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Behinderung der Pressearbeit

Der Marktführer wollte sein neues Produkt präsentieren. Vor der CeBIT sollte es noch sein. Und selbst ausprobieren durften es die etwa zehn anwesenden Journalisten auch. Bereits auf der Mobilfunkmesse in Cannes hatte mich die Pressesprecherin eingeladen.

Die Location

Der genaue Ort der Veranstaltung stehe noch nicht fest, aber in Hamburg sollte es sein. Ich sagte zu. Schließlich hatte ich sowieso einen Artikel zu dem Thema in Planung. Einige Tage später kam die Einladung der beauftragten PR-Agentur. Wieder teilte man mir mit, der Ort der Veranstaltung stehe noch nicht fest. Umso besser, dachte ich. Und schrieb in meine Anmeldung per Mail, dass sie bei der Wahl des Veranstaltungsorts bitte darauf achten sollen, dass der Veranstaltungsort stufenlos zugänglich ist. Man schrieb mir – wenn auch etwas kryptisch – dass sie der Veranstaltungsagentur diese Aufgabe mit auf den Weg gegeben hätten.

Barrierefreies Hamburg

Keine schwierige Aufgabe, fand ich. Schließlich waren wir in Hamburg und es gibt wohl recht viele Hotels, die diese Kriterien erfüllen. Vor sechs Monaten hatte mich die Konkurrenz des Unternehmens nach Warschau eingeladen und organisierte, ohne mit der Wimper zu zucken, eine barrierefreie Reise. Was in Warschau möglich ist, kann doch wohl an meinem Heimatort nicht das Problem sein. Und auch x andere Unternehmen haben in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es kein Problem ist.

Es gebe Fahrstühle, antwortete man mir. Dennoch wolle man mir einen Guide zur Seite stellen. Ich schrieb zurück, dass ich einen guten Orientierungssinn habe und ging davon aus, dass ich in ein Hotel komme, in dem alle Räume über Fahrstühle stufenlos erreichbar sind, wenn auch unter Umständen über nicht ganz so offensichtliche Wege. Das war der Deal. Es sollte anders kommen.

Der Guide

Während ich in der Lobby mit jemandem die Sushi-Platte verputzte (man hatte mir einer der Platten von der Bar mit den Barhockern „nach unten“ gebracht), kam die Pressesprecherin zu mir. Sie stellte mir einen jungen Mann vor, der mein Guide sein sollte. Ich muss wohl sehr grimmig geschaut haben, sagt mir der Mann später. Und ich war auch wirklich nicht amused. Ich brauche keine Betreuung, wenn ich an Veranstaltungen teilnehme. Nun gut. Ich dachte mir, ich ignoriere ihn einfach. Wenn er nix zu tun hat, trollt er sich vielleicht.

Der Parcours

Der erste Teil der Veranstaltung bestand aus einem Parcours durch das Hotel. Es gab verschiedene Stationen, an denen das Produkt präsentiert wurde. An Station 1 fiel mir die erste Stufe auf. Wir lachten viel in unserer Gruppe – es war eine gute Stimmung. An Station 3 des Parcours sagte man, ich müsse über einen Umweg zu der nächsten Station. Umweg hieß in dem Fall aus dem Hotel raus, durch den Schnee und durch den Müllraum des Hotels wieder rein. Ich wunderte mich etwas. Und auch der nette junge Mann sagte, er fände den Weg eigenartig.

„Was ist denn sonst ihre Aufgabe in dem Hotel?“ fragte ich meinen Guide. „Ich arbeite nicht für das Hotel. Ich bin vom Deutschen Roten Kreuz,“ antwortete er mir. Mir blieb fast die Spucke weg. Da hatte das Unternehmen, ohne das mit mir abzusprechen, einen Zivi beim DRK angefordert, der mich während der Veranstaltung betreuen sollte. Sehr nett, denken jetzt wohl einige. Ich fand das aber gar nicht nett. Ich kann mich in einer barrierefreien Umgebung völlig selbstständig bewegen und bin nicht auf Hilfe angewiesen. Wenn ich Hilfe brauche, melde ich mich und bestimme vor allen Dingen selbst, wann ich Hilfe möchte und von wem. Zu Presseveranstaltungen, bei denen ich mich nicht selbstbestimmt bewegen kann, gehe ich eigentlich gar nicht.

Die Stufen

Nachdem ich mich wieder gefangen hatte, kam der nächste Hammer: Wir standen vor drei Stufen. Ich war so perplex, dass ich viel zu spät wahrnahm, dass mich der Zivi bereits die drei Stufen runterkutschierte. Nach dem dritten „Aufschlag“ war ich aber wieder hellwach. Es sollten nämlich wieder zwei Stufen nach oben gehen. Ich machte unmissverständlich klar, dass ich die zwei Stufen nicht mehr gewillt war zu überwinden. Und hörte von unten der Präsentation auf der Empore zu. Akustisch war nichts zu verstehen für mich. War mir unterdessen auch egal. Schließlich wollte mir das Unternehmen etwas präsentieren – sie hätten also ein Interesse daran haben müssen, dass ich etwas höre.

