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Das deutsche Problem mit Oscar Pistorius

„Unversehrt“, sagte Tom Buhrow in den „Tagesthemen“. Nein, das war keineswegs vor 20 Jahren, sondern heute abend. Er bezeichnete damit die Konkurrenten des behinderten Sportlers Oscar Pistorius. Für alle, die ähnlich sportinteressiert sind wie ich – nämlich gar nicht: Oscar Pistorius ist Sprinter und Weltrekordhalter, der mit zwei Unterschenkelprothesen läuft.

Oscar Pistorius
Bild: Elvar Freyr Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

Ich musste mich versichern, nicht eine historische Version der „Tagesthemen“ zu sehen, denn ich glaube, die Begriffe „versehrt“ / „unversehrt“ habe ich zuletzt vor 20 Jahren gehört. Ich habe als Kind mal Leistungssport gemacht und der noch aus Nachkriegszeiten stammende Verein hieß damals „Versehrtensportgemeinschaft“. Da hörte ich das Wort zum letzten Mal.

Ich reite auf den Begriffen so herum, weil ich glaube, dass sie ein Symptom sind, ein Symptom dafür, wie Behinderung in Deutschland gedacht und seit Jahrzehnten kaum neu definiert wird. Da nutzen auch die schönsten Papiere nichts, die von irgendwem herausgegeben werden. Die Gesellschaft hält in großen Teilen an dem Bild eines nicht leistungsfähigen, „versehrten“ Behinderten fest. Und da passt es auch ganz gut, dass Tom Buhrow im weiteren Verlauf der Sendung von „gesunden“ Sportlern spricht. Oscar Pistorious ist aber nicht krank. Dementsprechend sind seine nicht behinderten Kollegen auch nicht „gesund“, sondern eben „nicht behindert“. Ein behinderter Mensch kann genauso gesund und krank sein wie ein nicht behinderter Mensch. Das will aber irgendwie nicht in die Köpfe der Leute hinein. Behinderung wird immer noch als in erster Linie medizinisches Problem angesehen, nicht als gesellschaftliches.

So lange das so ist, wird man sich auch weiterhin bestenfalls über die Leistungsfähigkeit behinderter Menschen wundern, schlechtestenfalls in Frage stellen, womit wir wieder bei Oscar Pistorius wären. Ich halte es für keinen Zufall, dass die Hauptzweifel an Pistorius‘ Leistungsfähigkeit aus Deutschland kommen. Es war die Sporthochschule in Köln, die Pistorius attestierte, er habe Vorteile durch seine Prothesen. Der Internationalen Sportgerichtshof CAS und andere Gutachter sahen das anders. Deshalb darf Pistorius bei den Olympischen Spielen starten, wenn Südafrika ihn nominiert.
Clemens Prokop, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), wird von Stern.de wie folgt zitiert: „Bei aller Wertschätzung für Pistorius, aber durch seinen Start verliert die Leichtathletik ihre Identität. Leistung ist nicht mehr die Summe aus Talent und Training.“

Weil ein behinderter Mensch mit Prothesen startet, glaubt der Deutsche Leichtathletik-Verband, der Sport verliere seine Identität. Im Großbritannien sieht man das übrigens ganz anders. Da ist Pistorius ein „sportlicher Held“, wie der Telegraph schreibt, den die Leute mögen und der großartige Leistungen zeigt. Die Leute freuen sich auf Pistorius und dass er wahrscheinlich starten wird. Aber in Großbritannien bezeichnet auch kein Nachrichtensprecher nicht behinderte Sportler als „gesund“ und Behinderung gilt in erster Linie als gesellschaftliches Problem, nicht als medizinisches.

Ich glaube, es gibt ein Tabuthema in Deutschland. Das heißt „Leistungsfähige Menschen mit Behinderungen“. Das schlägt sich nicht zuletzt in der Beschäftigungsquote behinderter Menschen nieder. Es wird behinderten Menschen oft nichts zugetraut. Und wenn sie dann das Gegenteil beweisen, also zum Beispiel schnell genug laufen wie Pistorius, wird alles getan, die Leistung herabzusetzen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Solche Beispiele gibt es auch im Alltag. Ich wurde mehr als einmal gefragt, als ich sagte, dass ich für dpa arbeite, wer mich denn eingestellt habe. Oder man sagte mir: „Sie hatten den Job doch sicher schon vor dem Unfall.“ Welcher Unfall? Hä? Ich hatte keinen Unfall.

Und die Steigerung dessen sind Menschen, die glauben, man nehme als behinderter Mensch nicht behinderten die Arbeitsplätze weg, da ja für uns „sowieso gesorgt“ sei. Auch das habe ich schon erlebt.

Es nutzt nichts, sich darüber aufzuregen. Es nutzt nur, das Gegenteil zu beweisen und die Menschen zum Umdenken zu bewegen. Diese Bemühungen würden allerdings schneller voran kommen, wenn gestandene Journalisten, die sonst jedes Wort drei Mal überlegen, wenn sie ihre Moderation schreiben, auch mal ihre Sichtweise überdenken. Die Medien spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle beim Umdenken. Mit der Berichterstattung über Oscar Pistorius könnte man mal zeigen, wie weit man damit schon ist.

50 Kommentare

  1. Kurt Jansson sagt:

    Sport interessieren mich zwar ebenfalls nicht, aber es freut mich, dass Pistorius durch seine Existenz die Ideologie hinter dem Spitzensport wunderbar dekonstruiert. Denn natürlich ist es denkbar, dass Prothesen beträchtliche Vorteile gegenüber der klassischen Knochen-Muskeln-Fleisch-Kombination haben können – wenn nicht jetzt, dann in zehn oder zwanzig Jahren.

    Und wenn heute schon in einigen Disziplinen Spitzensportler keine Hemmungen haben, für etwas mehr Leistung ihren Körper kaputt zu dopen, dann wird es in Zukunft auch welche geben, die sich ihre Füße amputieren lassen, um fortan Prothesen nutzen zu können. Spätestens dann wird sich auch der gemeine Sportschau-Gucker die Frage stellen, was der ganze Zirkus eigentlich soll.

  2. Über die Begrifflichkeit möchte ich nicht streiten, das sehe ich ähnlich. Wobei ich „behindert“ nicht für die beste Möglichkeit einer Beschreibung halte, mir aber auch bisher keine bessere eingefallen ist. Man müsste da nochmal ran. Ich beziehe mich hier nur auf den Punkt, ob durch Prothesen Vorteile zu erlangen sind.

