Share on FacebookShare on Google+Flattr the authorTweet about this on Twitter

Tag Archiv für Diskriminierung

Die Zeiten ändern sich

Manchmal hat man ja den Eindruck, es geht in Bezug auf Barrierefreiheit und der gleichberechtigten Teilhabe nichts voran. Wenn man manche Dinge aber mit etwas Abstand betrachtet, stimmt das so gar nicht. Gesetze ändern sich, Menschen ändern sich und manchmal auch Unternehmen. Ein Verlag, der mich 1997 noch als studentische Hilfskraft ablehnte, weil ich Rollstuhlfahrerin bin, gibt 2010 ein Buch zum Behindertengleichstellungsrecht in Deutschland heraus, Herausgeber ist ein Rollstuhlfahrer. Die Zeiten ändern sich. Es ist manchmal gut, sich das vor Augen zu führen.

Aberzombie & Witch

Ich bin gestern in San Francisco angekommen und nachdem ich mit dem BART-Zug vom Flughafen in die Stadt gefahren bin, war das erste Geschäft, das ich hier sah, Abercrombie & Fitch. Das erinnerte mich daran, dass ich unbedingt noch etwas über diese Firma schreiben wollte. Abercrombie & Fitch macht seit Jahren weniger wegen ihrer Kleidung von sich reden, sondern wegen diverser Klagen wegen Diskriminierung, nicht zuletzt von behinderten Kunden und Mitarbeitern. Im Film Shrek 3 gab es eine Geschäft, das „Aberzombie & Witch“ genannt wurde als Parodie auf A & F.

– Laut Manager Magazin verklagten US-Bürgerrechtsgruppen Abercrombie & Fitch 2003 im Namen von 10 000 erfolglosen Stellenbewerbern wegen Diskriminierung, weil das Unternehmen nur Weiße einstelle. Das Verfahren endete 2005 mit einer gütlichen Einigung, bei der das Unternehmen einwilligte, den Klägern 40 Millionen Dollar zu zahlen und hausinterne Maßnahmen für „größere Diversität“ einzuführen.

– Im Sommer 2009 wurde die Modekette von einer Frau in London wegen Diskriminierung aufgrund einer Behinderung verklagt. Das Arbeitsgericht gab der Studentin zum Teil recht. Beim Einstellungsgespräch gab die junge Frau nicht an, dass sie eine Unterarmprothese trägt. Von ihrem Chef wurde sie zum Tragen einer Strickjacke über dem üblichen T-Shirt aufgefordert, sodass die Prothese verdeckt wird. Mitarbeiter des so genannten „visual teams„, einer Abteilung für ästhetische Angelegenheiten, verboten der Frau jedoch weiter im Verkaufsbereich tätig zu sein und forderten sie auf, nunmehr im Lager zu arbeiten. Das Gericht in London sah im Vorgehen des Unternehmens eine rechtswidrige Belästigung und verpflichtete Abercrombie & Fitch zusätzlich zur Zahlung einer grundlegenden Entschädigung von 136 Pfund und des Verdienstausfalls von 1077 Pfund zu einer Entschädigung für die erlittene Demütigung, den Vertrauensverlust und die verletzten Gefühle in Höhe von 6800 Pfund.

– Kurz vor meiner Abreise las ich dann, dass Abercrombie & Fitch zur Zahlung von 115 000 Dollar sowie Auflagen verurteilt wurde, weil sie einem autistischen Mädchen in Minnesota verweigert haben, gemeinsam mit einer Begleitperson in die Umkleidekabine zu gehen.

Ich glaube eigentlich, dass man Unternehmen, die diskriminieren, manchmal nur mit hohen Geldstrafen beikommen kann. Aber was macht man mit einem Unternehmen, dass weder die Zahlung von 8000 Pfund noch von 40 Millionen Dollar juckt? Zuerst einmal: Nicht dort einkaufen. Klar. Aber wahrscheinlich muss man in hartnäckigen Fällen wie diesem dazu übergehen, die Geschäftsführer persönlich haftbar zu machen. Und der Artikel über den Fall in Minnesota liest sich auch nicht so, als würden die Gerichte sich das länger anschauen. Das bringt vielleicht nicht diese merkwürdige Firma zum Umdenken, aber es sendet eine wichtige Botschaft in die Gesellschaft: Dass die Diskriminierung behinderter Menschen nicht toleriert wird. Und das ist nicht zu unterschätzen.

