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Wirklich willkommen

Ich bin für zwei Tage nicht in der Redaktion, weil ich an einem Willkommensseminar für neue BBC-Mitarbeiter teilnehme. BBC Upfront heißt das und ich muss sagen, ich bin schwer beeindruckt. Ich sitze mit 50 anderen neuen Mitarbeitern im Schulungszentrum und staune und freue mich, dass ich das erleben kann. Das Programm ist richtig gut und wir schauen viele Filme über die BBC – Geschichte, Porträts über Mitarbeiter, Ethik etc. Zwischendurch diskutieren wir viel und hören Vorträge von unterschiedlichen Leuten. Bei den Filmen war ich zwischendurch sprachlos. Der erste Film startete mit einer Sequenz, bei der Rollstuhlfahrer zu sehen waren. Im Interview waren dann verschiedene Mitarbeiter zu sehen, die erzählen, was ihnen an BBC gefällt. Darunter ein blinder Producer und ein gehörloser Mitarbeiter. Und das in einem Imagefilm, den jeder neue Mitarbeiter sieht! Ich habe mich sehr gefreut darüber. Die Filme sind zudem untertitelt und haben teilweise Gebärdenspracheinblendungen. Überhaupt ist der Kurs super barrierefrei.

Die Schulung findet in einem BBC-Gebäude in der Innenstadt statt – uralt, aber total barrierefrei. Von Türöffnern bis zu Schildern in Braille ist alles da. Bei allen Anmeldeformularen wird man gefragt, ob man besondere Anforderungen an die Barrierefreiheit hat. Ich gebe immer an, dass ich Rollstuhlfahrerin bin. Als ich heute ankam, sass meine Gruppe, der ich zugeteilt war, direkt am Eingang. Ein Stuhl war schon entfernt. Das fand ich fast so beeindruckend wie die Filme. Da gibt es keine Diskussion, ob das wirklich sein muss. Es wird einfach gemacht. Und das ist nicht das erste Mal, dass mir das auffällt. Ich muss nicht rumdiskutieren und nicht einmal wirklich etwas organisieren. In Deutschland diskutiert und rechtfertigt man ständig, wenn es um Barrierefreiheit geht und die Organisation kann man ganz oft auch noch übernehmen. Hier wird das von anderen Mitarbeitern erledigt, die das als Teil ihrer Aufgabe ansehen. Man nennt seine Anforderungen und jemand anderes kümmert sich darum, das umzusetzen. Was für eine Entlastung und man fühlt sich wirklich willkommen.

6 Kommentare

  1. Suse sagt:

    Moin,

    oh, das ist allerdings recht beeindruckend. Es stimmt, hier in Deutschland muss man sich oftmals rechtfertigen und diskutieren. Als wir uns während des Studiums in Rollstühle gesetzt und versucht haben, einen Hindernisparcours zu durchfahren – und dann von A nach B zu kommen – , nur um zu erfahren, wie beschwerlich das für Rollstuhlfahrer sein kann, wurden wir direkt angegriffen. Wir würden uns pietätlos verhalten. Lange Rechtfertigungen waren notwenig. Dabei fand ich das sehr wichtig, zu erfahren, wo denn die Klippen des Alltags stecken – und wie hilflos und wütend man wird, wenn es nicht auf Anhieb gelingt oder man durch Fehlplanung einen riesigen Umweg fahren muss. Jedenfalls ging es mir so mit der Hilflosigkeit und der Wut.
    Na – es täte manchem mal ganz gut, die Rollen zu wechseln. Und ich finde es prima, dass die BBC da wirklich ein Augenmerk drauf hat. Ich glaube, das erleichtert einem die Arbeit und das Eingewöhnen dort ungemein, oder….?

    Ich wünsche Dir weiterhin gute Erlebnisse und eine schöne Zeit.
    Liebe Grüße
    Suse

  2. Dorothea sagt:

    Naja Suse,

    „pietätlos“ find ich „Behinderten-Spielen“ nicht gerade – immerhin sind wir ja weder tot noch Mitleidsalmosenempfänger (Pietas = Leiden/Mitleiden, auch Ehrfurcht vor dem Tod), aber so ein Hindernisparcours bildet nicht einen Bruchteil dessen ab, was mensch als Rollstuhlnutzerin erlebt. Man wird nicht „hilflos und wütend“, wenn „es nicht auf Anhieb gelingt“ – wer sind wir denn, kleine frustrationsintolerante Behindi-Kindis, die mit ihren kleinen Füßchen aufstampfen würden, wenn sie denn dafür taugten oder am liebsten in lautes Geplärr ausbrechen?

    Offensichtlich hast du dich hilf-los, also hilfs-bedürftig, „gefühlt“ und wütend – nun aber wirklich, für viele RollstuhlnutzerInnen ist das Gefährt nichts, was mit Hilf-losigkeit zu tun hat, wo es einen starken „gesunden“ Helfer/Pfleger bräuchte, um die Widrigkeiten des Alltags zu umschiffen

    Mann wird vergehilflost, verbehindert, wenn einfach die Gegebenheiten eineN ausschließen – und genau DAS scheint bei der BBC anders zu sein. Um zu zitieren: man fühlt sich WILLKOMMEN. Man ist kein Stör- und Kümmerfall, nix Besonderes, kein Störenfried, sondern einfach schlichtweg da – und kann es sein.

    Das hat mit der gefühlten Hilflosigkeit und Wut einer Fußgängerin, die mal eben Rolle tauscht und Behindert spielt, genauso viel zu tun, als ob eine Kuh meint, sie könnte sich 3 Federn ankleben und wüßte über die Gegebenheiten der Schwanenexistenz Bescheid.

  3. Suse sagt:

    Moin Dorothea,

    „pietätlos“ war das Wort, mit dem wir konfrontiert wurden. Das ist ja ausnahmsweise nicht auf meinem Mist gewachsen *g*.

    Und natürlich weiß ich, dass der Vergleich mit dem Hindernisparcour absolut hinkt. Trotzdem war es eine, sagen wir mal lehrreiche Erfahrung (und ja, der Vergleich mit der Kuh und den Federn ist da durchaus berechtigt). Ich hatte ja auch extra geschrieben, dass ICH mich hilflos und wütend fühlte. Es tut mir Leid, wenn ich den Eindruck erweckt habe, Rollstuhlfahrer mit trotzigen Kindern zu vergleichen. Das wollte ich bestimmt nicht.

    Du hast das sehr schön auf den Punkt gebracht: „Mann wird vergehilflost, verbehindert….“ Es ist die Sicht der Leute, die einem ein Klotz ans Bein binden.
    Das konnte ich nur leider nicht so richtig auf den Punkt bringen. Aber vielen Dank für das Richtigrücken (manchmal muss das sein…!).

    Liebe Grüße und noch einen schönen Tag
    Suse

  4. Gerhard sagt:

    Erfreulich. Ich finde es allerdings bedenklich, behinderte Mitarbeiter bei solchen Veranstaltungen dermaßen in den Vordergrund zu rücken. Wirkt meist wie eine billige Werbekampagne.

  5. Christiane sagt:

    @Gerhard
    Genau das war es nicht. Es war kein „in den Vordergrund rücken“. Es wurde einfach gezeigt, dass es behinderte Mitarbeiter gibt und was sie denken. Die Vielfalt wurde dargestellt. Es wurden ganz viele Mitarbeiter porträtiert und darunter eben auch diese.

  6. Gerhard sagt:

    Beeindruckend. So etwas gelingt deutschen Unternehmen äußerst selten bis gar nicht.