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Schule

Neun Jahre ist es jetzt her, dass ich mein Abitur gemacht habe – nach dem Besuch eines regulären Gymnasiums, einer regulären Grundschule und zwei stinknormalen (okay, eines katholischen und eines evangelischen) Kindergartens. In gewisser Weise dachte ich auch, dass das normal ist. Ich habe lange Zeit gedacht, dass alle behinderten Schüler auf ganz normale Schulen gehen wie ich – bis ich auf einer Freizeit andere behinderte Kinder traf, die auf eine Körperbehindertenschule gingen. Aber auch da dachte ich noch, das sei eine Minderheit. Als ich an die Uni kam, dachte ich, jetzt treffe ich all die anderen rollstuhlfahrenden, nix sehenden oder nix hörenden Leute, die bislang andere normale Schulen besucht haben. Aber die Ausbeute war relativ gering. Obwohl die Uni Hamburg 45 000 Studenten hat, wimmelt es da nicht an behinderten Studenten. Im Gegenteil, ich fiel nicht nur in der Schule, sondern sogar an der Massenuni auf.

Nur 9 Prozent aller behinderten Schüler in Deutschland werden integrativ beschult, das heißt sie gehen in die Schule, in die auch der Nachbarsjunge geht. Es gibt Körperbehindertenschulen, Gehörlosenschulen, Schwerhörigenschulen, Blindenschulen, Schulen für Sprachbehinderte… Ein riesen System! Und die wenigsten finden aus diesem System den Weg zum Abitur oder sogar an die Uni. Die Gründe dafür sind vielfältig. Viele dieser Schulen bieten schonmal gar kein Abitur an. Wer wirklich Abitur machen will, muss sich irgendwie zu einer Schule durchkämpfen, die Abitur anbietet. Oft heißt das Internat. Es wird auch vielfach selbstverständlich davon ausgegangen, dass die Eltern grundsätzlich bereit sind, das behinderte Kind im hunderte Kilometer entfernten Internat zur Schule zu schicken, statt im Nachbarort. Gefragt werden sie übrigens in den wenigsten Fällen. Im Gegenteil, Eltern, die ihr Kind in eine Regelschule schicken wollen, müssen kämpfen bis zum Umfallen. Sie müssen eine barrierefreie Schule finden, einen Schulleiter, der das mitmacht, ist das Kind auf Assistenz angewiesen entweder selber zahlen oder wieder kämpfen. Einen Rechtsanspruch gibt es in den meisten Bundesländern nicht.

Neun Jahre habe ich also keine Schule mehr von innen gesehen und ich dachte während meiner Abizeit, dass in zehn Jahren schon viel mehr behinderte Schüler ganz normal wie ich zur Schule gehen können. Tsja, da habe ich mich wohl geirrt. Denn warum finden im Jahr 2005 immernoch Tagungen wie diese statt?

Die Gesellschaft schadet sich, meines Erachtens, selbst, wenn sie behinderte Kinder in Sonderschulen schickt. Wie soll eine Gesellschaft lernen mit behinderten Menschen umzugehen, wenn sie sie frühstens im Beruf kennenlernt? Eine Personalchefin, die einen Klassenkameraden hatte, der im Rollstuhl saß, wird viel eher einen Rollstuhlfahrer einstellen als jemand, der als Personalchef Berührungsängste hat.

Mir hat es enorm geholfen, dass ich von Kind an gelernt habe, mich in einer nicht behinderten Umgebung durchzusetzen, Barrierefreiheit einzufordern und in einem nicht behinderten Umfeld zu meiner Behinderung zu stehen. Schwimmen lernt man auch nicht auf dem Trockenen. Und nach der Schulzeit den Umgang mit nicht behinderten Leuten zu lernen, ist schwer. Dabei geht es gar nicht um Anpassung, sondern darum, sich durchzusetzen.

Wer behinderte Kinder von Anfang an ausgrenzt, in dem man sie separiert, der darf sich nicht wundern, wenn später die Integration nicht klappt. Und vielfach kommt dann das Argument, dass man behinderte Kinder vor der „Grausamkeit“ der anderen Kinder schützen will. Das impliziert, dass Erwachsene später weniger grausam sind. Mitnichten. Aber man ist viel besser im Training, wenn man den grausamen Erwachsenen schon als Kind begegnet ist. Und die Kinder sind vielfach gar nicht so schlimm, wie einige meinen. Außerdem: Wenn es normaler wird, dass auch behinderte Kinder in der Schule sind, verliert sich auch der Sonderstatus in der Schule.

