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Blinde können alles

Ja, auch Farben ertasten. Das hat die Wettkandidatin am Samstag zur besten Sendezeit bei Wetten, dass…? hervorragend bewiesen. :-) Aber die böse Presse will das einfach nicht glauben. Nur die gute alte Titanic, die Spezialistin im Farben erkennen mit verbundenen Augen, weiß die Leistung der blinden Frau zu schätzen. Oder hat sie sie sogar selbst in die Sendung geschickt?

Aber mal im Ernst: Ich bin selten mit der Bild-Zeitung einer Meinung, aber auch ich glaube, dass die Frau Gottschalk an der Nase herum geführt hat. Ich wusste noch gar nicht, um was es bei der Wette geht, ich hatte gerade erst reingezappt, das stutzte ich schon, weil die Dame einen „Blindenausweis“ vorzeigte, der angeblich bestätigte, dass sie gar nix sieht. Bei dem Ausweis handelte es sich um einen Schwerbehindertenausweis. Amtliche Blindenausweise gibt es nicht. Und es kann auch gut sein, dass der Frau dort ein Grad der Behinderung von 100 bescheinigt wird. Das heißt aber nicht, dass sie keine Farben mehr sehen kann – sicherlich nicht mit dem Glasauge ;-) – aber vielleicht mit dem anderen.

In den USA sagt man „legally blind“ und das ist eine sehr gute Beschreibung. Es gibt Menschen, die können noch bestimmte Dinge (Hell, Dunkel, Farben) sehen, sind aber dennoch gesetzlich blind, weil ihnen dieser Sehrest im Alltag relativ wenig nutzt. Das heißt, sie haben das Merkzeichen „BL“ in ihrem Ausweis. Die Zahl 100 heißt auch nicht, dass jemand gar nix mehr sieht. Kurzum, ich fand das Anfangstheater schon komisch. Und als ich dann sah, was die Frau da machte (nämlich Farben von Hemden ertasten – für alle die es nicht gesehen haben), mit der Nasenspitze zur Hallendecke, dachte ich nur: „Ich möchte nicht in der Haut des betreffenden Redakteurs stecken, der die Wette ausgesucht hat.“ Könnte es nicht sein, dass sie unter der Augenbinde durchgelinst hat? So wie damals der Titanic-Redakteur?

Wenn also eine Redaktion nicht weiß, dass es keinen Blindenausweis gibt, dass ein Grad der Behinderung von 100 nicht immer heißen muss, dass jemand keine Farben erkennt, dann komme ich schon ins Grübeln. Und weiter grübele ich, wenn sich die Kandidatin verteidigt: „Für mich bedeutet diese Fähigkeit mehr Unabhängigkeit. Meine Mutter muss nicht mehr sagen, was ich anziehen kann.“ Ach ja? Weiß sie nicht, dass es Farbtestgeräte gibt, die sogar von der Krankenkasse bezahlt werden? Die sind so groß wie eine Taschenlampe, mal hält sie gegen das Hemd und sie quaken: „Dunkelblau“ oder auch „Hellgrün“. Da muss man nicht 20 Jahre lang trainieren, wie sie meint.

Also irgendwie ist das alles nicht ganz stimmig. Ich kenne keinen einzigen blinden Menschen, der Farben ertasten kann anhand des Gewebes. Ich bin gespannt, ob sie in die Geschichte von Wetten, dass…? eingeht – als zweiter Farbenerkennungs-Betrugsfall.

13 Kommentare

  1. KiNGU sagt:

    Selbst gesehen habe ich es nicht. Nur darüber gelesen. Und ich stimme da mit dir überein. Farben ertasten ist meines Erachtens unmöglich. (Mir wäre auch kein wissenschaftlicher Fall bekannt, der das Gegenteil beweist…)

    Warten wir mal ab, wie sich das ZDF zu der Sache äußert. Bisher steht der Sender ja noch hinter der Kandidatin.

    KiNGU

  2. rollblau sagt:

    Eigentlich gehörte es doch zu den journalistischen Sorgfaltspflichten, sich auf keinerlei Ausweis zu verlassen, sondern das vorher zu recherchieren. Und das bedeutet für mich, entweder einen Arzt mit einer Begutachtung zu beauftragen oder mit dem behandelnden Facharzt unter teilweiser Aufgabe der ärztlichen Schweigepflicht durch die Wettkandidatin zu reden…. Aber so eine Kandidatin passt in eines der zwei, drei gängigen Medienschemata, wenn es um Behinderungen geht… LG rollblau

  3. minbo sagt:

    Farben ertasten glaube ich auch nicht. Ich glaube nicht daran, da ich ansonsten von der Strukturveränderung wissen müsste, da ich mich mit Reinigung von Textilien befassen muss im Studium. Irgendwann wäre schon mal ein Wort darüber gefallen. Ok, es heisst nicht das Profs allwissend sind, aber meiner ist schon gut und Praxisnah.
    Außerdem vertraue ich mal Frau Link, die mehr Behinderte kennt als ich und es muss, wirklich muss, schon mal bekannt sein. Der Trick bei Wetten Dass ist es doch eher, dass man etwas besonders schnell oder Fehlerfrei machen kann und nicht, dass man der einzige Mensch auf der Welt ist, der die Fähigkeit bzw. Gabe zu etwas hat.