Der Zivi zog mich mühevoll die drei Stufen wieder hoch – die Räder waren total nass vom Schnee und auch der Teppichboden machte das Unterfangen nicht einfacher. Auf dem Rückweg fragte ich ihn geistesgegenwärtig, ob noch weitere Stufen bei den anderen Stationen kommen. „Ja, für die Pressekonferenz nachher müssen wir einmal um das Hotel herum und dann wieder über Stufen in den Raum.“ Ich war baff. Hatte ich nicht einen Schriftwechsel bezüglich Stufen geführt? War nicht von „stufenlos“ die Rede?

Tragen ist keine Option

Dass ich mich sehr ungern tragen lasse, hatte ich bereits früher erwähnt. Noch wichtiger ist aber, dass ich entscheiden will, wann und zu welchem Anlass ich mich tragen lasse. Es ist ein Unterschied, ob ich mich in einem Land aufhalte, wo es schwierig ist, einen barrierefreien Veranstaltungsort zu finden oder ob es eher schwierig ist, ein Hotel zu finden, dass dieses Kriterium nicht erfüllt. Und allen, die glauben, dass in Deutschland grundsätzlich barrierefrei gebaut und umgebaut wird, sei gesagt, das Hotel ist im Herbst 2004 eröffnet worden.

Die Pressekonferenz

„Ich gehe nicht zur Pressekonferenz“, erklärte ich meiner Gruppe. Auch die Gründe nannte ich. Und ich bat die Journalistenkollegen, das den Veranstaltern auszurichten. Stattdessen setzte ich mich mit dem Zivi in die Bar. Einfach nach Hause gehen wollte ich auch nicht. Schließlich sollte niemand auf die Idee kommen, dass ich noch einen anderen Termin hätte. „Sie haben wirklich Rückgrat“, meinte der Zivi und ich war ihm sehr dankbar für die moralische Unterstützung. Ich war fest entschlossen, die PK sausen zu lassen.

Diskussion

Irgendwann fiel dann wohl doch auf, dass ich fehlte. Eine Eventmanagerin machte sich auf die Suche nach mir. Ich erklärte ihr in knappen Worten, dass ich nicht bereit bin, unter den Umständen, an der PK teilzunehmen. Sie hätten vor der Hotel-Suche gewusst, dass ich an der Veranstaltung teilnehmen würde und man hatte mir zugesagt, dass ich alleine zurecht komme. Sie zog wieder von dannen.

Eventmanagerin Nummer 2 versuchte mich wenig später zu überreden. Als ich ihr in epischer Breite erklärt habe, was Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe ist und wer darüber entscheidet, was für mich zumutbar ist und was nicht – nämlich ganz allein ich – erzählte sie mir vom behinderten Kind ihrer Schwester, das sie immer tragen.

Da war es wieder das „Ich kenne jemanden, der behindert ist“-Phänomen. Wenn sich Leute gegenüber behinderten Menschen falsch verhalten und das kritisiert wird, kommen sie mit dem Freund der Cousine dessen Schwippschwagers Onkel, der auch eine Behinderung hat und für den das kein Problem ist. Ich merkte, dass ich gegen eine Wand redete. Jeder schob die Verantwortung ab. Das Unternehmen auf die Eventagentur, die Eventagentur auf das Hotel, das Hotel auf die Bauordnung und auf mich. Sie machten mir alle unmissverständlich klar, dass ich das Problem bin – nicht die Organisation und vergaßen darüber, dass sie ein Interesse daran hatten, mir etwas zu präsentieren. Sie sahen „die Behinderte“ nicht „die Journalistin“.

Das Restaurant

30 Minuten sollte die PK dauern. Die Eventmanagerin sagte mir, ich könne schon mal im Restaurant Platz nehmen. Das Restaurant befand sich im Keller. Der Zivi sagte mir, dass wir durch die Tiefgarage müssten. Und tatsächlich: Nur über die PKW-Zufahrt führte der Weg ins Restaurant. Und wieder war eine Stufe zu überwinden. Als ich dann im Restaurant war, wartete ich gespannt, wie sich die Pressesprecherin verhalten werde. Ich erwartete eine Entschuldigung oder zumindest ein paar Ausflüchte. Doch erst einmal passierte nichts.

