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Silverlinks Tagebuch

Natürlich hat heute bei Silverlink alles geklappt. Das war einfach ne Nummer zu heftig gestern. Heute morgen fragte mich die Stationmanagerin, die Dienst hatte, ob ich wisse, was gestern abend passiert sei. Sie hätte da einen Vermerk im „Station’s Diary“ gelesen. Da würden besondere Zwischenfälle eingetragen. Und von ihrem Kollegen sei ein Bericht angefordert worden wegen einer Rollstuhlfahrerin. Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen und erzählte ihr, dass ich den Zug gestoppt habe, weil ihr Kollege mal wieder nicht da war. Sie war sichtlich überrascht und fragte mich, wie ich geschafft hätte, die Türen beim Schließen zu stoppen. Ich habe ihr gesagt, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, welche Kräfte ich habe, wenn ich sauer bin.

Während der Stationsmanager gestern gegenüber dem U-Bahnmitarbeiter behauptet hat, Euston hätte ihm nicht gesagt, dass ich komme, hörte sich die Geschichte heute morgen ganz anders an. Die Stationsmanagerin erzählte mir, ein Zug auf dem Gleis oben nach Richmond sei verspätet gewesen (ich tippe mal auf einen anderen Rollstuhlfahrer, der vergessen wurde ;-) ). Darüber habe er vergessen, mich aus dem Zug zu holen. Sie völlig von den Socken: „The train was really delayed. And also the tube trains in West London.“ Klar, Willesden Junction ist der Hauptknotenpunkt für Bahn und U-Bahn im Westen. Und ich glaube, der Manager hat ziemlich Ärger gekriegt. Aber ich kenne dieses Unternehmen unterdessen gut genug um zu wissen, dass das nicht heißt, dass sich etwas ändert. Ich habe deshalb heute einen Antrag auf „Access to work“ gestellt. Das ist das Taxicardprogramm für behinderte Arbeitnehmer. Und wie es aussieht, fahre ich demnächst nicht mehr mit Silverlink, jedenfalls nicht so oft.

11 Kommentare

  1. Dorothea sagt:

    Ich kann`s verstehen, dass du keinen Bock mehr auf das Theater mit Silverlink hast – einerseits.

    Andererseits nutzt du durch das Sonderfahrprogramm eine Art von „Behinderten“-Aussonderung, die bewirkt, dass wieder eine selbständige und nicht“gepflegte“ Rollstuhlfahrerin weniger in der Öffentlichkeit sichtbar ist und Ausschlussmechanismen decouvriert.

    Das ist doch genau so ein „netter“ Mechanismus, der sogenannte „Behinderte“ in Sonderprogramme, Sonderfahrdienste, Sonderarbeitsverhältnisse und Sonderschulen zwingt – in die _Simulation_ „normalen“ Lebens, realiter aber die endültige Ghettoisierung. Von der „behinderten“gerechten Wohnung ins „behinderten“gerechte Taxi in die „behinderten“gerechte Arbeitsstätte, wobei du das Privileg eines tatsächlichen Normalarbeitsplatzes hast, das allerdings eine wahnsinnige Ausnahme darstellt. Normalerweise wird Behindi dann zur „beschützten“ Werkstätte gekarrt zu Seinesgleichen.

    Politisch ist es offensichtlich gewollt, vorhandenes Geld in Aussonderungen zu stecken anstatt in die Organisation von Barrierefreiheit, die dann das „SonderSonder“ überflüssig machen könnte.

    Aber der „Behinderte“ _soll_ offensichtlich nicht normal leben. _Er_ (Geschlecht:behindert) soll minütlich an seine Sonderexistenz erinnert werden, an das Leben von „Nichtbehindertengnaden“, das ihm jederzeit wieder weggenommen werden kann.

    Barrierefreie Züge können nicht einfach mal eingestellt werden. „Behinderten“sonder“transporte“ schon – es reicht ein einfacher Verwaltungsakt.

    Beim Kampf um meine eigene verkehrstechnische Selbstbestimmung habe ich anstatt der Realisation einer Rampe ebenfalls gerade 60 Sonderfahrten im „Behinderten“-„Transport“ (Transport. Transportiert werden Waren und Güter, Menschen pflegen befördert zu werden) angeboten bekommen, gratis. Lieber werden Irrsinnskosten aufgelegt, die den Bedarf völlig überschießen, als einer Rollstuhlfahrerin zu ermöglichen, ihre Wohnung selbstbestimmt verlassen zu können. Da gibts dann eher das Trostpflästerchen der Sondertransporte (60 Fahrten/Jahr, d.h. die gnädige Möglichkeit, 30x/Jahr die Wohnung verlassen zu dürfen. Das reicht nicht einmal für den Besuch wöchentlich stattfindender Termine. Ist wohl eher für Friedhofsbesuche und die Teilnahme an Altenbespassungen gedacht.)