    Ich habe kein Problem damit, wenn Wettbewerbe durchgeführt werden, bei denen alle unabhängig von ihren Voraussetzungen teilnehmen können. Im aktuellen Fall wird nun behauptet, dass jemand mit Prothesen Vorteile hat. Wenn dem so ist, dann sollte man dafür sorgen, dass dieser Vorteil im Wettkampf nicht zum tragen kommt. Denn es geht hier doch um Fairness, oder? Ich möchte aber zum Beispiel auch nicht, dass die Prothesen zum Nachteil gereichen. Denn das ist ebenso nicht fair.

    Nun findet Leistungssport im Grenzbereich statt, wo verschiedene Dinge, die sich bei den Teilnehmern unterscheiden durchaus Einfluss auf ein Ergebnis haben können. Kurze Haare, Körpergröße, Gewicht, … und eben auch Prothesen.

    Es wurde leider nicht erwähnt, über welchen Vorteil wir hier reden. Und da liegt das eigentliche Problem. Denn so ist es unmöglich einzuschätzen, ob der Vorteil womöglich nicht nur ein theoretischer ist.

    Was ich vermisse, ist eine Diskussion darüber, wie man faire Wettkämpfe ohne Ausgrenzung gestalten kann. Notwendig ist auch ein Austausch darüber, welches Ziel die Wettkämpfe haben sollen. Das kann, uns da stimmen wir sicher überein, aber nicht gelingen, wenn Behinderung ein Thema ist, dass man lieber meidet.

  3. Vielen Dank, sehr treffender Text, v.a der letzte Absatz. Die Süddeutsche ist anscheinend etwas weiter: http://www.sueddeutsche.de/sport/leichtathletik-wm-in-daegu-oscar-pistorius-der-inspirator-1.1136055

  4. Stephan sagt:

    Mit allem Respekt für die Leistung, Oscar Postorius halte ich nicht für einen „Versehrten“ oder „Behinderten“ oder wie immer man die Begriffe wählen will, sondern für einen Cyborg, frühe Stufe. Als solcher gehört er nicht in einen Wettkampf mit Menschen, die nur aus Fleisch und Blut bestehen. Punktum.

  5. Thomas sagt:

    Klar gibt es immer wieder Menschen, die ein Problem mit Behinderung haben. Wir leben nunmal in einer Geselllschaft in der es vor allem auf Perfektion ankommt, in der der makellose Mensch angestrebt wird.

    Das Problem bei Oscar Pitorius ist aber, dass er mit Hightech-Protesen antritt und somit ist seine Leistung nicht mehr vergleichbar. Beim 100 Meter-Lauf sind alle Läufer gleich gross, gleich schwer und somit vergleichbar. Wenn jetzt ein 3 Meter-Mann mitlaufen würde, gäbe es das gleiche Problem.

  6. Lars Fischer sagt:

    Sie zeigen hinlänglich, wie weit sie damit sind.

  7. Felios sagt:

    Ähnlich schlimm ist die Bezeichnung „schwerbeschädigt“,
    reicht bei google einzugegeben „schwerbeschädigt versehrte“

    ist sowohl in Deutschland als vor allem auch in Österreich noch überall plakatiert, auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln.

    siehe auch das, was Sportminister in Österreich von sich geben:

    „Standard: Als das Paralympics-Team am Flughafen empfangen wurde, wurde in einer Politikerrede die Leistung behinderter Sportler mit jener, ich zitiere, „gesunder“ Sportler verglichen. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

    Lösch: Als Minister Darabos das gesagt hat, haben wir alle ein bisschen geschluckt. Den Terminus „gesund“ als Gegensatz zu uns, das hören wir nicht so gern. Gott sei Dank hört man so etwas nicht mehr so oft wie früher. Das Gegenteil von gesund ist krank, und das Gegenteil von behindert ist nichtbehindert. “

    http://www.frauenbewegung.at/cgi-bin/frauenbewegung/_Standardseite.cgi?index=65114&node=11079&subnode=11168

  8. Frauschmitt sagt:

    Nun ja, als Nicht-Behinderte bitte ich um Nachsicht. Man versucht oft, das richtige Wort zu treffen und bewegt sich doch wie auf Eiern. Ich hätte gedacht, versehrt ist gar kein schlechtes Wort. Denn an dem Körper von Pistorius fehlt ja etwas, was dort normalerweise ist, nämlich die Unterschenkel. Der Körper ist nicht ganz vollständig, also nicht unversehrt. Ich hätte gedacht, es ist in Ordnung, das zu sagen.

    Mir hat mal ein Behinderter gesagt, das Wort „behindert“ wäre diskriminierend, man wäre nicht per se behindert. Man wäre gehandicapt. Daraufhin habe ich öfter dieses Wort gebraucht, worauf hin man mir sagte, ich solle mit dem Handicap aufhören, man sei doch hier nicht beim Golf spielen.

    Und wie soll man die Nicht-Behinderten benennen? Normale? Das geht ja nicht, das wäre ja wieder diskriminierend, außerdem sind Menschen ja nicht genormt. So kann ich verstehen, wieso man „gesund“ sagt, im Sinne von „alle bewegungsrelevanten Körperteile sind vorhanden und intakt“. Ich kann auch verstehen, weshalb man als Behinderter nicht als „krank“ bezeichnet werden möchte. Aber ich bitte sehr um Nachsicht – es ist wirklich nicht leicht, sich hier korrekt auszudrücken. Tom Buhrow ist selbst ein Läufer und ich bin mir sicher, dass er der Leistung von Pistorius sehr respektvoll gegenübersteht.

    Ja, Verständnis ist ja wichtig, aber bitte auch gegenseitig.

  9. Felios sagt:

    Hm, Menschen mit und ohne (körperliche) Behinderung?

  10. creezy sagt:

    Möchte mich da ganz Frauschmitt anschließen. Mittlerweile bin ich selber in dem sich sehr aktiv ändernden Wortgebrauch (Frauschmitt beschreibt das sehr schön am „Handicap”) mehr verunsichert als ich überhaupt noch in der Lage wäre, die korrekten Worte zu finden.

    Mit Absicht jedoch passiert das nicht!

  11. Ich finde „unversehrt“ in diesem Zusammenhang auch eher unproblematisch. Ich finde nicht einmal behindert problematisch. Der Punkt ist die Gleichsetzung von „nichtbehindert“/“gesund“ und „behindert/Krank“.

  12. Christiane sagt:

    An alle, die sich mit der Wortwahl schwer tun. Es ist ganz einfach: Es gibt Menschen mit und ohne Behinderung, jemand ist behindert oder nicht behindert. Jemand ist gehörlos oder hörend.

    Ich erwarte von der führenden Nachrichtensendung im Land schon, dass der Moderator in der Lage ist, die richtigen Worte zu wählen. Das ist Journalistenhandwerk.

