Share on FacebookShare on Google+Flattr the authorTweet about this on Twitter

Deutschland ist ein Fall für die Werbeaufsicht

Deutschland ist für behinderte Menschen voll zugänglich. Glaubt Ihr nicht? Da habt Ihr recht, aber genau das will die Bundesrepublik Deutschland gerade behinderten Briten erzählen, denn die sollen in Deutschland bitte Urlaub machen. Dafür hat Deutschland, finanziert aus den Mitteln des Bundeswirtschaftsministeriums eine Printkampagne aufgelegt, die den erstaunlichen Slogan hat: „Access All Areas – Welcome to Germany“.

Werbung

Weiter heißt es (sinngemäß) übersetzt „Deutschland bietet eine Fülle von Möglichkeiten für einen erholsamen Urlaub. Besucher mit Behinderungen und eingeschränkter Mobilität, Ältere eingeschlossen, und Menschen mit Sportverletzungen sind alle in der Lage Deutschland voll zu genießen. Deshalb bieten viele Orte, Städte und Regionen in Deutschland spezielle Pakete für Menschen Behinderungen an. Da ist etwas für jeden dabei.“

Leider vergisst die Werbung einige nicht ganz unerhebliche Dinge zu erwähnen. Wie das ja manchmal so ist bei Werbung. Oder die Verantwortlichen haben ihr Büro seit Jahren nicht verlassen und glauben ernsthaft, Deutschland sei barrierefrei.

Ich bin beim Realitätsabgleich gerne behilflich:

– Deutschland ist gar nicht so barrierefrei wie sich viele nicht behinderte Menschen einbilden.
– An Europas größtem Flughafen Frankfurt ist es nur ganz schwer möglich, ein Taxi zu bekommen, das ein Kombi ist. Ein barrierefreies Taxi findet man an keinem Flughafen, das muss man Wochen vorher vorbestellen. In den meisten Städten gibt es gar keines. Wer stufenlos zur S-Bahn möchte, muss das Bahnpersonal des Flughafens Frankfurt am selten besetzten Servicepoint des Lokalbahnhofs bemühen und lernt den Müllraum des Bahnhofs kennen. Vielleicht meinten die Werber das mit „Access All Areas“.
– Der Berliner Funkturm lädt alle Besucher ein, außer Rollstuhlfahrer. Die dürfen nicht hinauf. Aus Sicherheitsgründen.
– Es gibt einen massiven Mangel an barrierefreien Toiletten. Überall. Einfach mal beim nächsten Kneipen- oder Restaurantbesuch darauf achten, ob es eine barrierefreie Toilette gibt. Nicht nur ebenerdig, sondern mit Griffen und so und breit genug für einen Rollstuhl.
– Es gibt auch einen Mangel an barrierefreien Hotelzimmern, die nicht mehr als 100 Euro kosten. Einfach beim nächsten Urlaub oder bei der Dienstreise mal fragen, ob das Hotel barrierefreie Zimmer hat und ob diese Einzel- oder Doppelzimmer sind. Es scheint in Deutschland unter Hoteliers dieses Gerücht zu geben, behinderte Menschen reisen immer alleine. Ja, ich meine auch Euch, Motel One.

Und noch ein Wort an die Werber: Die Werbung ist eigentlich ein Fall für die britische Werbeaufsicht, aber ich frage mich, ob das die Mühe wert ist. Die Zielgruppe fühlt sich nämlich schon durch Euer Wording null angesprochen. „People with disabilities“ heißen in UK „Disabled people“. Eine Behinderung wie Ihr es meint ist ein „impairment“. Und ich vermute stark, dass sich die Senioren nicht sehr freuen, wenn sie als „the elderly“ in der Werbung angesprochen werden. Aber wer glaubt, Deutschland sei barrierefrei, der hat vermutlich eh nicht mit der Zielgruppe gesprochen.

