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Hallo Motel One, wir müssen reden

Ich mag Euch ja eigentlich. Euer Grünblau, Euren Einrichtungsstil und ich gehöre eigentlich voll zu Eurer Zielgruppe. Ich reise viel und in unterschiedliche Städte, ich buche per App und maile Euch ratzfatz vorher an, dass ich ein barrierefreies Zimmer brauche, was Ihr (und da mal ein Lob!) auch immer hingekriegt habt bislang, auch wenn mir eigentlich lieber wäre, wenn ich das barrierefreie Zimmer gleich in der App buchen könnte. Aber ich glaube, unsere Wege trennen sich jetzt in Zukunft. Ich mag nicht mehr, ich fühle mich bei Euch nicht wirklich willkommen.

Es gibt kaum eine Floskel, die ich öfter höre als „Aber bei Neubauten wird ja sowieso auf Barrierefreiheit geachtet“. Möchte man das Gegenteil beweisen, muss man die Menschen einfach in so manche Eurer Hotels schicken. Das ist jetzt das dritte Hotel Eures Unternehmens in dem ich war, für das ich Euch weder eine Baugenehmigung noch eine Betriebsgenehmigung erteilt hätte, wenn ich irgendwas mitzureden hätte, weil es nicht die Mindeststandards an Barrierefreiheit einhält, wie sie eigentlich in Europa unterdessen üblich sind und wie ich sie als Gast erwarte. Nun kann man bauliche Mängel oft mit gutem Personal ausgleichen, aber ich kann Euch ja mal erzählen, wie meine Anreise verlief:

Neubau mit Stufen

Ich kam am Nachmittag in Eurem Hotel in Brüssel an. Das Hotel ist laut diverser Reisewebseiten Baujahr 2014. Das zähle ich noch unter die Kategorie „Neubau“. Zu meinem großen Erstaunen stand ich dann am Haupteingang vor etwa fünf Stufen. Er gab weder ein Schild noch eine Klingel, um Hilfe anzufordern. Eine gastfreundliche Anreise geht anders.

Ich schickte also einen wildfremden Passanten an die Rezeption. Er kam zurück und sagte mir, es gebe einen anderen Eingang. Ja, das muss ja so sein, wenn Ihr barrierefreie Zimmer verkauft, wird es wohl auch irgendwo einen barrierefreien Eingang geben. Nur wo? Der Passant und ich fanden den Eingang trotz einer gewissen Pfadfinderbegabung meinerseits nicht. Also schickte ich ihn wieder hinein und bat ihn, der Rezeption eindringlich zu sagen, sie sollen gefälligst rauskommen und mit mir reden. Ich hatte noch keinen einzigen Mitarbeiter von Euch getroffen, hatte aber schon extrem das Gefühl, nicht gerade freundlich behandelt zu werden. Es kam dann aber tatsächlich jemand.

Der Mitarbeiter sagte mir, der barrierefreie Eingang sei der Zugang zum Parkhaus. Ernsthaft, Motel One? Das findet Ihr okay? Bei einem neugebauten Hotel? Um den Fahrstuhl des Parkhauses nutzen zu können, brauchte ich allerdings eine Schlüsselkarte, die mir ausgehändigt wurde. Ich wäre also sowieso nicht alleine ins Hotel gekommen. Die Rezeption war übrigens zu diesem Zeitpunkt mit vier Mitarbeitern besetzt. Ich war der einzige Gast, der anreiste. Sie waren also keinesfalls zu beschäftigt, um mal nach der Rollstuhlfahrerin draußen zu schauen. Zudem fiel mir auf, dass mich die Mitarbeiter von der Rezeption aus vor der Tür hätten sehen müssen. Klebt Ihr Eure Mitarbeiter hinter dem Tresen fest oder warum kommt niemand, wenn sie sehen, dass da eine Rollstuhlfahrerin vor der Tür steht, die nicht rein kommt?

Rampe ins Nirgendwo

Der Mitarbeiter sagte mir auch, es gebe einen barrierefreien Hintereingang. Nachdem ich meinen Koffer aufs Zimmer gebracht hatte (zum Zimmer komme ich gleich), wollte ich den barrierefreien Hintereingang nutzen, auf den mich der Mitarbeiter verwiesen hatte. Wenn man allerdings die Rampe des Eingangs als Sammelstelle für Müllcontainer des Hotels nutzt, ist auch der barrierefreie Hintereingang nicht mehr barrierefrei. Also rief ich die Rezeption an, damit jemand die Rampe freiräumt. Es ging nur leider niemand ans Telefon. Also fuhr ich den ganzen Weg zurück zur Rezeption und machte auf mein Problem aufmerksam. Die Müllcontainer wurden dann auch gleich beseitigt. Aber als ich am unteren Ende der Rampe angekommen war, bemerkte ich, wo diese Rampe endete: Auf einer extrem steilen Straße mit Kopfsteinpflaster, die mit dem Rollstuhl de facto unbefahrbar war und auch nicht wirklich irgendwo hinführte, wo man als Hotelgast hin möchte. Euer barrierefreier Eingang landet quasi im Nirgendwo für mich.

