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Bitte vorwarnen

Es ist „Global Entrepreneurship Week“ – also Existenzgründerwoche – und aus diesem Anlass finden in London diverse Veranstaltungen statt. Die British Library beispielsweise hatte Lord Alan Sugar zu Gast. Sugar ist ziemlich populär in Großbritannien und mir war klar: Das wird eine ausverkaufte Veranstaltung als ich die E-Mail mit der Einladung bekam. Also habe ich ratzfatz bei der Buchungshotline angerufen und zwei Karten reserviert. Ich habe bei der British Library einen Leseausweis und einen Kartenbestellaccount, weil ich nicht zum ersten Mal dort auf einer Veranstaltung war. Ich hatte Glück und bekam noch zwei Karten.

Da ich, wie gesagt, dort ein- und ausgehe, kannte ich auch den Saal, in dem das Ganze stattfinden sollte. Ich wusste, es gibt elektrische Türöffner, Platz für 1-2 Rollstühle in der ersten Reihe, Behindertentoiletten etc. Ideale Voraussetzungen also. Und so dauerte der Bestellvorgang auch nur 2 Minuten.

Als ich dann an dem Abend dort ankam, war ich überrascht: Die Rollstuhlplätze waren verschwunden und mit auf dem Boden installierten Stühlen ausgefüllt. Ich schaute mich etwas irritiert im Saal um. Da kam auch schon jemand vom Veranstalter hinter mir her und stotterte wenig freundlich rum. Dann sagte sie mit kräftiger Stimme: „Haben Sie uns darüber informiert, dass sie Rollstuhlfahrerin sind?“. Ich merkte, wie Ärger in mir aufstieg. Da haben die einen komplett barrierefreien Saal, bauen den um, um zwei Leute mehr in den Saal zu kriegen (dafür aber einen Rollstuhlfahrer weniger) und ich soll schuld sein? Also sagte ich in ähnlich bestimmtem Ton: „Ja, natürlich.“ Und ganz gelogen war es nicht. Die British Library fragt bei der Registrierung ab, ob welche besonderen Bedürfnisse man bei der Nutzung der Einrichtung hat. Und ich hatte schon vor Jahren natürlich angegeben, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Aber das hatte bei der Kartenbestellung wohl niemand abgefragt. Nun soll es also mein Fehler sein, dass ich nicht noch einmal explizit darauf hingewiesen habe? Ich fühlte mich „wahnsinnig willkommen“ in diesem Moment, dachte aber, es sei schlau, nicht rumzudiskutieren, sondern sie das selber auslöffeln zu lassen. Es würde niemand wagen, mich wieder nach Hause zu schicken. Das war mir klar. Ich wäre auch nicht wieder gegangen. Schließlich hatte ich zwei Eintrittskarten. Und das war ein vom Staat subventionierter Event. Die britische Regierung versucht händeringend, mehr behinderte Menschen zur Existenzgründung zu überreden. Also erwarte ich einfach, dass ich da willkommen bin – zumal sie mich ja nicht einmal überreden brauchten.

Das Auslöffeln bestand dann darin, einen Platz zu finden, wo ich stattdessen stehen sollte. Schließlich sollte ich den VIPs in der ersten Reihe nicht die Sicht versperren und die Sitze brauchte man auch alle für eben diese. Es gab eine ziemliche Rumrennerei seitens der Veranstalter. Ein Sitz wurde dann doch geopfert und ich konnte dem Schauspiel beiwohnen.

Natürlich gehe ich auch nächstes Jahr wieder hin. Auch um zu schauen, ob der Rollstuhlplatz nicht wieder zweckentfremdet wurde. Vielleicht haben sie durch die Rumrennerei ja gemerkt, dass das ein Event sein sollte, bei dem jeder Existenzgründer oder Inhaber willkommen sein sollte. Und willkommen fühlt man sich nur dann, wenn man nicht darum bitten muss, auch einen Platz zu bekommen.

Die Geschichte hat mich an meine ersten Tage bei BBC erinnert als für mich beim Einführungsseminar selbstverständlich ein Stuhl weggenommen wurde – bevor ich den Saal überhaupt gesehen hatte. Es ist nur eine kleine Geste, die aber einen großen Unterschied macht.

13 Kommentare

  1. Michael Erp sagt:

    Der Satz: Haben sie uns darauf hingewiesen…
    is wohl mal echt dreist… Warum muss man nicht darauf hinweisen wenn man kein(e) RollstuhlfahrerIn ist?

  2. Arne sagt:

    Selbst Rollstuhlfahrer bin ich mittlerweile zu dem Entschluss gekommen, immer ausdrücklich darauf hinzuweisen, wenn ich Veranstaltungen besuche. Das ist meines Erachtens ein Gebot wechselseitiger Hilfestellungsermöglichung. Dass ein Veranstalter eigentlich vorhandene Sitzmöglichkeiten in der ersten Reihe anlassbezogen anders nutzen möchte, ist sein gutes Recht. Bei vorheriger ausdrücklicher Information hätten schon im Vorfeld andere Sitze ausgebaut werden können. Dann sind solche bösen Überraschungen, über die man sich nur ärgert, zumindest minimierbar.

