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Warum es nicht taubstumm heißt

Aus den Kommentaren zu „An den Rollstuhl gefesselt“ entnehme ich, dass einige noch nicht wissen, warum man als Journalist besser nicht „taubstumm“ schreibt und auch als Normalsterblicher das Wort gerne aus seinem Wortschatz streichen darf.

Die Gründe:

1. Der gute alte Duden empfiehlt seit vergangenem Jahr im Synonymwörterbuch, „dass die früher übliche Bezeichnung taubstumm durch gehörlos ersetzt werden sollte“.

2. Der Gehörlosenverband München hat auf seiner Internetseite zusammengefasst, warum das Wort „taubstumm“ von Gehörlosen abgelehnt wird: Das Wort „Stumm“ lässt sich etymologisch von dem Wort „Dumm“ herleiten. Daneben ist kein Gehörloser wirklich stumm. Gehörlosen können sprechen, aber nicht hören, was sie sagen. Das heißt, es ist einfach falsch, das Wort zu nutzen.

3. Das Wort „Gehörlos“ betont ein neues Selbstverständnis gehörloser Menschen. Sie bezeichnen sich selbst als gehörlos, nicht als taubstumm. Im Gegenteil, das Wort „taubstumm“ wird als diskriminierend und abwertend empfunden.

Es gibt noch mehr Begriffe zu und über Menschen mit Behinderungen, die einfach falsch und veraltet sind. Welche das sind, kann man im „Buch der Begriffe“ nachlesen. Das Buch kann auch kostenlos bestellt werden.

14 Kommentare

  1. Alexander sagt:

    Auch wenn man das Wort nicht verwenden soll — die wortgeschichtliche Herleitung „stumm“ = „dumm“ kommt mir etwas zweifelhaft vor. (Ebenso übrigens die englische Übersetzung auf den GMU-Seiten; „deaf-mute“ wäre da naheliegender gewesen als „deaf and dumb“.) Mein Etymologie-Duden verweist auf das mittel- und althochdeutsche „stum“, ursprünglich „sprachlich gehemmt“ und auf die Verwandschaft mit „stammeln“ und „stemmen“ (im Sinne von „hemmen“). Aber wie Du bereits schreibst, gibt es daneben gute Gründe, das Wort nicht mehr zu verwenden.

  2. kaltmamsell sagt:

    stumm (…) Zu der unter stemmen und stammeln behandelten Grundlage mit der Bedeutung ‚anhalten‘. Also eigentlich ‚gehalten‘, wohl ein Hüllwort für älteres dumm.
    (Kluge, Ethymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache)
    Wundert mich nicht, denn ich kenne im Bayrischen „dorat“ für schwerhörig aber auch für dumm. In weniger aufgeklärten Zeiten wurde Gehörlosen halt gern unterstellt, sie seien dumm.

  3. Christiane sagt:

    @Kaltmamsell
    Leider nicht nur in weniger aufgeklärten Zeiten. :-(

    „Wohl am wichtigsten für die Entwicklung eines jeden menschlichen Individuums ist aber, daß der größte Teil der Lernvorgänge, und damit die Ausbildung der Intelligenz, nur durch ein funktionierendes Gehör ermöglicht wird“. Quelle: Ein Wissenschaftler der Uni Heidelberg, nachzulesen unter http://www.uni-heidelberg.de/uni/presse/rc4/5.html

  4. Martin Ladstätter sagt:

    Ich empfehle den provokant betitelten BIZEPS-INFO Artikel „Taubstummes Weib kann Gehörlosensprache“ unter http://www.bizeps.or.at/news.php?nr=4305

  5. Ralf sagt:

    Danke erstmal für die Erläuterung.

    Ich persönlich hätte jetzt auch nicht Stumm mit Dumm in Verbindung gebracht.

  6. rollblau sagt:

    Mir dreht sich manchmal der Magen um, wenn ich mit den Versuchen politisch korrekter Sprachregelungen konfrontiert werde. Ausdrücklich beziehe ich mich hier nicht auf das Wort „taubstumm“, das wirklich durch gehörlos ersetzt werden sollte. Aber allein beim ersten Hineinschauen in das „Buch der Begriffe“, begann mein Kopf von alleine zu schütteln : Nur zwei Beispiele : Weshalb sollte man mich als „Mensch mit Behinderung“ qualifizieren dürfen in Zusammenhängen, die mit meinen körperlichen Gegebenheiten nichts zu tun haben? Es bleibt sich gleich, ob ich dann als Behinderter oder Mensch mit Behinderung definiert oder angesprochen werde. Und der Gipfel, zumindest bei erster Durchsicht, ist : Mensch mit speziellen Bedürfnissen (gemahnt mich an „intellektuell gefordert“ für strohdumm). Jeder Mensch hat aufgrund seiner Individualität immer und jederzeit spezielle Bedürfnisse, die außerhalb der allgemeinen und recht großen Schnittmenge geschlechtlich, sozial, kulturell geprägter oder existentiell bedingter Bedürfnisse (Nahrung, Sauerstoff) liegen. LG rollblau

