich hatte jedenfalls einen super Abend. Die Live-Band war spitze und ich habe stundenlang getanzt und hatte Spaß. Als ich wieder zurück nach draußen wollte, merkte ich, dass sich die Einzelteile meines Rollstuhls selbstständig machten. Eine ziemlich wichtige Schraube war gebrochen. Der Kopf war einfach abgefallen. Verschleiß und Tanzen verträgt sich nicht.
Nun war das Problem, dass das Seitenteil daduch in meinem rechten Rad hing. Diverse Partygäste begannen, sich auf die Suche nach etwas zu machen, womit man die Schraube provisorisch ersetzen konnte. Es war wie im Film. Ein Mann entdecke Gartendraht und klaute diesen aus den Blumen. Unterdessen kam der Manager, der wiederum den Haustechniker rief, der sofort begann, den Rollstuhl zu reparieren. So gut es eben ging, mit Gartendraht. Also eine Party-Location, die um Mitternacht noch einen Techniker hat, der Rollstühle repariert, hat mich schwer beeindruckt und ich habe mich auch 1000 Mal bedankt. Britischer Pragmatismus pur! Die Leute waren alle so freundlich und hilfsbereit und machten gar kein Aufhebens darum. Man wollte mir einfach nur helfen.
Die Reparatur hielt nicht einmal bis zur U-Bahnstation. Die Freundin, die mich mitgenommen hatte, schob mich, da der Rollstuhl kaum noch fuhr. Von der U-Bahn habe ich mir dann ein Taxi nach Hause genommen. Und von dort am nächsten Tag mit dem Auto zum Flughafen und in den USA direkt in den nächsten Fahrradladen.
Gestern ist der Rollstuhl aber so gebrochen, dass man ihn maximal mit Schweißen reparieren könnte, wenn überhaupt. Ich habe bereits (okay, nicht bereits, aber dann doch mal) im Mai einen neuen Rollstuhl bestellt und dieser hatte vor zwei Wochen sogar schon einen Liefertermin, der aber nicht eingehalten wurde. Und nun hängt meine Terminplanung (fast hätte ich “Leben” geschrieben) der nächsten Tage (hoffentlich nicht Wochen) in den Händen von Proactiv (das ist die Rollstuhlfirma, die gerade cool ist). Ich hoffe, die sind sich dessen bewusst und liefern den neuen Rollstuhl schnell. Am besten vorgestern. Dann könnte ich von Frankfurt nach Hamburg düsen und den Rolli abholen. Vielleicht sogar noch diese Woche. Oder nächste. Aber ich plane das mal lieber nicht. Geht ja eh wieder schief.
Übersetzung mit Bildbeschreibung für blinde Menschen:
Texteinblendung: Das meiste, was jetzt kommt, ist wahr…
Ein Mädchen schaut zwischen Vorhängen hindurch auf die Bühne und sieht einen Mann mit Glatze gebärden. Blende. Sie ist in einem Kurs eingeschlafen. Die Lehrerin stampft auf, um sie zu wecken.
Lehrerin: “Träumst Du?”
Das Mädchen nickt.
Lehrerin: “Lasst uns Emotionen und Gesichtsausdrücke üben.”
Die Lehrerin gebärdet das Wort “fröhlich”.
Die Schüler machen es nach.
Vorspann. Zur Klaviermusik werden Ausschnitte aus dem Zimmer des Mädchens gezeigt und die Namen der Schauspieler eingeblendet. Man sieht Trophäen und Zeitungsartikel an der Wand. Außerdem sind Fotos zu sehen.
Die Lehrerin zeigt die Gebärde für “traurig”. Anschließend für “verärgert”. Zwischendurch ist immer wieder das Zimmer zu sehen. Die Lehrerin ist zufrieden und gebärdet “Fabelhaft!”.
Lehrerin: “Nächste Woche machen wir etwas aufregendes! Ich habe mir gedacht, wir könnten ein Lied gebärden. Ihr sucht Euch ein Lied heraus, das ihr am meisten mögt, und gebärdet es.”
Die Schüler nicken.
Lehrerin: “Okay. Tschüss!”
