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#TeamWallraff – Was sich ändern muss

Wie sie sich jetzt alle zu Wort melden, die ganzen Heilerziehungspfleger, Heimbetreuer und Pfleger, die ihre Reputation gefährdet sehen: Bei ihnen sei ja alles prima bei der Lebenshilfe. Ja ne, ist klar. Nur nichts verändern! War doch so schön kuschelig die ganzen letzten Jahre.

Und wenn man dann hinter die Fassade schaut und mal ohne Betriebsblindheit in einer Einrichtung sitzt, wird es einem dann doch oft ganz anders. Und dabei muss es gar nicht um eindeutige Misshandlungen gehen, wie am Montag das Team Wallraff auf RTL aufdeckte, sondern einfach um Machtstrukturen zwischen Betreuern und behinderten Bewohnern und Werkstattarbeitern. Das Problem in solchen Einrichtungen ist das ständige Unterbinden von Selbstbestimmung, auch in Bereichen, in denen die behinderten Bewohner / Werkstattarbeiter eigentlich noch selbst bestimmen könnten, wenn man sie denn ließe.

Das konnte man auch sehr schön in dem Film sehen. Nicht einmal die Anzahl der Brote, die er essen wollte, durfte ein Bewohner selbst festlegen und auch Raul Krauthausen musste sich beim Heimexperiment ganz schön umstellen, als er nicht einmal alleine den Joghurt aus dem Kühlschrank nehmen durfte.

Ich versuche eigentlich, Vorurteile zu vermeiden, aber ich gebe ehrlich zu, bei Mitarbeitern aus Institutionen, Behindertenwerkstätten und Heimen fällt mir das seit Jahren immer schwerer. Die Frage, die ich mir immer stelle, wenn sich jemand als solcher vorstellt ist, warum arbeitet jemand dort? Warum dort und nicht bei einer Organisation, die Selbstbestimmung fördert? In einer kleinen Wohngruppe zum Beispiel oder im Bereich persönlicher Assistenz, in dem behinderte Menschen selbst bestimmen, was sie wann tun. Warum nicht in einem Integrationsunternehmen? Warum müssen es solche engen Strukturen sein, die nicht erst seit Montag kritisiert werden?

Ihr seid nicht die Opfer

Was mich in den vergangen Tagen am meisten aufgeregt hat, ist die Reaktion der Lebenshilfe. Aber auch das passt prima ins Bild. Die Lebenshilfe tut jetzt so als sei sie selbst das Opfer. Liebe Lebenshilfe, das seid ihr nicht und jeder, der Euch das abnimmt und in diese Kerbe schlägt, verhöhnt die eigentlichen Opfer dieser traurigen Geschichte, nämlich die behinderten Bewohner.

In Wahrheit hat man da jahrzehntelang gut Geld verdient – der Begriff Wohlfahrtsindustrie trifft es schon ganz gut – und jetzt kommt da so ein Nestbeschmutzer, der was von Menschenrechten erzählt, sich Experten ins Boot holt, die Heimaufsichten vorführt und am Soziallack kratzt, weil behinderte Schutzbefohlene rumgeschupst und misshandelt werden und Verträge mit der Arbeitsagentur offensichtlich nicht so genau genommen werden.

Angriff ist die beste Verteidigung

Und was macht die Lebenshilfe? Sie geht zum Gegenangriff über. Angriff ist die beste Verteidigung, nicht wahr? Sie empört sich darüber, dass die Journalisten nicht nach den ersten Misshandlungen ihre Maske fallen ließen und die Lebenshilfe informiert haben. Völlig unterschlagen wird dann auch noch, dass die Journalistin sehr wohl den Vater der misshandelten Frau angerufen hat, es ein Gespräch mit der Familie gab, von dessen Inhalt der Geschäftsführer aber nichts gewusst haben will, berichtet die Rheinische Post.

Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde, dass da Misshandlungen im Raum stehen, aber Inhalte solcher Gespräche nicht einmal bei der Geschäftsführung ankommen – stimmt da etwa was mit den Strukturen nicht? – oder diese jetzt so tut als habe sie nichts gewusst, damit der Gegenangriff glaubwürdiger aussieht. Egal wie man es dreht oder wendet, die Schuldigen sitzen nicht in der Wallraff-Redaktion, sondern im Vorstand und der Geschäftsführung der Lebenshilfe, weil sie offensichtlich völlig die Kontrolle über ihre Institutionen verloren haben.