  7. Martin Ladstätter sagt:

    @rollblau: Ich glaube, du solltest nochmals einen kurzen Blick (oder auch einen etwas längeren) in dsa Buch der Begriffe riskieren. Es wird darin der Begriffe „speziellen Bedürfnissen“ nicht empfohlen, sondern genau das Gegenteil. Es befinden sich in jenem Teil, wo über „Liliputaner“ und „taubstumm“ gesprochen wird.

    Wie gesagt. Viel Spaß beim – genauen – Lesen.

  8. Nina sagt:

    Kleiner Hinweis vorne weg: Wäre es eventuell möglich, beim E-Mailfeld den Hinweis „notwendig“ vor „wird nicht veröffentlicht“ zu schreiben? Ich habe beim Ausfüllen des Textes nur den Anfang gelesen und dachte es wäre nicht notwendig die E-Mailadresse anzugeben. Nach dem Absenden meines Textes wurde ich darauf hingewiesen, dass das E-Mailfeld auch ausgefüllt werden muss. Leider war dann aber im Kommentarfeld als ich den fehler korrigieren wollte, inzwischen der ganze geschriebene Text verloren gegangen.

    Zurück zum eigentlichen Thema (jetzt in Kurzform):
    Ich nahm bisher an, dass der Begriff „taubstumm“ sich ausschließlich auf Menschen bezieht, die weder hören noch sprechen können.
    Für Menschen, die nicht hören, aber sprechen können (auch wenn sie sich selbst nicht hören) hätte ich den empfohlenen Begriff „gehörlos“ genutzt.

    Bedeutet das, dass die Betroffenen für beide Fälle nur den zweiten Begriff wünschen und es keine sprachliche Unterscheidung gibt? Oder kommt der erste Fall so selten vor, dass aus diesem Grund nicht unterschieden wird.

    Es wäre für mich zwar eine Umgewöhnung, aber wenn Betroffene das zweite Wort bevorzugen, gewöhne ich mich gerne um.

    Interessierte Grüße,
    Nina

  9. Christiane sagt:

    @ Nina
    Ich kenne keinen Gehörlosen, der gar nicht sprechen kann. Einige tun sich schwer damit und sprechen deswegen ungern. Aber sie können es. Insofern ist die Unterscheidung so oder so hinfällig, finde ich.

    Abgesehen davon: Wenn Gehörlose nicht als taubstumm bezeichnet werden möchten, dann sollte man das akzeptieren. Ob sie sprechen können oder nicht, sollte dann so oder so egal sein.

    P.S.: Das Formular ändere ich. Danke für den Hinweis!

  10. Ralph Raule sagt:

    Hallo Allerseits,

    gerade das, was Christiane im letzten Kommentar schreibt, ist wichtig und gilt nicht nur im Falle für uns Gehörlose: „Wenn Gehörlose nicht als taubstumm bezeichnet werden möchten, dann sollte man das akzeptieren. „. Es ist das Gleiche, wenn man von Schwarzen spricht und nicht von Negern. Wir Gehörlose bezeichen uns als Gehörlose und nicht als Taubstumme. Die Gründe sind oben überwiegend genannt worden.

    Nur zur Verdeutlichung: Wenn jemand denkt, das sei mit den sprachgeschichtlichen Wendungen etwas weit hergeholt, den frage ich, was im Holländischen Gehörlose heißt? Doven. Im Englischen? Deaf. Und was bedeutet im Deutschen doof? Weitere Ähnlichkeiten … stumm, dumm, tumb … so ganz an den Haaren ist das nicht beigezogen. Sprache ist verräterisch! Schaut man dem Volk auf’s Maul, erkennt man, was es denkt. Frei übetragen aus dem Sinn, dass jede Bevölkerung die Regierung verdient, die es hat.