Man sieht das Mädchen im CD-Laden wie sie eine CD aussucht. Die CD ist von nah zu sehen. Sie dreht sich. Darauf steht “Mein Song”.
Das Mädchen kommt nach Hause. Ihre Mutter ist am Telefon. Sie sagt lautlos: “Das Abendessen ist fertig.” Dann schreit sie nach oben: “Jack! Abendessen.”
Beim Abendessen. Die Mutter schenkt ein Glas Orangensaft ein.
Mutter: “Ellen, wie war Dein Kurs heute?”
Ellen (das Mädchen): “Gut. Wir gebärden nächste Woche ein Lied.”
Mutter: “Wirklich? Oh, ich habe Mrs Parsons getroffen. Sie wollte wissen, wann Du wieder am Tanzkurs teilnehmen wirst.”
Ellen: “Was hast Du ihr gesagt?”
Mutter: “Bald. Was hätte ich sonst sagen sollen?”
Der Bruder Jack streckt Ellen die Zunge raus.
Mutter: “Ich habe David gebeten, nächste Woche zum Abendessen zu kommen. Ist das okay?”
Jack: “Cool.”
Mutter: “Ellen?”
Ellen: “Meinetwegen.”
Mutter: “Sicher?”
Ellen: “Kannst Du ihn bitten, dieses Mal ein wenig langsamer zu sprechen?”
Mutter: “Ellen, er versucht es ja, okay?”
Ellen: “Aber sein Bart…und er murmelt.”
Mutter: “Du wirst Dich an ihn gewöhnen!”
Die Mutter räumt wütend die Teller ab.
Ellen: “Oder vielleicht gewöhnt er sich an mich.”
Jack fuchtelt mit den Armen rum und macht sich lustig über Ellen.
Ellen geht in ihr Zimmer und legt die CD in den CD-Player. Sie setzt ihre Kopfhörer auf und schließt die Augen. Sie träumt von ihrem fuchtelnden Bruder und wie sie das Lied übersetzt. Ihr Bruder kommt ins Zimmer und schreckt sie mit einem Fotoblitz auf. Sie schaltet den Fernseher an.
TV: “Jetzt erzählt uns Moderator Colin Wood wie die Gehörlosenwelt so ist.”
Colin Wood: “Wenn Du in einen Raum voll mit gehörlosen Menschen kommst, Du siehst, das jeder jeden umarmt. Es ist eine sehr enge starke Gemeinschaft. Und im Mittelpunkt steht die Britische Gebärdensprache. Es ist einmalig!”
TV: “Wenn Sie BSL lernen möchten, können Sie ihr College vor Ort kontaktieren oder gehen sie auf unsere Webseite…”
In der Schule. Ellen geht mit zwei Freundinnen auf den Schulhof.
Freundin1: “Ich bin ins Auto gestiegen und er saß einfach da und hat nichts gesagt. Nur geschmollt.”
Freundin2: “Freak!”
Freundin1: “Dann hat er sich rüber gelehnt und versuchte, mich zu knutschen.”
Ellen: “Was hat er gesagt?”
Freundin2: “Hast Du ihn zurück geküsst?”
Freundin1: “Yeah. Er ist attraktiv, oder?”
Ellens Freund kommt.
Freundin1: “Hier kommt Deiner, Ellen.”
Freund: “Ladies!”
Freund zu Ellen: “Alles ok, meine Liebe?” Er küsst sie auf die Wange.
Freund zu Freundin1: “So Holly… ich hab das gehört über Dich und Rob. Ich glaube der Junge ist verliebt.”
Ellen: “Du bist verliebt? Süß.”
Holly: “Nicht wirklich. Wo warst Du eigentlich gestern abend?”
Ellen: “Gestern abend? Gebärdensprachkurs.”
Holly: “Cool.”
Freundin2: “Yeah. Vielleicht kannst Du uns etwas beibringen? Zum Beispiel… wie flucht man in Gebärdensprache?”
Freund: “Schimpfwörter sind doch immer das Gleiche, oder?”
Freundin2: “Das ist nicht das, was ich gehört habe.”
Ellen: “Das ist nicht Teil des Kurses.”
Freundin2: “Du bist aber doch gar nicht richtig gehörlos, oder? Du kannst doch nur nicht gut hören?”