Blinde sitzen am Fenster – oder sie fliegen raus – Fortsetzung

Der blinde Fluggast, der von Dragonair aus dem Flugzeug geworfen wurde, führt jetzt einen sehr interessanten Schriftwechsel mit der chinesischen Regierung. Sehr lesenswert.

via Rolling Rains Report

Blinde sitzen am Fenster – oder sie fliegen raus

Blogger Jim Fruchterman hat dokumentiert, wie ein amerikanischer blinder Flugreisender bei Drangonair aus dem Flugzeug befördert wurde, weil er nicht am Fenster sitzen wollte und mit einem Fluggast den Platz getauscht hat.

Hintergrund dieser Regelung bei manchen Fluggsellschaften ist, dass sie der Auffassung sind, der behinderte Fluggast darf den nicht behinderten Fluggästen bei einer Flucht im Notfall nicht im Weg rumsitzen, was ich ziemlich diskriminierend finde und bei Blinden sowieso falsch ist, denn die bleiben im Notfall ja sowieso nicht sitzen, sondern laufen mit dem Strom und finden im Dunkeln ja sowieso am schnellsten raus.

Eurosport gegen Diskriminierung

Der Sender Eurosport ist gerade sehr in meinem Ansehen gestiegen nachdem ich diesen Blogeintrag beim „Schwarzen Blog“ gelesen habe. Ein Zuschauer hatte sich bei Eurosport über einen Kommentar (”Es ist gut, dass eine Weiße sich diese Vakanz erläuft”) beschwert und der Chef der deutschen Korrespondenten, Ingolf Cartsburg, entschuldigt sich und nimmt die Beschwerde zum Anlass, seinen Kollegen ein paar grundsätzliche Dinge zu Diskriminierung und Rassismus mit auf den Weg zu geben. Sehr lesenswert!
Die Korrespondenten der ARD sollten sich diesen Brief auch mal durchlesen. Ich glaube, die haben da noch Schulungsbedarf.

4500 Pfund Schadenersatz für drei Teenager

Als ich vorhin ins Auto stieg, liefen gerade Nachrichten bei BBC London. Eine der Nachrichten war, dass drei behinderte Teenager 4500 Pfund von einem Kosmetiksalon erhalten, weil eine Mitarbeiterin sich geweigert hatte, sie zu bedienen. Sie würden mit ihren Behinderungen andere Kunden abschrecken. Das ist der Bericht der BBC und das ist die Pressemitteilung der Anwaltskanzlei, die die Mädchen vertreten hat. Die Geschichte ist schlimm, aber irgendwie gibt es doch noch Gerechtigkeit auf der Welt – wenn man die richtigen Gesetze hat. Und das Allerwichtigste ist die Signalwirkung – für behinderte Menschen, aber auch für die Unternehmen.

Die Company’s Policy

Es hätte eigentlich ein guter Tag werden können. Die Sonne scheinte schien, ich hatte morgens einen Termin bei der London Development Agency, der ganz gut verlief, saß nachmittags im Café und habe an der 3. Ausgabe meiner Zeitung gearbeitet und freute mich abends auf eine Veranstaltung von Businesslink.

Ich war nachmittags von Waterloo über die Brücke nach Embankment gerollt und wollte so auch nach der Veranstaltung wieder zurück, um mit der U-Bahn nach Hause zu fahren. Waterloo ist im Gegensatz zu Embankment barrierefrei. Aber es fing im Laufe des Abends fürchterlich an zu regnen, die Straßen waren überflutet und ich überlegte, wie ich jetzt nach Hause kommen sollte. Der Weg nach Waterloo war viel zu weit, um ungeschützt im strömenden Regen über die Themsebrücke zu fahren. Wäre ich ans andere Ufer geschwommen, wäre ich genauso nass gewesen wie beim Weg über die Brücke.

