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Tag Archiv für Delhi

Der Rückflug

Wir versuchten vor der Abfahrt herauszukriegen, welchen Sicherheitsrestriktionen wegen der Geschichte in London unser Flug unterliegt. Ich war auf dem Hinflug nur mit Handgepäck gereist (ein Rucksack, eine Tasche). Ich hatte sehr sparsam und platzausnutzend gepackt. Nun war die Frage, ob man Notebook, iPod & Co. überhaupt mit ins Flugzeug nehmen durfte. Meine Tasche war definitiv völlig ungeeignet, um aufgegeben zu werden und in meinen Rucksack passte nichts mehr hinein. Ich besorgte mir sicherheitshalber noch eine dritte Tasche, um gegebenenfalls umpacken zu können.

In Delhi muss das Gepäck, das eingecheckt wird, direkt am Eingang gescannt werden. Danach bekommen die Taschen ein Plastikband rundherum, das verhindern soll, dass man die Taschen nochmal aufmacht. Als wir ankamen hieß es, für Delhi gebe es keine neuen Sicherheitsvorschriften. Ich sah mich schon mit meinem Notebook surfend im Flugzeug sitzen – zu früh gefreut.

Der Rest der Gruppe flog mit Air France, ich flog Lufthansa. Während wir da standen und warteten wurden plötzlich alle Check-In-Schalter von Air France geschlossen. Die Lufthansa-Schalter waren noch nicht offen, weil mein Flug erst später ging. Dann fiel der Strom aus und wir saßen kurze Zeit in totaler Dunkelheit in dem riesigen Terminal. Man gewöhnt sich da übrigens irgendwann dran, dass man von einer auf die andere Minute im Dunkeln sitzt. Nachdem die Schalter wieder offen waren, gab Air France bekannt, dass man keine Batterien mit ins Flugzeug nehmen durfte. Das gelte für alle Flüge ab Delhi. Immerhin das Notebook durfte mit, wenn auch ohne Akku. Ich packte den iPod, meine Kamera und das Akku meines Notebooks in den Rucksack. Den musste ich jetzt wohl oder übel einchecken.

Irgendwann öffnete dann auch der Lufthansa-Schalter, ich gab meinen Rucksack auf, fragte nochmal nach den Regelungen und man bestätigte mir, dass es okay sei, mein Notebook ohne Akku mitzunehmen. Überall saßen jetzt Leute auf dem Boden und packten um. Ich ging durch die Grenzkontrolle und von dort in die Lounge. Ich hatte noch mehrere Stunden Zeit bis ich abflog und unterhielt mich nett mit zwei Engländern.

Vor meinem Gate war eine riesige Schlange. Die Sicherheitsleute waren den neuen Auflagen für die Kontrollen gar nicht gewachsen. Es gab eine Durchsage, die ich nicht verstand. Weit und breit gab es keinen Mitarbeiter und so zog ich einfach an der Schlange vorbei. Eigentlich wollte ich mich später wieder einreihen, wenn ich wusste, was los war, aber dazu kam es gar nicht. Man schleuste mich sofort vor zur Kontrolle. Sie akzeptierten das Notebook ohne Akku und alles war in Ordnung. Auch für meinen Rollstuhl interessierten sie sich nicht. So war ich relativ früh an Bord. Es gab wieder keinen Bordrollstuhl von Seiten des Flughafens, aber Lufthansa hatte einen an Bord. Mein eigener Rollstuhl wurde wieder mit an Bord genommen, klappte alles bestens und ich war sehr froh, Lufthansa geflogen zu sein. Ich aß noch was und schlief sofort ein. Erst in Frankfurt wachte ich wieder auf. Meinen Anschlußflug nach Hamburg hatte ich leider verpasst, weil wir wegen der Sicherheitskontrollen in Delhi eine Stunde verspätet abhoben. Aber die Lufthansa buchte mich auf die darauffolgende Maschine um, die ansich schon überbucht war. Es ist alles super gelaufen! Ein riesen Lob an Lufthansa, die mich sehr unterstützten.

Und noch ein Lob muss ich aussprechen: An meinen Rollstuhlhersteller Pro Activ. Was mein Rollstuhl in den vergangenen 14 Monaten, seit ich ihn habe, und insbesondere in den vergangenen Tagen mitgemacht hat, ohne nur eine Schraube zu verlieren oder sonst irgendeinen Defekt zu haben, lässt wirklich auf Qualität schließen. Die indischen Fahrer gingen mit dem guten Stück nicht wirklich pfleglich um, quetschten ihn irgendwo rein und ständig wurde er in seine Teile zerlegt. Das hat er alles problemlos mitgemacht. Er muss jetzt nicht mal in Reparatur.

Disclaimer: Ich habe einen Trainervertrag mit Lufthansa Flight Training. Ich hätte aber auch jede andere Airline gelobt, wenn sie mich heil von und nach Indien gebracht hätte.

Delhi

Ich hatte weder Zeit noch eine gute Möglichkeit von Delhi aus zu bloggen. Die Internetleitung war einfach zu schlecht und brach ständig ab. Seit heute morgen bin ich wieder in Deutschland und bin sehr froh, heil wieder zu Hause zu sein.