Holly: “Lass uns gehen. Wir sind spät dran.”
Freundin2: “Bis dann!”
Der Freund nimmt Ellen in den Arm.
Ellen: “Ich bring Dir ein paar Gebärden bei, wenn Du möchtest.”
Freund: “Okay. Cool.”
In Ellens Zimmer. Der Freund betrachtet die Pokale.
Freund: “Du hast ja mehr Trophäen hier als Ryan Giggs.”
Ellen nimmt die CD aus der Hülle. Sie steht mit dem Rücken zu ihm.
Freund: “Weißt Du was? Du bist so sexy.” Er fasst sie an. Sie stößt ihn sanft weg.
Ellen: “Schau mir zu.”
Freund: “Okay. Los gehts.”
Sie fängt an, das Lied zu gebärden. Der Freund spielt mit seinem Handy rum. Sie sieht das, hört auf zu gebärden und macht die Stereoanlage aus.
Freund: “Was? Ich hab nichts gesehen.”
Ellen: “Weil Du nicht einmal hingesehen hast.”
Freund: “Du musst mir schon eine Chance geben. Komm her…”
Sie weicht zurück.
Freund: “Okay. Du nimmst das ein bisschen sehr ernst, oder?”
Er versucht sie zu küssen. Sie weicht ihm aus.
Ellen: “Ja, ich nehme es an.”
Freund: “Ich bin ein bisschen verwirrt, Ellen. Ich habe gedacht, Du wärst normal. Nicht eine von diesen Taubstummen…. Pantomimekünstlern oder sowas.”
Sie verdreht die Augen.
Ellen: “Geh nach Hause, Gaz.”
Gaz: “In Ordnung. Freak.” Er geht.
Im Gebärdensprachkurs. Ellen gebärdet ihr Lied. Die Klasse applaudiert in Gebärdensprache.
Lehrerin: “Fertig! Wir sehen uns dann im nächsten Semester. Danke. Tschüss!”
Die Lehrerin hält Ellen fest, die auch gehen möchte wie die anderen Kursteilnehmer.
Lehrerin: “Du hast aber wirklich geübt. Vielleicht hast Du daran Interesse?”
Die Lehrerin reicht ihr ein Flugblatt. Darauf steht “Sign Song Night”.
Ellen zu Hause mit ihrer Mutter.
Mutter: “Samstag? Ich habe eine Feier bei der Arbeit an dem Abend. Dein Zug wäre nicht vor Mitternacht hier.”
Ellen: “Mama, ich bin 17!”
Mutter: “Das spielt doch keine Rolle. London ist eine große Stadt und Du bist alleine.”
Ellen: “Mama, vor was hast Du so Angst?”
Mutter: “Für Dich ist es also völlig in Ordnung durch eine Stadt voller Fremder zu laufen. Außerdem habe ich einen netten Mann zum Abendessen eingeladen und Du kriegst Zustände.”
Ellen: “Jetzt lass doch David aus dem Spiel!”
Ellen will gehen, aber die Mutter hält sie fest.
Mutter: “Du magst ihn nicht, oder?”
Ellen: “Es ist nur…Ich kann kein Wort verstehen, das er sagt. Wo kommt er überhaupt her?”
Mutter: “Schottland. Das ist nicht das andere Ende der Welt.”
Ellen zeigt ihr den Flyer.
Ellen: “Mama, schau… Wie wärs, wenn wir einen Deal machen?”
Beim Abendessen mit David.
David: “Ellen, Deine Mutter hat mir gesagt, Du interessierst Dich für Musik?”
Ellen versteht nichts. Die Mutter flüstert Ellen das Stichwort “Musik” zu.
Ellen: “Musik? Ja ich liebe Musik.”
David: “Ich vermute, Du hast noch nicht von dem bekannten Glasgower Gitarristen John Martyn gehört?”
Ellen schaut ins Leere.
David: “Cambridge Folk Festival, 1985…”
Ellen träumt davon wie sie auf der Bühne steht und beklatscht wird.