    Ich werde den Gnadenakt nicht akzeptieren. Ich bestehe auf die Möglichkeit, eine Wohnung selbständig betreten und verlassen zu können, zu deutlich geringeren Kosten im übrigen.

    Die alte Erkenntnis, dass das Private politisch sei, ist immer noch aktuell.

    Es ist IMHO nicht nur deine Privatentscheidung, Sondertransporte zu akzeptieren.

    Solidarisch,
    Dorothea

  2. Christiane sagt:

    Ich gebe Dir recht und ich bin wirklich ein politisch denkender Mensch. Aber es ist nicht nur das Theater mit Silverlink. Es ist auch die Zeit. Ich nutze Silverlink ja nur, weil ich keine U-Bahn nehmen kann und brauche deshalb 90 Minuten zur Arbeit (2 Busse, 1 Zug). Das macht drei Stunden am Tag. Mit dem Taxi sind es vielleicht 30 Minuten. Das finde ich, ist ein ziemlich grosses Opfer fuer den politischen Protest. Und ich fuerchte, die bauen die U-Bahn in absehbarer Zeit nicht um, auch wenn ich nicht mit dem Taxi fahre.

  3. cabronsito sagt:

    Ich muss da auf Christianes Zug aufspringen, Dorothea. Du kritisierst. Das ist gut. Du kritisierst hart. Auch das ist gut. Und Du kritisierst Politik(er). Das ist am allerbesten.
    Aber wo ist die Grenzlinie zwischen wirklicher Hilfe und politischer „Zauberei“?
    Das Taxiprogramm – und viele andere Dinge, von denen Christiane berichtet – scheinen mir eine Riesenhilfe zu sein. Fuer „Behindis“, wie Du sie gern nennst. Seit ich Deinen ersten Kommentar gelesen habe, bin ich auf der Suche nach einem anderen Wort.
    Besser?
    Schmeichelhafter?
    Realistischer?
    Liebevoller?
    Ich habe keins gefunden.
    In keiner der drei Sprachen, der ich halbwegs maechtig bin.

    Und all dieses Geschwafel meinerseits soll eigentlich zu nichts anderem fuehren als zu der Aufforderung, weiter zu kritisieren. Selbstverstaendlich auch mich, wenn Du es fuer angebracht haelst. Und zwar so, wie Du gewohnt bist, es zu tun.
    Ich wuerde einen „Dorothea-Weichspueler“ nicht moegen.
    Wir werden oefter mal kontraerer Meinung sein; aber genau das wird unser Gespraech wertvoll machen. Solange wir in der Lage sind, zu SPRECHEN.

    Wenn wir anfangen sollten, uns ohne jedes Argument anzublaffen, dann haben wir beide verloren….und wahrscheinlich sogar einige von unser aller Lesern.

    Nach diesen Ausfuehrungen brauche ich wohl kaum noch erwaehnen, dass ich Deine (Christiane) Antragstellung bezueglich „access to work“ richtig finde.

  4. Dorothea sagt:

    Natürlich ist das Zeitargument ein stichhaltiges, vor allem als Arbeitende.

    Trotzdem bleibt die politische Komponente des Aussonderns bestehen. Die Politik scheint eher sogenannte „Behinderte“ aussondern und spezialbehandeln zu wollen, anstatt gleiche Ausgangsmöglichkeiten (sogar im wörtlichen Sinne) für alle zu schaffen.

    Und DAS ist ein SKANDAL.

    Was ich möchte, ist genau darauf hinzuweisen. IMHO ist eine pragmatische Entscheidung genau dieses, wenn sie allerdings dazu führt – und das glaube ich bei Christiane nicht, aber ich finde es wichtig, es allgemein festzuhalten – sich einzukuscheln in ein „für uns wird ja so viel getan“ und auch noch seine Dankbarkeitspflichtundschuldigkeit zu erfüllen, weil man ja soooo schön ausgesondert wird, dann finde ich es falsch und kritikwürdig.

    @cabronsito

    Ich wehre mich grundsätzlich gegen den Individualitätsvernichter „Behinderte“. Der Begriff ist mir zu defizitorientiert und gleichmacherisch. Blinde und RollstuhlfahrerInnen z.B. haben hinsichtlich ihrer sog. „Behinderung“ nicht viel miteinander zu tun, außer der Tatsache, dass sie für die Achsogesunden eben defizitär sind. Warum nicht „Blinde“ sagen, wenn man Blinde meint, und „RollstuhlfahrerInnen“, wenn man diese meint? Warum dieses pseudogemeinschaftlich-defizitäre „Behinderte“? Warum eine Definition von außen annehmen?#

    Und „Behindi“ ist eine sehr abschätzige Bezeichnung, die sehr häufig von achsoliebevollen Sozial-, Heil- und Sonderpädagoginnen benutzt wird, wenn die „lieben Kleinen“ gerade mal nicht anwesend sind. Ich war lange Jahre selbst nicht sichtbar „behindert“ und kenne diese Art Leutz aus Studium und politischer Arbeit. Es ist zum Gruseln.