11 Kommentare

  1. wash sagt:

    Deutschland behindertengerecht? Ähh? Blödsinn! Wenn ich mir das so angucke was die bei uns am Bahnhof gebaut haben….*Kopfschüttel!* Da hat sich jemand in Unkosten gestürzt damit Fahrad sowie Rollstuhl Fahrer über eine Art Spirale bequem zum Bahnhof kommen. Allerdings hat man dabei vergessen die Treppen Aufgänge (am Gleiß) auch anzupassen. Und was seh ich da? Ein Rohlstuhlfaher der wartet bis ihm Jemand die Treppe runter hilft damit er danach alleine diesen tollen Beton Kreisel hoch fahren kann. >_< Absolut sinnfei.

  2. Deutschland behindertengerecht? Ähh? Blödsinn! Wenn ich mir das so angucke was die bei uns am Bahnhof gebaut haben….*Kopfschüttel!* Da hat sich jemand in Unkosten gestürzt damit Fahrad sowie Rollstuhl Fahrer über eine Art Spirale bequem zum Bahnhof kommen.

  3. […] “Ein Fall für die Werbeaufsicht: […]

  4. Gerd Busch sagt:

    Großlimousinen von eigentlich nicht Behinderten parken gerne auf Behindertenparkplätzen – ein spezifisches charakterliches Defizit dieser sozialen Gruppe? Was tun? vgl. „Sehr geehrter Großkotz“ auf „Abgrundkontrollstelle.de“.

  5. Alex sagt:

    Der letzte Blödsinn den sich die Macher dieser Kampagne ausgedacht haben. Wahrscheinlich haben diese selber kaum oder wenige Kontakte mit Menschen gehabt, die z.B. im Rollstuhl sitzen. Das einzige was mir positiv auffällt sind vielleicht die Parkplätze die wirklich in Fülle für diese Menschen vorhanden sind, Toiletten (nur in Geschäften, öffentlichen Einrichtungen etc. – aber definitiv nicht Restaurants etc.!!!) oder die Aufzüge in den Straßenbahnen – vor allem hier in Köln – ansonsten können wir uns wirklich nicht mit Ruhm bekleckern! Leider!!

  6. Jasmin sagt:

    Deutschland ist Entwicklungsland, was Barrierefreiheit betrifft. Wie oft erlebe ich es in D., dass ich jedes einzelne Hotel einzeln anrufen muss, ob es tatsächlich barrierefrei ist, bzw. was das Hotel darunter versteht, obwohl ich diese auf Seiten für Barrierefreies Reisen finde. Von Freundlichkeit, Höflichkeit und Kompetenz ganz zu schweigen. Ich war vor zwei Wochen in London – wow, was für ein Unterschied!! (Nicht überall, aber weiter als wir.)

  7. Die Touristen mit falschen Werbeversprechen zu locken ist in diesem Fall schon ein starkes Stück. Wenn man dann vor Ort ist und bemerkt, dass Deutschland noch weit von den Versprechungen entfernt ist.

    Bis es so weit ist bedarf es noch viel Arbeit und Investitionen in Deutschland.

  8. Thorsten sagt:

    Es hat sich meiner Meinung nach in den letzten Jahren sicher einiges positiv entwickelt aber es ist leider immer noch viel zu wenig.
    Wenn ich mir manch Behördengebäude anschaue ist es ein Graus.
    Was sich da manch „Bauplaner“ gedacht hat

  9. Petra sagt:

    @ THorsten, stimme ich dir vollkommen zu, wenn ich zum Beispiel in meiner Heimatstadt Heilbronn unterwegs bin auf Behördlichen gängen, wundert mich das auch immer wieder…

  10. Franziska sagt:

    @Thorsten,
    ich finde deinen Kommentar total richtig und gut. Aber wie heißt es so schön: Der Weg ist das Ziel.

  11. Andy sagt:

    Es wurde schon viel getan, aber man kann mit Recht sagen dass noch viel mehr getan werden muss um wirklich barrierefrei zu sein.