In Embankment gibt es auch einen Anleger der Thames Clippers, ein Linienverkehr auf der Themse. Wir haben auch einen Anleger vor dem Haus und so entschied ich mich, mit dem Schiff nach Hause zu fahren. Das erschien mir als trockenster Weg. Das hatte ich schon x Mal gemacht – nur noch nie ab Embankment. Die Schiffe sind total barrierefrei, manche haben sogar barrierefreie Toiletten. Auch die Anleger sind zugänglich, manche haben einen total stufenlosen Einstieg, manche eine kleine Stufe ins Boot.

Ich ging auf den Anleger, es gab eine spezielle Wegführung für Rollstuhlfahrer, gut ausgeschildert. Ich hatte also nicht den Eindruck, dass keiner mit Rollstuhlfahrern rechnet oder diese nicht borden dürfen. Das Schiff kam sofort, doch die beiden Typen am Eingang machten mir klar, dass sie mich nicht mitnehmen würden. Ich war mehr als erstaunt. Sie sagten, der Anleger sei nicht barrierefrei, sie dürften mich nicht mitnehmen. Das war wirklich ein Witz, denn die Stufe in die U-Bahn ist teilweise höher als die ins Boot, was Transport for London dennoch nicht daran hindert, die Station als barrierefrei auszuzeichnen.

Hinter mir waren zwei Paare, die sich sofort einmischten und wild protestierten. Sie boten an, dass sie mir über die Stufe helfen. Das Boot lag bombenfest am Anleger, es war überhaupt nicht gefährlich. Aber die beiden Typen bestanden darauf, dass ich an Land bleibe. Ich war außer mir, erklärte ihnen, dass es regne wie verrückt, dass es keine barrierefreie U-Bahnstation in der Nähe gebe, ein Taxi bei dem Wetter ebenfalls nicht zu bekommen sei. Nichts zu machen. Sie wollten mich nicht mitnehmen. Dann mischte sich wieder ein Mann hinter mir ein und fragte, warum denn die Kinderwagen mitdürfen, die auf die gleiche Weise an Bord gehen wie ich, aber ich nicht. Schweigen auf der Bootseite. Und dann fiel einem der beiden die „Company’s Policy“ ein, die meine Mitnahme unmöglich mache. Ich fragte, ob ihm klar sei, dass er gerade gegen den Disability Discrimination Act verstoße? Die Antwort war verblüffend: Er würde mir die Mitnahme ja nicht verweigern, er würde mich ab einem anderen Anleger mitnehmen. Ich war unterdessen so sauer, dass ich ihn fragte, ob das bedeute, dass auch alle nicht behinderte Passagiere zum anderen Anleger laufen müssten, denn schließlich dürfe er mir ja einen schlechteren Service bieten wie allen anderen. Wieder Schweigen.

Und dann sagte der Kapitän, er lege jetzt ab. Die Passagiere protestierten, aber es war nix zu machen. Die ließen mich draußen stehen und ich hatte keine Ahnung, wie ich einigermaßen trocken nach Hause kommen sollte. Ich bin selten aus der Ruhe zu bringen, aber da war ich wirklich außer mir. Zumal die Situation war, wie sie war: Ich stand im strömenden Regen und kam nicht nach Hause.

Natürlich bin ich irgendwann doch nach Hause gekommen. Zusammen mit meinem Freund, der mit der U-Bahn angedüst kam, sind wir mit einem Vorstadtzug nach Hause gefahren von einem Bahnhof in der Nähe. Den hätte ich alleine aber nicht erreicht. Und jetzt bin ich gerade dabei zu recherchieren, wie ich Thames Clippers für diesen Abend mindestens so nass mache, wie sie mich gemacht haben. Aber ich bin sicher, mir wird da was einfallen.

