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Hilfe, die Deutschen kommen

Woran merkt man in London, dass ein verlängertes Wochenende in Deutschland vor der Tür steht? An der steigenden Zahl deutscher Touristen in Bus und Bahn. Seit heute sind sie wieder da, die Sandaletten- und Rucksackträger.

Gegenüber meinem Haus steht ein nagelneues Holiday Inn Express Hotel, in dem man zu einem, für Londoner Verhältnisse moderaten Preis, nächtigen kann. Ich begegne meinen Landsleuten also bereits morgens auf der Straße und abends wieder. Die Pfennigfuchser haben schon rausgekriegt, dass der Bus zwar länger braucht, aber günstiger ist als die U-Bahn. Das heißt, ich treffe die Damen und Herren auch im Bus. Und da kommt es schonmal zu Szenen wie dieser: Der Bus hält. Die Wochenendurlauber und ich möchten aussteigen. Der Fahrer fährt die Rampe aus. Dabei bleibt die Tür geschlossen und ein Warnton macht darauf aufmerksam, dass die Rampe ausgefahren wird.

Während die Menschen nicht-deutscher Nationalität geduldig warten, versucht der deutsche Londonbesucher durch Dauerklingeln den Busfahrer darauf aufmerksam zu machen, dass er aussteigen möchte. Jetzt. Sofort. Fruchtet diese Aktion nicht, zieht man auch schon mal gerne an der Bustür, um den Vorgang manuell zu beschleunigen. Ohne Erfolg natürlich.

Das ist der Moment, in dem ich mit möglichst wenig deutschem Akzent, aber umso posh die Herrschaften darauf hinweise, dass sie doch bitte „patient“ sein sollen, weil der Fahrer die Rampe „deploys“. Als Antwort erhalte ich dann sowas wie: „Ah, ramp. For you. I see.“ Und zur Begleitung richtet er dann den erklärenden Satz: „Wir müsse watte, wege der Frau. Wege der Ramp.“ Ich sags ja, Reisen bildet…

14 Kommentare

  1. Kirsten sagt:

    „umso posh“ – Hihi, sehr schön!

  2. Dorothea sagt:

    Solang sie dann nicht nölen, dass sie doch eigentlich mal eben fix vorher rauskönnten und jetzt extra wegen „so jemand“ „wattn“ müssen, sind sie doch in Urlaubsstimmung ;-)

    Alles eine Frage der Ausgangsbedingungen *g*

  3. Su sagt:

    Naja, wenn mans nicht weiß was dieser Warnton zu bedeuten hat und warum sich die Türe einfach nicht öffnet kann man da ja schon nervös werden… Meine ersten Male die ich in Großstädten war hatte ich auch immer Angst an der Haltestelle nicht raus zu kommen ;)

  4. Wendy sagt:

    Hallo,

    etwas unfair bist Du aber schon – oder? Was können die Touristen dafür, daß es in London mit den Bussen halt anders funktioniert als in Kleinbieselbach? Die haben sich halt ihre Haltestelle aufgeschrieben und nun befürchten sie, nicht aussteigen zu können. Daß es sich um das Signal für die Rampe handelt, können sie mangels Erfahrung nicht wissen.

    Du wußtest bei Deinem Umzug auch noch nicht alles, was und wie in London funktioniert und was eben nicht.

    Ich verstehe, daß in London vielleicht vieles besser ist als in Deutschland, vieles unkomplizierter, vieles aber eben auch nicht klappt.

    Ich sehe Dich als „Frau mit Mission“ – aber manchmal kommst Du auch ganz schön borniert rüber…. es erscheint Dir in Deutschland alles schlecht, in London (obwohl Du von so vielen Problemen berichtest) alles besser. Und nichtbehinderte Touristen sind natürlich ganz ganz proletarische Menschen. Und vielleicht ist es gar nicht Pfennigfuchserei, sondern der Wunsch „über Tage zu fahren“ und nicht unter der Erde und lieber London zu sehen, die die Leute busfahren läßt?

    Und dieses abwertende „Rucksack- und Sandalenträger“ – findest Du das ganz fair? Wie soll man sonst nen langen warmen Tag zu Fuß in einer Stadt rumlaufen?

    Wo soll Stadtplan, Reiseführer, Wasserflasche, Taschentücher und Geld hin? Hast Du schon man den ganzen Tag ne Handtasche über der Schulter getragen?
    Und sorry – je bequemer die Schuhe für nen Tag Lauferei – desto besser! Ich hab schon Reiseleitungen gemacht und die schlimmsten Gäste sind die, die mit laufuntauglichem Schuhwerk auftauchen!

