Share on FacebookShare on Google+Flattr the authorTweet about this on Twitter

Was ein Bordrollstuhl alles auslösen kann

Man fragt sich ja manches Mal, warum Flugzeuge verspätet sind. Vor allem dann, wenn es der erste Flug morgens ist und man davon ausgehen müsste, dass alles klar geht.
Heute hatte die Germanwingsmaschine aus London nach Hamburg Verspätung und ich schätze mal, das war nicht der letzte Flug, den die Maschine heute zu erledigen hat.

Und die Verspätung kam so:
Ich hatte mich gestern abend spontan entschlossen nach Hause zu fliegen. Ich habe einen Vorvertrag für eine Wohnung unterschrieben (einen anderen, als ich ursprünglich vorhatte – ich habe auf mein Bauchgefühl gehört) und mein Rückflug war eigentlich für Donnerstag geplant. Ich hatte aber keine Lust, noch zwei Tage umsonst alleine in London rumzuhängen, in die Wohnung kann ich erst nächste Woche frühstens und ich versuchte, meinen Rückflug umzubuchen. Das ging nicht, jedenfalls nicht für heute. Ich habe den Rückflug stattdessen nach hinten verschoben, um ihn später nutzen zu können und habe einen sehr preiswerten One-Way-Flug bei Germanwings gebucht. Bei Germanwings kann man sich neuerdings online als Rollstuhlfahrerin anmelden. Ging alles problemlos. Am Check-In wusste die Dame auch bescheid. Ich sagte, ich ginge alleine zum Gate. Die Assistenz solle dahin kommen.

Germanwingswerbung für die Strecke nach Hamburg

Da sie mir auch noch das Gate verriet – normalerweise wird das immer erst kurz vor Boarding bekannt gegeben – war ich schon vor allen anderen Passagieren da. Die Assistenz kam auch pünktlich und sie fragten mich, ob ich einen Bordrollstuhl benötigte. Ich sagte, das dem so sei und konnte schon mal in den Vorraum der Fluggastbrücke. Dort standen drei Bordrollstühle – alles unterschiedliche Modelle. Was ich auf den ersten Blick nicht sah, war, dass diese ankettet waren. Aber keiner hatte einen Schlüssel, stellte sich dann bald heraus. Einer der Assistenzleute ging los, um einen vierten Bordrollstuhl zu suchen. Ich plauderte mit dem Ramp Agent, der immer nervöser wurde. Ich fragte in meiner organisationstechnisch stark Deutschland geprägten Art, wieso die denn überhaupt angekettet seien. Wer denn Bordrollstühle klaue. Damit könne man ja zu Hause nichts anfangen. Und erfuhr folgendes: In Gatwick gebe es drei verschiedene Ground Handling Companies – die einen gut mit Bordrollstühlen ausgestattet, die anderen weniger gut. Welche meine war, war mir sofort klar. Und die gut Ausgestatteten wollten nicht, dass die schlecht Ausgestatteten ihre mitbenutzten. Es passte auch gut ins Bild, dass es sich bei den angeketteten Bordrollstühlen um amerikanische Modelle mit einem großen Aufkleber „Made in USA“ handelte. Die gut ausgestatteten Unternehmen fertigten wohl amerikanische Airlines ab. Meine Ground Handling Company halt eben Deutsche – offensichtlich ohne Bordrollstuhl.

Nach ewiger Zeit kam der Typ zurück – wieder ohne Bordrollstuhl. Der Ramp Agent rief seine Leitstelle an, die ihm mitteilte, unser Flieger müsse weg von der Position, weil auf dem Vorfeld eine Maschine stehe, in der ein Passagier einen Herzinfarkt erlitten hätte. Der Krankenwagen warte und alle anderen Positionen seien besetzt. Er wurde noch nervöser, aber war zu mir sehr freundlich und versprach mir, man werde mich auf alle Fälle mitnehmen und ich dürfe in jedem Fall preboarden. Alles andere verstoße gegen das DDA. Er kannte das britische Antidiskriminierungsgesetz! Allerdings hatte ich ab dem Zeitpunkt eher Sorge um den Mann in der Maschine auf dem Vorfeld als um meinen Heimflug. Nichts passierte. Irgendwann ließ der Druck der Zentrale aber nach, man hatte den Flieger wohl anderswo angedockt.

Die beiden Assistenzleute standen nur dumm rum, bis der Ramp Agent sie aufforderte, doch noch mal auf die Suche zu gehen. Zwischenzeitlich starteten sie den Versuch, mich zu überreden, es ohne Bordrollstuhl zu versuchen. Einer ging wieder los, um auf dem riesigen Flughafen einen nicht abgeschlossenen Bordrollstuhl zu finden. Währenddessen ging eine Durchsage an die Mitarbeiter per Funk, dass jemand, der einen Schlüssel für die Kette oder einen Bordrollstuhl hat, sich umgehend melden solle. Ich muss sicher nicht erwähnen, dass sich niemand meldete. Die Zeit verging, die Maschine war jetzt definitiv verspätet.

Als ich schon nicht mehr daran glaubte, kam einer der Assistenzleute mit einem total schrottigen Bordrollstuhl an. Besser als nix. Zum Borden reichte es allemal. Beim Abschied entschuldigten sich die beiden bei mir. Ich habe gelacht und gesagt: „Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ihr Unternehmen sollte sich besser Bordrollstühle zulegen. Damit ist uns allen am meisten geholfen.“

2 Kommentare

  1. Dorothea sagt:

    Es sind halt „immer“ die „Behinderten“, weswegen es länger dauert.

    Der Unmut etwaiger Wartender, die den Anlass der Verspätung mitbekommen haben, ergießt sich in der Regel eben nicht über die Unfähigkeit der Organisierenden, sondern über die „Behinderten“, die ja „immer alles aufhalten“. Warum schicken die auch nicht ihre Pfleger – muuuuussssss dasssss denn iiiiiiiiiiimmmmmmer sein?

  2. Speedking sagt:

    hmm, *nachdenklich* als Gehen-Könnender hat mich diese Geschichte doch sehr nachdenklich gemacht … man macht sich halt zu wenig Gedanken um das Leben und das Drumherum der Mitmenschen …
    Norbert