    Sie BEHANDELN uns doch als „Behindis“ – sie erwarten uns lieb, dankbar, bischen dümmlich, unselbständig, als Berufskümmerantenobjekte.

    Und genau DAS will ich zumindest decouvrieren, möglichst sogar aufbrechen. Diese verlogene Art, einerseits Sonderprogramme aufzulegen, sich selbst „gut zu fühlen“ und Dankbarkeit einzufordern, andererseits aber in Sprache und Gedanken zu VERACHTEN, kleinzureden, zu verniedlichen.

    Wir, und da ausdrücklich „wir“, werden häufig entweder als verachtenswerte Krüppel oder aber als bemitleidenswerte Kleinkinder gesehen, denen man alles abnehmen und sich um sie bekümmern muss. Offiziell heißen wir „Behinderte“, inoffiziell aber „Behindis“, „Behindikindis“ oder „Krüppel“.

    Oder hast du schon mal von einem „verbehinderten“ Bein gehört oder dass jemand zum „Behinderten“ gefahren wurde? Eine misslungene Operation zu „Verbehinderung“ geführt hätte? Hast du Berufskümmer(t)anten jemals respektvoll von ihren Opfern sprechen hören, wenn sie unter sich sind? Ich nicht.

    Der Kaiser ist eben nackt, die schmückenden Kleider verdecken nichts.

    Und ICH werde die Ausgangskümmererlaubnis von 30x/Jahr NICHT akzeptieren. Würde ich dies tun, wäre ich „versorgt“ und mein Begehren abgestellt. Es würde ja „alles“ für mich getan, der Rest wäre halt schicksalhaft und der „Behinderung“ geschuldet.

    Ich werde weiter darauf bestehen, dass auch eine achsounglaublichbehinderte Rollstuhlfahrerin ihre Hochparterrewohnung verlassen kann, wann sie es will, und dass genau 5 Stufen sie nicht von der Welt zu trennen haben. Begleiteter Ausflug und BehindertenTRANSPORT ist eine Zumutung, wenn bei Wegfall dieser 5 Stufen ein komplett selbständiges und unbekümmertes Leben möglich wäre, auch wenn ich achsounbequemes und langdauerndes U-Bahnfahren gegen Behinditransporter austauschen könnte und so Zeit sparen.

    Aber mein Ziel ist ein nichtBEHINDERTES Leben, und da gehört U-Bahnfahren und nerviges Umsteigen genauso dazu wie für alle anderen auch.

    Ich fordere also letztendlich mein Recht auf Unbequemlichkeit und lehne den „liebevollen“ Schonraum ab.

  5. Suse sagt:

    Ich glaube, ich beginne zu verstehen.
    Diejenigen, die sich nicht mit den Problemen herumärgern, verursachen sie oft nur, verschlimmbessern sie. Aber um das richtig anzugehen, ist ein grundsätzliches Umdenken notwendig. Auch bei mir. Immer wieder neu. Das ist Arbeit. Und diese Arbeit zu leisten, sind viele nicht – gewohnt, willig…? Wie auch immer.
    Vielleicht gelingt es mir ja demnächst, mit anderen Augen durch´s Leben zu gehen….

  6. cabronsito sagt:

    Auch ich beginne jetzt, besser zu kapieren, worum es Dir geht, Dorothea. Dank fuer Deine Bemuehungen.
    Und ich stimme Dir zu.

    Bei all meinen neuen Blogkontakten komme ich leider nicht dazu, „rueckwaerts“ in der Zeit zu lesen. Ich steige bei dem ein, was heute geschrieben wurde, und verfolge dann weiter.
    Sonst waere ich vielleicht schon eher drauf gekommen.

    Trotzdem, so stark ich es finde, wie DU die Sache anpackst – eben weil Du es so WILLST, sollten wir doch anderen das Recht auf Bequemlichkeit lassen. Und Schonraum, wenn Du ihn so nennen willst.
    Auch wenn ich Dir Recht gebe, was Beschneidung der Selbstaendigkeit und Dein Begehren etc. anbelangt.

    lG
    Martin

  7. Dorothea sagt:

    Fein, dass der Knackpunkt rausgekommen ist :-)
    Und vielen Dank fürs Mitdenken :-)

    Ich lasse jedeR ihr Recht auf Bequemlichkeit, wenn sie es will.