  3. Erwin sagt:

    Hi Christiane,
    das scheint inzwischen ein weitverbreitetes Verhalten zu sein – es wird immer mehr überwacht, ob barrierefreie Angebote genutzt werden und wenn dies nicht pausenlos geschieht, werden sie wieder stückchenweise zurückgenommen. In München z.B. habe ich neulich jede Menge Behindertenparkplätze gesehen, die eine zeitliche Einschränkung haben (nach 19 Uhr und am Wochenende für alle freigegeben) und habe mich auch gefragt, ob es wirklich die Meinung der Stadtverwaltung ist, dass man als behindertes Persönchen pünktlich um 20 Uhr im Bett zu liegen hat und somit den Parkplatz bis spätestens 19 Uhr ergattert hat und am Wochenende das Haus nicht verlassen darf.
    „Die britische Regierung versucht händeringend, mehr behinderte Menschen zur Existenzgründung zu überreden“, das finde ich sehr spannend – davon könnte sich Madame Merkel auch ein Scheibchen abschneiden und mich zärtlich überreden ;-)

  4. MacSpi sagt:

    @Erp
    „Warum muss man nicht darauf hinweisen wenn man kein(e) RollstuhlfahrerIn ist?“

    Weil man normalerweise auf etwas hinweißt das von der Normalität abweicht.

  5. Finn sagt:

    Neulich kaufte ich eine Rollifahrerkarte für ein Fußballspiel, dass mein Mann unbedingt sehen wollte. Fragte, ob es dort Behindertentoiletten gibt. Bekam die Antwort: „Er kann sich doch hinter den Mannschaftsbus stellen, der ist ja groß genug!“
    Ich weiß immer noch nicht, ob ich das lustig oder zum heulen finden soll.

  6. ist sicher besser wenn man sich zu einer veranstalung anmeldet, der veranstalter kann sich drauf einstellen und alles vorbereiten.

  7. Ich finde die Vorgehensweise von Arne gut, als Rollstuhlfahrer immer ausdrücklich auf diese Tatsache hinzuweisen, wenn man als Rollstuhlfahrer Veranstaltungen besucht. Klar ist kann man es auch als Gebot wechselseitiger Hilfestellungsermöglichung bezeichnen. Es ist aber auch ein Zeichen von gegenseitiger Achtung. Dann ist der Veranstalter informiert und kann seine ersten Reihe nutzen wie er möchte, muss den Rollstuhlfahrer aber angemessen berücksichtigen. Bei vorheriger ausdrücklicher Information ist das dann ja kein Problem. Auch in anderen Lebensbereichen wäre diese Art des Vorgehens in gegenseitiger Achtung wünschenswert, leider ist sie nicht immer gegeben.

  8. Jaddi sagt:

    Was machen die eigentlich wenn da einer von den erste Reihen V.I.P.s im Rollstuhl kommt?
    Die scheinen ja eh nicht mitzudenken, da ist es doch vorstellbar das sowas durchaus vorkommen könnte.

  9. Jaddi sagt:

    @MarcSpi: Die Normalität in diesem Saal sind aber wohl 1 oder 2 Plätze für Rollstuhlfahrer.
    Also weicht doch das WEGNEHMEN dieser Plätze von der Normalität ab oder?

    Ich mag oft mit Christianes Ansichten hier im Blog nicht übereinstimmen, aber hier konnte, kann und darf sie ja wohl davon ausgehen, dass man sie oder auch andere rollstuhlfahrende Besucher der Veranstaltung darauf hinweist, das es diesesmal keine Rollstuhlplätze gibt.
    Bzw. irgendwie vorher allgemein Publik machen das man diesesmal lieber VIPs (aber bitte nur welche ohne Rollstuhl), in der ersten Reihe hätte und Rollstuhlfahrer diesesmal nicht erwünscht sind.

    Klingt fies? Aber das wäre doch wohl die logische Konsequenz.

  10. Rob sagt:

    Ich kann mir eigentlich auch schwer vorstellen, dass wenn man sich vorher anmeldet, der Platz für Rollstuhlfahrer auch frei sein wird.

    LG

  11. Preis sagt:

    Das ist sicher besser wenn man sich zu einer veranstalung anmeldet, der Veranstalter kann sich drauf einstellen und alles vorbereiten.

  12. Stefan sagt:

    Ob man sich nun als Rollstuhlfahrer/in vorher anmeldet ist prinzipiell vollkommen egal, da es zu jeder Veranstaltung Plätze für Rollstuhlfahrer/in geben sollte. Jeder soll das Recht haben an öffentliche Veranstaltungen teil zu nehmen. Von daher muss von Anfang an der Platz auch für Leute die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind eingeplant werden, um diese nicht von ihren interessen auszugrenzen.

  13. Ob man sich nun als Rollstuhlfahrer/in vorher anmeldet ist prinzipiell vollkommen egal, da es zu jeder Veranstaltung Plätze für Rollstuhlfahrer/in geben sollte. Jeder soll das Recht haben an öffentliche Veranstaltungen teil zu nehmen. Von daher muss von Anfang an der Platz auch für Leute die in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt sind eingeplant werden, um diese nicht von ihren interessen auszugrenzen.