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Tag Archiv für Rollstuhlfahrer

Weihnachtsmannterror

Derzeit treiben sich ja vermehrt Weihnachtsmänner in Einkaufzentren und Geschäften rum, die eigentlich Kinder bespassen sollen. Aber irgendjemand muss den Weihnachtsmännern mal sagen, dass erwachsene Rollstuhlfahrer im Gegensatz zu Kindern nicht zwingend mit Schokoeiern zu beschenken sind. Eine Freundin, die auch Rollstuhlfahrerin ist, erzählte mir gerade, sie sei im Sterncenter in Potsdam Weihnachtsmannopfer geworden. Der Weihnachtsmann kam zu ihr, streichelte ihr über den Kopf und schenkte ihr ein Schokoei. Und während er das tat, sagte er: „Für alle, die nicht mehr so hüpfen können.“

Ich nehme auch immer Abstand, wenn ich diese Figuren sehe, denn sie haben es immer auf mich abgesehen. Eine Rollstuhlfahrerin, die meiner Freundin entgegenkam meinte deswegen auch zu ihrer Begleitung: „Oh Scheiße, der Weihnachtsmann.“

Liebe Einkaufszentrumbesitzer und Weihnachtsmann-Losschicker, könnt Ihr bitte sicherstellen, dass Eure putzigen Mitarbeiter den Unterschied zwischen Kleinkind und erwachsener Person, die im Rollstuhl sitzt, intus haben? Das wäre sehr hilfreich und würde auch Rollstuhlfahrern den belästigungsfreien Einkauf ohne Körperkontakt ermöglichen. Und an alle Weihnachtsmänner die Warnung, wer Rollstuhlfahrern über den Kopf streicht und dabei Schokoeier verteilt, darf sich hinterher nicht beklagen, wenn er die Schokoeier im Bart kleben hat.

Kein Alien mehr

Ich gehe fast jeden Mittag in einem Café auf dem BBC-Gelände Mittagessen. Das Café ist im Erdgeschoss des Television Centre und nur Mitarbeiter (und wenige Gäste) haben Zugang. Also nicht die Besuchergruppen normalerweise. Und dennoch bin ich sehr selten der einzige Gast mit einer sichtbaren Behinderung. Es ist immer mindestens noch ein anderer Rollstuhlfahrer da oder Kollegen, die zwar laufen, aber stark gehbehindert sind. Auch auf den Fluren begegne ich anderen Leuten im Rollstuhl. Auch blinde und gehörlose Kollegen habe ich schon getroffen. Und das sind keineswegs immer nur die gleichen Leute. Ich habe in dem Café bislang nur wenige behinderte Kollegen zwei Mal getroffen. Es waren immer andere. Die meisten von ihnen tragen einen Presseausweis, das heißt sie arbeiten im redaktionellen Bereich und nicht in der Poststelle oder an der Pforte. Ich schreibe das, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass in vielen deutschsprachigen Medienunternehmen behinderte Mitarbeiter – wenn überhaupt – da anzutreffen sind.

Für mich ist das eine völlig neue Erfahrung. Ich bin nicht mehr der Alien. Nicht mehr die einzige Rollstuhlfahrerin und niemand zweifelt an, dass ich meinen Job genauso gut mache wie alle anderen auch. Und ich merke immer noch, was Sozialisierung ausmacht, auch bei mir selbst: Ich habe vor kurzem einen blinden Kollegen kennengelernt, der mir erzählte, dass er Parlamentskorrespondent in Millbank ist. Ich bin selbstverständlich davon ausgegangen, dass er fürs Radio arbeitet und habe gar nicht mehr nachgefragt. Als ich beim Mittagessen saß und News24 schaute, sah ich den Kollegen, der aus dem Parlament berichtete. Und natürlich hatte das Thema nichts mit Behinderung zu tun. Es ging um innenpolitische Themen wie die Sicherheitslücken bei der Onlineregistrierung von jungen Ärzten. Es war offensichtlich, auch für Zuschauer die ihn nicht kennen, dass er blind ist. Aber bei einer Schalte kommt es ja nicht darauf an, ob der Korrespondent die Kamera sieht, sondern ob die Zuschauer ihn sehen können, was definitiv der Fall war. :-)