  13. sandra sagt:

    ich persönlich finde das wort ‚handicap‘ am angenehmsten, denn ich musste mehr als einmal die erfahrung machen, dass unser umfeld oft nicht wirklich differenzieren kann. unser sohn hat eine rechtsseitige spastik, hat also ein handiap, ist aber geistig sehr fit. das allein ist für viele einfach schon nicht mehr erfassbar. da kommen sätze wie ‚wieso ist der behindert, der kann doch reden?‘ .
    ich selbst mag behindert nicht gern gerade eben weil viele damit immer eine geistige behinderung voraussetzen.
    wir reden einfach von handicap und fertig. bei den hilfsmitteln haben wir oft das reha oder pflege mit übernommen, also rehabuggy oder pflegebett um das zu betonen. aber irgendwann , im austausch mit anderen menschen mit handicap , dass dies eigentlich blödsinn ist. mein sohn wird 5 und geht normal mit allem um, weil er es nicht anders kennt. und wir versuchen auch unser bestes dies zu tun.
    was mir aber auch aufgefallen ist, dass viele menschen auch wirklich verunsichert sind, wie sie mit menschen mit behinderung umgehen sollen.

  14. Felios sagt:

    @sandra:

    weil es aufgrund mangelnder Barrierefreiheit zu wenig ’sichtbare‘ Menschen mit Behinderungen gibt (sieht man in den Städten nämlich kaum, bei der Bahn nur sehr sporadisch, kein Wunder, bei dem komplizierten Prozedere)

    weil es immer noch Sonder/Förderschulen gibt, und da getrennt statt inkludiert wird

    weil im TV und Werbung nur „perfekte“ Menschen gezeigt werden (Bettina Eistel sticht da raus wie der Fels in der Brandung).

    Man kommt als ‚Nichtbehinderter‘ ja kaum in Kontakt mit ihnen.

    Wenn das bereits von Kindesbeinen an geschähe (Kindergarten, Schule), würde sich ein ganz anderes Verständnis, Verhalten/Umgang entwickeln.

    Und dann ist da nicht zuletzt noch die unsichtbare Behinderung, und sowas wie Depressionen, was ein Tabu-Thema par excellence ist.

  15. Christiane sagt:

    Zum Begriff „Handicap“: Ich glaube nicht, dass sich etwas verbessert, indem man einen englischen Begriff für etwas benutzt. Paradoxerweise wird „handicap“ im Englischen fast gar nicht mehr benutzt. Der Begriff ist extrem negativ besetzt. Etwa so wie „taubstumm“ im Deutschen. Mehr zur Herkunft des Begriffs „Handicap“ gibt es hier. Im Englischen sagt man „disabled“ oder „people with disabilities“.

  16. StephanJ sagt:

    Eigentlich müssten die sieben anderen Läufer als Behindert bezeichnet werden, denn ihre Unterschenkel und Füße behindern sie dabei, so schnell wie ein Mensch mit Prothesen. Leider hat Pistorious gerade nur den Achten Platz über 400 m erreicht.

    Wer auf die „Reinheit“ und die Funktion eines „perfekten Körpers“ im Leistungssport Wert legt, darf bitte nur nackt und ohne Schuhe antreten. High-Tech steckt auch bei Nike und Adidas drin, nur daran haben wir uns gewöhnt. Zuletzt gab es ja die Diskussion um einen reibungsfreien Schwimmanzug, welcher auch nur ein kleines Puzzle auf dem Weg zum Cyborg ist.

    Auch ich schließe mich den Vorpostern an, für Nicht-Behinderte ist es bereits zum Problem geworden, ehrlich von Behinderungen zur reden, nicht ohne das Gefühl eines Euphemismus zu haben. Aber jeder neue Political Correctness Begriff ist ebenfalls nur noch ein Euphemismus.

  17. Tom sagt:

    Die unterschiedliche Wahrnehmung von Behinderung am Besipiel Pistorius in den deutschsprachigen bzw. britischen Medien finde ich interessant. Ich frage mich was die Hintergründe dafür sein könnten, dass ein behinderter Sportler in Großbritannien auf wohlwollenderes Interesse stößt als z.B. in Deutschland.
    Zu den verwendeten Begrifflichkeiten:
    Ich glaube, wichtiger als der verwendete Begriff ist die Assoziation welche dieser in den Köpfen der Menschen auslöst. Wenn man das Wort dis-abled oder dis-ability
    genauer unter die Lupe nimmt, so bedeutet dies doch so viel wie not able to…
    Den Begriff finde ich persönlich also nicht unbedingt positiv besetzt. Entscheidend ist aber vielmehr, welche Konnotation er in der alltäglichen Verwendung besitzt bzw. was assozieren die Menschen in der Regel
    damit wenn sie ihn verwenden oder hören.
    Löst das Wort „dis-abled“ in England also weniger negative Assoziationen aus als der Begriff „behindert“
    in Deutschland? Im englischen verwendet man als Gegenstück zum Begiff disabled häufig den Begriff able-bodied.
    Ist „able-bodied“ damit positiver besetzt als „gesund“?

    Vielleicht sind es nicht so sehr die Begriffe per se an denen wir uns stören (sollten), sondern welche Bedeutung diese in den Köpfen der Menschen haben.

  18. Alex sagt:

    Ich dachte Behinderte sind all diejenigen, die einen schweren „Makel“ haben, einen irreversiblen Nachteil: Ein Blinder kann nicht gut mit dem Blindenstock die Umgebung wahrnehmen wie ein „Gesunder“, ein Tauber kann nicht so gut die Umgebung wahrnehmen wie ein „Gesunder“, usw.

    Aber nun ist das etwas anders: Der „Behinderte“ kann etwas womöglich besser als die „Gesunden“. Ist dieser Mensch also noch „behindert“? In Bezug auf den Wettlauf sicher nicht. Aber er ist immer noch (nur dann, wenn er einen Unfall, Gendefekt, „Fehlbildung“,… hat) versehrt.
    Insofern finde ich die Wortwahl des Sprechers gar nicht so falsch, obwohl es keine wirklich „Unversehrten“ gibt, denn irgendwie hat doch jeder gewisse körperliche oder geistige Einschränkungen.

  19. Frauschmitt sagt:

    @Christiane Wie man hier an der Diskussion sehr schön sehen kann, sind die Meinungen zu den Begriffen unterschiedlich, unter Betroffenen oder Nicht-Betroffenen. In ein Fettnäpfchen treten kann man mit allem. Deshalb finde ich, der letzte Beitrag von Tom bringt es sehr auf den Punkt. Man muss auch schon immer den Kontext sehen. Für mich gibt es keine Veranlassung, an der respektvollen und sportlichen Haltung von Tom Buhrow zu zweifeln. In dem Beitrag wurde die Teilnahme von Oscar Pistorius als Meilenstein bezeichnet.