Also entschloss ich mich, als ich später wieder ins Hotel zurückkam, doch wieder den Parkhauseingang zu benutzen. Ich hatte extra die Schlüsselkarte dafür mitgenommen. Aber als ich die Schlüsselkarte in den Leser schieben wollte, bemerkte ich, dass der eigentlich viel zu hoch angebracht ist. Ich schätze bei etwa 1,50 Meter und man muss ihn von oben einschieben. Ich habe aber Gott sei Dank lange Arme und kann mich gut aufsetzen (nicht stehen!) und habe es geschafft, die Karte in den Kartenleser zu bekommen. Ernsthaft, Motel One, hat sich überhaupt irgendjemand mal Gedanken gemacht, wie Rollstuhlfahrer in dieses Hotel kommen sollen? De facto habt Ihr keinen einzigen barrierefreien Eingang, der diese Bezeichnung verdient.

Geräumiges Zimmer am Ende des Hotelflurs

Nun zu meinem Zimmer: Das Positive vorweg. Es ist geräumig und ich kann das Bett von beiden Seiten anfahren. Das ist längst nicht in allen Euren Hotels so. Ich war schon in „barrierefreien“ Zimmern von Euch untergebracht, in denen ich fast die Hälfte des Zimmers nicht nutzen konnte, weil ich nicht zwischen das Fußende des Bettes und die Wand passte (bei einem Rollstuhl mit einer Breite von 63cm!). Das immerhin ist in Brüssel besser.

Aber was bitte hat Euch geritten, die barrierefreien Zimmer an den Ende eines richtig langen Flurs zu legen? Es sind die Zimmer, die am weitesten weg vom Fahrstuhl sind. Hat Euer Architekt eine sadistische Ader oder warum müssen gehbehinderte Gäste so weit laufen? Es sind ja nicht nur Rollstuhlfahrer, die die barrierefreien Zimmer buchen. Und auch ich bin dankbar, wenn ich meinen Koffer nicht 50 Meter über einen dicken Teppich zum Zimmer ziehen muss, auf dem der Rollstuhl alleine schon schlecht rollt.

Dann das Bad. Es ist mir schleierhaft, warum die Toilette so niedrig angebracht ist. Auch dafür gibt es Standards bei barrierefreien Bädern. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der in Belgien auf dieser Höhe ist. Für Menschen, die sich schwer tun aufzustehen, ist die Toilette die Hölle. Es war mir fast nicht möglich von der Toilette zurück in meinen Rollstuhl zu kommen. Die Toilette ist um einiges niedriger als mein Rollstuhl. Da hätten die Griffe vielleicht geholfen. Aber Gott sei Dank habe ich gleich bemerkt, dass Stabilität nicht die Eigenschaft ist, die ich dem Klappgriff als erstes zusprechen würde, den Ihr da angebracht habt, und ich hielt es für weise, diesen besser nicht zu nutzen. Zudem hängt er zu hoch, nämlich passend für die Höhe, auf der die Toilette vermutlich eigentlich hätte sein sollen.

Und dann hätte ich noch eine Frage zur Dusche: Wie habt Ihr Euch gedacht, dass Rollstuhlfahrer duschen? Stehend? Oder warum gibt es keinen Duschstuhl und die Duschelemente sind auf der Höhe für Stehende angebracht? Wenn ich mit meinem eigenen Rollstuhl unter die Dusche fahre, ist das nicht wirklich gut für den Rollstuhl. Außerdem wird die Sitzbespannung nass und da sitze ich ja den ganzen Tag drauf. Deshalb gehören Duschstühle eigentlich zur Standardausstattung eines barrierefreien Zimmers.

Also ein erholsamer Hotelaufenthalt sieht für mich definitiv anders aus. Ich blieb Gott sei Dank nur eine Nacht. Deshalb hätte ich auch sowieso keine Zeit gehabt, den schön angelegten Innenhofbereich zu nutzen. Ist auch besser so, denn sonst hätte ich mich vielleicht geärgert, dass ich da gar nicht hinkomme. Zum Innenhof führen nämlich nur Stufen.

Das geht auch anders

Versteht Ihr jetzt, warum ich mich in Eurem neugebauten Hotel überhaupt nicht willkommen fühle? Behinderte Menschen sind treue Kunden. Darüber gibt es Studien. Sie gehören zu einer der treusten Kundengruppen, die man als Hotel finden kann, wenn man sie gastfreundlich behandelt und barrierefrei baut. Ich bin da ein super Beispiel. Ich habe gerade alle meine Berlin-Aufenthalte für die nächsten neun Monate, bei denen ich die Daten bereits kenne, durchgebucht. Immer im gleichen Hotel. Immer im gleichen Zimmer. Dabei bin ich eigentlich wirklich jemand, die Abwechslung liebt, aber eben auch problemlose Hotelaufenthalte. Es wird Euch jetzt nicht überraschen, dass es kein Hotel von Euch ist. Es ist ein liebevoll eingerichtetes barrierefreies Zimmer Eurer direkten Konkurrenz, in dem einfach alles passt, ich über den Haupteingang ins Hotel komme, die gesamte Fläche des Zimmers erreichen kann, es einen Duschstuhl gibt und der Weg von Fahrstuhl zum Zimmer nicht länger als 10 Meter ist.

Stillstand bedeutet Rückschritt zitiert Euer CEO im Editorial der aktuellen Ausgabe Eures Hotelmagazins Erich Kästner. In diesem Sinne, Ihr habt noch viel zu tun, um beim Thema Barrierefreiheit in Bewegung zu kommen.

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