    ICH will nur keine PFLICHT zur Bequemlichkeit, zum Schonraum, weil auch diese Pflicht wieder Sonderexistenz bedeutet, unnötige Abhängigkeit, Kümmeropfer sein.

    Solange ich keine WAHL habe, ob ich „transportiert“ werden will mit Ab- und Anmeldung unter Absehen von jeglicher Spontaneität (hier müssen „Transporte“ 2 Wochen vorher schriftlich beantragt werden mit Uhrzeit des Hin- und Rückweges), ist vom „Recht“ keine Rede. Dann ist es eine Pflicht, dann ist es eine Art Knast mit geführtem Ausgang.

    Ein UmDENKEN ist dringend erforderlich, eben kein Gefühl, kein Mitleiden, nicht einmal Sympathie. Schlichtweg das Absehen von sozialarbeiterischem und sonderpädagogischem Gedanken“gut“, das sogenannte „Behinderung“ immer als Sonderfall denkt und vor lauter SonderSonder gar nicht mehr darauf kommt, dass auch Behindis Erwachsene sind mit den normalen Bedürfnissen und Ansprüchen Erwachsener (und für mich schließt das Unbequemlichkeit als Normalfall ein *ggg* Kann doch von meiner Umwelt schlecht einen Umstand verlagen, den ich selbst nicht zu generieren willens und in der Lage bin).

    Wie gesagt – dies alles unter der Bedingung, dass ich es selbst zu leisten in der Lage bin und das Vorgeschlagene einfach alles an Nötigem heillos überschießt und somit verunfreit. Nichts sei gesagt hinsichtlich des Abholens von Leuten, die dies so wollen oder brauchen.

  8. Dorothea sagt:

    Edit: „Abholen“ ist natürlich Schmonzes, gerade in diesem Zusammenhang. Ich bitte den lapsus linguae zu entschuldigen.
    D.

  9. Gerhard sagt:

    Was ist so schlimm an Sonderlösungen? Da an bestehenden Gebäuden und Verkehrsmitteln kaum Änderungen möglich sind, wird es kaum gelingen, wirklich jedes Gebäude und jedes Verkehrsmittel für jedermann vollkommen barrierefrei zugänglich zu machen.

  10. Dorothea sagt:

    Kann es sein, Gerhard, dass du so gar nix kapiert hast.

    Es geht hier gar nicht um „jedermann vollkommen barrierefrei“.

    Und es geht auch nicht um arrogante Aggression gegenüber Leuten, die aus dem Gesundenblick der Sonderlösungen aussteigen wollen.

    Vor allem geht es aber darum:
    Schonmal überlegt, wohin in Deutschland das Wort „SONDERbehandlung“ geführt hat und in welchem Kontext es „groß“ geworden ist?

  11. Christiane sagt:

    Ich finde diese Sonderlösungen auch nicht wirklich begrüßenswert. Es hat nämlich in London wirklich Auswirkungen auf das Stadtbild. Ich habe seit ich hier bin erst einen einzigen anderen Rollstuhlfahrer in einem öffentlichen Verkehrsmittel getroffen. Touristen sind derzeit wenige in der Stadt und die Mehrheit der Londoner, die behindert sind, fährt natürlich Taxi. Das ist aber immernoch besser als die Fahrdienste von DRK etc., die einem wirklich den Eindruck geben, man sei krank. Ein Gutes haben die wenigen Rollifahrer aber: Ich muss mir keine Sorgen machen, ob der Rolliplatz im Bus noch frei ist. :-)

    Aber man darf nicht außer Acht lassen, dass es immer behinderte Menschen geben wird, die auch das barrierefreieste Verkehrsmittel nicht nutzen können und die auf Sonderlösungen angewiesen sind. Beispielsweise bekommen auch Menschen mit bestimmten Formen von Epilepsie eine Taxicard und auch Menschen mit Lernschwierigkeiten. Und man muss ein wenig die besondere Situation der Londoner U-Bahn betrachten: Sicherlich kann man weit mehr Stationen barrierefrei umbauen als das bislang der Fall ist. Aber ich bin sicher, dass es noch lange Stationen geben wird, die man nur für einen zweistelligen Millionenbetrag oder sogar gar nicht umgebaut bekommt. Sie liegen einfach zu tief, sind zu verwinkelt und zu eng. Es ist wohl auch ein statisches Problem in solche Stationen Fahrstuhlschächte einzuziehen. Und so lange dieses Problem besteht, brauchen die Londoner ihre Taxicard. Nichtsdestotrotz ist unterdessen jeder Bus barrierefrei. Nur Busse sind halt nicht wirklich das beste Verkehrsmittel um quer durch eine verkehrsgeplagte Millionenstadt zu fahren.