David: “Alles war Blues, er war Jazz… Alles kam zusammen. Ich meine, ich habe mich ja nicht so richtig für Folk interessiert. Normalerweise bin ich zu Konzerten gegangen bei denen man taub wurde. Verstehst Du, was ich meine?”
Ellens Mutter lächelt verlegen.
David: “Oh Entschuldigung, Ellen. Ich wollte nichts anstößiges sagen.”
Mutter (lautlos): “Er meint das nicht so.”
Ellen (lautlos): “Was?”
David: “Naja, er hat das Lied gesungen und jeder war still. Es war nur er und seine Gitarre. Das Lied hieß ‘May you never’. Er war ein Lied über sein Kind, er hoffte, dass es gut aufwächst, dass es nicht so wie sein Vater wird.”
Ellen: “Ein Lied über einen alten Mann?”
David: “Ein Lied…über sein Kind. Ich könnte Dir das Lied ausleihen, wenn Du möchtest.”
Ellen: “Ja, okay.”
Ellen putzt ihre Zähne.
Mutter: “David hatte eine schöne Zeit heute Abend. Ich auch.”
Ellen: “Kann ich dann nach London fahren?”
Mutter: “Ja. Vielleicht bist Du das nächste Mal auch so nett.”
Ellen: “Nett?” Du meist, ich tue so als ob ich hören könnte. Wenn ich nur im richtigen Moment nicke und lächele, ist dann jeder glücklich?”
Mutter: “Ich weiß, dass es schwer ist.”
Ellen: “Du verstehst es nicht. Ich hab genug.”
Mutter: “Ellen!? Ich bin noch nicht fertig. Schau mich an! Du hast genug? Ist das der Grund, weswegen Du das Tanzen aufgegeben hast?”
Ellen: “Ich habe es aufgegeben, weil ich nicht gut genug bin.
Mutter: “Schwachsinn! Schau Dir die Trophäen in Deinem Regal an.”
Ellen: “Ich habe bemerkt, was immer ich auch mache, ich muss immer die Gehörlose sein. Diejenige, die starrt, starrt und starrt auf die Lippen von anderen Leuten. Damit sie mir sagen können, ich bin mutig oder außergewöhnlich.”
Mutter: “Also ist es besser aufzugeben?”
Ellen: “Es ist einfach zu schwierig, Mama. Ich spiele eine hörende Version von mir selbst. Ich kann nicht einmal die Namen von Leuten verstehen, sage ‘Ja’, wenn ich nicht einmal weiß, was ich überhaupt gefragt wurde. Ich möchte einfach nicht mehr versuchen und hören müssen. Deshalb möchte ich gebärden. Deshalb fahre ich nach London.”
Ellens Mutter fährt sich durch die Haare. Ellen nimmt in ihrem Zimmer eine Kiste und wirft ihre Trophäen und Andenken hinein. Sie geht auf Facebook und sieht, dass ihr Bruder ein Foto von ihr hochgeladen hat, ihre Freundin schreibt als Statusmeldung, dass sie immer noch nicht weiß, wie man auf Gebärdensprache flucht, ihr Freund schreibt, dass es manche Menschen nicht wert sind, dass man sie beachtet. Sie entfreundet ihn.
Mutter und Ellen im Auto.
Mutter: “Schick mir eine SMS, wenn Du angekommen bist.”
Ellen: “Okay.”
Ellen steigt aus dem Auto aus. Die Mutter winkt ihr zu.
Mutter: “Viel Glück.”
Ellen verdreht die Augen.
In London. Ellen betritt den Veranstaltungsort. Am Eingang sitzen zwei Männer. Sie gebärden sehr langsam “Ich bin Ellen.” Einer der beiden Männer hakt ihren Namen auf einer Liste ab. Er zeigt auf den Mann mit Vollglatze neben ihm und gebärdet: “Das ist Colin.” Colin gebärdet “Nett, Dich zu treffen. Hattest Du eine gute Anreise?” Es ist der Mann, den Ellen zuvor im Fernsehen gesehen hat. Ellen versteht nichts. Colin sagt zu seinem Freund lautlos “Oral?” und hält sich dabei die Hand vor den Mund, damit man seine Lippen nicht lesen kann. Dann gebärdet er zu Ellen: “Lernst Du BSL schon lange?” Ellen gebärdet zurück: “Zwei Jahre.”