Delhi ist wirklich anders als der Süden Indiens. Während in Bangalore die Menschen auf der Straße neugierig waren und froh waren, wenn man mit ihnen redete, geht es Delhi nur ums Geld. Schon am Flughafen wollte mich ständig irgendwer irgendwo hinschieben (ohne vorher zu fragen natürlich), in der Hoffnung, Geld dafür zu bekommen. Ein freundliches „Nein, danke“ reichte da bei weitem nicht. Man musste die Leute schon wegschubsen oder anplärren, um sie los zu werden. Sehr unangenehm, aber sonst wäre ich ständig irgendwohin geschoben worden.

Wir wohnten im Ashok-Hotel, einem Staatsladen. Es gab ganze Armeen an Kellnern, aber was sie wirklich taten, war nicht zu erkennen. Mein Zimmer war barrierefrei, aber das Bad war ziemlich verdreckt. Zigarettenstummel lagen rum und es gab auch kein warmes Wasser. Auch der Fernseher ging nicht. Vor dem Hotel war eine Rampe mit etwa 30 Prozent Steigung. Die Pagen haben mich immer hoch- und runtergeschoben, was nicht ganz ungefährlich war. An einem Abend habe ich gegen Bakshisch einen Mitarbeiter dazu gebracht, mir WLAN im Zimmer zu aktivieren, so dass ich wenigstens meine Artikel absetzen konnte.

Am Freitag waren wir in Delhi unterwegs und ich muss sagen, ich war angenehm überrascht: Das Regierungsviertel sieht aus wie geleckt,

Verkehr in Delhi

es gibt schöne Parks

Park vor einer Grabstätte

und historische Anlagen und sehr gepflegte Grabstätten von Mogulen.

Grabstätte, die aussieht wie eine Moschee

Die historischen Stätten sind alle barrierefrei, es sind sehr geschmackvoll Rampen nachgerüstet aus alten Steinen.

Ruine

In einem total barrierevollen Land sind ausgerechnet die historischen Stätten barrierefrei. Man muss Eintrittsgeld zahlen. Für Ausländer gelten andere Preise als für Einheimische.

Schild mit Eintrittspreisen

Aber wir haben auch ein anderes Gesicht Delhis gesehen: Abgemagerte Kinder, die zwischen den Automassen Tänze aufführen, um Geld von den Leuten in Autos zu bekommen. Schwer kranke Menschen, die an die Autoscheiben klopfen. Unfälle, zu denen kein Krankenwagen fährt. Am Flughafen haben mir zwei englische Geschäftsmänner erzählt, dass ihr Rikschafahrer von der Polizei verprügelt wurde als er sie im Halteverbot aussteigen ließ. Auf den Autobahnen laufen Kühe rum. Sie sind heilig und dürfen deshalb wohl machen, was sie wollen. Menschen versuchen die Autobahnen zu überqueren und werden fast totgefahren. Studenten, die in Agra waren, erzählten mir, das sie gesehen haben wie ein Bus auf einen Mopedfahrer kippte.

Die Menschen in Delhi kennen Distanz zu anderen überhaupt nicht, scheint es. Die Autos berühren sich fast, wenn sie fahren. Man wird immer angefasst, es herrscht ständig Gedränge. Viele Autos sind schrottreif. Auf dem Weg zum Flughafen fuhren wir in einem Taxi mit einer derart durchgesessenen Rückbank, dass man eigentlich auf dem Boden sass. Man muss die Taxifahrer immer überzeugen, den Rolli nicht auf dem Dach zu transportieren. Vom Flughafen erzähle ich später.

Indien

Taj Mahal
Bild: Wikipedia

So, das ist wohl der letzte Eintrag vor meinem Abflug nach Indien. Nein, kein Urlaub (nicht schon wieder!). Ich fliege beruflich erst nach Bangalore und dann nach Delhi zum Imagine Cup von Microsoft. Eine Studentengruppe aus Hamburg steht im Finale mit einer Software zur Erfassung von Barrierefreiheit. Die Software ist klasse (hab ich mir schon angesehen), die Studenten auch. Ich freue mich sehr auf den Event und habe nicht wirklich eine Ahnung davon, was mich erwartet. Kommt mein Rollstuhl an? Ist das Hotel zugänglich? Wie komme ich voran? Ich bin umfangreich geimpft, jede Schraube meines Rollstuhls ist heute nochmal angezogen worden, ich habe ein neues Sitzkissen und fühle mich jetzt perfekt vorbereitet. Nicht zuletzt weil mein Kollege mich seit Wochen mit Wikipediaeinträgen zu so relaventen Dingen wie „Fakir“ oder „Schlangenbeschwörer“ bombadiert hat. :-)

Ich bin sehr gespannt, was mich erwartet. Es ist nach Dubai die mit Abstand abenteuerlichste Dienstreise, die ich bislang gemacht habe. Also stay tuned, ich werde natürlich bloggen über das, was mir in den nächsten Tagen in diesem völlig fremden Land so passiert. Drückt mir die Daumen!