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Geschichten, die das Leben schreibt

Unser Lieblings-Chinarestaurant hatte geschlossen. Wir entschieden uns, in die Tür daneben zu gehen und stattdessen ein portugiesisches Essen zu uns zu nehmen. Der Kellner kam sofort und hielt mir die Karte hin. Ich nahm sie. Dann hielt er O. die Karte hin. „Ich brauche keine Karte“, sagte O. als er merkte, dass ich die Karte bekam. „Ich bin blind“, sagte er. Meistens reagieren die Kellner dann etwas erschrocken oder erstaunt. Aber dann ist das Thema erledigt. Diesmal nicht.

Der Kellner schaute verschmitzt und fing an mit beiden Händen in der Luft hin- und herzuwinken. Zudem tänzelte er von einem Bein auf das andere. Ich verstand erst gar nicht, was dieses Szenario sollte, musste aber lachen. Dann hielt er O. die Karte wieder hin. In dem Moment verstand ich, dass der Kellner uns nicht glaubte und dachte, O. hätte einen Witz gemacht und wollte mitspielen. „Entschuldigung, er ist wirklich blind“, sagte ich. Und das Schauspiel begann von vorn. Er winkte wieder völlig peinlich und hüpfte vor unserem Tisch rum.

Ich konnte schon nicht mehr vor Lachen. Die Situation war so skuril und O. merkte unterdessen durch den Wind, den der Kellner produzierte, dass irgendetwas Verrücktes passierte. O. zog seinen Blindenstock unter dem Tisch hervor und sagte: „Auch wenn Sie es nicht glauben: Das ist mein Blindenstock. Ich wollte keinen Witz machen.“

In dem Moment gefror der Kellner von einer Sekunde auf die andere stocksteif. Sämtliche Gesichtsfarbe machte sich aus dem Staub, er rang mit der Fassung. Dann kam die Entschuldigungsarie während wir versicherten, dass alles halb so schlimm sei. Man sehe O. nunmal nicht an, dass er blind ist blabla… Mir liefen die Tränen runter vor Lachen.

Der Kellner drehte sich um und versuchte, vor Scham in die Küche zu flüchten. Wir amüsierten uns köstlich. Doch bis zur Küche kam er gar nicht. Wie auf Kommando kamen drei weitere Blinde auf die Bildfläche. Sie betraten das Restaurant und suchten einen Tisch. Der Kellner schoß auf sie zu und zeigte ihnen den Weg zum nächsten freien Tisch. Wir haben ihn dann aber nicht mehr Winken und Tanzen sehen.

7 Kommentare

  1. johnny sagt:

    Bitte nächstes Mal unbedingt die Handy-Kamera zücken! :)

  2. marie sagt:

    Danke!
    *Tränenwegwisch*

  3. Celise sagt:

    *lach* das leben ist manchmal wirklich zu kurios…

  4. Andreas sagt:

    *G* schön wenn man über sowas steht und darüber lachen kann…. Dem Kellner passiert das garantiert nicht noch einmal…

  5. Karin sagt:

    :-)))

  6. martin sagt:

    ich sags zum wiederholten male: ein fall fuers NEON, rubrik „deutsche geschichten“

  7. Björn von der Konkurrenz sagt:

    So, jetzt habe ich auch Tränen gelacht. Köstlichst :)