    Aber wahrscheinlich bleiben besser alle zu Hause und überlassen die Welt weltgewandten Journalistinnen!

    Viele Grüße

    Wendy

  5. Christiane sagt:

    @Wendy
    Bittte bestaetige jetzt nicht das Vorurteil, die Deutschen haetten keinen Humor. :-) Man muss auch mal ueber sich selber lachen koennen. Ich bin auch Deutsche, war auch mal Touristin in dieser Stadt und trotzdem muss ich ueber meine Landsleute manchmal lachen und mache mich auch mal lustig. So what?

    Was UK vs. Deutschland betrifft: Nein, hier ist nicht alles besser. Das schreibe ich auch gar nicht. Les Dir mal meine Busgeschichten durch. Sowas ist mir in Hamburg in den vergangen 10 Jahren nicht passiert. Aber es gibt eine andere Grundeinstellung gegenueber behinderten Menschen in dieser Gesellschaft. Das macht mir den Alltag sehr viel leichter, auch wenn mal eine Rampe nicht funktioniert.

  6. syrabo sagt:

    @Wendy,

    also ich finde, der Artikel ist halt gut gewuerzt, aber noch nicht so scharf wie manche Kolumne. Und diese Wuerze sollte er auch haben. Schliesslich, das Lesen soll ja auch unterhalten und dazu gehoert auch die Emotionen des Lesers ein Stueck zu bewegen (oder auch „anzugreifen“).

    Natuerlich haben die Touris Angst und ich wuerde es sicherlich auch in der Situation so erleben. Doch stimme ich der „Spitze“ Pfennigfuchser auch zu, da es ein Klischee wiederspiegelt, was nicht so unbegruendet ist. Ob die beiden Touris dem Klischee entsprechen, sei mal dahin gestellt, aber dafuer wurden sie auch nicht persoenlich angesprochen, sondern „anonymisiert“.

  7. Wendy sagt:

    Hallo Christiane,

    tja – das Problem ist – der Beitrag war in keiner Weise subtil oder ironisch – sondern er war kritisch. Und niemand seziert den Deutschen im Ausland so erbarmungslos wie Deutsche, die im Ausland sind. Da will man nichts mit ihnen zu tun haben, tut selber so, als ob man eben nicht deutsch wäre (wie Du ja auch, indem Du sie auf englisch angesprochen hast!).

    Deutsche haben eine latente Grundverachtung sich selbst und Deutschland gegenüber. Traurig eigentlich. Erzählst Du Deinen Kollegen eigentlich auch manchmal von den guten Dingen in Deutschland? Der Tatsache, daß beispielsweise das Studium eine Familie nicht in den Ruin treibt? Daß man nicht ins Heimatland fliegen muß, um nen Termin bei nem Facharzt zu bekommen (eine Freundin hatte ein aufs doppelte angeschwollenes Gesicht mit lila Ausschlag – in London. Der früheste Termin beim Allergologen war in 6 Monaten – sie setzte sich ins Flugzeug und flog nach Deutschland…. und am Tag drauf behandelt wieder zurück)

    Ich verreise viel – und mit Begeisterung. Aber das das Gras hinterm Zaun grüner ist kann ich nicht bestätigen :-)

    Antje

  8. Christiane sagt:

    @Wendy
    Es macht irgendwie keinen Spass, Texte zu erklaeren. Deshalb lass ich das jetzt auch.

    Aber ich darf Dir versichern, ich habe hier nachwievor mit Deutschen zu tun, habe auch keinen Hass auf Deutschland und verleugne auch nicht meine Identitaet. Das geht schon wegen des Akzents gar nicht. Ich liebe es aber Leuten zuzuhoeren, die denken, es versteht sie keiner. Vor allem dann, wenn sie ueber mich reden…

    Aber ich nehme mir schon raus, die Unterschiede zu beschreiben, die es eben so gibt und auch darueber zu lachen. Die Debatte, ob Deutschland oder England besser ist, stellt sich fuer mich ueberhaupt nicht.

  9. Iolanthe sagt:

    Ich verstehe aber auch nicht ganz, was genau du jetzt am konkreten Verhalten der Touristen kritisierst. Dass der beitrag insgesamt karikiert habe ich schon verstanden. Aber trotzdem schwingt ja Kritik mit – die ich einfach in diesem Punkt nicht so nachvollziehen kann. Ich fänd es schon nett, wenn du das einfach noch Mal (vielleicht ja für blöde) erklären könntest.

