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Zwei auf einen Streich

Heute abend nach Feierabend hatte es endlich aufgehört zu regnen und ich beschloss nach Notting Hill zu fahren. Weil ich dem bewölkten Himmel doch nicht ganz traute, wollte ich mit dem Bus von White City nach Shepherds Bush fahren und dort in den Bus nach Notting Hill umsteigen.

Ein Bus der Linie 220 hielt. Es stiegen viele Leute aus, die in die U-Bahn wollten. Ich hatte dem Fahrer deutlich Handzeichen gegeben, dass ich mitfahren wollte, hatte aber von Anfang an das Gefühl, er ignoriert mich. Und tatsächlich, er machte keine Anstalten, die Rampe an der hinteren Tür auszufahren, sondern ließ stattdessen die Horden an Passagieren einsteigen. Dennoch wäre noch genug Platz für mich gewesen.

Ich versuchte also, Kontakt mit dem Fahrer aufzunehmen, stellte mich an die Vordertür und bat um die Rampe. Er murmelte irgendwas, zeigte auf die Hintertür und ich dachte, er fahre jetzt die Rampe aus. Aber dann passierte folgendes: Der Fahrer schloss die Tür und fuhr davon. Ich war stinksauer und wütend, schrieb mir aber geistesgegenwärtig die Busnummer auf.

Der nächste Bus kam. Diesmal die Linie 72, ein kleiner Bus. Der Fahrer versuchte, die Rampe auszufahren. Nichts passierte. Die Rampe war defekt. Ein Mann, der das Theater mit der 220 schon mitbekommen hatte, half mir in den Bus. Der Bürgersteig an der Haltestelle war zum Glück relativ hoch.

Ich ging was essen und schrieb unterdessen einen Beschwerdebrief an Transport for London. Ein Vorteil hat das ständige Beschwerdebriefe schreiben übrigens: Es trainiert mein Schriftenglisch enorm.

Als ich fertig gegessen und geschrieben hatte nahm ich den Bus zurück nach Shepherds Bush. Weil es unterdessen regnete, entschied ich mich, einmal mehr umzusteigen statt den direkten Bus zu nehmen, der erheblich weiter entfernt von meiner Wohnung hält. Auf der Umsteigelinie fahren nagelneue Busse, die Rampen sind super und ich war zuversichtlich, einigermaßen trocken zu Hause anzukommen.

Ich stieg aus dem modernen Gelenkbus aus und sah, dass ein paar hundert Meter hinter uns bereits die andere Linie fuhr. Die Umsteigezeit war also unter einer Minute, aber ich schaffte es. Die 266 kam, der Fahrer versuchte die Rampe auszufahren. Defekt… Und auch der Gelenkbus fuhr nicht von der Haltestelle weg. Stattdessen stiegen immer mehr Leute aus. Auch dort war die Rampe defekt. Sie ließ sich nicht mehr einfahren. Da standen sie nun: Zwei Busse an einer Haltestelle, beide mit defekten Rampen. Beide bewegungsunfähig. Das war neuer Rekord bei meinem Feldzug durch London.

Der Fahrer der 266 schaffte es, die Rampe wieder reinzuschieben. Der Bürgersteig war aber so niedrig, dass ich ohne Rampe nicht einsteigen konnte. Der Gelenkbus blockierte zudem die eigentliche (höhere) Haltestelle. Ich ließ die 266 weiterfahren und wartete auf die nächste. Der Gelenkbus stand dort immer noch als ich dann endlich mit der nächsten 266 nach Hause fuhr. Wie sagte Verkehrspolitiker Peter Hendy noch auf dem Kongress am Wochenende zu den Rollstuhlfahrern: „Be tolerant.“

8 Kommentare

  1. Thomas sagt:

    Ich weiß echt nicht, was das mit den elektrischen Rampen soll… Ich find die Klapprampe aus den deutschen Bussen (die ich so kenne) einfach genial. Ausfallsicher, einfach zu bedienen, stabil… Gibts ne logische Begründung für die elektrischen?