    Mir geht die Wortklauberei sehr auf die Nerven. Dauernd feindet einen irgendjemand an. Neulich habe ich gelernt, dass man nicht „Obdachlose“ sagen darf, weil in Deutschland ja jeder ein Obdach haben könne. In der politisch korrekten Sprache muss es „Nicht-Sesshafte“ heißen.

    Man kann es auch einfach übertreiben. Nicht in jedem Wort ist eine Diskriminierung versteckt.

    Als Kind habe ich „Neger“ gesagt, weil ich es so gelernt habe. Es hat für mich schlichtweg überhaupt nichts rassistisches bedeutet. Ich habe es genau mit dem gleichen Gefühl gesagt, mit dem ich heute „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ verwende.

    Schöner wird Sprache durch das alles nicht.

    Oder um es mit einem ollen Witz zu sagen: Zwei Frauenrechtlerinnen beim Essen. Sagt die eine zur anderen: „Reichst Du mir mal bitte die Salzstreuerin?“

  20. Christiane sagt:

    @FrauSchmitt
    Es geht mir bei der Diskussion gar nicht so sehr um die Begriffe, sondern um das Bild, das damit transportiert wird und die Denkweise. Es ist oft ein rein medizinisches Modell von Behinderung, was da zum Ausdruck kommt. Beim Wort „gesund“ wird das sehr deutlich. So lange in Deutschland rein medizinisch gedacht wird, ist die gleichberechtigte Teilhabe behinderter Menschen weit weit weg.

    Das Wort „versehrt“ benutzen die wenigsten behinderten Menschen, wenn sie sich selber beschreiben. Es ist veraltet und zudem ein medizinischer Begriff, laut Duden Synonym für „verletzt“. Das trifft bei Pistorius nun mal gar nicht zu. Er wurde mit nicht ausgewachsenen Beinen geboren.

    Die spannende Diskussion ist doch, genau wie Tom sagt, warum wird in Großbritannien so anders über Pistorius berichtet? Ich glaube, weil sie den netten Kerl sehen, der sich einen Traum erfüllt – mit Leistung und Willensstärke. In Deutschland sieht man den „Behinderten“, der da eigentlich gar nicht auf die Bahn voller nicht behinderter Sportler gehört. Der ZDF-Moderator sprach heute nachmittag sogar von der „Büchse der Pandora“, die Pistorius geöffnet habe, indem er mit nicht behinderten Sportlern starte. Ich glaube schon lange nicht mehr daran, dass Worte einfach nur Worte sind.

    @Tom „Able-bodied“ wird immer weniger benutzt, von behinderten Menschen selbst habe ich es hier noch nie gehört. Die meisten Leute sagen „non-disabled“ oder „people with or without disabilities“. Und Du hast völlig recht, es kommt darauf an, was mit dem Wort transportiert wird. Eine Behinderung zu haben ist in den USA oder Großbritannien viel weniger ein Makel. In Deutschland vielfach schon. Und auch das hat sehr viel damit zu tun, ob man davon ausgeht, dass ein rein medizinisches Problem vorliegt (der Einzelne ist das Problem) oder ein gesellschaftliches (alle müssen das Problem gemeinsam lösen). Deutschland muss endlich umdenken, sonst diskutiert das Land in 20 Jahren immer noch über schulische Integration, ob man das Fernsehprogramm wirklich vollständig untertiteln muss und ob ein Blindenführhund in den Supermarkt darf.

  21. Felios sagt:

    Und durch die Schuldenkrise werden Gelder für Hilfsmittel und Mobilitätsförderung gekürzt, z.B. in Österreich. Das verbessert die Gesamtsituation nicht unbedingt.

  22. Frauschmitt sagt:

    Ich sehe ja die Notwendigkeit, in der Gesellschaft etwas zu verändern. Und den Pistorius finde ich allein schon deshalb gut, weil er eine Diskussion auslöst und selbstbewusst ist. Aber wenn ich ohne Unterschenkel laufen will, dann habe ich doch zuallererst ein physisches Problem und kein gesellschaftliches. Insofern ist es doch völlig verständlich, dass das augenfällige physische Problem auch benannt wird.

    Und das mit der Büchse der Pandora kann ich auch nachvollziehen, denn man hat Angst, dass behinderte und nicht-behinderte Sportler praktisch gegeneinander klagen – wer darf dabei sein und wer nicht? Was ist miteinander vergleichbar, was nicht? Es gab den Fall von Caster Semenya, einer transsexuellen Sportlerin. Darf sie mit den anderen Frauen starten oder ist sie durch ihre männlichen Anteile im Vorteil? Diese Dinge müssen immer wieder neu geklärt werden und das ist ein mühsamer Prozess, bei dem es am Ende praktisch keine Gerechtigkeit geben kann. Davor hat man Angst.

  23. Christiane sagt:

    “ Aber wenn ich ohne Unterschenkel laufen will, dann habe ich doch zuallererst ein physisches Problem und kein gesellschaftliches.“

    Ja, genauso wird in Deutschland argumentiert. Und genau das ist das Problem. Oder um es auf den Alltag zu übertragen: „Wenn ich nicht laufen kann, aber in ein Gebäude möchte, das Stufen hat, habe ich ein physisches Problem, kein gesellschaftliches.“ So wird sich nie etwas ändern, keine Bauordnung, keine Architektenausbildung, keine Antidiskriminierungsrichtlinie.

    Pistorius war in der Lage vom Start zum Ziel zu kommen – auf Prothesen. Es wurde ihm aber untersagt. Und das ist ein gesellschaftliches Problem, kein medizinisches.

  24. […] (Behindertenparkplatz:) Das deutsche Problem mit Oscar Pistorius Weil ein behinderter Mensch mit Prothesen startet, glaubt der Deutsche Leichtathletik-Verband, der Sport verliere seine Identität. (tags: twitthis gruenemenden) […]

  25. StephanJ sagt:

    @Frauschmitt (weiter oben):

    > Als Kind habe ich “Neger” gesagt, weil ich es so gelernt habe.
    > Es hat für mich schlichtweg überhaupt nichts rassistisches bedeutet.

