Woran man Verbündete behinderter Menschen erkennt (und wie man eine/r wird)

“Ich kenne mich aus, ich arbeite mit behinderten Menschen” oder “Meine Cousine sitzt im Rollstuhl, ich habe nichts gegen behinderte Menschen” – ich weiß nicht, wie ich oft ich solche Sätze in den vergangenen Monaten gehört habe. Meistens dann, wenn es darum ging Barrierefreiheit durchzusetzen oder zu klären, welche Richtung künftig im Bereich Barrierefreiheit und Inklusion eingeschlagen wird.

Ehrlich gesagt zeigt mir nichts mehr, dass diese Menschen in Wahrheit keine Verbündeten sind  – das englische Wort „Ally“ ist irgendwie schöner – als solche Aussagen. Denn dann wüssten sie nämlich, dass behinderte Menschen im Umfeld kein Freischwimmerabzeichen zum paternalistisch sein sind. Dann wüssten sie auch, dass ihnen das keinesfalls automatisch Kompetenz oder Legitimität verleiht, um für behinderte Menschen zu sprechen.

Die vielen Begegnungen dieser Art werfen bei mir aber die Fragen auf: Wer ist ein/e Verbündete/r und wie erkennt man sie? Es ist definitiv einfacher zu erkennen, wenn jemand kein Verbündeter behinderter Menschen ist als wenn jemand es wirklich ernst meint. Oder anders gesagt: Nicht alle Menschen, die so tun als ob sie Verbündete sind, sind es auch. Aber wie wird man zu einem/einer?

1. Verbündete sprechen nicht für behinderte Menschen. Sie unterstützen viel mehr, Interessen von behinderten Menschen durchzusetzen.

Die allermeisten behinderten Menschen können für sich selbst reden. Man lässt sie oft einfach nicht. Auch wenn es länger dauert, wenn es mühsam ist oder mal DolmetscherInnen benötigt, die Mehrheit kann selbst sagen, was sie möchten. Sie werden nur oft gar nicht gefragt.

Die, die das nicht können, brauchen umso mehr Verbündete, keine Bevormunder. Das gilt auch bei der Frage, wer behinderte Menschen repräsentiert. Oder wie jemand neulich auf Twitter schrieb: “Ein behinderter Mensch spricht mindestens für einen behinderten Menschen, sich selbst, manchmal sogar für eine ganze Gruppe. Ein nicht-behinderter Menschen spricht nicht einmal für einen Einzigen.”

Die Erfahrungen, die behinderte Menschen machen, sind oft ähnlich, gerade im Bezug auf Barrierefreiheit, Ausgrenzung oder Vorurteile. Das ist ein Erfahrungsschatz und ein Blickwinkel, den man schlicht und einfach nicht so einfach lernen kann, aber um so wichtiger sind diese authentischen Berichte dann.

2. Verbündete unterstützen behinderte Menschen darin, sich selbst zu vertreten

Wenn wir also akzeptieren, dass behinderte Menschen sich wenn möglich selbst vertreten sollen, dann muss man dafür die Vorraussetzungen schaffen. Das bedeutet zum Beispiel die behinderte Person schon von Kindesbeinen an darin zu ermutigen, genau das zu tun. Stichwort: Empowerment. Ich war mal bei einer Parlamentsanhörung bei der die Mutter ihrer behinderten jugendlichen Tochter ständig ins Wort fiel. Sie war definitiv keine Verbündete. Im Gegenteil. Der Sitzungsleiter hat dann aber dafür gesorgt, dass die Tochter gehört wird und die Mutter mal die Klappe hält. Ein Verbündeter.

Behinderte Menschen, gerade solche, die schon im Jugendalter behindert waren, sind häufig so daran gewöhnt, dass jemand für sie spricht und sich niemand dafür interessiert, was sie zu sagen haben, dass sie oft die Redezeit auch gar nicht einfordern. Deshalb ist es umso wichtiger, dass das selbstverständlich wird und es Menschen, eben Verbündete, gibt, die das möglich machen.

3. Verbündete schaffen diese Redemöglichkeiten

Damit wären wir bei Punkt 3. Diese Redemöglichkeiten müssen erst einmal geschaffen werden. Wenn ich also eine Veranstaltung zu Diversity organisiere und da sitzen 5 weiße nichtbehinderte heterosexuelle Frauen auf der Bühne ist das noch lange keine Diversity, nur weil man neben 5 Männern auch mal zur Hälfte Frauen eingeladen hat.

Behinderte Menschen hatten in den vergangenen Jahrzehnten so wenig Redezeit, sogar wenn es um ihre ureigenen Belange ging, dass man eigentlich für die nächsten 10 Jahre auf jeder dritten Bühne jemand sitzen haben müsste, um das wieder auszugleichen. Und dabei geht es nicht nur darum, dass man diese Gruppe zu Wort kommen lässt, wenn es um das Thema Behinderung geht.

Man verpasst auch etwas, wenn man es zu anderen Themen nicht tut. Wir haben oft eine ganz andere Perspektive auf gesellschaftliche Belange, sehen Entwicklungen mit anderen Augen und sind enorm problemlösungserprobt. Der Gesellschaft entgeht also etwas, wenn diese Möglichkeiten an diesen Perspektiven teilzuhaben nicht geschaffen werden. Und das machen eben Verbündete.

