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Die Gehörlosen sterben aus

Vorhin saß ich noch mit einer gehörlosen Freundin im Café. Jetzt muss ich lesen, sie gehört angeblich zu einer aussterbenden Spezies. Das jedenfalls will uns die Internet Professionell weismachen. In einem Artikel über die barrierefreie Gestaltung von Internetseiten lese ich:

“(..) für die kleine und dank modernster Hörgeräte schrumpfende Zielgruppe der Gehörlosen (..)”

Liebe Kollegen der Internet Professionell, gehörlose Menschen werden nicht zu Hörenden, nur weil es bessere Hörgeräte gibt. Diese Technikgläubigkeit zur Negierung von Behinderungen in diversen Artikeln unterschiedlichster Medien in den vergangenen Monaten macht mir langsam wirklich Sorgen.

Die Mehrheit der gehörlosen Menschen hört auch mit Hörgeräten außerordentlich schlecht. Vielen nutzen sie gar nichts. Oder meint Ihr Schwerhörige? Ja, das ist ein Unterschied. Und auch deren Hörvermögen kann auch mit modernen Hörgeräten nur bedingt verbessert werden.

Und seid Ihr sicher, dass Gebärdensprache “gesprochen” wird? Wisst Ihr, dass die Deutsche Gebärdensprache als eigene Sprache rechtlich anerkannt ist? Dass sich gehörlose Menschen weniger als behindert denn als sprachliche Minderheit ansehen und die Deutsche Gebärdensprache ihre Muttersprache ist? Dass es weit mehr Aspekte gibt als “Sind ja nur so wenige”? Und wo wir gerade dabei sind: Wann wird Eure Webseite eigentlich barrierefrei?

10 Kommentare

  1. Ralph Raule sagt:

    Moin Christiane,
    die Mär mit dem Aussterben ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst und betrifft ja nicht nur uns Gehörlose. Bei dem Artikel selbst habe ich mich zuerst darüber gefreut, dass man akzeptiert, dass es offensichtliche ‘vergessene Zielgruppen’ gibt und man hierzu auch die Lösung für diese anerkennt. Die Schlussfolgerungen daraus sind allerdings weniger originell.

    Wo auch immer die Autoren ihre Zahlen beziehen, die Diskussion verläuft gerade dann, wenn es wirtschaftliche Faktoiren geht, von der Qualität in die Quantität und wird zum Totschlag-Argument. Eine häufig verfolgte Strategie.

    Schon mit dem Mailänder Kongress in 1880 mit dem Verbot der Gebärdensprache wurde das Aussterben gehörloser Menschen bestimmt. Bis heute ist es nicht geglückt, Gehörlose gibt es noch immer und wird es auch immer geben.

    Es sei denn, man verbietet das Recht auf Anderssein, man verbietet es zu sagen: "Ich habe ein Recht darauf, gehörlos zu sein" und passt alle Menschen nach der gleichen Norm an. Alle sind gleich, keine Unterschiede mehr, hurrah!?

    Monotonie und Berechenbarkeit überall, wie wunderbar einfach ist die Welt geworden. Business Pläne können einen Zeitraum von 10 Jahren haben und exak bestimmt werden, Prognosen verdienen das Wort nicht mehr. Alles kann vorausgesagt werden. Wer will in einer solchen Gesellschaft leben?

  2. Ralph Raule sagt:

    Ich kann es nicht lassen, ich muss noch etwas dazu schreiben. Wenn man von dieser ‘kleinen Zielgruppe’ spricht, dann spricht man zwar von ca. 150.000- 200.000 Gehörlosen (GL) in Deutschland, aber auch von 3,5 Mio. GL in Europa und wohl weltweit von ca. 60 Mio. gl Menschen.

    60 Mio. Menschen, die bislang als Zielgruppe nicht erkannt und bedient wurden. Wenn jeder dieser Menschen jährlich nur ein Euro ausgeben würde, wären das 60 Mio. Euro Umsatz jährlich. Welches Unternehmen kann von sich behaupten, dass ihm 60 Mio. Euro Umsatz nicht tangieren, weil der Aufwand, diese Zielgruppe zu bedienen, sicht nicht rechnet?

  3. Christiane sagt:

    @Ralph
    Ich finde, es geht auch um ein Grundrecht auf Information. Natürlich haben Gehörlose eine gewisse Kaufkraft. Aber ich finde, das allein darf auch nicht ausschlaggebend sein.

  4. coffee sagt:

    guten morgen, bin durch zufall auf diese seite gekommen. aber irgendwie betrifft sie mich ja auch"mal" eventuell, also vielelicht.

    und wie immer ist eine gruppe menschen, nur weil sie anderst ist gleich eine randgruppe! nein finde ich nicht gut. auch wenn ich mich persönlich gerne mal am rand von irgendwas bewege ;-)

    integration ist das zauberwort.

  5. Ralph Raule sagt:

    @Christiane: Natürlich darf die Kaufkraft nicht DAS Argument sein. Es bzw. die Kosten-Nutzen-Rechnung wird allerdings gerne genommen und ich bin der Meinung das führt ins Leere, wie ich oben aufführe.

    Wenn Du Dein Argument mit dem Grundrecht auf Information in die Gespräche einbringst, die oft führe, dann lächelt man mich recht milde an. Du solltest mal dabei sein. Ich sehe das genauso wie Du, aber andere Menschen ekennen das Grundrecht auf Information leider nicht an.

  6. Christiane sagt:

    @Ralph
    Ich glaube Dir das sofort, dass Dich die Leute milde anlächeln. :-(

  7. Nixman sagt:

    >Und seid Ihr sicher, dass Gebärdensprache “gesprochen” wird?

    wie wird denn Gebärdensprache sonst „artikuliert“? Ich dachte man sagt da auch „gesprochen“?
    (ps: man beachte wie Anführungszeichen korrekt gesetzt werden :-)

  8. Ralph Raule sagt:

    @Nixman: Verstehe die Frage nicht. Ist gemeint: Lautsprache = Laute durch Mund = gesprochene Sprache? Und daher Gebärdensprache = Kommuniktaion mit Augen und Händen un= Laute durch Mund un= gesprochene Sprache? Es ist die Frage, wie man Sprache definiert.

  9. Dieser Bericht "Die Gehörlosen sterben aus" ist ein Irrtum – und wenn 99 % der Leser daran glauben, sind 99 % im Irrtum ;-)

    Es gibt immer Menschen, denen die Hörgeräte bzw. die beste Technik auch nicht helfen, in die Gesellschaft integriert zu werden…

    Ich bin selbst gehörlos und weiß daher ganz genau, wovon ich rede…

    Nur weiter so, liebe Christiane, deine Berichte über alles, was Behinderungen betrifft, sind sehr interessant und ich schaue immer wieder gerne in deinen "Behindertenparkplatz"-Blog!

    Mit meinem http://www.gehoerlosblog.de stehe ich erst noch am Anfang…

  10. Alexandra Malundama sagt:

    stimmt o.k