    Die Sprachwissenschaftler nennen das Euphemismus-Tretmühle, der entsprechende Wikipedia-Artikel ist sehr zu empfehlen:

    „Häufig ist es der Fall, dass sich die Assoziationen des Wortes „Behinderter“ bei vielen Menschen nicht von denen unterscheiden, die man früher bei „Krüppel“ hatte. So wurde auch das Wort „behindert“ schon bald nach seiner Übernahme aus dem medizinischen Fachjargon in die Alltagssprache für viele Menschen zum Schimpfwort, wie es zuvor mit „Krüppel“ geschah. So entstand die Bezeichnungskette Krüppel → Invalide → Behinderter → Mensch mit Behinderung. Im Englischen wird als Nachfolgebegriff für „behindert“ (engl. disabled; wörtl. „entfähigt“) der Ausdruck „anders befähigt“ (engl. differently-abled) diskutiert, was im Deutschen ungebräuchlich ist. Hier wird stattdessen teilweise versucht, den Begriff „Mensch mit besonderen Bedürfnissen“ zu etablieren.“

    Der „politisch korrekte“ Begriff wird also sofort wieder zum Euphemismus, genauso wie es sich vermutlich bei „… mit Migrationshintergrund“ bereits eingeschlichen hat. Ich glaube, wenn jemand eine/n Behinderte/n absichtlich diskriminieren will, werden anderen Begriffe benutzt.

  26. Frauschmitt sagt:

    Aber die Gesellschaft kann doch nur reagieren, wenn sie wahrnimmt, dass es viele Menschen physische Probleme haben! Ich geb’s auf.

    Und das mit der Euphemismus-Tretmühle mag stimmen. Ich wollte allerdings nicht sagen, dass eine negative Haltung bleibt, sondern eine positive. Ich wollte als Kind immer dunkelhäutig sein, weil ich die Frauen so schön fand. Aber egal.

    Im Übrigen finde ich den Ausdruck Nicht-Behindert allein deswegen sprachlich schwergängig, weil er etwas bezeichnet, was man nicht ist, statt etwas, was man ist. Man ist ja auch kein Nicht-Vegetarier oder ein Nicht-Fahrradfahrer. Es ist also nicht unbedingt der diskriminierenden Haltung von jemanden zuzuschreiben, wenn der Begriff ihm nicht so leicht von der Zunge geht.

  27. Heiko sagt:

    Ich kann nachvollziehen, dass man Bedenken wegen etwaiger Vorteile hat. Sicher gibt es auch bei Sportlern ohne Behinderung Technik (die schon erwähnten Schuhe bzw. andere Kleidung) und somit Vorteile/Nachteile die nicht aufgrund der körperlichen Fähigkeiten entstehen. Diese können allerdings sehr einfach verboten werden, wenn die entstehenden Vorteile so gross werden, dass sie unverhältnismässig viel zur Leistung eines Sportlers beitragen. Bei Herrn Pistorius ginge das doch auch, wäre aber schwierig: Wenn ihm laut den Fachleuten die verwendeten Prothesen einen zu grossen Vorteil verschaffen, kann man das doch entsprechend begründen und er kann Prothesen verwenden, die diese Vorteile nicht bieten. Also: Die Sache auf eine technische Ebene bringen (wo sie m.E.n. hingehört!).

    Zu den Begrifflichkeiten: Ich habe auch schon mehrfach festgestellt, dass die verschiedenen Bezeichnungen für Menschen mit Behinderung für manche Personen OK sind, andere reagieren verstimmt und bitten darum, doch eine andere Bezeichnung zu verwenden (die dann wieder von anderen Personen abgelehnt wird). Das ist meiner Meinung nach eine sehr persönliche Sache, ein „politisch korrekter“ Begriff ist da schwer zu finden.

    Man möchte doch niemanden verletzen, oder diskriminieren, sondern versucht gerade, unverkrampft zu sein. Genau das fällt aber schwer, wenn man schonmal die Erfahrung gemacht hat, dass Person A sagt „Mann, sag bloss nicht „x“, nimm lieber „y“ und Person B zwei Tage später die Verwendung von „y“ verbietet und darum bittet, man möge doch „x“ sagen.

    Schlussendlich hätte ich nichts gegen faire Leichtathletik Wettkämpfe bei denen Sportkleidung und -Schuhe verboten sind :-)

    Last but not least: Danke für das tolle Blog, habe als Mensch ohne Behinderung bereits viel gelernt. Bitte bitte weiter so!

    Viele Grüsse,
    Heiko

  28. Esther sagt:

    Mir fällt als Gegenpol zu Oscar Pistorius grade der italienische Rennfahrer Alex Zanardi ein.Zanardi verlor bei einem ziemlich üblen Unfall auf dem Lausitzring beide Beine und fuhr kurz darauf- mit Beinprothesen- Nazcar und Indie Car Rennen. Da gab´s keine große Diskussion, ob und welche Vorteile Zanardi durch seine Beinprothesen hat.Im Gegenteil: er wurde dafür bewundert und bejubelt, das er nach einem solch folgeschweren Unfall wieder Rennen fuhr.
    Das möchte ich mal so als Diskussionsanreiz einfach so stehen lassen.

    Mein Exfreund ist vollblind. Ich verstehe bis heute nicht, was die Leute damit für ein Problem hatten. Mir wurde ein Helfer-oder Samaritersyndrom von Freunden unterstellt, weil ich mich mit „so einem“ einließ;ich hatte mich in den Mann und nicht in sein Handicap verliebt,ganz einfach.

    In Amerika zb. wird mit Handicaps sehr viel unbefangener umgegangen, dort sieht man Handicaps viel weniger als Behinderung sondern vielmehr als Challenge(Herausforderung)an.

    In Deutschland hingegen werden Menschen mit Handicap nach wie vor als minderwertig, weniger leistungsfähig,bemitleidenswerte Kreaturen ohne Spaß am Leben und im schlimmsten Fall als Kostenfaktor angesehen und noch immer ausgegrenzt.
    Behindert oder nicht, Menschen sind Menschen sind Menschen sind Menschen.Jeder mit seinen ganz individuellen Talenten und Macken.

    Mit von einer toleranteren und offeneren Welt träumenden Grüßen
    Esther

  29. Heiko sagt:

    @Esther:

    Wie gesagt, ich glaube nicht dass viele Menschen tatsächlich etwas gegen die Teilnahme von Sportlern mit Behinderung an Wettkämpfen für Sportler ohne Behinderung haben. Es geht darum, dass Pistorius eventuell Vorteile durch seine HighTech Prothesen hat und man einfach nicht möchte, dass so ein Leichtathletik-Wettbewerb irgendwann zu einem „Rüstungswettkampf der Prothesenindustrie“ wird. Ich kann nichts dazu sagen, ob Zanardi mit seinen Prothesen einen Vorteil bei der Steuerung seines Rennwagens hatte, gehe aber davon aus dass das nicht so war. Das Umfeld einer doch sehr technisierten „Sport“art wie Autorennen ist da vielleicht auch nicht ganz so sensibel wie die Leichtathletik-Welt.