  2. Dorothea sagt:

    Ich kann mir vorstellen, dass bei elektrischen Rampen keine „Schiebehilfe“ gebraucht wird. Bei den deutschen Busrampen hab ich bisher häufig entweder „Hilfe“ gebraucht oder aber aufgedrängt bekommen (mit Elektrorollstuhl wäre die Rampe evtl. selbständig zu befahren, ich krieg die Schräge häufig nicht hin, zumindest nicht in den Bus HINEIN).

  3. Philip sagt:

    Ich glaube man braucht echt Nerven in Drahtseilstärke um solche Situationen gelassen zu meistern. Echt bewundernswert.

  4. Christiane sagt:

    @Thomas
    Ich bin sicher, das hat wieder „Health & Safety“-Reasons. Die Ausrede, die in Deutschland „versicherungsrechtliche Gruende“ heisst, wird hier mit „Health & Safety“ betitelt.

    Die Busfahrer sitzen hier ja sogar hinter einer Scheibe und sprechen durch kleine Loecher mit den Fahrgaesten. Ein Fahrer hat mir mal erzaehlt, dass die Fahrer ihre Kabine eigentlich nicht verlassen duerfen. Auch Angst vor Uebergriffen. Ich kann das nicht wirklich nachvollziehen… Ich fuehle mich hier ueberhaupt nicht unsicher und bin wirklich viel alleine unterwegs, auch abends.

    Ich nehme an, es waere unvorstellbar fuer die Briten, dass der Busfahrer aufsteht und die Rampe ausklappt. Andererseits muessen sie sich was einfallen lassen. Wenn alle Rollstuhlfahrer die Busse nutzen wuerden, kaeme der Nahverkehr hier wohl zum erliegen. ich faende ja eine manuelle Loesung super, die Rollstuhlfahrer selber nutzen koennten. Kann das bitte mal jemand erfinden?

    @Dorothea
    Die Rampen sind genauso steil wie bei uns. Die Busfahrer sind zudem schlecht geschult, wissen nicht wie man den Bus absenkt etc. Die meisten Rampen kommen sogar aus Deutschland, sind von Mercedes oder es steht „Medi-Rampe“ drauf, auch ein deutsches Fabrikat.

  5. Gerhard sagt:

    Da wär’s ja fast einfacher Rollstühle so zu konzipieren, dass sie auch Treppen überwinden können… ;-)

  6. Jens sagt:

    Ich habe da neulich einen Blogeintrag gefunden, der das Ganze mal aus der anderen Perspektive beschreibt – die Rampen scheinen bei den Busfahrern auch sehr beliebt zu sein wegen ihrer Zuverlaessigkeit… ;-)

    http://www.blog-zones.co.uk/james/?p=131

  7. Solon sagt:

    @Christiane: Ich würde mir eine „Abschussliste“ anlegen und jeden versenkten Schrott-Rampen-Bus mit einem Strich auf dem Rollstuhl vermerken. ;-)

  8. Tom sagt:

    Also, obwohl ich auch manchmal unter damit zu kämpfen habe, dass die elektrischen Rampen streiken, bevorzuge ich sie gegenüber den manuellen, klappbaren: Man kann dadurch normalerweise einfach und völlig eigenständig in den Bus gelangen, ohne auf die Hilfe Dritter angewiesen zu sein.

    Ich denke das ist auch der ideologische Hauptunterschied zwischen Deutschland und UK: In GB wird jetzt vermehrt darauf geachtet, dass der Nutzer mit Einrichtungen alleine und möglichst autark selbst zurecht kommt. Während in Deutschland oft noch wie selbstverständlich erwartet wird, dass man entweder eine Begleitperson hat oder ja um Hilfe bitten kann. Letzteres kann ich ja im Falle einer defekten elektronischen Rampe immer noch machen, aber für mich ist es sehr angenehm, dass dies beim Busfahren in London nicht der Normalfall sein muss.