„Ja, bei Dir ist das was anderes,“ höre ich manchmal, insbesondere von der Spezies der Sonderpädagogen. Ich kann dem nur widersprechen. Es ist die klassische Huhn-Ei-Frage. Nicht, weil ich selbstbewusst bin, bin ich in der Regelschule nicht untergegangen. Ich bin dort selbstbewusst geworden und zweifele daran, ob ich das in der Sonderschule geworden wäre.

11 Kommentare

  1. Dorothea sagt:

    Ist natürlich auch schon wieder bezeichnend, dass zwar die Streckenbeschreibung mit Graden der „Rollstuhleignung“ versehen ist – aber nichts davon bzgl. Tagunsgsräumlichkeiten steht. Wird wohl wieder „über“ die armen Behinderten, äh, zu Integrierenden, „fachmännisch diskutiert“, auf jeden Fall sind „die“ mal wieder nicht als GesprächspartnerInnen eingeplant.

    Typisch. Deutschland.

  2. Thomas sagt:

    Zum Thema Entwicklung von Integration:

    Ich bin auch in einen „normalen“ Kindergarten gegangen und habe Regelschulen besucht. Damals dachte ich auch, das wär alles ganz normal. In „denkfähigem“ Alter habe ich dann aber immer wieder Geschichten gehört, was für ein Kampf das für meine Eltern war.

    Ein Punkt, den die erkämpft haben, war eine Rampe an der Grundschule (am Eingang, um 5 Stufen zu überbrücken). Ein paar Jahre nachdem ich aus der Grundschule auf das Gymnasium gewechselt hatte, wurde die Schule umgebaut und wir waren auf dem Einweihungsfest. Jetzt ratet mal, was nicht mehr da war! Ja richtig, die Rampe. Passte nicht mehr in das Gesamtbild, oder was auch immer. So viel zum Thema „Aus den Augen, aus dem Sinn“…

    Da hat man also Jahre lang gekämpft, um barrierefreie bauliche Gegebenheiten zu schaffen (und nebenbei hat man ja auch gehofft, dass man was in den Köpfen der Leute ändert) und nach ein paar Jahren sieht man: War wohl nix…

    Insgesamt muss ich sagen, hat mir der Besuch der Regelschulen auch einiges gebracht. Heute fahre ich mein eigenes Auto (auch wieder so ein Kampf), habe grade bei nem Freund aus meiner ehemaligen Stufe in Amerika 4 Wochen Urlaub gemacht und überhaupt hat das mein Selbstbewusstsein und meine Eigenständigkeit sehr gestärkt.

  3. Das Argument mit der „Grausamkeit“ hörst du immer noch von Sonderpädagogen? Merkwürdig. Wo es doch durchaus differenzierte Argumente in beide Richtungen gibt.

    Vorweg vielleicht kurz, dass die Sprachheilschulen nicht ganz in deine Aufzählung passen, weil sie in der Regel „Durchgangsschulen“ sind, die die Kinder wieder verlassen, wenn sie – was bei Sprachbehinderungen ja weit öfter der Fall ist – so weit sind, dass die keine intensive individuelle Förderung oder Therapie bedürfen. Das andere Extrem begegnet mir gerade bei unseren Verwandten am Niederrhein, wo der eine Sohn auf die Hauptschule abgeschoben wurde vom Schulamt, weil es im Schulkreis weder Sprachbehinderungen noch Legastenie gibt. Die darf nämlich in NRW nur ein Amtspsychologe (oder so was) diagnostizieren. Den hat der immer schon CDU-regierte Kreis vor Jahren abgeschafft, um zu beweisen, dass CDU-Politik besser ist, es nämlich keine Legasteniker und Sprachbehinderte gibt. Punkt. Pervers.

    Aber zum Thema zurück:
    Aus meiner Sicht hast du vollkommen Recht. Wenn ich mir aber beispielsweise die integrative Regelklasse in Hamburg anschaue, dann zweifel ich. Da wird Kindern gezielt eine individuelle Förderung verweigert. Integration geht nur in einem wirklich integrierten Schulsystem, das auf die Besonderheiten _aller_ Schüler eingeht.

    Der einzige Bereich, den ich besser kenne, sind sowohl die Schulen für Geistigbehinderte als auch ihre Integration in Regelschulen. Und da fällt für mich die Einschätzung zwiespältig aus. Ich erlebe viele Kinder mit einer geistigen Behinderung, die in Regelschulen nicht so weit gekommen sind, wie sie mit ihren individuellen Fähigkeiten hätten kommen können, weil sie eben nicht wirklich aus ausreichend gefördert wurden.