    Ich finde es toll, dass Herr Pistorius durch seine Super-Leistungen dafür sorgt, dass das Thema aufgegriffen und diskutiert wird. Wenn man die erwähnten Vorteile (so es sie denn gibt,kann ich nicht beurteilen) z.B. durch nicht ganz so federnde Prothesen aus der Welt schafft, wird sich niemand mehr öffentlich darüber beschweren.

    Man kann doch bestimmt Prothesen entwickeln, die bei der Federung und dem Gewicht in einen Bereich kommen, der auch bei einem menschlichen Bein erreicht werden kann.

    Viele Grüsse,
    Heiko

    (ebenfalls von einer besseren Welt träumend ;-)) …

  30. Esther sagt:

    Hallo Heiko,
    schön,das wir den selben Traum träumen…

    Ich finde es toll, dass Herr Pistorius durch seine Super-Leistungen dafür sorgt, dass das Thema aufgegriffen und diskutiert wird. Wenn man die erwähnten Vorteile (so es sie denn gibt,kann ich nicht beurteilen) z.B. durch nicht ganz so federnde Prothesen aus der Welt schafft, wird sich niemand mehr öffentlich darüber beschweren.

    Man kann doch bestimmt Prothesen entwickeln, die bei der Federung und dem Gewicht in einen Bereich kommen, der auch bei einem menschlichen Bein erreicht werden kann.

    Sicher ist es toll, das Oscar Pistorius so eine Superleistung erbrachte und eine Diskussion entfacht hat, díese Leistung will ihm auch niemand streitig machen.
    Was jetzt seine High Tech Prothesen betrifft… ich bin keine Physikerin und kann da nur meine Phantasie bemühen.
    Fakt ist: Oscar Pistorius hat keine Füße, sprich, ihm fehlt da ein Großteil des Bewegungsaparates.Du und ich haben Wadenmuskulatur, Knöchel, Füße,Fußballen und Zehen, über die wir uns beim Gehen und Laufen abrollen und die zb. beim Hüpfen auch (ab)federn. Es wäre doch möglich, das seine High Tech Prothesen diesen Nachteil ausgleichen sollen.

    Liebe Grüße
    Esther

  31. Heiko sagt:

    > Es wäre doch möglich, das seine High Tech Prothesen diesen
    > Nachteil ausgleichen sollen.

    Auf jeden Fall sollen sie das. Es kann aber auch sein, dass sie mehr als das machen, d.h. Ihn bei weniger Kraftaufwand schneller laufen lassen, als das mit dem erwähnten menschlichen Bewegungsapparat möglich ist. So zumindest verstehe ich bisher alle Leute, die Einwände gegen die Teilnahme von Oscar haben. Überspitzt gesagt: Er könnte ja theoretisch Raketenantrieb oder Superfedern eingebaut bekommen.

    Für mich wäre der logische nächste Schritt in dieser Kontroverse, dass die Kritiker spezifizieren, worin genau der Vorteil liegt – also z.B. dass der Energieaufwand für das Laufen (wenn man Gewicht und Federung etc. einbezieht) in einem Bereich liegt, der dem Bewegungsapparat eines nicht behinderten Menschens überlegen ist. Ich glaube schon, dass sich alle Beteiligten dafür auf einen unabhängigen Gutachter (meinetwegen auch ne Kommission) einigen können und diese(r) dann spezifiziert, welche maximalen Leistungsdaten so eine Prothese haben darf, damit Oscar damit an den Wettkämpfen teilnehmen kann.

    Frage ist dabei natürlich, welche Daten man da für diese Maximalgrenze heranzieht. Es müsste schon einem Sportler vom Kaliber eines Pistorius entsprechen und nicht – sagen wir mal – meinen Leistungsdaten ;-)

    Naja, auf dem Papier ähem Bildschirm sieht das alles immer sehr einfach aus. Ich wollte halt nur darauf hinweisen, dass es keine diskriminierenden Hintergedanken sein müssen, die die Parteien antreiben, die eine Teilnahme dieses Ausnahmesportlers ablehnen. Es gibt meiner Meinung nach schon auch begründete Sorgen, dass hier der Sport durch Technik abgelöst oder zumindest verfälscht.

  32. Christiane sagt:

    Heiko, lies Dir mal den Link zum Urteil durch. Da steht genau drin, was das Problem ist: Es sollte verhindert werden, dass jemand mit Prothesen startet. Es hat bereits ein unabhängiges Sportgericht entschieden und durch Gutachter belegen lassen, dass Pistorius keinen Vorteil hat. Damit müsste die Debatte doch eigentlich zu Ende sein, oder?

  33. Alex sagt:

    Man kann einen Menschen mit Protesen nicht mit einem ohne vergleichen. Auch wenn sie „federnd“ sein sollten: Wer bestimmt, wie federnd sie sein sollen? Der Sportler bestimmt weniger seine Leistungen, sondern eher das Geld, mit dem er sich Hochleistungsprotesen kauft, sich mit Geld doped.
    Und das will nun wirklich keiner.
    Es kommt auf die aus eigener Kraft erbrachten Leistungen an.

    Und wenn sich jemand mit Protesen beschwert: Wenn er von sich behauptet, er sei gesund, warum versucht er dann so zu sein, wie die „anderen“. Er kann doch auch im Rollstuhl um die Wette fahren, er muss doch nicht etwas immitieren, was ihm natürlicherweise nicht möglich ist.

