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Tag Archiv für Karstadt

Willkommen in Deutschland

Am Zeitschriftenstand bei Karstadt. Ich hatte vergeblich nach dem „Spiegel“ gesucht.
Ich: „Haben Sie noch den ‚Spiegel‘ von dieser Woche?“
Verkäufer total pampig: „Sie stehen doch direkt davor.“
Ich total freundlich: „Entschuldigen Sie, das ist der ‚Stern‘.“
Verkäufer: „Müsste der denn nicht bei den anderen liegen?“
Ich erstaunt: „Das frag ich Sie.“
Dann bewegt er sich endlich und muss suchen.

Ich glaube, ich bin nach meine Zeit in England schwer integrierbar. Meine Erwartungshaltung gegenüber meinen Mitmenschen verändert sich gerade. Wenn ich etwas kaufen möchte, erwarte ich, freundlich bedient zu werden. Darauf kann man in sich in England verlassen (von Bahntickets und Briefmarken einmal abgesehen). Warum nicht in Deutschland?

Der Einzelhandel und die Barrierefreiheit

Es kommt wirklich selten vor, aber heute war ich richtig wütend. Auf die Strukturen in diesem Land und in Hamburg im besonderen. Ich wollte Passfotos machen lassen. Schon vor Indien war das ein Akt, weil ich keine mehr hatte und das indische Konsulat für das Visum aber mehrere haben wollte. Damals war ich schon auf der Suche nach einem barrierefreien Fotoladen – ohne Erfolg. Also hatte ich unter akrobatischen Anstrengungen mich in einen Fotoautomaten bemüht, konnte mich kaum auf dem winzigen Hocker halten und habe Fotos gemacht, die der indische Beamte gerade noch so als okay befand. Mein Gesicht war zwar schief, aber komplett drauf. Immerhin.

Jetzt wollte ich doch mal auf die Suche nach einem Fotostudio gehen und mir die Bilder digital speichern lassen fürs nächste Mal. Den ganzen Morgen habe ich rumtelefoniert, Qype befragt, ohne Ergebnis. Alle sagten, ihr Studio sei im Keller, unterm Dach oder sonst irgendwo. Irgendwann bin ich auf die Idee gekommen, bei Saturn anzurufen. Nicht, dass ich „Geiz ist geil“ so super fände, aber barrierefrei sind sie nunmal. Und tatsächlich, sie hätten auch ein Fotostudio, sagte mir die Dame am Telefon. Direkt im Erdgeschoss.

Ich fuhr also extra zu Saturn, musste in der Fotoabteilung lange warten und kam dann endlich dran. „Wir machen Fotos nur bis 18 Uhr“, sagte mir der Mitarbeiter um 18:10 Uhr. Ich: „Entschuldigen Sie, ich habe extra vorher angerufen und gefragt. Von 18 Uhr hat mir niemand was gesagt.“ Er: „Das tut mir leid, aber wir können Sie jetzt nicht bedienen.“ Ich hatte Mühe, meine gutes Benehmen beizubehalten. Drehte mich um und ging zum Kundenservice, um mich zu beschweren. Nicht weil ich dachte, dass das irgendwas bringt, aber ich wäre sonst geplatzt. Die Dame sagte, ihr sei ebenfalls nicht bekannt, dass die Mitarbeiter nur bis 18 Uhr Fotos machen und sie hätte mit mir auch nicht gesprochen. Ich war noch gelandener als vorher und ging ziemlich sauer aus dem Laden.

Dann fiel mir ein, dass es ein großes Fotogeschäft Richtung Rathaus gibt. „Ältestes Fotofachgeschäft Hamburgs“ wirbt die Firma Wiesenhavern. Einen Fahrstuhl haben sie auch. Aber: „Nein, Passfotos machen sie schon seit drei Jahren nicht mehr“, belehrte mich die Frau an der Kasse. Klar, hat ja auch was mit Dienstleistung zu tun. Ist ja nicht mehr so angesagt heutzutage.