  4. Christiane sagt:

    @Haltungsturner
    Doch doch, ich finde schon, dass die Sprachheilschulen in meine Aufzählung passen. Therapie hat meines Erachtens erstmal nichts in der Schule zu suchen und ich denke nicht, dass eine Sprachbehinderung ein Grund sein sollte, ein Kind, auch nur vorübergehend, aus seinem Umfeld rauszureissen. In der Schule sollte erst einmal Wissen vermittelt werden. Stattdessen steht die Sprachbehinderung im Vordergrund.

    Ich gebe Dir aber recht, es muss ordentliche Förderprogramme geben, die z.B. an die reguläre Schule angegliedert sind und die Familien entlasten. Übrigens tummeln sich in diesen Schulen zunehmend Ausländerkinder, die per se gar keine Sprachbehinderung haben, sondern einfach kein Deutsch können. Die werden dahin abgeschoben.

    Das Problem ist doch ein ganz anderes: Es gibt bei uns keine Kultur auf die Bedürfnisse des einzelnen Schülers einzugehen. Auch die Familien sind damit häufig überfordert. Die brauchen letztendlich weit mehr Unterstützung als das Kind selbst. Dann ist auch dem Kind geholfen. Stattdessen wird davon ausgegangen, dass die Eltern von A nach B und weiter nach C und D rennen, um für die Therapie des Kindes zu sorgen. Die Familien sind teilweise froh, wenn die Kinder in Sonderschulen sind, weil sie das Gefühl haben dürfen, es kümmert sich jemand anderes darum. Diese Therapiegeschichten müssen raus aus dem Unterricht, was aber nicht heißt, dass es an Schulen keine Förderprgramme (z.B. nachmittags) geben kann.

    Ich finde es z.B. auch ein Unding, dass in manchen Körperbehindertenschulen Krankengymnastik auf dem Stundenplan steht. Das hat da nichts zu suchen und die Kinder werden zum Teil auch einem Therapie-Terror ausgesetzt.

    Ich kenne mich wenig aus, was die Integrationsklassen in Hamburg angeht. Ich bin hier nicht zur Schule gegangen. Ich war auch nie in einer „Integrationsklasse“. Schon alleine, dass man das erwähnt, dass es sich um eine Integrationsklasse handelt, zeigt, dass es eben nicht normal ist, dass behinderte Kinder in normale Schulen gehen. Den Begriff „sonderprädagogischer Förderbedarf“ habe ich Gott sei Dank erst nach meinem Abi kennengerlernt. Aber ich kenne so manche Geschichte aus Sonderschulen, auch hier in Hamburg. Glaub mal nicht, dass dort behinderte Kinder grundsätzlich individuell gefördert werden. Da wird teilweise mit dem Giesskannenprinzip ein Programm durchgezogen, das längst nicht jedem gerecht wird. Und das Programm „Selbstbehauptung“ und „Selbstbestimmt leben“ vermisse ich an den Schulen vielfach gänzlich.

  5. Christiane sagt:

    @Thomas
    Interessant zu lesen, dass es Dir ähnlich ging wie mir. Auch meine Eltern haben natürlich irre gekämpft.
    Zu der Geschichte mit der Rampe: Auch wenn es an der Grundschule nicht von Dauer war, irgendwann baut wieder irgendwer für Dich ne Rampe und die zweite oder dritte und irgendwann bleibt sie da. Mir kommt es auch manchmal vor, man geht zwei Schritte vor und drei zurück, aber plötzlich ist es dann umgekehrt. Mühselig ist es natürlich, aber je mehr Leute Rampen vor Grundschulen legen lassen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass eine davon liegen bleibt. :-) Ich habe für eine Rampe vor dem Hauptgebäude der Uni Hamburg gekämpft. 2003 habe ich mein Diplom gemacht. Sie liegt immer noch.