Der Film wollte Systematiken und Strukturen aufdecken und das ist ihm auch gelungen. Gerade weil man eben nicht nach dem ersten Fall aufgegeben hat, sondern weiterrecherchiert hat, sind diese sichtbar geworden. Genau so funktioniert investigativer Journalismus. Nach dem ersten Fall hätte die Lebenshilfe „Einzelfall“ gerufen und der Aufschrei wäre ausgeblieben. So ist jetzt auch dem letzten Zuschauer klar, das sind gar keine Einzelfälle, da stimmt etwas im System nicht und bei der Einstellungspraxis, der Aufsicht und der Unterhaltung dieser Einrichtungen.

Die Lebenshilfe ist auch kein Opfer ihrer Mitarbeiter. Sie haben die Mitarbeiter, deren Charakter offensichtlich nicht dazu geeignet ist, behinderte Menschen zu betreuen, selbst eingestellt. Sie haben kein Kontrollsystem etabliert, bei dem solche Vorfälle sofort sichtbar werden, sie haben eine Kultur in ihren Einrichtungen geduldet, in denen Mitarbeiter ohne Scheu vor anderen Mitarbeitern mehrfachbehinderte Menschen schikanieren konnten. Die Taten sind von den Tätern begangen worden, dafür gehören sie bestraft, aber die Strukturen sind es, die solch ein Verhalten erst möglich gemacht haben.

Was ich erwartet hätte wäre, dass binnen 24 Stunden eine bundesweite Hotline geschaltet wird, bei der Vorfälle in anderen Lebenshilfe-Einrichtungen anonym gemeldet werden können, bei einer unabhängigen Institution, einem Menschenrechtsanwalt zum Beispiel. Aber dafür müsste man erst einmal einsehen, dass es strukturelle Probleme gibt und nicht zufällig ein halbes Dutzend Mitarbeiter, die aus der Spur sind.

Strukturelles Problem

Worum es bei dem Wallraff-Film geht, sind nicht einzelne Mitarbeiter, die sich nicht zu benehmen wissen und ihre sadistische Ader ausleben. Worum es geht sind Strukturen einer Wohlfahrtsindustrie, die mehrere Milliarden Euro im Jahr bekommt, aber in vielen Bereichen ihrer Aufgabe nicht gerecht wird. Da geht es nicht nur um Misshandlungen, aber eben auch.

Und es geht darum, dass die Werkstätten ihren Aufgaben nicht erfüllen. Es ist nicht nur die Werkstatt in dem Film, die eine Wiedereingliederungsrate von 2 Prozent hat, sondern das ist ein bundesweites Problem. Die Arbeitsagenturen finanzieren de facto die Ausgliederung aus dem Arbeitsmarkt, nicht die Wiedereingliederung. Dass es auch anders geht, hat Schweden gezeigt. Dort gibt es seit Jahren keine Werkstätten mehr, sondern der Staat hat eine eigene Personalagentur geschaffen, die Arbeitnehmer an Firmen „ausleiht“. Die Mitarbeiter bekommen einen Tariflohn, nicht durchschnittlich 180 Euro im Monat wie das in Deutschland der Fall ist. Dieser wird weitergezahlt, wenn mal keine Arbeit von einer Firma angefragt wird.

Natürlich muss es auch eine Tagesstruktur geben für Menschen, die nicht arbeiten können. So gibt es in Schweden für Menschen, die „nur“ eine Tagesstruktur brauchen, Kleingruppen, die basteln, Ausflüge machen etc. In solchen Strukturen fällt Missbrauch viel schneller auf als in den teilweise viel zu großen Gruppen und Strukturen der deutschen Wohlfahrtsindustrie.

Wenn der Wallraff-Film eines gezeigt hat, dann dass nicht alles sozial ist, was sich sozial nennt oder von außen sozial aussieht. Die Heim- und Werkstattstrukturen sind eigentlich unsozial und werden den Bedürfnissen der Menschen nicht gerecht. Sie führen zu Missbrauch und verhindern Entfaltungs- und Fördermöglichkeiten. Sie bremsen Selbstbestimmung. Ja, ich weiß, alles andere kostet noch mehr Geld. Kleinere Wohngruppen, gute Beschäftigungsmaßnahmen, Personalagenturen etc. Mir fallen da noch viele Alternativen ein. Aber am Ende muss man sich die Frage stellen, möchten wir weiter eine Wohlfahrtsindustrie fördern oder ist es nicht endlich mal an der Zeit, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und sehr kritisch zu hinterfragen zum Wohle der Menschen, die auf sie angewiesen sind.

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