Die PK zog sich offensichtlich. Die Kellner wurden nervös und hatten Angst um das Essen. Ich bediente mich schon mal an dem Knabberkram, der auf dem Tisch stand. Nach weiteren 30 Minuten kamen dann die ersten Journalisten. Ich bekam zwei nette Tischnachbarn und auch die Sprecherin setzte sich an meinen Tisch. Sie sagte nichts dazu, dass ich nicht bei der PK war, sondern bot mir an, dass eine der Vortragenden mir noch mal kurz ihren Vortrag zusammen fassen sollte. Das passierte dann auch.

Der Kaffee

Es kamen Suppe, Hauptspeise und das Dessert. Die Pressesprecherin schlug vor, den Kaffee oben zu trinken. Ich ging davon aus, dass sie den Raum meinte, wo wir vorher schon Sushi aßen. Wieder irrte ich mich. Ich sagte, ich komme nach, da ich ja wieder durch die Tiefgarage musste.

Tiefgarage des Hotels
Mein Weg zum Restaurant

Der Zivi schob mich die steile PKW-Rampe hoch. Als ich oben ankam, war niemand der anderen zu sehen. Dann wurde mir schlagartig klar, dass die Pressesprecherin wohl die Lounge im 1. OG gemeint haben musste. Wieder viele Stufen. Ich rang wirklich mit der Fassung, ging zur Garderobe, ließ mir meine Jacke geben und verließ zusammen mit dem Zivi das Hotel, ohne mich von jemandem zu verabschieden.

Von dem Unternehmen hat sich bislang niemand bei mir gemeldet. Nur die PR-Agentur schickte mir eine Mail:
„Ganz herzlichen Dank noch einmal für Ihr Kommen – uns hat insbesondere auch der Austausch untereinander sehr viel Spaß gemacht!“

6 Kommentare

  1. Notizblog.de sagt:

    Behinderung der Pressearbeit

    Christiane Link ist Journalistin, und benötigt einen Rollstuhl, um sich fortzubewegen. Kein großes Thema heutzutage, sollte man meinen – wir sind ja alle so toll, offen und informiert und unglaublich

  2. martin sagt:

    unfaehige pr-tussis, aber echt! vielleicht sollten sie sich mal das „buch der begriffe“ zu gemuete fuehren anstatt in cosmopolitan & co zu blaettern:
    http://www.ioe.at/content/projekte/abgeschlosseneprojekte/index_ger.html

    mlg aus wien
    martin:)

  3. andreas sagt:

    Diese „mehrstufigen“ Probleme werden hoffentlich nicht Deine journlistische Objektivität bezüglich des Produkts beeinflussen, oder? ;-)

    Ernsthaft: Das ist wieder mal typisch. Eigentlich sollte man darauf auch ohne Anfrage Rücksicht nehmen, respektive sollte es diese Probleme nicht geben, aber wenn im Vorfeld auf eine Behinderung hingewiesen wurde, ist es doppelt frech.

  4. sagichdoch? sagt:

    Der Unterschied zwischen „sein“ und „werden“,

    Aktiv und Passiv, erschließt sich immer wieder schön am Partizip „behindert“. Hier gilt in einer Gesellschaft, die sich über enge Grenzen des „Normalen“ definiert, zumeist: man ist. Und wer „ist“, also aktiv, in dessen Feld liegt …

  5. Ralph Raule sagt:

    und dann sag noch jemand in diesem lande, es werde hier nicht diskrimniert ….. „nein, ganz klar, das kommt schon mal vor und ist ja auch keine böse absicht“. mag stimmen, ändert aber nichts daran, dass „es“ passiert.

    man mag fluchen, wenn man das antidiskrimiergesetz nennt … und auch ich bin eher kein freund von zuviel gesetzen und verordnungen. aber wie lange ist schon nichts passiert und nichts in die köpfe rein gegangen? viel zu lange. ich erwarte keine prozeßflut, ich erwarte viel zynik und häme wegen dem adg …, aber ich erwarte auch mehr sensibilisierung und ein bewusstwerden der barrieren in den köpfen, so dass dieses über kurz oder lange doch verschwinden und da adg überflüssig machen.

    was haltet ihr davon: das adg läuft 5 jahre. und danach entscheidet man wieder, ob man es noch braucht oder nicht. so hat es jeder selbst in der hand, darüber nach zu denken …. und beizutragen, dass etwas in köpfen und auch im verhalten hängenbleibt. dann hat es sich gelohnt.

  6. […] Richtig bekannt wurde er nach der Geschichte mit dem Marktführer, die viele andere Blogger und andere Internetmenschen aufgriffen. Aber auch die Erwähnung durch Stephan Niggemeier in der V.i.S.d.P. hat Behindertenparkplatz neue Leser bescherrt, wovon einige bis heute geblieben sind. […]