  6. Das Problem an der gesamten Diskussion scheint mir immmer wieder zu sein, dass die meisten von sich auf andere schlließen (so oder so). Und während ich dir voll zustimme in allem, was zu beispielsweise zu Kindern mit einer Körperbehinderung (und fast immer gilt das auch für Kinder mit Sinnesschädigungen) sagst, sehe ich es immer noch nicht schwarzweiß. In hamburg ist es theoretisch so, dass eine Schule eine Rampe bauen _muss_, wenn ein Kind im Rollstuhl eingeschult werden will. In der Praxis – und das hat mich beispielsweise in Duvenstedt die Krätze geärgert – werden Kinder und ihre Familien massiv rausgemobbt aus der Schule, wenn sie beispielsweise leichte Spasmen haben oder eine Gehhilfe brauchen. Es beginnt also schon viel früher als bei einer „offiziellen“ Behinderung.

    Und ja: Ich denke auch, dass es einen kulturellen Unterschied macht, ob Kinder mit Besonderheiten weggesperrt werden oder zum normalen Alltagsbild gehören, wie ich es in Skandinavien erlebe. Ob der italienische Weg richtig ist, einfach alle Sonderschulen aufzulösen, die Förderlehrer zu entlassen und auch keine Baumaßnahmen vorzusehen, bezweifel ich aber doch sehr.

    Ein Kind, das eine individuelle 24-Stunden-Betreuung braucht, weil es beispielsweise sonst zu ersticken droht, und dazu keine wahrnehmbaren Reaktionen auf Sinnesanregungen zeigt und alle drei Minuten schreit, kann und sollte zweifellos in einer Regelschule integriert werden. Der Meinung bin ich auch. Dass das aber nicht so trivial ist, dürfte jedem einleuchten, oder?

    Ein Kind mit einer eher leichten geistigen Behinderung wie dem Downsyndrom kann in der Regel problemlos (also ohne extrem erhöhten Aufwand für alle) in einer Regelschule integriert werden – allerdings kenne ich eine Reihe von Kindern, die dadurch nicht halb so weit mit Lesen und Schreiben und Sprechen gekommen sind wie sie könnten – weil sie faktisch „Beistellkinder“ waren, die nicht zu stören haben.

    Ich habe sowohl in der Hamburger Schulpolitik als auch an der Uni (Pädagogik, Theologie) so ziemlich alle Diskussionen um dieser Thema in den späten 80ern und den 90ern mitgemacht. Und mich haben weder die radikalen „Ichbinnormalundjederhatsichaufmicheinzustellen“-Leute überzeugt noch die ängstlichen Behüte-Pädagoginnen.

  7. Christiane sagt:

    @Haltungsturner
    Nein, das ist nicht das Problem. Es gibt viele Leute, die in Sonderschulen waren, die sich dennoch für die Integration behinderter Schüler in Regelschulen einsetzen.

    Das mit dem Anrecht auf eine Rampe in Hamburger Schulen finde ich ja interessant. Dass es nicht klappt, glaube ich auch. Denn es hapert an den Strukturen. Wenn man auf die barrierefreie Einrichtung von Schulen von Anfang an denken würde, dann müsste man nicht ständig für jedes einzelne Kind irgendwelche Massnahmen diesbezüglich machen. Und Deine Beschreibungen zeigen eines: Es hängt vieles vom (Integrations-)Willen der Leute, meistens der Lehrer, ab.

    Außerdem ist es mit einer Rampe ja nicht getan. Ich bin der Meinung, dass die Bedürfnisse jedes Kindes (ob behindert oder nicht) berücksichtigt werden müssen. Es geht um individuelle Förderung. Und dazu gehört natürlich, ein optimales Umfeld zu schaffen, baulich, in Bezug auf Assistenz, sozial, in Zusammenarbeit mit den Familien und vor allem mit dem Kind. Und das hat natürlich damit zu tun, ob sich die Gesellschaft auf die Unterschiedlichkeit der Menschen einlässt oder nicht. Es ist normal, verschieden zu sein, fällt mir dazu ein. Und in diesem Sinne denke ich schon, dass sich die Gesellschaft, gerade in der Schule, auf diese Verschiedenheit einstellen muss. Dass das trivial ist, habe ich nie behauptet. Bislang wird aber mit teilweise recht trivialen Konzepten gerade nicht integriert.

    Noch einen kleinen Kommentar zu den „ängstlichen Behüte-Pädagogen“: Bei einigen habe ich den Eindruck, die haben keine Angst um die Kinder, sondern um ihren Arbeitsplatz. *duck* ;-) Denn zum Integrieren gehört auch zu akzeptieren, dass trotz Behinderung kein Förderbedarf besteht oder viel besser durch andere Personen (Zivis, Assistenz etc.) abgedeckt werden könnte als durch Pädagogen. Ein guter Ansatz dafür wäre, das Themengebiet Behinderung für alle Lehrer verpflichtend zu machen und zusätzlich statt eines ganzen Ausbildungszweiges Sonderpädagogik zu unterhalten, den Lehrern über Ausbildungsmodule, Aufbaustudien eine Spezialisierung zu ermöglichen. Aber dann hätten erst einmal alle die gleiche Basis und es wäre durchaus sinnvoll auch Lehrer an Regelschulen in solchen Themen auszubilden.