Einen letzten Versuch, unternahm ich noch: Karstadt Mönckebergstraße. Was ich vorher nicht wusste: Karstadt ist eine Großbaustelle derzeit. Man betritt den Laden über ziemliche wackelige und unebene Bretter, es funktioniert nur ein Fahrstuhl, in diesem aber die Taste „EG“ nicht geht und überhaupt wurden gewisse Erinnerungen an meine Indienreise wach – ich hatte den Eindruck, man wusste nicht so recht, ob man renovierte oder Kunden empfangen wollte. Ich wartete nur darauf, dass mir jemand einen Bauhelm reichte und Handschuhe, um mir dann zu sagen, dass die Fotoabteilung nur über das die Leiter am Baugerüst zu erreichen ist.

Offene Decken mit Baustelle bei Karstadt

Der freundliche Karstadt-Mitarbeiter empfahl mir stattdessen, den Automaten zu nutzen, sie hätten keinen Fotografen mehr. Aber genau das wollte ich ja gerade nicht. Als ich gerade beschlossen hatte, meine Suche nach einem barrierefreien Fotografen in der zweitgrößten Stadt Deutschlands zu beenden, bemerkte ich, dass ich mir auf den Brettern einen Holzsplitter ins Fingernagelbett gerammt hatte, der wohl am Rad hängen geblieben war. Ich war endgültig bedient.

Und wenn mir jetzt noch mal ein Vorstand eines Einzelhandelverbandes begegnet, der über die schlechte Lage der Branche weint, dem werde ich sagen, dass ich gerne mein Geld ausgegeben hätte: 1. In einem Fotoladen, der stufenlos zu erreichen ist, mit kompetentem Personal. Dafür zahle ich auch wirklich gerne mehr als am Automaten. Und 2., dass ein Kaufhaus durchaus während des laufenden Betriebes renoviert werden kann – aber nur ohne Leib und Leben der Kunden zu gefährden. Meine Abenteuer suche ich mir selbst, das muss nicht Karstadt für mich tun.

P.S.:
Barrierefreie Fotoläden dürfen sich gerne bei mir melden, hilfreiche Tipps diesbezüglich werden mit Kaffee trinken auf meine Kosten belohnt. Barrierefrei natürlich.

Kontraste

Das Leben ist voller Kontraste: Gestern noch war ich bei Edelmans Blue Hour und lauschte David Weinbergers Vorstellungen von richtiger Kundenansprache in Zeiten von Web 2.0, da finde ich heute in meinem Postfach eine Mail eines Unternehmens, das mir mitteilt, dass auch sie auf der CeBIT vertreten sind. Das alleine ist nichts besonderes, das haben an die hundert Firmen in den vergangen Tagen getan (ich bräuchte wahrscheinlich gar keinen Messekatalog. Ich müsste nur alle Mails ausdrucken).

Das besondere an der heutigen Mail: Das Unternehmen zeigt auf der CeBIT unter anderem Zeiterfassungsgeräte. Wow! Dass es das noch gibt – so Stempelgeräte! Und das auf der CeBIT – nix mit New Economy und so. „Wer kauft sowas heute noch?“ habe ich mich so spontan gefragt. Die Antwort bekam ich dann prompt beim abendlichen Stadtbummel: Im Personaleingang von Karstadt habe ich so Zeiterfassungskarten hängen sehen – aus Pappe.

Weinberger riet an die Unternehmen, transparent und nicht „stupid“ zu sein. Blogs könnten dazu beitragen. Vielleicht nicht unbedingt vom CEO (weil der das unter Umständen verlernt haben könnte, wie man Menschen menschlich anspricht), aber vielleicht von Mitarbeitern. Aber irgendwie kann ich mir nicht so ganz vorstellen, dass ein Unternehmen, das Pappkarten im Flur hängen hat, bloggt. Denn mit „Kontrolle abgeben“ habe Bloggen auch zu tun, meinte Weinberger. Das passt aber nicht zu den Zeiterfassungsgeräten.

Von mir aus muss Karstadt muss auch gar nicht bloggen. Ich wäre schon froh, wenn die Angestellten mich nicht so oft ignorieren würden und mehr Mitarbeiter (nicht alle!) die Floskeln „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ in ihren Wortschatz aufnehmen würden. Das ist schon fast wie menschliches Bloggen – nur halt Real Life 0.5 nicht Web 2.0.