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Blinde willkommen, Rollstuhlfahrer müssen draußen bleiben

Ich habe noch nie verstanden, warum das gerade einmal 10 Jahre alte Cinemaxx am Bahnhof Dammtor in Hamburg nicht komplett barrierefrei ist. Ich verstehe auch nicht, warum einige Behindertenverbände in Deutschland so wenig auf Barrierefreiheit achten, wenn es gerade nicht um ihr eigenes Klientel geht. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum mein Partner, der blind ist, vom Blinden- und Sehbehindertenverein in Hamburg eine Einladung ins Cinemaxx bekommt, um Harry Potter mit Audiodeskription (Bildbeschreibung für blinde Zuschauer) zu sehen (Anmerkungung zur Klarstellung: Der BSVH ist nicht der Veranstalter, sondern hat nur die Mail verschickt – siehe Kommentare). Ich könnte ihn nicht begleiten, denn die Vorführung findet in einem nicht barrierefreien Kinosaal statt, wie man der Ankündigung ebenfalls entnehmen kann („nicht für Rollis geeignet“).

Wie kann man eigentlich so ignorant sein? Es gibt auch blinde und sehbehinderte Menschen, die zusätzlich eine Gehbehinderung haben oder im Rollstuhl sitzen. Ich erwarte von jedem Veranstalter, dass er auf Barrierefreiheit achtet – bei Veranstaltungen, die sich an behinderte Menschen richten, sowieso. Wie muss man eigentlich ticken, wenn man eine Veranstaltung nur für blinde Menschen macht und Menschen mit anderen Behinderungen ausschließt?

6 Kommentare

  1. Dorothea sagt:

    Es ist m.E. auch eine Widerspiegelung der FÜR-Sorgerei bzw. der Aussonderung: Sonderschulen für Blinde, Bespassung für „Geistig“ „Behinderte“, Schieberallalas für RollstuhlfahrerInnen (wobei mich wundert,dass es so viele RollstuhlsitzerInnen zu geben scheint).

    Da hat dann jedes „Tierchen“ sein „Pläsierchen“ im Sinne von der liebgewonnenen (besonders dankbaren?) „Behinderten“-Sorte oder aber nur die eigene achsogroße „Betroffenheit“ vor dem Näschen.

  2. Mela sagt:

    Vor einigen Jahren, als ich noch regelmässig in der Newsgruppe de.comm.infosystems.www.authoring.misc brachte eine Behindertenorganisation eine speziell für Behinderte gestaltete Webseite an den Start.

    Diese Webseite wurde innerhalb von Stunden nach der Bekanntgabe in der Newsgruppe als schlechtes Beispiel verrissen, weil sie damals Methoden benutzte die gängige Braille-, oder Sprachausgaben brechen musste.

    Auf unsre Nachfrage per Mail sagte man uns das ihre Klientel eben Körperbehinderte / Rollifahrer seien und man an Blinde gar nicht gedacht hätte, weil die ja eigene Verbände haben.

    Das ist einfach nur Betriebsblindheit. Man steckt im eigenen Sumpf und betreibt Lobbyarbeit nur für die eigene kleine Betroffenengruppe und über den Tellerrand sehen fällt eben so schwer wie der breiten Masse.

  3. Saranya sagt:

    Tunnelblick oder Betriebsblind würde ich das umgangssprachlich nennen. Andere bezeichnen so etwas – in meinen Augen – kurzsichtiges auch als selektive Wahrnehmung.

    Manchmal kann man in Deutschland wirklich den Eindruck bekommen Ausgrenzung habe Methode. Als würden die Menschen, die sich „normal“ bezeichnen und die der „wahrgenommenen“ Mehrheit(?) der Gesellschaft stellen – sich „schützen“ um ja nicht mit ihren eigenen Ängsten konfrontiert zu werden. Ob das nun Menschen mit Behinderungen körperlicher und/oder psychischer Art sind, Menschen mit die kaum bis gar kein Geld haben, Menschen mit der „falschen“ Religion, Menschen anderer Kulturkreise, Menschen mit wenig Bildung, Menschen mit wenig Perspektive, etc.

    Das macht mich oft genug wütend!

    Dann im anderen Extrem gibt es Lobbyarbeit, Organisationen, etc. – die „gutes“ wollen und damit auch über das Ziel hinausschießen – in dem sie gradezu militant und fast „fundamentalistisch“ an die Sache herangehen: „Kommen Sie her – wir wissen den einzig richtigen Weg. Alles andere ist schlecht/böse.“

    Da fällt mir ein Zitat von Tucholsky ein: „Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht hat.“

    In diesen Satz würde ich noch ein „auch“ vor dem Recht einfügen.

    Aber dafür müßten sich einige sich ihren Ängsten stellen und das bedarf viel Mut. Über dem Tellerrand warten viele neue Dinge, die möglicherweise – das was man behalten will – ins Wancken bringen könnte.

    Um etwas so zu lassen – wie es grade ist – ist in meinen Augen Aktivität von Nöten, die auch in aktivem Unterlassen ausgeübt werden kann.

    Ach was wäre es schön, wenn in Deutschland wieder mehr Leute – anderen Menschen wirklich wahrnehmen und zuhören würden/könnten/wollten.

    Lg, Saranya

  4. Kevin Finnerty sagt:

    Hier wird der Eindruck erweckt, dass der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) diese Filmvorführung veranstaltet. Das stimmt nicht! Der BSVH hat lediglich in einem Newsletter auf die Veranstaltung des Cinemaxx hingewiesen.

    Hätte es irgendjemand weitergeholfen wenn der BSVH aus Solidarität mit den mobilitätseingeschränkten oder gehörlosen Menschen die Nachricht unterdrückt hätte? Wohl kaum.

  5. Christiane sagt:

    @Kevin
    Ich habe nicht behauptet, dass der BSVH Veranstalter ist. Wer der Veranstalter ist, geht aus der Mail gar nicht hervor.

    Tatsache ist aber auch, Cinemaxx erreicht doch ohne den BSVH gar nicht die Zuschauer für die Veranstaltung. Ich bin ziemlich sicher, dass es im Vorfeld eine Abstimmung zwischen Veranstalter und dem BSVH gegeben hat. Wie wäre es denn, wenn der BSVH darauf hingewirkt hätte, dass die Veranstaltung woanders stattfindet? In der Mail steht kein Wort der Kritik. Es wird einfach so hingenommen, dass ein Teil der Mitglieder einfach nicht teilnehmen kann und das wird noch relativ flapsig mitgeteilt. Cinemaxx hat x andere Säle, in denen das stattfinden kann.

  6. Kalle sagt:

    Interessant, zumindest weiss ich jetzt, dass die nächste DVD Audiodiskription hat, udn kann darauf warten, denn hier in der Region hat nur ein Kino in Stuttgart und Karlsruhe die Möglichkeit den neuen Harry Potter so zu präsentieren. Schade, dass nicht generell alle grossen Filme mit Audiodiskrition ausgestattet sind, denn die Kosten sind nicht sehr hoch dafür. Und mit dem Verlegen in einen rollstuhlgängigen Kinosaal hätte das Kino in Hamburg bestimmt keine Probleme gehabt…

    lg Kalle