    Ich kenne die Situation in Italien nicht, aber die in den skandinavischen Ländern und in den USA und Kanada. Da werden die Kinder vielfach durch Stützpunkte in den Regionen unterstützt, die bieten Assistenz an, Förderprogramme etc. Aber das muss man halt auch wollen. Das kostet wahrscheinlich nicht einmal mehr als die ganzen vielen Sonderschulen zu unterhalten. Vielleicht sogar weniger. Aber viele Sonderpädagogen werden sich dann darauf einstellen müssen, an regulären Schulen zu unterrichten. Ich bin nicht sicher, ob sie das alle möchten.

  8. Christiane, wo soll ich nur anfangen?

    Ich verfolge eure Diskussion sehr interessiert. Ich war in einem Internat und das insgesamt 16 Jahre lang. Aber damals, zumindest mitte bis ende der Achtziger, gab es hier in Marburg an der BliStA, dem „Blindengymnasium“ schon Debatten über integrative Beschulung. Meistens wurde diese abgelehnt, weil behauptet wurde, das könnte wegen mangelnder Förderung und zu hoher Belastung für die Schülerin oder den Schüler nicht funktionieren. Eine Schülerin hatten wir, die von ihren Eltern nach mehrfachem Wiederholen auf eine Regelschule geschickt wurde, wo sie dann tatsächlich das Abitur machte und zum Jurastudium ging. Als sie später von ihren Erfahrungen berichtete sagte sie sinngemäß, sie würde nachmittags und abends bis in die Nacht mit ihrem Vater zusammen sitzen, der ihr die Texte übertrage, die Klausuren mache und so weiter. Für Sozialkontakte an Schule und Uni blieb keine Zeit, aber sie hat es geschafft, und die Eltern sind riesig stolz.

    Andererseits habe ich selbst die Grausamkeit des Internats, sein unmenschliches System und seine fehlende Förderung erlebt. Das Argument, dass in Sonderschulen ja auf individuelle Bedürfnisse eingegangen wird, zieht für mich nicht, denn das ist schlicht nicht wahr. Zwar wurden alle Schüler so lange es ging durchgeschleppt, egal ob sie den Stoff verstanden oder nicht, aber dadurch sank das allgemeine Niveau, ohne dass den Betroffenen geholfen wurde, weil es keine kompetenten Leute und keine Zeit gab.

    Die Schule soll Wissen vermitteln, aber sie ist auch ein großer Teil des sozialen Umfeldes eines Kindes. Dem muss man Rechnung tragen gerade in einer Zeit, wo die Familienstrukturen für Kinder immer seltener als Stütze zur Verfügung stehen. Wenn man also eine integrative Beschulung vornimmt, dann muss die Infrastruktur und das soziale Umfeld stimmen, sonst nämlich stimmt es einfach, dass die Lernbelastung ohne kompetente Assistenz zu hoch ist und das soziale Umfeld auf der Strecke bleibt. Weil das Bundesverfassungsgericht in seiner Weisheit das zwar erkannt, aber integrative Beschulung unter „organisatorische, personelle und sächliche“ Vorbehalte, sprich den Finanzierungsvorbehalt gestellt hat, haben wir jetzt den Salat. Dieses Urteil war es übrigens, das mich in die Behindertenpolitik trieb 1997.

    Eins aber weiß ich ganz genau: Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nur noch sehr schwer. Das erlebe ich selbst in meinem eigenen Leben. Das ist ein Plädoyer für die integrative Beschulung. Mir ist nur wichtig, dass man nicht drauflos prescht und sich dafür einsetzt, ohne die Konsequenzen in ihrer gesamten Tragweite zu bedenken. Im Internat hatte ich oft das Gefühl, auf eigenem und verlorenem Posten zu stehen. Wenn ich aber mit meinen Eltern damals hätte arbeiten müssen, wenn die mir hätten helfen müssen, meine Schule zu machen, und das alles nachmittags nach der regulären Schulzeit, weil die Technik noch nicht so weit war, dann hätte ich noch mehr auf verlorenem Posten gestanden. Meine Eltern haben ihre 16 Stunden täglich in der Fabrik gearbeitet. Für ein soziales Umfeld, für das also, was wirklich wichtig ist, hätte ich auch keine Zeit gehabt. Denn nur durch sozialen Umgang miteinander, werden behinderte Menschen in unserer Kultur normaler.