Das Busfahrer-Problem

Am Freitag bin ich mal wieder an einen Problem-Busfahrer geraten. Problem deswegen, weil er ein Problem damit hatte, mich mitzunehmen. Beim ersten Bus fuhr die Rampe nicht mehr ein nachdem ich eingestiegen war und so warteten alle Fahrgäste auf den nächsten Bus. Man muss sagen, dass die Abstände, in denen die Busse vor unserer Haustür kommen, nicht mit denen in Acton, wo ich vorher gewohnt habe, zu vergleichen sind. Da kommt immer sofort ein anderer Bus.

Der zweite Bus kam also und der Busfahrer fuhr die Rampe nicht aus. Ich bin zu ihm nach vorne und fragte ihn, ob die Rampe kaputt sei. Er sagte nur „Take the next one“. Ich wiederholte wieder meine Frage, ob denn die Rampe kaputt sei. Er meinte, es sei kein Platz für mich im Bus. Der Bus war halb leer. Ich empörte mich über sein Verhalten und dann kam auch schon der nächste Bus, der mich mitnahm. Aber ich habe mich natürlich total geärgert. In solchen Momenten danke ich den schlauen Leuten, die das Handy erfunden haben. Ich habe sofort bei Transport for London angerufen und mich beschwert. Das Gute ist, so oft mir das auch passiert, ich habe den Eindruck, die nehmen das wirklich ernst. Ich muss den Fahrer beschreiben, meine Daten werden aufgenommen und sie fragen mich, ob sie mich anrufen dürfen, falls sie noch weitere Fragen zu dem Vorfall haben.

Ich denke viel darüber nach, warum sich manche Busfahrer so verhalten, weil ich das so überhaupt nicht verstehen und auch nicht akzeptieren kann. Ist es ein kulturelles Problem? Sind die schlecht geschult? Oder einfach nur total bescheuert? Egal wie die Antwort ausfällt, alles kein Grund, mich nicht mitzunehmen.

Diskriminierung im Urlaub und die Berichterstattung

Weil ihr behinderter Sohn Windeln trägt, wurde eine Familie von der Vermieterin einer Ferienwohnung auf Usedom wieder nach Hause geschickt. Das berichten Spiegel Online und andere.

Ich frage mich allerdings, warum ich bei meinen ehemaligen Kollegen bei dpa ohne Einordnung die Aussage der Vermieterin lese, Windeln gehörten nicht in den Hausmüll, sondern in den Sondermüll. Keine Einordnung, kein Widerspruch. Spiegel Online hat diese Aussage überprüft, als falsch dargestellt und nennt übrigens auch den Namen der Vermieterin.

Und dann steht in der Agenturmeldung noch die Regelung, dass Vermieter übermäßige Verschmutzung nicht dulden müssen. Diese Regelung hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Urlaub behinderter Menschen zu tun. Sie in Verbindung mit inkontinenten Urlaubern zu bringen, empfinde ich als diskriminierend. Behinderte Urlauber sind nicht dreckiger als andere, auch nicht solche, die inkontinent sind. Da reicht es nicht, dass man die Verbraucherzentrale NRW darauf hinweisen lässt, dass Windeln alleine kein Kündigungsgrund sind. Stattdessen fehlt in dem Artikel komplett, dass es sich um ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz handeln könnte.

Auch blinde Menschen dürfen Lehrer werden – selbst in Bayern

Weil sie das Kultusministerium in Bayern nicht zum Referendariat zugelassen hat, musste eine blinde Frau, die Lehrerin werden möchte, gegen das Land Bayern klagen. Das Ganze spielte sich nicht etwa kurz nach dem Krieg ab, sondern ist eine nagelneue Gerichtsentscheidung.

Sie hat den Gerichtsprozess gewonnen und muss so schnell wie möglich ein Referendariat zugelassen werden. Die Richter sahen durch das Verhalten des Landes ihr Grundrecht auf freie Berufswahl beeinträchtigt. Ihr Anwalt sagte, seit 1973 habe es einen derartigen Rechtsstreit nicht mehr gegeben. In Deutschland gebe es mindestens 20 bis 30 blinde Lehrer an Regelschulen.