Colin: “Gut, okay. Viel Glück!”
Der andere Mann weist ihr den Weg: “Da lang.” Colin schaut skeptisch.
Ellen schaut von hinten auf die Bühne. Sie sieht wie ein anderer Mann Applaus bekommt und von Colin verabschiedet wird.
Im Vorraum der Toilette. Ellen schminkt ihre Lippen. Sie übt die Gebärden vor dem Spiegel. Zwei Frauen kommen herein. Sie packt ihre Schminksachen und geht nach draußen. Dort steht der Mann, der zuvor ihren Namen am Eingang abgehakt hat und raucht.
Mann: “Ich weiß. Schlechte Angewohnheit.” Er meint das Rauchen. “Gehst Du?”
Ellen: “Ja, Entschuldigung. Ich kann das nicht.”
Mann: “Es ist nicht einfach, wenn Du Leute das erste Mal triffst.”
Ellen: “Seit ich angefangen habe zu gebärden, habe ich Ärger mit meiner Mutter, mein Freund hat mich verlassen und ich habe keine Freunde mehr.”
Mann: “Wirklich?”
Ellen: “Naja…Freunde, die mich verstehen.”
Mann: “Sie sind nicht gehörlos?”
Ellen schüttelt mit dem Kopf: “Sie haben keine Ahnung.”
Mann: “Aber jetzt… da ist ein Raum voller gehörloser Leute da hinten.”
Ellen: “Ich kann mich an die Gebärden nicht mehr erinnern. Es ist als ob meine Hände eingefroren wären.”
Mann: “Es ist nicht einfach. Aber was ist schlimmer? Einen Fehler zu machen oder nach Hause zu gehen und sich zu fragen, ob man es nicht wenigstens hätte versuchen sollen?”
Ellen will gehen, aber der Mann möchte, dass sie mit ihm kommt.
Mann: “Ich klatsche, wenn Du fertig bist. Versprochen!”
Ellen geht wieder rein.
Auf der Bühne.
Colin (übersetzt von der Dolmetscherin): “Und nun eine neue Teilnehmerin: Ellen aus Colchester. Sie gebärdet erst seit zwei Jahren.”
Ellen betritt die Bühne. Der Mann von vorhin nickt ihr aufmunternd zu. Sie präsentiert ihren Song. Colin schaut skeptisch. Am Ende applaudiert das Publikum freundlich.
Ellen: “Danke!”
Colin: “Möchte ihr jemand Feedback geben?”
Niemand meldet sich.
Colin: “Okay, dann mache ich das. Du hast offensichtlich hart gearbeitet, um besser zu werden. Aber unglücklicherweise ist das, was Du gebärdest, sehr auf Englisch basierend. Die Bedeutung, die Platzierung der Gebärden und die Struktur waren falsch.”
Das Publikum nickt.
Colin: “Du solltest BSL korrekt einsetzen. Richtig?”
Jemand im Publikum: “Richtig!”
Colin: “Viele Leute gehen in einen Gebärdensprachkurs, kommen dann hier her und sind ein schlechtes Beispiel. Wir erwarten einen höheren Standard.”
Ellen läuft raus.
Colin: “Entschuldigung, aber irgendjemand muss doch ehrlich sein…Naja, der nächste ist…”
Ellen läuft nach Hause und weint. Sie zieht ihr Handy aus der Tasche. Darauf ist die Nachricht ihrer Mutter zu sehen: “Warum antwortest Du mir nicht? Bist Du OK? Wo bist Du?”
Im Theater.
Colin zu seinem Freund, der zuvor Ellen überedet hatte zu bleiben: “War ein schöner Abend! Wann ist der nächste Event?”
Zu Hause bei Ellen.
David zur Mutter: “Lass mich einfach gehen und nachschauen.”
Mutter wütend: “Ich habe ihr gesagt, sie soll mich anrufen, wenn sie am Bahnhof ist.”
Ellen kommt rein.
Mutter: “Wo warst Du? Wie ist Du vom Bahnhof nach Hause gekommen?”
Ellen: “Ich bin gelaufen.”
Mutter: “Ellen!”
Im Theater.