    Klar, es ist sicherlich nervig, wenn die Leute da (aus „informierter sicht“) eigentlich völlig grundlos Stress machen. Aber man kann ihnen ja nun nicht zum Vorwurf machen, dass sie sich mit den britischen Bussen nicht auskennen. Ich hätte auch Panik bekommen, wenn ich in einer fremden Stadt (vielleicht noch mit unzureichenden Sprachkenntissen) scheinbar nicht aus dem Bus komme.

    Oder findest du einfach das „unenspannte Auftreten“ „typisch deutsch“? Ich selber finde das eher „typsich touristisch“.

  10. Christiane sagt:

    Was so ein Beitrag fuer einen Nachhall finden kann… Ihr interpretiert da Sachen rein. Ich habe einfach beschrieben, was mir passiert ist. Auf eine, zugegeben, laesterhafte Art. Deshalb mag ich bloggen ja so gerne, da kann man (fast alles) schreiben wie und was man will.

    Ich kritisiere die deutschen Touris? Das ist ein bisschen zu viel des Guten. Ich lache ein bisschen ueber sie und auch ein wenig ueber mich uebrigens. Das Rampensystem funktioniert uebrigens genauso wie in den meisten deutschen / europaeischen Staedten. Und die Reaktion kenne ich aus Deutschland. Da passiert das Gleiche.

    Nein, ich erwarte nicht, dass das System jeder kennt. Aber deshalb piept es ja oder eine Stimme sagt „Wheelchair ramp is opening“. Und nicht zuletzt sieht man auch, dass die Rampe ausfaehrt. Wer dann immer noch klingelt, ueber den schmunzel ich eben. Und das waren in dem Fall (und in vielen anderen) eben die Deutschen. Aber ich moechte nicht ausschliessen, dass auch Hollaender und Italiener klingeln. Die Briten aber nicht. Denen fehlt das Klingelgen. :-)

  11. Markus Ladstätter sagt:

    Danke! Der Blogeintrag war nur eine Alltagsgeschichte, die Reaktionen darüber haben mich allerdings zum schmunzeln gebracht :)

    Als Tipp für meine Vorposter: nehmt es lockerer, nicht alles im leben ist todernst. Wenn Personen an der Tür herumreissen ist das für mich nur hysterische Panikmache und sonst nichts.

  12. Iolanthe sagt:

    :) Danke für die Erklärung, mehr wollte ich gar nicht, auch wenn ich anscheinend immer noch anderer Meinung bin. Da unterschiedliche Wahrnehmungen und Meinungen Blogs und auch das Leben aber erst interessant machen, ist das ja nicht weiter schlimm ;)

    @Markus:
    Ich hatte jetzt gerade eine längere Antwort geschrieben, die ist jetzt aber weg, und ich habe nicht den Nerv, mich erneut daran zu setzen. Ich versichere dir aber, dass ich, wie schon geschrieben, die Ironie des Eintrags durchaus erkannt habe. Das ändert aber nichts an meiner Wahrnehmung des Geschriebenen, bestätigt sie vielmehr.

  13. Marion sagt:

    Also ich habe schwer gelacht ;-) Wunderbarer Beitrag! Ich kenne das System aus New York (piepsend ausfahrende Rampe), allerdings ist der Vorgang dort so klar erkennbar, dass er gar keine Fragen aufwirft. Der Fahrer geht dann zur hinteren Tür, um die Rampe zu starten. Es ist also dort nicht so, dass man annehmen könnte, man käme an der Haltestelle nicht heraus.

    Grundsätzlich setzt bei mir auch immer der Vorgang des Fremdschämens ein, wenn ich meine Landsleute auf Städtereisen mit Trekking-Rucksack, Sandalen und Schlabberklamotten sehe. Hey, man ist in Paris, London, New York usw. und nicht auf einer Bergwanderung ;-)

  14. paaddiiiii sagt:

    huhu!!

    Okay… wenn jetzz in England sowas passiert is .. biddE! iCH versteh auch dass man auf Reisen einen Rucksack und gemuetliche Schuhe mitnimmt!
    Aber:
    Wenn Leute z.b in Kiel wohnen und shoppen gehen..da finde ich typisch deutsch die haesslichen rucksaecke und sandalen!! zum kotzen.. sry.. aba wenn man 2 std. inna stadt rumlauft dann muss man ja wohl nicht mit nem fetten Trecking-Rucksack ankommen oder???

    paddiii