  34. Tom sagt:

    Habe noch mal auf BBC Sports nachgelesen. So völlig unumstritten scheint die Teilnahme von Pistorius auch aus britischer Perspektive nicht zu sein.
    Trotzdem kann ich Christianes Ansichten sehr gut nachvollziehen. In Deutschland bezieht man sofort Stellung dazu warum seine Teilnahme schlecht ist. Offenbar glaubt man hierzulande auch besser als anderswo zu wissen, dass seine Carbonprothesen Vorteile bringen. Aber das Beispiel Pistorius mal beiseite gelassen.
    Für mich wäre die wirklich interessante Frage, warum
    geht man in Großbritannien toleranter und offener mit dem Thema Behinderung um. Vor fast zwei Jahrzehnten habe ich ein Jahr lang in England verbracht und konnte damals auch schon feststellen, das man in der Regel viel offener und hilfsbereiter ist. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass zur britischen (Zivil)-kultur und zum britischen Selbstverständniss gehört, dass man dem Individuum Respekt und Toleranz entgegenbringt.
    Deutschland hat nicht dieselbe ausgeprägte individualistische Kultur wie UK und die USA.
    Wir neigen tendentiell eher zum Schwarz-Weiss-Denken.
    Auch zeigt sich hierzulande ein ausgeprägter Hang zum Perfektionismus. Die Messlatte hängt fast überall sehr hoch bzw. wird von Anfang an gleich sehr hoch gesetzt. Das findet seinen positiven Niederschlag in der Qualität der technischen Produkte aber auch in der Qualität des akademischen und beruflichen Ausbildungssystems. Auf der anderen Seite schlägt sich dies leider auch in unserer Privatkultur nieder.
    Oft habe ich gehört, dass Bekannte die in angelsächsischen Ländern auf Reisen waren, dort von Einheimischen, die sie nicht kannten, eingeladenwurden. In Deutschland lädt man Fremde hauptsächlich erst dann ein, wenn man sich einen konkreten Nutzen bzw. Vorteil davon verspricht.
    Kurzum, unsere Kulturen sind einfach zu verschieden.

  35. Mafdet sagt:

    „Und wenn sich jemand mit Protesen beschwert: Wenn er von sich behauptet, er sei gesund, warum versucht er dann so zu sein, wie die “anderen”. Er kann doch auch im Rollstuhl um die Wette fahren, er muss doch nicht etwas immitieren, was ihm natürlicherweise nicht möglich ist.“

    Dazu fällt mir nur noch ein: Wenn Gott gewollt hätte, dass Menschen nicht mit Prothesen laufen können, hätte er die Erfindung der Beinprothese verhindert.

    Etwas weniger albern: Er imitiert nichts, was ihm „natürlicherweise“ nicht möglich ist.
    Es sind seine eigenen Prothesen, mit ihnen kann er laufen. Ganz natürlich…

  36. Alex Cross sagt:

    Nachdrucklich werden im Einvernehmen mit dem, was wir behauptet. Ihre Lieblingsgeschichte hat zweifellos Favorit Seite gewesen. zu wissen. Ich informiere dich, ich traditionell verargert, wenn Leute zu erkunden Angelegenheiten, die sie in einfachem Englisch keine Ahnung von etwa haben zu bekommen. Sie konnten den Nagel geeigneten Kopf kombiniert mit out out jedes Stuck ohne Komplikationen Dinkel getroffen. , Konnen die Menschen nehmen ein Signal. Wird wahrscheinlich wieder mehr zu bekommen. Dank

  37. Sandra sagt:

    Vielen Dank, dein Bericht spricht mit total aus dem Herzen! Es ist schwierig in diesem Land zu bestehen, wenn man „anders“ ist-ich sage hier bewusst nicht „behindert“, weil Behinderung für mich relativ ist-umso mehr freut mich das Zeichen, was Oscar Pistorius mit seiner Leistung gesetzt hat. Es ist ein Meilenstein für alle Menschen, die mit ähnlichen Problemen ihr Leben meistern müssen, was zum größtenteil (ja so ist es leider!) aus Ausgrenzung und Benachteiligung besteht. Ich war selbst eine gute Sportlerin, wurde krank und danach einfach „aussortiert“ anstatt mich zu fördern. Ich saß zeitweilig im Rollstuhl und dort wurde mir bewusst wie sehr sich doch der Umgang ändert- aufrecht gehend werde ich als Frau angesehen, aber im Rollstuhl nur als „Behinderte“-dabei bin ich derselbe Mensch geblieben. Wir müssen Menschen mit Handicaps in die Mitte der Gesellschaft holen, nicht an den Rand drängen. Und diese Diskussion über Voreile-das ist doch lächerlich! Ein Gericht hat geprüft, dass er keine Vorteile hat, also ist die Sache doch geklärt! Er ist ein Vorbild, ein Sportler wie er sein muss mit Kampfgeist und eisernem Willen. Er zeigt, was alles möglich werden kann wenn man sich keine Grenzen von anderen Leuten setzen lässt. Dafür bin ich ihm persönlich dankbar, auch im Namen all meiner Freunde, die mit ähnlichen Problemen kämpfen müssen. So etwas kann nur jemand nachvollziehen, der selbst mit Schwierigkeiten durchs Leben gehen muss, was das bedeutet. Und wie hat Richard v. Weizsäcker mal so schön gesagt…“Es ist normal, verschieden zu sein!“ DAS sollte mal in die Köpfe einiger Menschen durchdringen.

  38. Max sagt:

    Der Herr verdient den großen Respekt für seine harte Arbeit. Die Läufer, die ohne Prothese laufen und sich benachteiligt fühlen im Wettkampf, kann ich trotzdem mehr als gut verstehen. Ich bin sehr gespannt wie die Leichtathletik allgmein auf diese Prothesen reagieren wird. Ihn bei regulären Rennen starten zu lassen, fände ich jedenfalls nicht fair.

  39. […] Behindertenparkplatz: Das deutsche Problem mit Oscar Pistorius (via […]

  40. […] wie ein nicht behinderter Mensch. Das will aber irgendwie nicht in die Köpfe der Leute hinein. – Behindertenparkplatz Es war ein langer Weg, doch jetzt ist der schnellste Mann ohne Beine am Ziel: Als erster […]

  41. Alexander Dietz sagt:

    Die Aussage, die Leichtathletik verliere durch den Start von Oscar seine Identität, empfinde ich als Mißachtung von behinderten Menschen. Die Frage muß sachlich ein für allemal geklärt werden, ob Sportler mit Prothesen an gewöhnlichen Wettbewerben teilnehmen dürfen oder ob sie es nur bei gesonderten Wettbewerben dürfen. Punkt. Wettbewerbe des Behindertensports haben für mich nichts mit Ausgrenzung zu tun, sondern mit gleichen persönlichen Voraussetzungen. Man teilt Boxer ja auch in Gewichtsklassen ein.

    Wichtig sind nicht Begriffe, sondern es kommt darauf an, wie mit Menschen tatsächlich umgegangen wird. Schöne Worthülsen bringen nichts, wenn absichtliche Ausgrenzung Alltag bleibt.

    Ich habe das Gefühl, daß sich die Lage durchschnittlicher behinderter Menschen trotz manchem Geschwafels in den letzten 25 Jahren wieder verschlechtert hat. Das betrifft auch die allgemeine Stimmung in der Gesellschaft.

    Durch das verstärkte Wettbewerbsdenken sind auch einige nichtbehinderte Menschen zu nutzlosen Bürgern geworden, die man am liebsten loswerden würde. Einzelne behinderte Menschen wiederum schaffen es wegen persönlicher Stärken, sich trotz Behinderungen zu behaupten. Ich glaube, das Wohlwollen gegenüber Abweichungen vom Durchschnitt hat in Deutschland wieder deutlich abgenommen. Wer nicht zum Zuge kommt, ist eben selber schuld, so die Meinung.