4. Verbündete denken Behinderung mit

Verbündete müssen nicht daran erinnert werden, ein barrierefreies Restaurant zu finden. Sie verteilen die Unterlagen für Meetings nicht nur auf Papier kurz vorher, sondern senden sie auch per E-Mail, damit der blinde Kollege sie auch lesen kann. Die Einstellung “Ich sehe Deine Behinderung gar nicht” ist dabei überhaupt nicht hilfreich. Im Gegenteil, es hört sich nur wahnsinnig „open-minded“ an, ist es aber nicht. In Wahrheit blendet man einen Teil der Identität aus, was dann dazu führt, dass bestimmte Bedürfnisse wie ein barriererfreier Zugang nicht erfüllt werden.

5. Verbündete hören vor allem erstmal zu

Nichtbehinderte Verbündete wissen nicht alles besser. Können sie ja gar nicht. Sie machen nicht die gleichen Erfahrungen wie behinderte Menschen, sie wissen nicht wie es sich anfühlt aufgrund von Behinderung ausgegrenzt zu werden. Deshalb ist es umso wichtiger, erst einmal zuzuhören und von diesen Erfahrungen zu lernen. Außerdem ist es wichtig, behinderte Menschen von diesen Erfahrungen erzählen zu lassen, denn sie gehören oft zum Alltag und darüber reden hilft enorm, sie zu verarbeiten.

6. Verbündete bieten respektvoll und nicht aufdringlich Hilfe an

Behinderte Menschen brauchen im Alltag manchmal Hilfe von nichtbehinderten Menschen. Helfen ohne vorher zu fragen ist keine Hilfe sondern Belästigung. Niemand möchte gerne ungefragt irgendwo hingeschoben werden oder über die Straße geführt werden. Das sind jetzt Extrembeispiele, sie kommen aber öfter vor als man so denkt.

Auch ziemlich ätzend ist, wenn jemand zwar Hilfe anbietet, man diese auch dankend annimmt, danach aber überschwänglich betont wird, wie hilfsbereit der Helfer doch ist: “Also ich habe Ihnen gerne geholfen, viele Menschen tun das ja nicht, aber ich bin ja ein Guter.” Das sind keine Verbündete, diese Zeitgenossen sind einfach furchtbar anstrengend und herablassend.

Die Botschaft lautet dann: „Bitte schön dankbar sein“, auch wenn man sich natürlich vorher schon höflich bedankt hat. Verbündete hingegen bieten unkompliziert ihre Hilfe an, akzeptieren, wenn man “Nein“ sagt und machen kein Aufhebens darum, wenn man die Hilfe annimmt. Wie entspannend und wirklich hilfsbereit!

7. Verbündete machen kein Tone-Policing

Es ist für mich ein eher neues Phänomen, vermutlich hat es damit zu tun, dass immer mehr behinderte Menschen für sich selbst sprechen (wollen), aber Tone-Policing nervt zunehmend. Kaum haben behinderte Menschen ihre Stimme gefunden, schreit jemand dazwischen, das könne man so nicht sagen, das sei aggressiv (vor allem bei behinderten Frauen gerne verwendet), das sei zu fordernd oder was auch immer.

Ja, es ist unangenehm für die Mehrheitsgesellschaft, wenn sich eine Minderheit nach Jahrzehnten der Dominanzkultur endlich Gehör verschafft. Das ist man nicht gewohnt, das muss gestoppt werden. Diejenigen, die das tun, meinen es aber nicht gut, die wollen auch keine gut gemeinten Ratschläge geben. Das sind keine Verbündeten. Far from it. Verbündete stoppen dieses Tone-Policing.

8.Verbündete nutzen eine angemessene Sprache

Behinderte Menschen sind kein Gemüse. Auch dann nicht, wenn sie nicht sprechen können und kognitive Einschränkungen haben. Was jetzt hoffentlich für die meisten absurd klingt, schreibe ich, weil ich neulich in einem Treffen saß, wo ein Vater sein behindertes Kind als Gemüse bezeichnet hat. Das ist weder cool oder ein lockerer Umgang mit dem Thema, das ist beleidigend.

Und wer nicht weiß, wie ein behinderter Mensch bezeichnet werden möchte (ich mag zum Beispiel Rollstuhlfahrerin gerne), der fragt einfach. Das tun Verbündete. Sie respektieren vor allem die Selbstbezeichnung behinderter Menschen. Und schon gar nicht korrigieren sie behinderte Menschen und teilen ihnen belehrend mit, dass sie sich bitte anders bezeichnen müssen. Das ist auf Twitter gerade sehr en vogue.

9. Verbündete verabscheuen Symbolpolitik, Alibiaktionen und Feigenblätter

Nachdem der Druck steigt, doch bitte mehr Diversity zu fördern, steigt die Anzahl an Alibiaktionen, Symbolpolitik nimmt zu und einzelne behinderte Feigenblätter, von denen man keinen all zu großen Gegenwind erwartet, werden in Gremien gesetzt und auf Bühnen gehoben. Man gibt sich divers, ist aber ganz genau das Gegenteil. Verbündete machen das nicht mit. Sie setzen sich für echte Teilhabe sowie Diversity ein und lehnen Alibiaktionen ab. Sie stellen behinderte Menschen aufgrund ihrer Qualifikationen ein, zahlen ihnen einen angemessenen Lohn, nehmen sie ernst und respektieren sie sogar als Chefin.

10. Verbündete verleihen sich selbst keinen Helden-Status

Der Verbündeten-Status endet dann ganz schnell, wenn vermeintliche Verbündete glauben, sie seien Tausendsassa, “weil sie was für Behinderte tun”. Das ist ziemlich erniedrigend für die behinderte Person. Niemand möchte zum Hilfsobjekt degradiert werden. Wer glaubt, einen Heldenstatus verdient zu haben, weil er Punkt 1-9 irgendwie versucht umzusetzen, hat ihn dann jetzt verloren. Alle anderen werden die Anerkennung sowieso bekommen.

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