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Barrierefreiheit – Nur Fliegen ist schöner

Eigentlich wollte ich am Samstag am Presserechtsseminar des Netzwerk Recherche teilnehmen. Das klappt nun nicht. Warum? Weil die Evangelische Medienakademie in Berlin, so wie viele andere journalistische Bildungseinrichtungen auch, nicht barrierefrei ist. Man würde mich die Treppen hoch und runter tragen, bot man mir an. Sicherlich gut gemeint, aber für mich keine Option.

Ich hasse es, getragen zu werden. Wenn es brennt, lasse ich gerne mit mir reden. :-) Aber nicht, wenn es nur eine Frage der Organisation ist. „Es war aber schon einmal eine Rollstuhlfahrerin im Haus. Die haben wir hochgetragen“, sagte man mir ganz vorwurfsvoll. Ich kenne das Argument. Auch an der Uni wollte man mich immer wieder aufs Tragen verweisen, statt den Hörsaal zu tauschen. Problematisch dabei ist, dass es immer irgendeinen ominösen Rollstuhlfahrer vor mir gab, den man bereits hundert Mal in den 15. Stock getragen hat. Okay, ich übertreibe, aber mir die Entscheidung zu überlassen, was ich mir zumute und was nicht, auf die Idee kommen nur wenige.

Rollstuhl ist nicht gleich Rollstuhl und nur weil sich angeblich ein Rollstuhlfahrer tragen lässt, kann man das nicht als Lösung für alle anderen ansehen.

Während meines Studiums ist ein Rollstuhlfahrer in einem Hörsaal mit Stufen tödlich verunglückt. Meist schaut man mich dann ganz verwundert an, wenn ich die Geschichte erzähle. Ja, wer die Treppe runter fällt, bricht sich manchmal auch das Genick. Nicht, dass ich Angst vor dem Tragen habe, aber es zeigt vielleicht, dass Tragen nicht wirklich eine Alternative ist und nicht so leicht, wie sich das die meisten vorstellen. Jeder Rollstuhl ist anders, nicht jede Treppe dafür geeignet. Zudem möchte ich mich – und das hat bei mir höchste Priorität – selbstbestimmt und eigenständig bewegen können. Das ist auch heutzutage kaum ein Problem, setzt aber voraus, dass man erkennt, dass nicht die behinderten Menschen „das Problem“ verursachen, sondern die eigenen baulichen Unzulänglichkeiten.

Vielleicht nimmt die Medienakademie meine Absage zum Anlass, nicht die Rollstuhlfahrer auf das Tragen zu verweisen, sondern zu überlegen, wie sie ihre Stufen loswerden. Hilfsbereitschaft ersetzt keine Barrierefreiheit. Das dachte man in den 80er Jahren als Tragen von Rollstuhlfahrern von so manchen Pädagogen als sozialpädagogische Maßnahme angesehen und so gegen Fahrstühle in Schulen argumentiert wurde. Das ist kein Witz, das habe ich selbst zu hören bekommen. Ich will aber gar keine sozialpädagogische Maßnahme sein. Ich will einfach ins Gebäude rein.

Das Netzwerk Recherche habe ich gebeten, ihre Veranstaltungen zukünftig in barrierefreien Räumlichkeiten abzuhalten. Es ist alles eine Frage der Recherche nach barrierefreien Räumen. :-) Wie war das noch mit dem Tropfen und dem Stein?

2 Kommentare

  1. ? War nicht von “stufenlos” die Rede? Dass ich mich sehr ungern tragen lasse, hatte ich bereits früher erwähnt. Noch wichtiger ist aber, dass ich entscheiden will, wann un […]

  2. […] quo; Qual der Wahl Vom Kampf und den Windmühlen Ich dachte, der Mailwechsel mit dem Netzwerk Recherche im Januar hätte sich gelohnt: “Das Netzwerk Reche […]