    Was helfen Worthülsen und einzelne Fortschritte, wenn das Grundbedürfnis fast allen Behinderten verwehrt wird, nämlich nach daseinssichernder Arbeit! Ich habe das Gefühl, daß es in der Arbeitswelt die schlimmsten Rückschritte hin zum Recht des Stärkeren gegeben hat. Für diejenigen, die es nicht schaffen, in diesem Wettbewerb zu bestehen, ist das Leben in diesem Land nicht mehr lebenswert!! Ich wünsche mir jedenfalls möglichst wenig verbleibende Jahre meines Lebens.

  42. Mark sagt:

    So ist das halt in Deutschland, alles muss strukturiert und planbar sein. Na ja wenigstens so aussehen. Hat ein junger Mann nun ein anderes Bein wie der andere, passt das sofort nicht ins Bild. Ich denke der Nachrichtensprecher spiegelt da etwas die Gesellschaft, er trifft genau die Zielgruppe die er treffen möchte. Außerdem sind beim Laufen nicht nur die Beine entscheidend. Der Mann musste hart dafür trainieren um in seiner jetzigen Position zu sein

  43. Gerhard sagt:

    Ich kann die Bedenken hier durchaus nachvollziehen. Selbst wenn es heute noch nicht so weit sein sollte, wird früher oder später die Zeit kommen, wo Protesen natürlichen Körperteilen überlegen sind. Wo zieht man dann die Grenze? Laufsportarten erfordern halt einmal gewisse körperliche Voraussetzungen: Körpergröße, Schrittlänge, Körpergewicht, Lungenvolumen, Muskelaufbau und letztendlich auch einfach zwei vorhandenen Beinen. Insofern ist ansich jede Sportart ein Stück weit diskriminierend.

  44. Elisha Assamese sagt:

    People can get so caught up on the language associated with disability. We have to allow for some room for maneuvering.

  45. Wolfgang Gosejacob sagt:

    Hallo zusammen,

    ich finde den Artikel und die Kommentare hier gut.
    Besonders gefallen haben mir die Kommentare von FrauSchmitt.

    Wenn ich mal meinen Senf dazugeben darf:
    Ich hatte kürzlich auch eine Diskussion über das Wort Neger, dass hier ja auch schon angesprochen wurde.

    Ich finde es irritierend, dass in regelmäßigen Abständen zu den diversen Themen der gegenseitigen menschlichen Ausgrenzung wieder eine Sau durchs Dorf getrieben wird, weil ein neuer Begriff sich wieder in ein Schimpfwort verwandelt hat oder so verstanden werden kann.

    Meine wichtigster Standpunkt ist, dass es nicht das eine Wort oder die eine Phrase ist, sondern der gesamte Satz (siehe oben: Die Büchse der Pandorra) bzw. der gesamte Zusammenhang. Dazu kommt, dass das „identische Wort“ / die direkte Übersetzung im Ausland teilweise gegensätzlich gemeint und verstanden wird.

    Ich kann vermeintliche / echte Schimpfwörter in einen Satz bauen, dass es OK ist und ich kann aber auch politisch korrekte Begriffe in einen Zusammenhang bauen (oder aussprechen / betonen), dass es sich schön korrekt liest bzw. schön klingt aber dennoch beleidigend ist.
    So wie bei: „Sie Arschloch! So viel Zeit muss sein.“

    Aber: Ich muss mich bemühen auf meinen Gegenüber einzugehen. Das gilt für den vermeintlichen Beleidiger als auch für den Beleidigten. Der eine fragt nach, wenn er es benutzt und der andere „merkt an, dass er das Wort fraglich findet oder wie es gemeint ist. So kann man auch über diese empfindlichen Themen weiter ins Gespräch kommen und die Beziehungsohren lassen sich aufeinander abstimmen.

    Es gibt eine Reihe von Menschen, die wenig Probleme damit haben oder auch mit den Themen wenig zu tun haben, weil das tägliche Umfeld doch irgendwie „bereinigt“ ist. Außenseiter gibt es immer und zwar meistens genau außerhalb der eigenen Clique.

    Die Kriterien für „finde ich toll“ oder „finde ich abstoßend“ legt jeder für sich und seine Gruppe fest oder sucht sich die Gruppe passend dazu aus.

    Ich würde gerne dafür werben sich weniger an den einzelnen Phrasen und Begriffen hochzuziehen, sondern das grundsätzliche Problem zwischen den Grüppchen mal zu lösen.
    Um es mal politisch zu sagen: Das kann man nicht dem Markt überlassen!! Das muss angegangen werden.

    Eine ultimative Lösung habe ich leider auch nicht.
    Die oben erwähnten Sonderschulgeschichten würden sich mit der aktuellen Diskussion um das dreigliedrige Schulsystem vereinbaren lassen.
    => Jeder wird gefördert: Die Schwachen und die Guten.
    => UND: Es wird nicht jeder in eine Schublade gelegt, sondern es wird eine passende Schublade gebaut.

    Auch die Berichterstattung in eins-dreißig ist ein Manko unserer schnelllebigen Zeit, dass man für gepflegte Satzbildung oder den ganzen Gedanken keine Zeit hat.

    Die schwierigste Aufgabe werden – zugegebener Weise – die Beleidigten haben oder die, die sich so fühlen, weil 95 % der anderen, die das „böse Wort“ benutzt haben es auch als Beleidigung gemeint haben. Diese Verallgemeinerung abzubauen und immer auf die einzelne Unterhaltung abzustimmen wird schwer werden…

    Gerade weil wir eine Bildungsgesellschaft sind oder uns das zumindestens einbilden sollte das Anspruch und Möglichkeit zugleich sein.

    Ich wünsche uns dafür: Viel Erfolg – Glück wäre hier unpassend :-)

  46. Wolfgang Gosejacob sagt:

    und was Pistorius selber betrifft:

    Ich finde das TOLL, das der da mitgelaufen ist. Selbst wenn er die Goldmedallie abgeräumt hätte… Was solls. Deswegen wird sich doch kein Mitbewerber seine Unterschenkel amputieren lassen…
    Der Vergleich mit Doping ist ja irre.

    Können die EINEM Außenseiter NIX gönnen?
    Sind die Werbeverträge dahinter sooo wertvoll, dass Silber nichts mehr bringt?

    Wie heißt die Olympische Idee?
    Dabeisein ist alles.

    Von Webeberträgen lese ich da nichts….

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