  4. Flocke sagt:

    Ich habe lange Jahre im Textilbereich gearbeitet und bilde mir ein, einen guten Tastsinn für Qualitäten entwickelt zu haben. Ich bin nicht blind, aber alleine Imprägnierung, billige Farbe (häufig in Indien produziert) würde ich am Geruch beim Bügeln erkennen. Durch Waschung und evtl. auch noch Weichspülerzugabe, oder Wäschestärke, verändert sich das Material. Hier spielen z.B. auch Marken und Dosierung eine nicht unwesentliche Rolle.
    Schliessen wir diese Faktoren aus, bleibt immer noch das Mischungsverhältnis des Stoffes, ich denke an Baumwolle mit Modal, Polyester mit Baumwolle, Polyacryl, Polyamid, und, und, und… Die Qualität eines Stoffes zu erkennen halte ich daher für möglich, ganz sicher aber nicht die Farbe.

    Unterstellen wir mal Schummelei, so würde mich allerdings interessieren, was sich die Dame dabei gedacht hat und worum es Gottschalk und seinem Team dabei ging…..grübel……Könnten es wirklich nur die Quoten gewesen sein???? Ich will mir das lieber nicht vorstellen……

    Nachdenkliche Grüsse aus der Hauptstadt schickt
    Flocke

  5. Didi sagt:

    Helligkeit ist die Menge des reflektierten Lichts.
    Man kann an der Helligkeit (selbst wenn man diese ertasten könnte) keine Farbe erkennen. Irgendein Hellblau hat den gleichen Helligkeitswert wie ein bestimmtes Hellgrün oder Hellgrau oder Hellrot.
    Viele Stoffeigenschaften (Garnzusammensetzung, Webart, Stoffdicke, verwendete Farbe usw) würden ertastbare Farbunterschiede um ein Vielfaches überlagern. Wer könnte schon fühlen, dass die Farbe eines schwarzen Seidenhemdes dunkler ist als die Farbe eines hellbraunen Kartoffelsacks?
    Und das verwendete System der Härtegrade (pink=2, lila=7bis8) würde ganz gewiss nicht reichen, um all die gängigen Textilfarben zu unterscheiden.
    Das einzige, was mich wirklich wundert ist, dass das Fernsehen eine so offensichtlich gefakte Wette in die Sendung gebracht hat.

  6. Dorothea sagt:

    Es geht m.E. tatsächlich gar nicht um den Inhalt. Sobald Medien (und damit auch der/die gemeine GlotzennutzerIn) „Behinderte“ hören, gibt es nur zwei mögliche Reaktionsweisen: Entweder handelt es sich um ein Duziduzidu-armes-Behindilein, das wir doch alle ganz furchtbar liebhaben müssen, oder um einen absoluten Superstar, einen Helden des Alltags oder des Sports. Dazwischen gibt’s nix – jenseits dessen höchstens den „Normalbehindi“ als Pflegefall mit Windeln und Fütterlöffel.

  7. Pascal Winter sagt:

    Ich bin ebenfalls nachhaltig irritiert über die Darbietung der Wettkönigin und habe mir die Videoaufzeichnung mehrmals angesehen. Unabhängig von dem “Unsinn” mit den Härtegraden verblüffen drei Dinge: die Schnelligkeit ihrer Antworten, die Präzision und die Unerschütterlichkeit ihrer Antworten. Sie läßt trotz der ganzen Aufregung in der Live-Sendung keinen Zweifel an der Richtigkeit ihrer Antworten aufkommen.
    Das Ganze wirkt wie ein Zaubertrick wie z.B. bei “Der Gedankenleser” etc. und ist technisch leicht zu realisieren.
    Ich bin weiterhin gespannt wie sich die Sache entwickelt, glaube aber dass das Thema im Sande verläuft.

  8. Flocke sagt:

    Mir sind immer noch die Motive der Frau unklar. Hat jemand eine Erklärung für mich?

  9. Dorothea sagt:

    Hm… die Motive dürften dieselben sein wie bei Sehenden auch: einmal berüüüüüüüühmt sein und ins Feeeeeeernsehn! Und wie die Eltern strahlen und die Nachbarn stolz sind … Zusätzlich ist es evtl. auch ein Schritt aus der Betüddelungsfalle heraus, auch mit unlauteren Mitteln einmal eben kein unterschätzer, für doof gehaltener Behindi mehr sein, sondern eben „jemand im Fernsehen“.

    Oder eine Mischung aus beidem. Oder noch ganz andere Gründe.

    Vielleicht aber auch – und dann würd ich ja ganz laut Beifall klatschen, trommeln und rufen – eine Art Behindi-Spassguerilla-Aktion, um zu zeigen, zu welchen Dummheiten die Betroffenheitsgesellschaft und ihre Medien gebracht werden können, wenn ein Behindi kommt und auch noch „was kann“ resp. zu können vorgibt *ggggg*

  10. Dorothea sagt:

    vielleicht kommt ja irgendwann mal eine kleinwüchsige Rollifahrerin bei Gottschalk – dann setzt euch ja in die erste Reihe *feix*

  11. Flocke sagt:

    Danke, Dorothea, falls Du was großes, dickes zur Tarnung brauchst, sag mir Bescheid…….zusammen spielen wir den Gott mitsamt seinem Schalk an die Wand ;-)

  12. dr_poorpig sagt:

    Vva!!! Volksverarschung .
    Wenn Ihr´s wissen wollt, ich „rate“ alles, wenn eine mir bekannte Person in der Nähe ist, die die Lösung sieht.

  13. lachgas sagt:

    das mit dem Behindertenausweis waren die ersten Worte von mir und meinem Freund als Gottschalk den hochhielt …