    Sorry, etwas lang geworden, aber ich könnte Bücher schreiben.

  9. Dorothea sagt:

    @Haltungsurner,

    solche Beispiele

    Ein Kind, das eine individuelle 24-Stunden-Betreuung braucht, weil es beispielsweise sonst zu ersticken droht, und dazu keine wahrnehmbaren Reaktionen auf Sinnesanregungen zeigt und alle drei Minuten schreit,

    kommen ja häufig, wenn es um „Behinderten“-Gleichstellungs- oder „Integrations-„Maßnahmen geht. Meist, um zu „beweisen“, daß „das ja nun bei aller Liebe wirklich nicht geht“. Sieht ja auch jedeR ein – „sowas“ hat doch in „normalen“ Schulen/Unis/Büros etc. nix zu suchen. Und mit solchen Maximalbeispielen kann mensch ganz bequem auch gleich die Forderung insgesamt abzbügeln – denn, wenn schon einmal die Türen für RollstuhlfahrerInnen oder Blinde geöffnet werden, kommt der „Rest“ sogleich quasi flutähnlich „nachgeschwappt“, gelle? Und _das_ geht „bei aller Liebe nun mal wirklich nicht ….“

    Ich bin heilfroh, daß meine „Behinderung“ erst nach Schule und Uni „sichtbar“ geworden ist. So ist mir erspart geblieben, in irgendeine Krüppelaussonderungsspezialanstalt gesperrt worden zu sein. Hab mich ja schon an einem „Normal“-Gymnasium zu Tode gelangweilt.

  10. Erinnerungen an meine Schulzeit

    Am kommenden Freitag ist es genau dreißig Jahre her, dass ich eingeschult wurde. Deshalb denke ich im Augenblick oft über meine Zeit im Internat nach.

    Außerdem hat mich ein Beitrag im Blog von Christiane Link auf dieses Thema gebrac…

  11. Siegfried sagt:

    Wow, wenn ich das alles jetzt so höre, hab ich ja mächtig Glück gehabt. Ich bin 1965 eingeschult worden und hatte aber etwa 1972 einen Rollstuhl. Immer Regelschulen. Immer Glück mit den Mitschülern und vorallem auch Glück mit den Lehrern, die einen privaten Fahrdienst für mich organisiert haben.
    Nach Realschule dann Aufbaugymnasium – auch keine Probleme. Und dann Uni, wo Rampen gebaut worden sind, als ich angefangen habe zu Studieren. Und die Rampen sind heute noch dort.
    Ich, bzw. meine Eltern haben nie mit dem Problem zu kämpfen gehabt, ob ich eine normale Schule besuche oder nicht. Ich bin einfach gegangen, bzw. gefahren. Ich kann mich zwar gut erinnern, dass viele Mitschüler damals ungläubig geschaut haben, aber in kurzer Zeit war ich im Klassenverband integriert und war eigentlich bei allen Veranstaltungen, Ausflügen usw. dabei. In den verschiedensten Situationen haben ich später dann erfahren, dass viele von den Mitschülern über die gemachten Erfahrungen ganz froh waren und somit auch eine andere Hilfsbereitschaft hatten, bzw. offener mit Behinderten umgehen konnten. Denn das meiste, zumindest aus meiner Erfahrung, waren Berühungsängste aufgrund von Unsicherheit.
    Witzig fanden ein Freund und ich damals (1974) immer, wenn wir mit Rollstuhl in der Stadt unterwegs waren, dass die meisten Erwachsenen Bauklötze gestaunt haben, weil sie sowas meist noch nicht gesehen hatten. Aber das hat sich mittlerweil zum Glück geändert und Rollstühle bzw. Behinderte gehören zum normalen Stadtbild.
    Dass ich dann wiederum solche Punkte höre, dass sich Eltern wehren gegen behinderte Mitschlüler find ich ja wirklich ein ziemlich starkes Stück. Die haben wohl selbst noch nie mit Behinderten zu tun gehabt und deshalb wohl auch die Berühungsängste.
    Da hilft eindeutig nur „rausgehen“ und „mitleben“. Öffentlich.