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Tag Archiv für Arzt

Inside Hospital

Alles fing am Sonntag an. Ich fühlte mich nicht besonders, vor allem konnte ich nichts essen. Ich hatte aber so viele Verabredungen in Hamburg, dass ich das einfach ignorierte. Als ich abends nach Hause kam, musste ich mich übergeben, hatte auch Fieber und schlief einfach ein. Am Montag war alles weg, ich hatte nur leichte Bauchschmerzen. Nachmittags wurde es dann schlimmer. Ich wollte aber um 18 Uhr den Flieger nach London nehmen. Also ging ich in eine Apotheke und fragte nach etwas gegen Magenschmerzen. Die Apothekerin schaute mich schon skeptisch an und meinte, wenn es mit den Tropfen nicht umgehend wegginge, solle ich zum Arzt gehen.

Kurz vor dem Abflug nahm ich die Tropfen. Während des Fluges wurde es dann richtig schlimm. Mir war klar, dass mich mein erster Weg in London in die Ambulanz führen würde. Als ich in London ankam, fuhr ich nach Hause, stellte meine Tasche ab und fuhr in das Krankenhaus hier um die Ecke. Das Central Middlesex Hospital sieht schon von außen super modern aus und war mir irgendwie sympathisch.

Ich ging in die Notaufnahme und sagte, dass ich Schmerzen habe und es mir sehr schlecht ginge. Ich musste ungefähr eine Stunde warten. Meine Unterlagen waren aus Versehen in der Kinderabteilung gelandet. Die meisten Wartenden hatten irgendwelche Rückenprobleme, Hexenschuss oder schlimmeres.

Die erste Untersuchung machte ein Pfleger. Er schloss mich an so ein Gerät an, dass die Körperwerte misst und kontrollierte meine Körpertemperatur. Als das Gerät Alarm schlug, dachte ich noch, das misst noch gar nicht oder es handele sich um einen Fehler. Mein Puls war auf fast 150, mein Blutdruck hoch wie nach einem Marathon. Und ich hatte 39 Grad Fieber. Ich gab noch eine Urinprobe ab und er sagte mir, dass sie mich erstmal da behalten und jetzt einige Tests machen. Er brachte mich in einen großen Raum, der sich als Mischung aus Erstaufnahme und Intensivstation herausstellte. Ich war der erste Gast des Abends.

Ich kletterte auf das Bett und man schloss die Vorhänge um mich rum. Überhaupt fiel mir gleich auf, wie sehr man auf meine Intimsphäre achtete. Dann schlossen sie mich an ein EKG an und an ein anderes Gerät, das Blutdruck und Puls kontrollierte. Natürlich fragten sie, warum ich Rollstuhlfahrerin bin. Ich wurde geröngt, um auszuschließen, dass ich keine Fremdkörper im Bauch hatte. Dann sollte mir ein Zugang für den Tropf gelegt werden. Ein ziemlich schwieriges Unterfangen, weil meine Venen durch andere Krankenhausaufenthalte nicht mehr die besten sind. Der Arzt war super bemüht und total nett. Ich vertraute ihm absolut. Alle drei Versuche, in meine Venen zu kommen, machten wir Pause. Irgendwann klappte es und er konnte mir einen Zugang legen. Da die Schmerzmittel oral nicht wirkten, gaben sie sie mir intravenös. Zudem viel Flüssigkeit. Drei Mal zwei Liter sollten in der Nacht noch durch meine Adern fließen. Die Schmerzen gingen aber nie ganz weg und auch die Körperwerte normalisierten sich nicht. Gegen 6 Uhr entschied man sich, mich stationär aufzunehmen.

Ich wurde in ein 4-Bett-Zimmer gelegt. Die anderen Frauen waren filmreif. Ich war die einzige Weiße und wurde mit den Worten begrüßt: „I think she is a jew. She has a jewish accent.“ Ich war rund 45 Jahre jünger als meine Zimmergenossinnen und dachte, dass das eine sehr interessante Zeit werden könnte. Doch nach 10 Minuten kam die Stationsleiterin und sagte mir, ich müsse in Isolation. Ich kam in den Genuss eines Einzelzimmers. Sie vermuteten, dass ich einen Virus habe, den ich besser nicht an den Rest des Krankenhauses weitergeben sollte. Diese Isolation bedeutete, dass jeder, der zu mir wollte, eine Schürze und Handschuhe tragen musste. Ich durfte das Zimmer nicht verlassen.

Das Zimmer war total barrierefrei und modern. Ich hatte eine für mich zugängliche Dusche, eine Toilette und ein Waschbecken. In diesem Zimmer verbrauchte ich drei Tage.

Die Ärzte:

Alle Ärzte waren relativ jung und machten einen netten und kompetenten Eindruck. Sie sagten mir gleich, dass sie nicht viel für mich tun können, außer die Schmerzen zu stillen und mir intravenös Flüssigkeit zuzuführen, da ich total dehydriert war.

Die Schwestern:

Alle, aber wirklich alle, super nett, obwohl ich anfangs bei jedem Gang zur Toilette wegen des Tropfs Hilfe brauchte und sie sich jedesmal dafür anziehen mussten. Die Übergabe (nachmittags und nachts) funktionierte reibungslos. Jedes neue Team wurde darüber informiert, was für eine Behinderung ich habe und dass ich ansich selbstständig bin, aber wegen der Nadel in meinem Arm nun Hilfe benötigte.
Allerdings gingen sie auch nicht wirklich zimperlich mit mir um. Die Nadel tat mir weh bei jeder Berührung weh, weil sie nicht optimal lag. Man musste schon was aushalten können.