Colin: “Was ist los? Mach Dir keine Sorgen. Wir kriegen bessere Leute das nächste Mal.”
Mann: “Das Mädchen aus Colchester…”
Colin: “Ich war nur ehrlich.
Zu Hause bei Ellen. Ellen läuft die Treppen hinauf.
Mutter: “Schau, ich habe eine neue Gebärde gelernt. Entschuldigung! Ich weiß, ich hätte Dich mehr unterstützen sollen.”
Ellen stößt hier Mutter zurück. Diese landet mit dem Rücken an der Wand.
David: “Nein, Mary! Bitte!”
Im Theater.
Colin: “Jemand musste es ihr sagen.”
Mann: “Aber so? Was hätte sie denn tun sollen?”
Colin: “Sie muss mehr üben.”
Mann: “Für wie lange?”
Colin: “Bis sie es kann.”
Die Mutter redet auf Ellen ein. Ellen versteht nichts.
Im Theater.
Colin: “Wir haben also für BSL gekämpft, haben uns immer dafür eingesetzt…und Du schmeisst das jetzt weg, ja?”
Mann: “Wem gehört BSL? Jedem oder Dir? Sie fühlt sich jetzt total am Boden zerstört.”
Ellen schmeisst die Bücher von ihren Regalen. Dann setzt sie sich vor ihr Bett und weint.
Im Theater.
Mann: “Jede gehörlose Person ist unterschiedlich. Ihre Familie, ihre Schule. Die Sprache gehört ihnen! Jeder muss mal irgendwo anfangen.”
Colin schüttelt arrogant mit dem Kopf.
Ellen weint. Die Mutter kommt und tröstet sie.
Colin: “Du stehst also auf ihrer Seite?”
Der Mann nähert sich Colin: “Dieses Mädchen… Ich war wie sie früher.” Er verlässt das Theater. Colin schaut ihm nachdenklich hinterher.
Ellen steht unter der Dusche. Sie trocknet sich die Haare auf ihrem Bett. Dann nimmt sie ihren Laptop und öffnet Facebook. Sie hat eine neue Freundschaftsanfrage von dem Mann. Er heißt Ben Golding. In der Anfrage steht: “Es tut mir leid was passiert ist. Hör nicht darauf, was andere Leute sagen. Gib nicht auf. Dein Lied war schön. Ich würde Dich gerne wieder treffen. Ben”.
Gestern war in Großbritannien Feiertag, den habe ich dazu genutzt, zum ersten Mal in meinem Leben an einem so genannten Flashmob teilzunehmen. Ein Flashmob bezeichnet laut Wikipedia “einen kurzen, scheinbar spontanen Menschenauflauf auf öffentlichen oder halböffentlichen Plätzen, bei denen sich die Teilnehmer persönlich nicht kennen und ungewöhnliche Dinge tun.” In unserem Fall war das “Ungewöhnliche” das Singen von mehreren Liedern an drei zentralen Plätzen Londons: Southbank, Trafalgar Square und Covent Garden.
Ich hatte über Twitter davon erfahren und bin tatsächlich am Montagmorgen um 10 Uhr zu den Proben in eine Uni in Greenwich gegangen. Und tatsächlich, ein paar weitere hundert Leute fanden die Idee auch gut: Geboren war der London Flash Choir.
Drei Stunden haben wir unter Anleitung eines Musikstudenten im Innenhof der Uni geprobt, um dann die Londoner mit unserem Gesang zu beglücken.
Was soll ich sagen: Es war toll. Die Mitsänger waren nett, die Leute haben toll reagiert, sich sehr gefreut und wir haben hoffentlich nicht all zu schief gesungen. Den ganzen Tag wurden wir von einem BBC-Kamerateam begleitet und heute morgen kam der Film im BBC-Frühstücksfernsehen. Der Beitrag ist unterdessen online. Zudem gibt es auf YouTube das erste Video von unserer Aktion in Covent Garden.
Wenn Ihr jemals die Möglichkeit habt, bei einem solchen Flashmob mitzumachen, tut es. Es ist sehr schön in die Gesichter völlig überraschter aber erfreuter Passanten zu sehen, die dann am Ende sogar mitmachen.