    Und nun zu Dir, liebe Christiane: Als Du mich darum gebeten hast, zum Thema ‚taubstumm‘ zu kommentieren, dachte ich „ohn nein, nicht schon wieder dieses leidliche Thema. Mir hängt das so zum Hals raus. Habe keinen Bock, dazu was zu schreiben.“. Ist zu verstehen, oder?

    Herzlichst

    Ralph

  11. joneleth sagt:

    Das Problem mit dem Wortteil ’stumm‘ ist meines Erachtens nicht die Verbindung zu ‚dumm‘, sondern die Bedeutung des Wortes an sich: Stumm heißt u.a. auch ‚keine Sprache beherrschend‘. Da das bei Gehörlosen mit Sicherheit nicht der Fall ist, lehnen wir es ab.

    Gruß,
    jon

  12. Thomas sagt:

    Ahhh!!!

    Also die Verbindung zwischen stumm und dumm konnte ich auch nicht so richtig nachvollziehen, aber die Assoziation mit „keine Sprache beherrschend“ find ich sehr einleuchtend… wirkt auch nicht so an den Haaren herbeigezogen (für jemanden, der sich nicht so sehr mit Sprachentwicklung auskennt) wie „dumm“

    Ich würd aber noch ein anderes Wort zur Disposition stellen: „betroffen“

    Man könnte es ja ganz sachlich betrachten, dann ist es auch ok, aber ich glaub bei den meisten Leuten impliziert das was Negatives, und das, wie Christiane so schön bei „an den Rollstuhl gefesselt“ erläutert hat, ist es ja eigentlich nicht.

  13. Dorothea sagt:

    Hi Thomas,

    au ja – „betroffen“. Ich stell mir dann immer so ein verdrossenes und/oder trauriges Kleinkind vor, das „betroffen“ in die Gegend guckt. Ich _hasse_ es, als vonirgendwas „betroffen“ bezeichnet zu werden.

    Ich habe aber auch Schwierigkeiten mit dem „auf den Rollstuhl _angewiesen_“ zu sein. Weist mir ein Platzanweiser der zu? Ist das der „mir zukommende (gesellschaftliche) Platz“?

    Ich persönlich bevorzuge „Rollstuhl fahren“, alldieweil es sich um ein Fahrzeug wie Fahrrad, Mofa oder Auto handelt. Und auf ein Fahrrad „angewiesen“ sein, ist eher selten. Man _fährt_ es halt. „Angewiesen“ klingt in meinen Ohren schon wieder nach Einschränkung, Krankheit und „Betroffensein“ ;-)

    Dorothea

  14. Didi sagt:

    Ich glaube, dass „stumm“ viel eher vom Wortstamm „Stimme“ abgeleitet ist und auch „keine Sprache beherrschend“ passt imo nicht. Wenn ich traurig bin, sitze ich vielleicht auch einen Abned stumm neben meinen Freunden, obwohl ich der Sprache mächtig bin und eine Stimme habe. Ich äußere mich einfach nicht, ich bin eben stumm.

    Ich finde die Umdeuterei von solch gängigen Begriffen in der Regel als unsinnig und völlig unnötig. Es ist nicht das Wort, das schlimm ist. Schlimm kann nur sein, was manche hinter den Worten sehen, in dem Menschen oder seinen Eigenschaften und Fähigkeiten selbst. Das gilt z.B. für Begriffe wie „Krüppel“, die vielfach ja auch direkt als Schimpfwort benutzt werden.

    Ich habe mir im Studium eine Wohnung mit einem Farbigen geteilt. Eigentlich war er nicht farbig, sondern braun. Nicht politisch – nur von der Hautfarbe her. Um all diesen Mißverständnissen vorzubeugen bezeichnete er sich selbst als Neger; für unsere sprachlichen Verrenkungen hatte er keinerlei Verständnis.

    „Auf den Rollstuhl angewiesen“ – was ist daran schlimm? Wenn mein Arbeitsplatz 30 km entfernt ist, bin ich auf das Auto angewiesen, wenn ich in die City will, auf den Bus. Das hat doch nichts mit „Krankheit und Betroffensein“ zu tun. Auf der anderen Seite kann sich der Radfahrer aussuchen, ob er fahren oder zu Fuß gehen will – die Wahl haben Rollstuhlfahrer in der Regel leider nicht. Die wenigsten sitzen aus Lust und Laune im Rollstuhl, sondern weil sie eben darauf „angewiesen“ sind, wenn sie sich Mobilität erhalten wollen. Das ist eine Einschränkung, deshalb klingt für uns wohl auch der Begriff danach. Warum auch nicht?