Es gab ein, wie ich finde, sehr eindrucksvolles Qualitätsmanagementsystem. Es herrschte grundsätzlich Vier-Augen-Prinzip. Ich bekam kein Medikament bevor es nicht eine andere Schwester oder ein Arzt gesehen hatte. Die Medikamente, die ich regelmäßig nehmen musste, waren in einem Spint am Bett eingeschlossen. So wurde die Verwechslungsgefahr reduziert. Über alles, was passierte, wurde genau Buch geführt. Wann ich wie starke Schmerzen hatte, wie oft ich zur Toilette musste, etc.

Das Essen:

Zum Frühstück gab es Cornflakes oder Porridge. Nachmittags eine Suppe und Sandwichs. Abends merkwürdige Kombinationen wie Cracker und Reis. Magenfreundliches Essen sieht anders aus. Aber ich konnte eh kaum etwas essen. Ich habe mich dann später von Salzstangen ernährt, was sowieso gut für meinen Magen war.

Besuchszeiten:

Supernervig fand ich die Besuchszeiten. Die haben wir dann auch gleich mal ignoriert. Ich lag ja sowieso in Isolationshaft und habe niemanden gestört.

Das Haus:

Ich habe von dem Haus ja tagelang nichts mitbekommen, weil ich nicht raus durfte. Bei der Abreise war ich aber sehr angetan von der Architektur. Das Central Middlesex Hospital sieht ein wenig skandinavisch aus. Es gibt Dachterrassen. Am Eingang gibt es eine Caféteria und einen Laden. Von beidem hatte ich aber natürlich nichts, weil ich nicht raus durfte. Auch das fahrende Kiosk durfte nicht zu mir. Aber die Schwestern hätten mir sicher etwas gekauft, wenn ich etwas gewollt hätte.

Zusammenfassung:

Ich kenne viele deutsche Krankenhäuser. Ich habe noch keines gesehen, das so modern ausgestattet ist. Die Geräte waren alle neu und von Siemens. Ich hatte von Anfang bis Ende das Gefühl, die wissen, was sie tun. Man war sehr bemüht, mir die Bauchschmerzen zu nehmen und mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Das ganze Theater hat mich zudem keinen Penny gekostet. Die Laboruntersuchungen waren umfangreich. Ich habe bei der Entlassung einen Beutel mit Medikamenten bekommen (in erster Linie Schmerzmittel). Auch dafür musste ich nichts zahlen. Ich muss sagen, was bleibt ist ein sehr angenehmer Eindruck von NHS. Wer hätte das gedacht…

Nein, ich schlafe nicht im Rollstuhl

Wenn man sich bei einem Hausarzt registriert, um über den National Health Service versichert zu werden, muss man danach zu einer Untersuchung bei der Arzthelferin. Dafür bekommt man einen eigenen Termin. Nachdem mein erster Termin wegen eines Unfalls von Seiten der Praxis abgesagt wurde, hatte ich die Untersuchung heute. Untersuchung ist übrigens bei weitem übertrieben. Die „Nurse“ geht mit einem den Fragebogen über Vorerkrankungen durch und misst Blutdruck. Mich würde wirklich mal interessieren, ob der NHS das einzeln bezahlt oder die Ärzte quartalsweise pro Patient bezahlt werden. Wenn das einzeln bezahlt wird, würde ich das sofort abschaffen – reine Zeit- und Geldverschwendung. Aber okay. Ich musste da nunmal hin.

Ich kam also da an und mich begrüßte eine Arzthelferin im fortgeschrittenen Seniorenalter, die irgendjemand vergessen haben muss, in Rente zu schicken. Ich wollte gerade zum „Good morning and happy new year“ ausholen, da blaffte sie mich an „Why you are in a wheelchair?“. Ich: „I’am paraplegic.“ Sie: „Parapleeeeeegic. You must say parapleeeegic, not paraplegic.“ Ich musste irgendwas falsch betont haben und sie machte mich in einer ziemlich herablassenden Art darauf aufmerksam. Dabei hatte ich gerade in so einem „Hilfe, ich bin in England und nun?“-Buch gelesen, dass die Briten sehr tolarant gegenüber Ausländern sind und es als unhöflich gilt, Ausländer im Mitten im Gespräch auf ihre falsche Aussprache anzusprechen. „Toll, kann die sich bitte auch ans Drehbuch halten?“, dachte ich mir. Ich fand das alles ziemlich merkwürdig und beschloss noch heute, den Antrag auf eine private Krankenversicherung abzuschicken, was ich auch getan habe.

Irgendwo muss sie aufgeschnappt haben, dass Querschnittgelähmte Spezialbetten brauchen und so fragte sie mich, ob ich ein Pflegebett habe. Ich sagte ihr, dass dem nicht so sei und dass ich keines benötige. Und ihre Antwort ließ mich fast aus dem Rollstuhl kippen: „Ah, you sleep in your wheelchair!?“ Diese Frage hat mich dann endgültig aus der Bahn geworfen. Ich musste lachen, aber das wäre ja unpassend gewesen. Also erklärte ich ihr, dass ich ein ganz normales Bett habe und damit gut zurecht komme.

Dann ging sie mit mir diesen Fragebogen durch und nach 10 Minuten war ich fertig – aber da war ja noch das Formular für die Stadt, für das ich einen Stempel des GP brauche. Ich ging also nach vorne und bat um einen Stempel, der bestätigt, dass ich querschnittgelähmt bin. Nach ausführlicher Studie des Formulars sagte man mir, man werde mich anrufen, wenn man wisse, wann das Papier gestempelt sei. 15 Pfund werde man dafür in etwa berechnen. Ich glaube, ich brauche noch viele Stempel bis ich hier alles Bürokratische hinter mir habe. Ob es da wohl Mengenrabatt gibt?