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An den Rollstuhl gefesselt

Das Magazin V.i.S.d.P. hat dpa, AFP, die Tagesschau, Blitz und taz nach Wörtern gefragt, die Journalisten lieber nicht benutzen sollten – und warum nicht. Und was lese ich da: „An den Rollstuhl gefesselt“. Dass ich das noch erleben darf! Ich hoffe, die Liste hält Einzug in Redaktionen. Zumindest dient sie hervorragend als Quelle, wenn wieder einer meint, sich dieser Floskel bedienen zu müssen.

Mit der Formulierung „an den Rollstuhl gefesselt“ wird die Bewertung nämlich gleich mitgelierfert: Ist alles ganz schlimm. Und das ist einfach nicht richtig. Ein Rollstuhl sichert mir und anderen meine Mobilität. Er gibt mir Freiheit und ermöglicht mir die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Niemand würde von sich behaupten, er sei an sein Auto gefesselt. Und trotzdem sind viele Leute darauf angewiesen. Die meisten finden das aber ganz normal – so wie ich es normal finde, auf einen Rollstuhl angewiesen zu sein.

Aber ein Wort habe ich in der Liste vermisst: Taubstumm. Ich werde es nachreichen.

6 Kommentare

  1. Rainer sagt:

    Hallo
    Das mit dem Taubstumm verstehe ich nicht. Was ist daran falsch?
    Gruß
    Rainer

  2. Martin Stehle sagt:

    Hi Christiane,

    danke, dass du an „taubstumm“ gedacht hast und das Wort nachreichen wirst!

    Viele Grüße.
    Martin

  3. Hallo Christiane,

    stimmt…der Ausdruck ist dämlich. In der Wohngruppe, in der ich noch in der Steinzeit meinen Zivildienst absolviert habe, hatten wir einen netten Cartoon hängen, der das auch sinnbildlich darstellte. Mit ganz vielen Seilen und Ketten. Unsere Bewohner haben den Ausdruck aber immer mit Humor genommen.

    Gruß
    Stephan

  4. Ralf sagt:

    Taubstumm? Hmmm…. Taubstumm ansich finde ich nicht schlimm. Das Wort beschreibt ja nur den Zustand wenn jemand Gehörlos ist und zusätzlich nicht sprechen kann.
    Mich stört eher die falsche Verwendung des Wortes. Als ich noch zur Schule ging, teilte ich die S-Bahn meistens mit den Schülern von der Gehörlosenschule. Die waren oft alles andere als stumm. Trotzdem hörte man auf dem Bahnsteig des öfteren die Leute sagen „Die Taubstummen da drüben“.

    Wenn das Wort „Taub“ stört, ich verwende es auch lieber als Gehörlos. Wobei hier die deutsche Sprache ja mal wieder Saltos ohne Ende schlägt. Mit Taub bezeichne ich auch gefühllose Körperteile (ein taubes Gefühl im Bein haben). Nur bitte zwingt mich nicht zu künstlichen Sprachkonstrukten wie „Gehör- und Sprachlose Mitmenschen“. Das hört sich viel eher nach „Das Ding da drüben“ an.

    Mich würde schon interessieren warum man als Journalist das Wort „Taubstumm“ nicht verwenden sollte. Bzw. welche Alternative besser wäre, mit der man sich dann aber keinen Knoten in die Zunge macht oder die eher auf die Beschreibung eines Dings passt.

  5. Warum es nicht taubstumm heißt

    Aus den Kommentaren zu “An den Rollstuhl gefesselt” entnehme ich, dass einige noch nicht wissen, warum man als Journalist besser nicht “taubstumm” schreibt und auch als Normalsterblicher das Wort gerne aus seinem Wortschatz str…

  6. Didi sagt:

    Ich habe es an anderer Stelle schon einmal geschrieben: das Wort tut eigentlich niemandem weh.
    Es gibt nun einmal eine Menge von Begriffen, die in unserer Sprache im wörtlichen und in einem übertragenen Sinn verwendet werden. Das ist auch ein Element, das die Sprache lebendig und interessant macht.
    auf etwas angewiesen sein -> an etwas gebunden sein -> an etwas gefesselt sein … was ist daran böse?
    Bald ist es soweit, dass man in der Technik nicht mehr den Begriff „Mutter“ verwenden darf, sondern geschlechtsneutral „sechskantiges Werkstück mit Innengewinde zur Befestigung von Schraubverbindungen“ sagen muss.
    Lasst uns doch unsere Sprache, so wie sie gewachsen ist, mit all den regionalen Eigenheiten und Dialekten und lasst uns nur die Begriffe vermeiden, die auch wirklich einen beleidigenden Hintergrund haben und auch in diesem Sinn verwendet werden.