Share on FacebookShare on Google+Flattr the authorTweet about this on Twitter

Ja, ich reise alleine

Ich war ein wenig spät, aber sah schon von weitem, dass ich Glück hatte: Niemand war an den Check-In-Countern zu sehen. Ungewöhnlich für die Tageszeit. Als ich um die Ecke bog, wurde mir klar, warum. Da waren wieder Geschwader von Mitarbeitern unterwegs, die Passagiere nötigten freundlich aufforderten, doch bitte am Automaten einzuchecken. Ich ignorierte die Herrschaften hartnäckig, denn Passagiere im Rollstuhl müssen am Counter einchecken.

Als ich mir den Weg durch die Schlange vor den Automaten gebahnt hatte und gerade auf die Durchleuchtungsmaschine für Gepäck zusteuerte, hörte ich wie der eifrige Mitarbeiter die Frau ansprach, die etwa 10 Meter (!!!) hinter mir lief. Sonst war kein Passagier in Reichweite. „Sie reisen mit der Dame?“ – Keine Reaktion. „Reisen Sie zusammen?“ – wieder keine Antwort. Die Dame war den Gewändern nach zu urteilen aus einem fernen Land und verstand ihn offenbar nicht. Und ich stellte meine Ohren auf Durchzug – ich war ja auch gar nicht angesprochen…

Dann versuchte er es bei mir: „Reisen Sie zusammen?“. „Nein“, sagte ich. „Ich reise alleine.“ Er konnte es kaum fassen. Es war mir schleierhaft, warum er überhaupt fragte. Vielleicht passte es nicht in sein Weltbild und er versuchte dieses gerade wieder mit der Realität abzustimmen. Ich versuchte, ihn zu ignorieren. „Sie müssen noch zur Durchleuchtungsanlage“, sagte er mir. Ich hätte längst dort sein können, dachte ich so bei mir. Ich machte ihm freundlich aber bestimmt klar, dass ich schon alleine zurecht komme und verschwand.

Am Schalter angekommen, fragte die Mitarbeiterin gleich, ob ich alleine reise. Ich hatte plötzlich den Eindruck mir folgt jemand, nur ich bin die Einzige, die die Person nicht sieht. Weit und breit war niemand zu sehen. Wer sollte also die Person X sein, die mit mir fliegt?

Das Rote Kreuz am Flughafen, die mir beim Einstieg ins Flugzeug helfen, waren mal wieder zu spät. Die anderen Passagiere stiegen vor mir ein. Ich war die Letzte. „Fliegen Sie alleine?“, begrüßte mich die Flugbegleiterin. Und ich hatte immer gedacht, ein Pilot fliegt die Maschine! „Ja, ich reise alleine“, sagte ich.

In Frankfurt gibt es einen speziellen Dienst für behinderte Reisende, die einen am Flugzeug abholen und behilflich sind, falls nötig. Die Mitarbeiterin war nett, aber sehr unsicher und erzählte mir auch gleich, dass sie erst seit kurzem dort arbeite. „Fliegen Sie immer alleine?“, fragte sie mich. Und so beantwortete ich diese Frage vom Check-In bis zum Gepäckband innerhalb von zwei Stunden vier Mal.

Reisen, Rollstuhl, Fliegen, Flughafen

4 Kommentare

  1. Das viele offensichtlich Probleme haben, eine Rollstuhlfahrerin anzusprecen, kenne ich als Reisebegleiter einer Tetraplegikerin auch nur zu gut. Man wird gerne als erster angesprochen, obwohl man grade von der Sache her gar nicht gefragt wäre.

    Ich finde Deinen Artikel übrigens auch noch insofern klasse, weil er zeigt, dass auch am Flughafen Rhein-Main noch lange nicht alles in Ordnung ist. Ich mache gerade ein Uni-Seminar, dass in Zusammenarbeit mit der Fraport AG ausgerichtet wird und bei dem der Vorstandsvorsitzende Dr. Bender anwesend ist. Der meinte doch bei der letzten Session tatsächlich, sich über die neue EU-Regelung zu den Rechten von Flugreisenden mit eingeschränkter Mobilität aufregen zu müssen (mehr dazu unter:
    http://europa.eu.int/scadplus/leg/de/lvb/l24132.htm ). Tenor: Das sei unnötige Bürokratie. Ich habe ihm widersprochen, fürchte aber, so richtig eingesehen hat er es nicht…

    Liebe Grüße
    Stefan

  2. Dorothea sagt:

    Ja wie kannst du es denn auch wagen … Krüppel, äh, Behindis, nein falsch – Behiiindattte werden gehegt, gepflegt und durch die Gegend gekarrt, und reisen nicht „alleine“. Noch nichtmal in einer Gruppe Gleich“betroffener“ mit Zivihilfe, tststs. Da brechen ganze Weltbilder ein.

    Womöglich wollen „die“ auch in anderen Bereichen des Lebens selbständig sein, tstststs ….

  3. Outsider sagt:

    Hallo Christiane, ein Trackback klappte leider nicht. Bitte lese meinen Beitrag http://outsider.blogg.de/eintrag.php?id=386 Ich habe Dich für die SocialBlogs vorgeschlagen.

  4. Outsider sagt:

    @ Stefan, ich habe mir die Rechte von Flugreisenden mit eingeschränkter Mobilität mal angesehen. Erkenne ich das richtig, dass von den Fluggesellschaften bei mobilitätseingeschränkten Menschen zukünftig gesetzlich eine Begleitperson gefordert werden kann? Welche Kriterien sollen dann gelten? Mein Mann und ich wir sind beide Rollstuhlfahrer und fliegen immer allein.